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Über das Verschwinden von Kultur nicht nur im Geld- und Warenkrieg

Das Phänomen der „Gleichschaltung“ hat viele Gesichter. Was man aus Jan-Pieter Barbians Analysen zur „Literaturpolitik im NS-Staat“ heute lernen könnte.

Inter arma silent musae. Im Waffenlärm schweigen die Musen, verstummen die Künste. Und was schon Römer und Griechen wussten, scheint sich gegenwärtig unter den Bedingungen eines aggressiven Casino-Kapitalismus und seiner Geld- und Warenkriege immer neu zu bestätigen – global, national, regional, lokal.
Was zur Zeit im Ruhrgebiet auf kommunaler/regionaler Ebene an Kürzungen im Kultur- und Kunstbereich en gros und en détail bereits durchgeführt wurde oder in Vorbereitung/Planung ist, das ergäbe wohl eine eigene kleine Broschüre unter dem Titel „Kultur? Alles muss raus!“ und spottet doch jeder Beschreibung. Oft nur lokal diskutiert und regional unbemerkt wird sie scheibchenweise abgetragen, die kulturelle Infrastruktur längs der Ruhr.
Und zweifellos steht dies in einem engen globalen Zusammenhang mit asozialen Spekulations-Geschäften, Finanz-„Blasen“, Rekordgewinnen und „Bankenschirm“, deren groteske Kehrseite unübersehbar eine Aushöhlung staatlicher Haushalte auf allen Ebenen ist

Leere Kassen – hohle Köpfe?
Kulturpolitik ist angesichts der allgegenwärtigen Denkverbote rund um die „leeren Kassen“ an ihrem Ende angekommen und hat ganz versagt, wenn sie sich nicht selbst endlich neu alphabetisiert/politisiert und ihre neoliberalen Rahmenbedingungen reflektiert. Kulturabbau, Mängelverwaltung, Krisenmanagement bei gleichzeitiger Förderung der Event-Kultur, des internationalen Kunst-und-Kultur-Highlight-Wanderzirkus’ sind jedenfalls nichts weiter als ideenlos. Kulturpolitik muss begreifen, dass globalen ökonomischen Prozessen endlich globale Bewegungen für soziale Gerechtigkeit, Freiheit und kulturelle Selbstbehauptung entsprechen müssen. Diese Bewegungen können auch über Kulturpolitik (nicht nur die der öffentlichen Hand) initiiert werden und man kann damit regional beginnen.

Geräuschlos kürzen – Kultur abwickeln
Dass solche Zusammenhänge auch im Ruhrgebiet lange bekannt sind, dass auch Kulturpolitiker hierzulande genau wissen, dass sie längst nicht mehr Kultur ermöglichen, sondern abwickeln sollen, bewiesen einst schon Äußerungen von Bochums Ex-Kulturdezernentin, Ute Canaris, die sie allerdings erst machte als ihre Kündigung feststand:
Ute Canaris, Theater heute, 8/9, 98:
„Ich bin mir immer vorgekommen wie der Belag auf einem Sandwich. Von beiden Seiten patschen sie auf einen ein. Die eine Sandwich-Seite ist die Politik, die sagt, du mußt für uns geräuschlos, weich die Kürzungen und andere unangenehme Dinge durchsetzen.“
Canaris damals weiter: „Wir sind an einem Punkt, wo ich mir vorstellen kann, daß es zu Entscheidungen in der Politik kommt, sich von Kultureinrichtungen zu trennen. (…) ich glaube nicht, daß sich an den knappen Kassen in den nächsten 10/15 Jahren fundamental etwas ändert.“

Primat der Ökonomie oder Ökonomie der Primaten?
Die Alternative wäre, heute wie damals, mit den Analysen Pierre Bourdieus zu antworten und das Primat der Ökonomie vor der Politik immer wieder zu befragen. Aber so viel Sachverstand und kritische Reflexion über die Zusammenhänge von Wirtschaft und (Kultur-)Politik ist unter den Kulturpolitikern des Ruhrgebietes nicht mehr zu finden. Bourdieu dagegen schrieb in „Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion“ wider die Lobby-Ökonomen auch als Kulturpharisäer: „Dieser Staatsadel, der den Rückzug des Staates und die ungeteilte Herrschaft des Marktes und des Konsumenten – dieses kommerziellen Bürger-Substituts – predigt, hat den Staat an sich gerissen, er hat aus dem öffentlichen Gut ein privates Gut gemacht und aus der öffentlichen Angelegenheit, der Republik, seine eigene Angelegenheit. Das, um was es heute geht, ist die Rückeroberung der Demokratie und ihr Sieg über die Technokratie. (Gegenfeuer, S. 35)

Abschalten, umschalten, ausschalten – „gleichschalten“?
Doch „gleichschalten“ als ausschalten, abschalten, umschalten – das gelingt nicht nur gegenwärtig und nicht allein dem großen Geld. Jede Gesellschaft, jede Zeit kennt andere Variationen, Formen und Intensitäten des Gleichschaltens. An vielen historischen Phänomenen wäre zu demonstrieren, wie vielfältig und unterschiedlich versucht wird, Denken und Sprache, Markt und Gesellschaft, Lebenspraxis und Träume zu kontrollieren.
Nicht zuletzt allerdings an der Kulturpolitik des NS-Staates.

