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Tocqueville und das Kopftuch

Alexis de Tocqueville, 1850 Porträt von Théodore Chassériau Lizenz: Gemeinfrei

Aladin El-Mafaalani ist es zu verdanken, dass das von Alexis de Tocqueville nach seiner Reise durch die USA aufgestellte und nach ihm benannte Paradoxon sich wieder großer Beliebtheit erfreut. In seinem 1835 veröffentlichtem Buch Über die Demokratie in Amerika stelle der französische Politiker damals fest: „Je geringer die sozialen Ungleichheiten, desto sensibler wird das Volk für verbleibende Ungerechtigkeiten.“  El-Mafaalani formulierte dieses Paradoxon neu, wandte es auf die Einwanderungsgesellschaft an und benannte danach sein 2018 erschienenes Buch Das Integrationsparadox: „Dort, wo Diskriminierung bekämpft wird und die Chancen von benachteiligten Gruppen sich bessern, wird am intensivsten über Diskriminierung diskutiert.“

Nachdem gestern das Bundesarbeitsgericht entschieden hat, dass das Kopftuchverbot an Berliner Schulen im Widerspruch zur Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts steht und damit einen wesentlichen Bestandteil des dortigen Neutralitätsgesetz kippte, werden wir eine weitere Variante des Paradoxons kennen lernen: „Religiöse Fundamentalisten werden ihre Positionen umso heftiger durchsetzen und sich über  Diskriminierung beklagen, umso mehr die Gesellschaft ihnen nachgibt.“ Wer glaubt, dieses Urteil befriedet die Gesellschaft irrt. Es befeuert den Konflikt, weitere Forderungen werden folgen. Diejenigen, deren Ideologie überall, wo sie in Gesellschaften bestimmend ist, zu massiven Diskriminierungen anderer führt, werden unter dem Banner der Antidiskriminierungspolitik ihren Einfluss und ihre Präsenz in der Gesellschaft weiter ausbauen, denn ihre totalitäre Agenda lässt es nicht zu, sich mit einem Etappensiegen zufriedengeben.

Mit der Aufklärung setzte das Zurückdrängen der Religion aus der Gesellschaft ein. Die Religionen wurden dabei nicht vernichtet, aber sie wurden domestiziert. Erst das ermöglichte die Entwicklung immer offenerer Gesellschaften, die Durchsetzung der Vorstellung, dass der Mensch ein Individuum ist, dass frei wird, wenn es, nach Kant, den Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Dies war und ist der Gegenentwurf zu den abstrusen Gedankengebäuden der alten Protoideologien, denn nichts anderes sind Religionen: Ideologien aus der Zeit vor der Aufklärung.

Ja, es stimmt. Als nur die Putzfrauen Kopftuch trugen, hat das niemanden interessiert. Aber es hat sich auch niemand darüber aufgeregt, als nur Rocker mit einfachen Jobs auf ihren Unterarmen die Logos ihrer Gangs trugen. Lehrer, Staatsanwälte, das sind auch Role Models. Einen Staatsanwalt mit dem Tattoo des Namens einer Rockerbande möchte ich so wenig im Gericht sehen wie eine Lehrerin mit Kopftuch in der Schule. Ist jeder Rocker ein Krimineller? Nein, natürlich nicht. Er ist es so wenig, wie jede Frau, die ein Kopftuch trägt, eine Islamistin ist. Aber in beiden Fällen muss es stören, dass von Repräsentanten des Staates Zeichen von Organisationen, vielleicht besser Rackets, getragen werden, die erklärte Feinde von Rechtsstaat und offener Gesellschaft sind.

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2 Kommentare zu “Tocqueville und das Kopftuch

  • #1
    paule t.

    Ooookay … muslimische Frauen, die Kopftuch tragen, tun das in der Regel als religiöses Symbol und als Zeichen der Zugehörigkeit zum Islam – nicht mehr, nicht weniger. Welche Richtung des Islam sie damit meinen – dazu kann man aus dem Kopftuch selbst genau nichts schließen.

    Nach Meinung von Herrn Laurin aber tragen sie damit "Zeichen von Organisationen, vielleicht besser Rackets, getragen werden, die erklärte Feinde von Rechtsstaat und offener Gesellschaft sind".

    D.h.: Der Islam schlechthin ist nach Darstellung Laurins ein "erklärte[r] Feind[…] von Rechtsstaat und offener Gesellschaft", wird also zum Feind unserer Gesellschaft erklärt. Das ist von Volksverhetzung mMn nicht so arg weit entfernt.

  • #2
    Siegfried

    @paule: Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Eine der wesentlichen Säulen unserer Demokratie ist die Trennung von Kirche und Staat. Nur damit ist ein Zusammeleben von Menschen verschiedenster Religionszugehörigkeiten machbar. Genau diese Trennung wird vom offiziellen Islam aber abgelehnt. Dass auf der anderen Seite die meisten Muslime daran wenig Interesse haben und diese Forderung des Islam hintenanstellen, zeigt in der Praxis, dass der islam (zumindest diese Art des Islam) sehr wohl integrierbar ist. Was bleibt, ist der nicht integrierbare offizielle Islam.
    Im Christentum ist das übrigens, oberflächlich betrachtet, ähnlich. Dort wird ebenfalls Gott als Alleinherrscher der Vorzug gegeben. Der Unterschied liegt darin, dass im Christentum nur Gott persönlich diese Herrschaft übernehmen kann, nicht der Klerus.

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