Trost nach Weihnachten

Großen Kummer hat Bernd Wolharn immer gehört, schließlich ist das sein Job. Aber in diesem Jahr hat sich seine Seelsorge noch einmal gesteigert: Wolharn ist Pastor in Bochum, seine Pfarrei Liebfrauenstraße umfasst die Stadtteile mit den beiden Opelwerken. „Viele Berufstätige sorgen sich um ihren Job“, so der bärtige 43-Jährige. Aber die ständigen Schwankungen bei Opel seien besonders brutal. „Dieses andauernde Kräftezehren, dieses Zittern, das geht den Menschen an die Substanz“, so Wolharn.

Tatsächlich haben die 6000 Bochumer Opelaner und rund zwanzigtausend Beschäftigte in Rüsselsheim, Eisenach und Kaiserslautern in diesem Jahr ein Wechselbad der Gefühle hinter sich. Zu Jahresbeginn drohte der Mutterkonzern General Motors pleite zu gehen, dann folgten zähe Kauf-Verhandlungen mit Konzernen wie Magna. Dann plötzlich, am 3. November, bläst GM nach monatelangem Poker den Verkauf des Autobauers an Magna plötzlich ab. Wieder ist unsicher, wie viele Jobs der Krise zum Opfer fallen. Zuletzt hieß es, in Deutschland sollen rund 4700 Stellen wegfallen. Zu Höchstzeiten haben dort mal 30 000 Menschen gearbeitet.

„Viele finden es gespenstisch, wie die Maschinen überall die Menschen ersetzt haben“, erzählt Wolharn. Er selbst hat schon im Studium ab 1994 die Sommerferien bei Opel verbracht. Das war eine Idee des Ruhrbischofs, der seine Geistlichen gerne mit der Arbeiterschicht im Revier vertraut machen wollte. Und so montierte der Theologiestudent in der Julihitze Bremskaftverstärker am Fließband, auch die Schmutzfänger oberhalb der Reifen wurden von ihm acht Wochen lang per Hand montiert. „Nach so einem Tag war ich total fertig und dankbar für den Feierabend“, sagt der Geistliche.

Aber die damalige Schufterei hilft ihm heute noch: Wenn er den Opelanern von seiner Erfahrung erzählt, „stehen mir die Türen weit offen.“ Schließlich sind die Autobauer nicht die typischen Kirchgänger. Gerade die Bochumer sind bekannt für ihre linken und linksradikalen Betriebsgruppen, Kommunisten und Marxisten sind hier mächtig. Aber wenn sie Trost brauchen, ist auch Wolharn willkommen. Sie kommen in sein Büro und Wolharn selbst hat mehrfach das Werk besucht und sich mit Betriebsräten und Leitenden zusammen gesetzt. Selbst die Bochumer, die mit Opel nichts zu tun haben, sorgen sich um das Werk in der Heimatstadt. Es ist nach der Ruhr-Universität der größte Arbeitgeber in der 400 000 Einwohner starken Stadt. „Neben dem VFL Bochum und dem Fiege Bier ist es ein großer Identifikationspunkt.“ Die Menschen seien solidarisch und nach jedem Rückschlag für das Werk sei die Gemeinde in Aufruhr. „Es ist ein endloser Kampf.“ Häufig müsse er versuchen, die Mutlosen oder Depressiven wieder aufzurichten.

Kurz vor Weihnachten wurden alle Opelaner wieder vertröstet. Eigentlich sollte der Sanierungsplan nämlich schon bis Jahresende vorliegen, nun will sich das Management in Detroit bis Januar oder sogar Februar Zeit nehmen. Und die Prognosen für die Autobranche insgesamt ist verheerend: Die Zahl verkaufter Neuwagen werde nach Auslaufen der Abwrackprämie voraussichtlich um mehr als ein Viertel auf insgesamt 2,84 Millionen einbrechen, besagte kürzlich eine Studie der Uni Duisburg-Essen. Trotzdem findet Wolharn das Warten besser als einen „schnellen Schnitt.“ Den hat er nämlich schon einmal in Bochum erlebt, als das Nokia-Werk mit 2300 Beschäftigten von einem Tag auf den anderen dicht machte. Alle Proteste waren vergebens. „Die Klarheit war größer, aber das Ausmaß war verheerend“, sagt er. Bis heute seien ja 1000 Menschen arbeitslos. „Das erschüttert eine Stadt.“

Wolharn ist zwar Geistlicher, hält sich mit religiösen Ratschlägen oder spirituellen Vorträgen aber zurück. So passt der gebürtige Gelsenkirchener sicherlich besser zum rauen Ruhrgebiet als viele seiner Kirchkollegen. Er fährt einen Opel-Astra, in seinem Gemeindebüro sind die Stühle pink und das Kreuz an der Wand knallrot. Im Sommer verlässt er die Industrieregion und macht Seelsorge auf der Nordsee-Insel Texel. In einem Wohnwagen auf dem größten Campingplatz können die Urlauber sich an ihn wenden. „Das Schöne ist: Dort weiß ich nie, ob der Mann in Badeshorts normalerweise einen Anzug trägt oder einen Blaumann oder gar keine Arbeit hat“, so Wolharn. Und dann stellt er immer wieder fest: „Im Grunde haben alle Menschen ähnliche Probleme.“ Immer sorgten sie sich um eine gute Ausbildung für die Kinder, um Gesundheit. die Zukunft ihres Arbeitsplatzes oder ihre Liebesbeziehung. Eine besondere Bürde haben die Opelaner dennoch: „Ihre Jobsorgen scheinen kein Ende zu nehmen.“

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