Die Kunst aber ist zur Zeit weder absolut noch relativ erforderlich“
„Zu einer Zeit, als sich über dem kulturellen Leben in Deutschland der Vorhang senkte, gingen allein in der staatlichen Schrifttumsbürokratie noch mehr als 100 Angestellte ihren behördlichen Pflichten nach, führten die Dienststelle Rosenberg und die Prüfungskommission Bouhlers über die Partei-Kanzlei der NSDAP einen zähen Kampf um Kompetenzen und Mitarbeiterzahlen. Den ‚Kulturschaffenden’ hingegen wurde vom Leiter der Abteilung ‚Organisation’ in der Hauptgeschäftsführung der Reichskulturkammer im Oktober 1944 lapidar mitgeteilt: ‚ Die Kunst aber ist zur Zeit weder absolut noch relativ erforderlich. Im augenblicklichen Stand des Krieges gibt es deshalb für den deutschen Künstler keine andere Verpflichtung, als unmittelbar mitzuwirken an der Erreichung des Endsieges, und zwar als Soldat oder aber als Helfer für die Wehrhaftmachung, für die Wehrhafthaltung unseres Reiches’.“
Diese Sätze zitierte gestern Dr. Jan-Pieter Barbian, der Leiter der Duisburger Stadtbibliothek, in seinem Vortrag „Gleichschaltung  – ein gescheitertes Experiment. Zur Bedeutung des Buches für die NS-Mediendiktatur“ an der Katholischen Akademie ‚Die Wolfsburg’ in Mülheim.
Neben den vielen Aspekten der von Barbian erläuterten Gleichschaltungsversuche durch die Nationalsozialisten diskutierte er mit dem Publikum des Abends auch Fragen wie diese:
Wie konnten die Nazis nach der „Machtergreifung“ (eine Vokabel der Sprache des Dritten Reiches wie auch „Überfremdung“), wie konnten die Nazis so rigoros und in vieler Hinsicht erfolgreich die Etablierung ihrer Organisationsstrukturen, ihrer kulturpolitischen Leitvorstellungen, ihre Zensur sowie die Steuerung aller Felder des Literaturbetriebs durchsetzen?

Wohl auch deshalb, weil der etwa von Joachim Fest vorgetragene Mythos, das (Bildungs-)Bürgertum sei weitgehend resistent gewesen gegen die Ideologie des NS-Staates, kaum der historischen Wahrheit entsprechen dürfte

„Selbstnazifizierung“
Das Bürgertum hat den Nazis in vielerlei Hinsicht zugearbeitet, Barbian sprach in diesem Zusammenhang auch von einer „Selbstnazifizierung der Gebildeten“ und der „Emotionalisierung der Gebildeten beim ‚Aufbruch’“, die auch aus einer tief verwurzelten Abneigung gegen die (literarische) Moderne herrührten.
Die Bücherverbrennungen 1933 z.B. wurden eben nicht – wie oft unterstellt – von Goebbels initiiert, sondern von der Deutschen Studentenschaft, durchaus auch in einer Allianz aus jungen und älteren Akademikern.
Der Nationalsozialismus war in die Sphäre der Bildungsbürger „nicht als fremde Macht“ eingebrochen, vielmehr arbeitete ihm „das Gros des Bildungsbürgertums (…) mit seinen Wünschen nach Reinigung der deutschen Kunst und nach einer autoritären politischen Ordnung entgegen“.
Dass sich dies auch organisatorisch vollzog, dass sich Schriftstellerverbände, Bibliothekare, Verleger manchmal in vorauseilendem Gehorsam, manchmal eingeschüchtert, den Nazi-Doktrin, vor allem auch jener der geplanten totalen „Entjudung“, unterwarfen, konnte Barbian über viele Einzelbeispiele, Dokumente und Biografien erhellen.
Etwa am „Reichsverband deutscher Schriftsteller“ (RDS): Den Nazis, die sich selbst als „Regierung der nationalen Erhebung“ verstanden, gelang es, in relativ kurzer Zeit, den RDS zu einer „Zwangsorganisation auszubauen, deren Mitgliedschaft in Zukunft entscheidend dafür sein wird, ob ein Schriftwerk in Deutschland verlegt werden kann oder nicht“. Eine der Funktionen, die später und vor allem dann die Reichsschrifttumskammer übernahm.

„Ein System kennt keine Ferien“ (Jean Paul)
Natürlich darf man keine kürzschlüssigen Vergleiche ziehen zwischen den Gleichschaltungsstrategien der NSDAP und ihres NS-Staates und der deutschen Gegenwartsgesellschaft. Aber zumindest lernen könnte man aus der Analyse des NS-Staates und ihrer Herrschaftstechniken. Und dann aufmerksam auf die Sprach und Denkmuster, die manipulierte veröffentlichte Meinung von heute schauen.
Man könnte lernen, wie das funktionierte und auch heute noch funktioniert: das Wachsen von Kunst- und Kulturverachtung, von Intellektuellenfeindlichkeit, die Manipulation von Menschen über Sprache und Bilder, die Selbstzensur als ganz eigene „Schere im Kopf“.
Der NS-Staat jedenfalls überließ all dies nicht dem Zufall. Goebbels hat früh davon geträumt, „die Masse (zu) meistern“.

„Das Geheimnis der Propaganda“: „Die Masse meistern“ über „geistige Vereinheitlichung“
Dazu etwas O-Ton des gescheiterten Schriftstellers und promovierten Germanisten Goebbels, geboren in Rheydt (heute Mönchengladbach):
„Das ist das Geheimnis der Propaganda: den, den die Propaganda fassen will, ganz mit den Ideen der Propaganda zu durchtränken, ohne daß er überhaupt merkt, daß er durchtränkt wird. … Wenn die anderen Armeen organisieren und Heere aufstellen, dann wollen wir das Heer der öffentlichen Meinung mobilisieren, das Heer der geistigen Vereinheitlichung, dann sind wir wirklich die Weichensteller der Zeit.“
Die „Kunst der Propaganda“ sei es, so Goebbels weiter, „sich jeweilig auf den neuen Zustand einzustellen und keine Volksführung vom grünen Tisch aus zu betreiben. Die Propaganda ist kein Dogma, sondern eine Kunst der Elastizität.“

Und warum ist das wichtig?
Weil, so Goebbels, „ … der Nationalsozialismus als Träger der Revolution (…) planmäßig alle Kreise des Geistes, der Wissenschaft und Kunst an sich heranzuziehen bestrebt sei, um sie in ein unmittelbares, nicht mehr zu lösendes Verhältnis zum Staat zu bringen“.

Warum nur, wenn man bestimmte Vokabeln austauschte, kommt einem das so verdammt bekannt vor? Aber auch das ist ja schon gesagt: “Wer aus der Geschichte nichts lernt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.”

Pierre Bourdieu: Gegenfeuer. Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion. UVK Universitätsverlag Konstanz GmbH, Konstanz 1998
Jan-Pieter Barbian: Literaturpolitik im NS-Staat. Von der „Gleichschaltung“ bis zum Ruin. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M. 2010

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22 Kommentare zu “Über das Verschwinden von Kultur nicht nur im Geld- und Warenkrieg

  • #1
    gunwalt

    Vielen Dank für den Artikel. Auch wenn ich mich mit den Blicken und Vergleichen in die Vergangenheit immer etwas schwer tue, systemisch ist es natürlich richtig und folgt gleichen Gesetzmäßigkeiten.

    Heisst für für mich als Kulturmensch, das ich Dinge in Eigenregie mache oder das ich es zumindestens versuche, vgl. mein Buch über die Ruhr 2010 „Hömma Kunst“ (www.gunwalt.de/blog/2010/12/hoemma-kunst/). Gerade habe ich ein weiteres Projekt mit dem Titel „Stadtlandschaft 903“ (www.Stadtlandschaft903.de) gestartet. Vielleicht ist der Ansatz Crowdfunding angesichts des „Primat der Ökonomie“ ein zeitgemässer Ansatz, der noch zu wenig beachtet wird. Man wird sehen.

    Problematisch wird es natürlich wenn ich über mich als Künstler hinweggschaue und auf große Kultuinstituationen schaue. Da ist wahrscheinlich dieser Ansatz zum Scheitern verurteilt, denn hier heisst das Zauberwort auch Planungssicherheit, womit wir wieder beim „Primat der Ökonomie“ sind. Aber war nicht auch klar, das nach der Grelle der Kulturhauptstadt es wieder dunkel wird … und damit bin ich im Artikel und Buch.

  • #2
    Gerd Herholz

    Ja, vor vorschnellen Analogien kann nur gewarnt werden. Das Grundthema des Artikels ist deshalb letztlich auch: „Die Masse meistern“ durch „geistige Vereinheitlichung“.
    Und genau das geschah/geschieht historisch/aktuell auf vielerlei Weisen, wobei Ähnlichkeiten in den Herrschaftstechniken aber nicht nur zufällig sind. Die DDR hat anders vereinheitlicht als der NS-Staat, den Barbian durchaus auch schon als „Mediendiktatur“ bezeichnet.
    Und Postmans „Wir amüsieren uns zu Tode“ wiederum zeigt die Effekte geistiger Verwahrlosung erzeugt von der Unterhaltungsindustrie. Im Zeitalter von Internet und allgegenwärtiger Medienpräsenz geschieht „geistige Vereinheitlichung“ dann auf der Medienproduzenten/-konsumenten-Ebene, aber vor allem auch im Hintergrund über (systematisch ideologisch arbeitende) Think tanks usw. usw.

    Ihre Bemerkungen zum Crowdfunding sind sehr aufschlussreich. Als Literaturförderer bin ich gewungenermaßen auch immer als Bettelmönch für Literatur unterwegs und das klappt auch durchaus, dann und wann wirft man mir etwas Reis in die Schale, doch Planungssicherheit gibt es nie, richtig.
    Ein sozusagen professionelles Fundraising (inkl. Konzepte/Ideen zum Crowdfunding) hätte noch eine andere Dimensionen und ist schwer zu leisten neben der Alltagsarbeit der Projekte, kulturpolitischen Interventionen usw.
    Das Irre ist da, dass sich gerade die reichen Institutionen die Fundraiser leisten können, die die kleinen engagierten Inititativen dringend benötigten.
    Da bin ich für jeden Tipp dankbar. Gibt’s aus dem Bereich eigentlich noch kluge Menschen, die aus kulturellem Engagement auch mal kostenfrei coachen oder hängt immer gleich das ganze Berater-Business dran?

  • #3
    allemachtdendrähten

    Kultur gerade im Ruhrgebiet, heißt bei den etablierten Parteien in Gelsenkirchen, zuallererst die Erhaltung und Subventionierung der Kulturtempel in jeweils der eigenen Stadt. Das gilt es zuallererst aufzubrechen und auch heilige Kühe zu schlachten. Allerdings als wir in Gelsenkirchen beim diesjährigen Haushalt den Antrag stellten, zumindest eine Kuh zu schlachten und von den 16 Millionen Zuschuss für das MIR, 8% abzuknapsen und damit die freie Kultur in Gelsenkirchen zu unterstützen, gab es von SPD, CDU,Grünen,AUF(MLPD)und FDP nur Hohn und Spott. Mit den aberwitzigsten Begründungen wurde der Antrag abgeschmettert und somit festgeschrieben, das der Fraktionsvorsitzende der Gelsenkirchener SPD oder CDU oder , wenn er denn mal ins Theater geht, seine Karte, die er sicherlich selbst bezahlen könnte, nun auch in diesem Jahr mit ca. 200 Euro subventioniert bekommt. Freie Initiativen, Kulturvereine und Einzelpersonen bekommen auf Antrag einen Zuschuss zu ihrem jährlichen Etat in Höhe von 530 Euro. Damit lässt sich sicherlich viel Kultur in Gelsenkirchen machen.

  • #4
    Mir

    Zum Blick in die Vergangenheit: Es ist die deutsche Nachkriegsgesellschaft mit einschließlich ihrer kulturellen Institutionen zu verdanken das heute Fakt ist: Bis 2015 müssen Nutzungsrechte und das Urheberrecht von Goebels beachtet werden. Das heißt wer etwas von diesem Mensch veröffentlichen will (Gedichte, Aufzeichnungen) muß Geld an die Rechteinhaber bezahlen. Und was ist mit der Autorin Anne Frank? Was für eine verrückte Kulturgesellschaft.

  • #5
    Helmut Junge

    @Gerd Herholz,

    Nicht nur die Nazis, auch andere Diktaturen haben das Wissen reglementiert.
    zum Beispiel China: „Bis auf zehn, von Jiang Qing persönlich ausgelesenen Opern, wurde die Aufführung von Opern im ganzen Land verboten“ (Wikipedia)
    Denk mal an das Mittelalter! Da war fast alles vom Denkverbot betroffen.
    Aber:
    Jede Einschränkung hat ihre eigene Bedingungen!
    Wenn hier der Markt entscheidet, was sich gut verkaufen läßt, dann macht diese Regel mit der Kultur keine Ausnahme. Ich sehe da keinen gezielten Willen, wie er bei den Nazis als treibende Kraft deutlich sichtbar war.
    Hier, bei uns, in unserer Zeit, wird selbst bei staatlich finanzierten Medien gefragt, ob ein Bericht, eine Sendung, auch von möglichst vielen Leuten gesehen wird.
    Das ist der Punkt.
    Dadurch verblöden alle, die sich nicht diesem Einheitsbrei verweigern.
    Wer sich erst einmal an 2-Sekunden Bildschnitte gewöhnt hat, dem sind längere Szenen dann zu schwierig. Loriot hat aufgehört, als von ihm verlangt wurde, seine Sketche kürzer zu fassen. Sein Witz kommt aber in kurzen Szenen nicht zur Geltung.
    Weil keine große Wählerschichten betroffen reagieren, glauben Politiker, natürlich ungestraft, an der Kultur sparen zu können. Das sollten sie aber nicht denken dürfen.
    Sich dagegen zur Wehr zu setzen, ist absolut notwendig, weil dieser Trend zur Monokultur, der schon bei der Landwirtschaft gefährlich ist, bei der Kultur noch verheerendere Auswirkungen hat. Das muß man laut und heftig diskutieren.
    Aber doch nicht mit einem Vergleich mit den Nazis.
    Das marktwirtschaftliche Denken darf nicht in die Kultur hineinspielen!
    Da muß man gezielt drauf reagieren.
    Und noch eins:
    Wenn es viele andere historische Bezugsmöglichkeiten gibt, ist ein Bezug nur auf die Nazis selbst eine Form von kultureller Verarmung.

  • #6
    Arnold Voß

    Das schwierige an dieser Diskussion ist doch, dass z.B. die Nazis ihre rigorose Kultur bzw. Antikulturpolitik nur über die Eroberung des Staatsapparates durchsetzen konnten. Diktatur und Staat haben so eine Einheit gebildet, die in der Lage war viel größeren Druck auf die Kulturschaffenden auszuüben als es die Privatwirtschaft bzw. der Markt je könnte.

    Das gleich kann jedoch, wenn auch nicht in der Rigorosität und Gewalttätigkeit einer Diktatur, auch passieren wenn eine Partei über lange Zeite per demokratischer Wahl die absolute Mehrheit erhält, wie z.B. in bestimmten Regionen und Ländern des Nachkriegsdeutschland. Siehe Bayern oder das Ruhrgebiet. Auch dann haben in diesen politischen Machtbereichen bestimmte Kulturschaffende strukturell keine Chance auf Förderung.

    Staatliche Kulturpolitik ist also einerseit Unabhängigkeitsgarant, in dem sie Kulturschaffende nicht den Gesetzten des Marktes ausssetzt, andererseits kann sie aber auch das Gegenteil sein, wenn die Politik sich rigoros ihrer bemächtigt und nur ihr eigenes Klientel bzw. die Kulturschaffenden fördert, die in ihr Werte-Programm passen.

    Konkret heißt das, dass sowohl private als auch öffentliche Förderung jeweils Abhängigkeit oder auch Unabhängigkeit bedeuten können. Mir scheint die Art der Förderung also entscheidender als die Frage ob sie öffentlicher oder privater Natur ist. Wobei natürlich bestimmte kulturelle Institutionen mit regelmäßigen und hohem Geldbedarf ihre unabdingbare Planungssicherheit eher durch den Staat als durch private gewährleistet bekommen.

  • #7
    Gerd Herholz

    #5 Helmut Junge

    „…nicht mit einem Vergleich mit den Nazis…“:
    Wenn ein Vergleich Gegenwart-Nazis kurzschlüssig wäre, könntest du richtig liegen.
    Aber ein Vergleich ist eben noch lange kein Ineinssetzen oder Verwechseln gegenwärtiger Tendenzen zur „geistigen Vereinheitlichung“ mit der „Mediendiktatur.
    Gunwalt spricht ganz oben von einer „systemischen“ Betrachtungsweise – und genau das versuche ich ansatzweise: auf Strukturanalogien in Hinsicht auf Sprach- und Denkmustern (bei aller Differenz) hinzuweisen. Ist ja nur ein kurzer Beitrag.
    (www.teamdynamik.net: Von einer „systemischen“ Betrachtungs­weise sprechen wir dann, wenn wir die Dinge als System betrachten, wenn wir also einzelne Teile im Zusammenhang mit dem größeren Ganzen sehen, dem sie angehören, und die Ursachen für Probleme nicht bei den Teilen, sondern im Zustand des Systems sehen.)

    Du schreibst:
    „Wenn es viele andere historische Bezugsmöglichkeiten gibt, ist ein Bezug nur auf die Nazis selbst eine Form von kultureller Verarmung.“

    Ich spreche doch oben im Beitrag selbst andere historische ‚Vereinheitlicher‘ an – Vollständigkeit konnte und wollte ich in dem kleinen Beitrag nicht leisten.

    Zudem: Jeder Bezug auf den Nationalsozialismus ist natürlich das Gegenteil von Verarmung – nämlich Bereicherung.
    Weil das halt unsere Geschichte ist, die in vielerlei Form über Nachkriegsgesellschaft, persönliche Kontinuitäten, Machtstrukturen, Sprache bis heute bei uns nachwirkt.
    Der Bezug hat natürlich der Komplexität des Gegenstands gerecht zu werden, darüber kann man diskutieren.
    Hierzulande gibt es mittlerweile einen bedenklichen Abwehraffekt gegen die Beschäftigung mit dem historischen Nationalsozialismus und seinen Folgen bis heute. Stichworte wie „hilfloser Antifaschismus“, „Rückkehr zur Normalität“ , „endlich ruhen lassen“ mögen da genügen.
    Dazu kommt eine vermeintliche ‚Ermüdung‘ hinsichtlich des Themas besonders bei Schülern, die bis zum Abi dreimal ins Thema müssen (über den Literaturunterricht dann vielleicht noch zusätzlich). Das alles unter den lähmenden Bedingungen von Notengebung und Verschulung, die in der Regel die Beschäftigung mit den Inhalten verleiden.
    Dagegen wäre die Frage zu stellen: Wie kann man mehr über das Thema Nationalsozialismus, seine Gewalt, Strukturen, seine Voraussetzungen und Folgen, erfahren, ohne in den Strudel einer Leitplankendidaktik oder inszenierten ‚Solidarität der Aufrechten‘ zu geraten, die alles zum ‚Unterrichtsstoff‘ oder Bühnenevent schreddert?
    Das gilt natürlich für die dritte, vierte Nachkriegsgeneration junger Deutscher besonders, die keine Schuld mehr tragen, aber hoffentlich weiter Bewusstsein entwickeln von einem verantwortlichen Umgang mit eigener Geschichte.

  • #8
    Gerd Herholz

    #6 Arnold Voß

    Alles richtig, was du sagst.
    Nur in einem Punkt würde ich gern deutlich die Differenz betonen.

    Du schreibst: „Diktatur und Staat haben so eine Einheit gebildet, die in der Lage war viel größeren Druck auf die Kulturschaffenden auszuüben als es die Privatwirtschaft bzw. der Markt je könnte.“

    Dass die NSDAP und der NS-Staat (trotz konkurrierender Bürokratien, Korruption und vieler persönlicher Widersprüche/Feindschaften usw. – so Barbian im Vortrag/Buch) viel größeren Druck ausübten als heute Lobby-Gruppen aus Wirtschaft und Politik, könnte stimmen, könnte. Jedenfalls war der Druck direkter und sichtbarer – soweit nicht auch da verordnete Geheimhaltung im Spiel war wie bei den Schwarzen Listen ünerwünschter Literatur für das Bibliotheks- und Verlagswesen.

    Eine Lehre also muss sicher darin bestehen – wie du ganz richtig folgerst – dass nie mehr eine Partei oder ein sklerotisches Parteiensystem zu viel Einfluss auf Kultur und Kunst bekommt. D’accord.

    Aber – und auch das ist wichtig – ist es nicht so, dass heute auf allen Ebenen offen und versteckt die Verfilzung von Wirtschaft und Politik auch einen verheerenden Einfluss hat?

    Nur ein paar Stichworte:
    Das beginnt national bei verschuldeten Staaten, die eigentlich längst den Banken gehören oder unter dem Einfluss jener Banken stehen, die die Gläubiger gegen den Staat vertreten.
    Hinzu kommen die völlig nahtlosen Personalwechsel zwischen staatlichen Ämtern und den Posten in der Wirtschaft (Schröder, Koch….), dazu politisch motivierte Ranking- und Rating-Agenturen, die mittlerweile ganze Staaten in die Krise stürzen. Dann auf allen Ebenen bestens organisierte Lobbyarbeit, Beratertätigkeiten bis hin zum Schreiben entscheidender Gesetze usw.
    So werden überall (neoliberale) Sprache- und Denkmuster verankert, nach denen dann Politik und Verwaltung handeln, ohne dass sie’s überhaupt noch wahrnehmen. Da wäre sie, die strukturelle Analogie (nicht eine in den Inhalten, Formen und persönlichen Intentionen der Menschen!) zu Goebbels Aussagen zur Propaganda (siehe ganz oben).
    Und irgendwo hat Barbian sinngemäß auch einen Satz zitiert (war der von Sebastian Haffner?), der lautete: Selbst da, wo die Propaganda der Nazis nicht geglaubt wurde, hat sie doch gewirkt.

    Hierzulande und heute – denke ich – wird behutsamer Umgang mit Kunst und Kultur von mindestens drei Seiten zerlegt:
    von nicht mehr über den Tag hinausdenkender, aber an Selbsterhaltung interessierter Politik,
    von saturierten Kulturfunktionären inkl. Verbeamtung oder ihrer dreisten Lifestyle-Variante des Modernisierer-Simulanten aus der krisengewinnlerischen Kulturmanager-Kaste.
    Aber drittens eben auch von den Lobby-Ökonomen als Hobby-Kulturabbauer, die nur noch nach Effizienz, Zahlen, Produkten und Sparmöglichkeiten fragen, Kulturförderer als Subventionsempfänger diffamieren (ohne aufzudecken, dass sie selbst über Steuervergünstigungen, öffentliche Aufträge und direkte Subventionen den Staat um ein Vielfaches plündern).
    Genau die könnten z.B. einen Satz sagen wie:

    „Die Kunstförderung/diese Kultureinrichtung ist nach ausgiebiger Evaluation zur Zeit weder finanziell zu tragen noch inhaltlich dringend erforderlich. Beim augenblicklichen Stand der Misere öffentlicher Hauhalte ist es für Künstler/Kulturförderer zunehmend geboten, ihre Kreativität dafür einzusetzen, nicht länger allein zu Lasten des Steuerzahlers Kultur- oder Bildungsprivilegien zu nutzen. Stattdessen sollten sich Künstler/Kulturförderer das Feld der Creative Economy erschließen, in dem sie als Content Provider nicht nur ihre Begabung einsetzen können, sondern auch dabei helfen, die wirtschaftliche Positionierung unseres Landes zu verbessern.“

    Könnte doch fast in jeder Hochglanzbroschüre der Creative Economy stehen, oder? Mal ehrlich.
    Ist aber tatsächlich nur meine in die Gegenwart übersetzte Version der bereits oben zitierten Worte des Leiters der Abteilung ‚Organisation’ in der Hauptgeschäftsführung der Reichskulturkammer, der den Künstler mitteilte:

    „Die Kunst aber ist zur Zeit weder absolut noch relativ erforderlich. Im augenblicklichen Stand des Krieges gibt es deshalb für den deutschen Künstler keine andere Verpflichtung, als unmittelbar mitzuwirken an der Erreichung des Endsieges, und zwar als Soldat oder aber als Helfer für die Wehrhaftmachung, für die Wehrhafthaltung unseres Reiches.“

    Mit ganz unterschiedlichen Motiven, jeweils anderer Sprache und anderem Kontext ist das gewünschte Ergebnis gleich: die Instrumentalisierung der Kunst und Kultur zu Zwecken der Politik und Wirtschaft.
    Von der Ästhetik des Widerstands zu der des Biedermanns (als Brandstifter), habe ich mal geschrieben. Aber dass „Ästhetik des Widerstands“ eben auch der Titel eines dreibändigen Romans (Essays) von Peter Weiss ist, das wissen die Herren Kultursanierer sowieso nicht mehr.

  • #9
    Andreas Lichte

    @ Gerd Herholz

    mir ist nicht klar, was für dich „Kultur“ ist. Könntest du das bitte knapp erläutern?

    Ich habe den Eindruck, dass „Kultur“ für dich gleichbedeutend mit „Hochkultur“ ist. Für mich nicht:

    Für mich ist die Welt, in der ich lebe, „Kultur“: ich kann mich auch an einer Verpackung aus dem Supermarkt freuen … zum Glück bin ich damit nicht allein:

    http://www.oberlin.edu/amam/Warhol_BrilloBoxes.htm

    Andy Warhol, Brillo Boxes, 1970

    „(…) Warhol’s work of the early 1960s consciously destabilized the distinct domains of high culture and commercial art. (…)“

  • #10
    Andreas Lichte

    @ Gerd Herholz

    Wenn es darum geht, die aktuelle „Kultur“ zu beschreiben, leuchtet mir deine Bezugnahme auf den Nationalsozialismus nicht ein.

    „Kultur“ im Nationalsozialismus, das ist für mich:

    – rigide Verbote, z.B.: mein Lieblingsbuch „Das Kunstseidene Mädchen“, verboten als „Asphaltliteratur mit antideutscher Tendenz“; Verbot von „Negermusik“; usw.

    – eine klare Vorgabe der Herrschenden, was „gute Kultur“ ist, z.B. durch entsprechenden Ausstellungen; die planmässige Gestaltung des öffentlichen Raumes; Schule; usw.– ein staatlicher Eingriff in ALLE Bereiche des („Kultur“-) Lebens

    – mehr Ideologie als Ökonomie

    Unsere heutige „Kultur“ scheint mir im Gegensatz zur Nazidiktatur dadurch geprägt:

    – alles ist erlaubt: es ist kaum noch möglich, Tabus zu brechen, zu provozieren (es sei denn, durch die Verherrlichung eben des Faschismus, siehe von Trier in Cannes)

    – die Protest- und Jugendkultur wird vollständig in die bürgerliche („Kultur“-) Welt integriert: z.B. Flower-Power, oder Punk …:

    – alles wird „zu Geld gemacht“: Ökonomie statt Ideologie

  • #11
    Theo Jörgensmann

    Lieber Gerd, eine brilliante Analyse. Die Dinge kehren in abgewandelter Form immer wieder zurück. Das ist der Rhythmus des Lebens. Vielleicht ist der Vergleich mit der Nazizeit etwas unglücklich gewählt. Mich erinnert die heutige Situation der Kulturzene eher an die 1950er Jahre. Gleichförmige, belanglose Kulturfreuden dominierten damals die Gesellschaft. Ein für heutige Zeit harmloser Film wie „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef löste schon einen Skandal aus, und es gab den von der CDU postulierten Slogan „Keine Experimente“, der mit Eifer ins Land getragen wurde.. Was dazu geführt hat, dass sich eine Gegenbewegung konstituierte, die dann in den experimentellen 1970er Jahren zum Ausdruck kam. So wird es wieder kommen. Ich bin da ganz optimistisch. Also freuen wir uns darauf.

  • #12
    Gerd Herholz

    #12
    Hallo Theo,
    ja Gegenbewegung gegen die Verachtung der Kunst durch neoliberal-verführte Sparkommissare oder bewusstlose Politiker wäre schön. Auf dem kulturpolitischen Feld. Ansonsten machst du es ja richtig: Auf Tendenzen der geistig-musischen ‚Vereinheitlichung‘ – in welcher Form auch immer – einfach mit Kunst antworten, die Herz und Hirn und meinetwegen auch Seele wieder frei blasen.
    Schade, dass du aus dem Ruhrgebiet weg bist. Oder doch gut – für dich und deine Musik.
    (Leute schaut mal unter: de.wikipedia.org/wiki/Theo_Jörgensmann oder youtubet zu Theo.)

  • #13
    Helmut Junge

    @Gerd Herholz (7),
    das ist ein langes, schwieriges Thema.
    Vorab eine Kurzantwort, später mehr.
    Heute müssen wir Antworten finden, die zu unseren heutigen Problemen passen.
    Weder Zitate von früheren Koryphäen noch Bezüge auf Verbrecher früherer Zeiten helfen uns da weiter.
    Wir haben Probleme zu lösen, die früher nicht mal zu Albträumen geführt haben.
    Die Welt reagiert dialektisch. Und das einzige Axiom der Dialektik, an das ich glaube, sagt in etwa aus, daß die Antworten von früher, obwohl sie früher richtig waren, heute falsch sein könnten. Da muß man vorsichtig sein, denn die Welt, unsere Umgebung, hat sich durch unser Handeln verändert. Wenn die Bedingungen, die uns umgeben, sich aber verändert haben, wie können da die alten Antworten passen?
    Das Thema ist zu groß für einen Abend. Aber ich will Dir und allen Interessierten zeigen, wie ich denke, daß Fragen geklärt werden sollten.
    Die Antworten aus der Vergangenheit sind fast immer falsch. Wir müssen selber unsere Fragen lösen.
    In allen Bibliotheken ist die Zahl der Bücher über die 12 Jahre der NS-Zeit bis zu 100 -mal höher, als über den lächerlichen Rest von 1 Million Jahre Geschichte und Vorgeschichte! Aber da kommt noch mehr dazu.
    Denn eigentlich ist zwar schon alles dazu gesagt, aber noch lange nicht von von allen. (Zitat frei nach Karl Valentin)
    Kurz und gut, ich suche keine Analogien, sondern ich versuche erstmal Zusammenhänge zu verstehen. dafür ist aber die auseinandesetzung mit einer einzigen, sogar kurzen, verbrecherischen Zeit voller verblenderischem Haß, keine ausreichende Basis.
    Arnold Voß ist ja auch darauf eingegangen daß heute die Vermarktung die große Rolle spielt, daß es heute eben nicht diese staatliche Willkür gegenüber der Kultur gibt, wie sie zur Zeit der Nazis deshalb möglich war, weil die die Macht dazu hatten diese Willkür umzusetzen und auch dazu mißbrauchten.
    Das ist meine Aussage: Es ist die Konsequenz der Vermarktung, daß die Kultur den Bach herunter geht. Diese Vermarktung hat lange Zeit gewirkt. Heute haben wir nicht mehr die große Zahl der gebildeten Mittelschichtler, die in der Lage wäre,
    als „Kulturlobby“ Einfluß im gewünschten Maße zu nehmen. Das hat sich geändert.
    Darum haben Politiker auch keine Angst, an der Kultur den Rotstift anzusetzen, und darum tun sie es auch genau dort, obwohl dort eigentlich kaum noch was zu holen ist.
    Gegen diesen Rotstift in diesem Bereich müssen wir uns wehren.
    Wehren kann man sich aber nur, wenn man die Akzente richtig benennt.
    Man muß Mehrheiten schaffen.
    Lieber Gerd, wir liegen, was die Sorge um die Erhaltung der Kultur betrifft, auf der gleichen Linie. Und da Du zu meinen Lieblingsautoren, hier im Bloq, gehörst, habe ich auch immer Sorge, zu hart zu diskutieren. Aber Du argumentierst, aus meiner Sicht, politisch falsch.
    Wenn wir aber das richtige politische Konzept finden, nach der die Politiker gezwungen werden, der Kultur den Stellenwert zu geben, den sie verdient,
    könnten wir einen außerordentlich wichtigen Kampf gewinnen.
    Dazu müßten aber Menschen vieler unterschiedlicher Positionen, an einem gemeinsamen Punkt den Hebel ansetzen.

  • #14
    Gerd Herholz

    #9,10 Andreas
    Nein, mein Kulturbegriff ist da nicht so verengt. Ist im Zusammenhang dieser Diskussion auch wurscht, weil immer die ganze Kultur/Kunst historisch so oder so von Zeitgeist, Stand der Technik, Ideologien, Religionen, Herrschaftstechniken beeinflusst wurde, wenn nicht ganz direkt gesteuert. Das (be-)trifft die Alltagskultur wie die Kunst. Giordano Bruno wurde ebenso verbrannt wie die Hexen.

    Zur „Bezugnahme auf den Nationalsozialismus“ habe ich in der Antwort auf Arnold Voß eigentlich alles gesagt.
    Mein konkreter Anlass war die Lektüre des Buches von Jan-Pieter Barbian und das Hören zweier Vorträge von ihm.
    Mir drängte sich dann ein kritischer Bezug (keinerlei Ineinssetzung) zwischen den Gleichschaltungsstrategien der Nazis und heutigen ideologischen Manipulationsversuchen zur „geistigen Vereinheitlichung“ geradezu auf. Dass es Zusammenhänge, aber auch große Unterschiede dabei gibt, ist doch klar.
    Vielen ihrer Beobachtungen zur Verwahrlosung heute bis zu dem, was ich nach Herbert Marcuse ‚repressive Toleranz‘, nennen würde, kann ich nur zustimmen.

    Unterschätzen Sie aber bei allen Unterschieden nicht die Verwurzelung mancher heutigen Kultur(industrie)ideologeme oder Bildungstraditionen im 3. Reich. Barbian hatte da spannende Beispiele von persönlichen Kontinuitäten.
    Schauen Sie doch einmal in Ihren Bücherschrank. Stehen da zufällig Bücher, Gedicht-Anthologien von Benno von Wiese? Z.B. Echtermeyer/von Wieses „Deutsche Gedichte“? Sehen Sie.
    Der Mann war mehr als nur ein Nazi-Mitläufer und als Germanist Apologet nazistischer Ideologie. 1945 bis in die 70er Jahre beeinflusste er ganze Generationen von (Hochschul-)Lehrern, die oder deren Schüler noch heute lehren. (Googeln Sie mal bei Wikipedia zu von Wiese.)

    Dass hier einige auf meine Bezugnahme zum Nationalsozialismus, sein Weiterwirken bis heute in Sprach- und Denkmustern, persönlichen Kontinuitäten, kultur-ökonomischen Leitvorstellungen so allergisch reagieren, verwundert mich nun immer mehr.
    Die möglichen Bezüge (nicht: Kurzschlüsse!) zwischen damals und heute sind ja kein theoretisches Konstrukt, sondern schlicht Realität.
    Dass zum Beispiel der heute grassierende Kulturabbau flankiert wird von einer effizienzorientierten Kunstmissachtung – oder bloßen -ignoranz: da gibt es eine strukturelle Ähnlichkeit zu z.B. Goebbels Äußerungen (wahrscheinlich hat ihn auch sein Scheitern als Schriftsteller, sein Selbsthass, zum wahnhaften Kulturkontrolleur werden lassen).

    Und dass mit dem Aufspüren von Wurzeln heutiger Kunstverachtung im NS-Staat die Analyse gegenwärtiger kultureller Misere nur teil-unterfüttert wird und also nicht in ihrer ganz spezifischen Eigenart schon erklärt, versteht sich doch von selbst.

  • #15
    Gerd Herholz

    Jetzt ab in die Heia. Und lesen: „Karte und Gebiet“ von Michel Houllebecq. Das ist mal ein Buch.

  • #16
    Andreas Lichte

    @ Gerd Herholz

    du schreibst: „Schauen Sie doch einmal in Ihren Bücherschrank. Stehen da zufällig Bücher, Gedicht-Anthologien von Benno von Wiese? Z.B. Echtermeyer/von Wieses “Deutsche Gedichte”? Sehen Sie.“

    Ich sehe gar nichts. Da steht nämlich nichts. Und bei „Deutsche Gedichte“ fällt mir das ein – mein persönlicher Exportschlager nach China:

    http://www.ruhrbarone.de/„die-menschen-geben-um-jeden-preis-fur-die-liebe-auf“/

    „Die Menschen geben um jeden Preis für die Liebe auf“

    Ein Chinesisch-Deutsches Literaturquiz von unserer Gastautorin Xinying

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  • #18
    Gerd Herholz

    # 13 Helmut
    Ich glaube, mit dem Satz „Die Antworten aus der Vergangenheit sind fast immer falsch. Wir müssen selber unsere Fragen lösen“ versteigst du dich.
    Die Beschäftigung mit Geschichte, Philosophie, Literatur hilft mir immer, nicht nur meine Fragen zu präzisieren, sondern auch erste Näherungsantworten zu geben, die nicht ganz dumm sind.
    Aber in meinem Beitrag ganz oben,versuche ich überhaupt nicht, Antworten zu geben, sondern die Frage nach aktuellen Hirnwäschereien und ihren Herrschaftstechniken auch mit einem Hinweis auf Gobbels inhumane Strategien zu unterfüttern.
    Dass das nicht ausreicht, um heutige „geistige Vereinheitlichung“ spezifisch auszuleuchten ist klar. Nur ein Anfang, dennoch ein erhellender Bezug.

    #16 Andreas Lichte
    Dank für den musikalischen Beitrag…
    Schön, dass Sie nix von von Wiese im Bücherschrank haben, ehrt Sie, aber er war bis in die 70er Jahre mit der Sammlung „Deutsche Gedichte“ (Echtermayer/von Wiese) zur Anschaffung empfohlene Lektüre für Gymnasiasten.
    Zum Nachwirken völkischer NS-Germanistik über Nachkrieg, Wirtschaftswunder bis heute kann man lesen:
    „Die Flucht ins Schweigen.
    Ein weiterer Beitrag zur Debatte um die einstige NSDAP-Mitgliedschaft der Nachkriegsgermanistik“ ( http://www.freitag.de/2004/11/04111401.php )

  • #19
    Helmut Junge

    #18 Gerd,
    wir können das, was zwischen uns in dieser Diskussion strittig ist, nicht „auf die Schnelle“ klären, weil ich, um meine Position zu präzisieren etwas Zeit benötige, die ich aber nicht in dieser Woche finde.
    Aber, wenn ich formuliere: “Die Antworten aus der Vergangenheit sind fast immer falsch. Wir müssen selber unsere Fragen lösen”, meine ich nicht, daß das Studium von Geschichte, Philosophie, und meinetwegen auch Literatur, was immer das auch ist, unwichtig, oder sogar sinnlos sein würden.
    Das Gegenteil ist der Fall. Ohne Kenntnisse in diesen Bereichen wären wir hilflos, könnten kaum Verdacht schöpfen, oder gar ein Urteil fällen.
    Außerdem diskutieren wir doch gerade einvernehmlich, daß „Kultur“ höher bewertet werden muß.
    Wenn ich so denken würde, wie Du mich verstanden hast, dann müßte ich mich doch nicht um dieses Thema kümmern.
    Wie will ich verstanden werden?
    Der strittige Satz selbst bleibt ja so stehen, wie er steht.
    Ein letzter Versuch einer „kurzen“ Erklärung.
    Wir können unsere Fragen nur lösen, wenn wir die Erfahrungen, die die Menschheit gemacht hat, berücksichtigen. Aber wir können nicht unmittelbar in Büchern die Antworten für unsere heutigen Fragestellungen finden.
    Nur mittelbar. Aber nicht unmittelbar, wie es die vorgeben, die gerne sagen, daß es Marx, Konfuzius, Jesus, Aristoteles, Galen, Klausewitz, oder sonstwer gesagt hätte.
    Im Fall von Jesus hat bereits Paulus das Problem gelöst, daß das Himmelreich nicht unmittelbar gekommen ist. Seine Problemlösung war: Es ist nahe, es kommt bald. Das gilt etlichen bis heute.
    Galen hat nichts von den Krankheiten gewußt, die uns heute plagen. Clausewitz hat nichts von Atombomben gewußt. Thomas A. Edison ist zwar in den Shintohimmel aufgenommen worden, wie ich gelesen habe, aber er sagt uns von dort nichts. Leider!
    Ich will die Beispiele jetzt nicht übermäßig auswalzen.
    Darum zum Abschluß: Wir müssen unsere Antworten selber finden. Ohne Kenntnis der Vergangenheit geht das nicht, aber wir kriegen von dort keine unmittelbare Antwort. Und wenn einer glaubt, daß er von dort eine Antwort kriegt, werde ich mißtrauisch. Die meisten verstehen unter Geschichte sowieso eine viel zu kurze Zeitspanne. Wenn man nur diese 12 Jahre analysiert, die vielen Jahrtausende geschriebener Geschichte, nicht kennt, ( die ungeschriebene, die Vorgeschichte dann sowieso nicht), dem entgeht außerdem noch einiges.

  • #20
    Gerd Herholz

    #19 Helmut
    Ganz einverstanden:
    „Wir müssen unsere Antworten selber finden. Ohne Kenntnis der Vergangenheit geht das nicht, aber wir kriegen von dort keine unmittelbare Antwort.“

    Oder dialektischer:
    Wir bleiben am Ball und halten ihn flach, obwohl er doch rund ist.
    (So was schüttel ich gelegentlich aus den Ärmeln meines ärmelllosen Hemdes. 😉

  • #21
    Helmut Junge

    #20 Gerd,
    „(So was schüttel ich gelegentlich aus den Ärmeln meines ärmelllosen Hemdes.“

    Klasse! Angeboren, oder erlernte Eigenschaft?
    Wenn ich das doch auch könnte.
    Ach, ach, ach.

  • #22
    Stefan Wehmeier

    Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm isst, musst du des Todes sterben.

    (Lutherbibel 1984 / Genesis 2,15-17)

    Wer nicht weiß, was Gerechtigkeit ist, darf auch nicht wissen, was Ungerechtigkeit ist, um eine Existenz in „dieser Welt“ (zivilisatorisches Mittelalter) ertragen zu können. Zu diesem Zweck gibt es die Religion, die so erfolgreich war, dass sie die systemische Ungerechtigkeit der Erbsünde bis heute aus dem allgemeinen Bewusstsein der halbwegs zivilisierten Menschheit ausblenden konnte, während das Wissen seit langer Zeit zur Verfügung steht, um diese „Mutter aller Zivilisationsprobleme“ endgültig zu eliminieren.

    Bis heute ist unsere „moderne Zivilisation“ auf der Religion aufgebaut, und mit einem hatte Karl Marx Recht, auch wenn er als Ökonom keine Leuchte war: Die Religion ist das „Opium des Volkes“. Doch der „Unglaube“ ist gegenüber dieser schlimmsten aller Drogen wirkungslos, weil Gott existiert – als Programm in Ihrem Unterbewusstsein. Die Bewusstwerdung der Programmierung nennt sich „Auferstehung“.

    Der Herr sagte: Ihr habt alle Dinge verstanden, die ich euch gesagt habe, und ihr habt sie im Glauben angenommen. Wenn ihr sie erkannt habt, dann sind sie die Eurigen. Wenn nicht, dann sind sie nicht die Eurigen. (nicht in der Bibel zu finden)

    Herzlich Willkommen im 21. Jahrhundert:

    http://www.deweles.de/willkommen.html

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