Update: Ukraine: Das ARD-Nachtmagazin und die Wahrheit

Screenshot des vom ukrainischen Verteidigungsministerium hochgeladenen Videos. Quelle: LINK.

Im Nachtmagazin der ARD werden vermeintlich sichere Rechercheergbnisse präsentiert, kurz darauf erzählt der eigene Reporter vor Ort das genaue Gegenteil. Thematisiert wird das in der Sendung nicht. Eine Presseanfrage der Ruhrbarone lässt das Nachtmagazin unbeantwortet.

Die am 17. Mai ausgestrahlte Ausgabe des Nachtmagazins der ARD widmete sich ausführlich dem Krieg in der Ukraine. „Das erste Opfer des Krieges ist die Wahrheit“ heißt ein auch im Moment wieder gern zitierter Klassiker der Allgemeinplätze. Auch der Einstieg der Nachtmagazin-Moderatorin Anna Planken geriet entsprechend ominös: „Der erste Tag der Woche ist schon wieder rum. Ein Tag mehr, an dem wir uns fragen, was stimmt wirklich und was wird uns gezeigt, um welchen Eindruck zu erwecken.“ Und in der Tat konnte man sich nach dem Anschauen der Sendung die Frage stellen, welchen Eindruck eigentlich die Redaktion des Nachtmagazins der ARD bei den Zuschauerinnen und Zuschauern erwecken wollte. Gleich im Anschluss wirft Nachtmagazin-Moderatorin Anna Planken nämlich der Ukraine vor, ein „Foto“ wie sie sagt, das ukrainische Soldaten dem Vernehmen nach an der ukrainisch-russischen Grenze zeigt, sei von der Ukraine wahrscheinlich aus Propagandagründen gestellt worden. Recherchen des Nachtmagazins und anderer Journalisten hätten ergeben, dass das Foto nicht an der ukrainisch-russischen Grenze geschossen worden sein soll. Stattdessen gäbe es sogar Videos, die belegen, dass der Grenzpfahl von den ukrainischen Soldaten selbst mitgebracht worden sei. Es wird in Zweifel gezogen, ob überhaupt ukrainische Truppen bis zur russischen Grenze vorgestoßen sind. Hat das Nachtmagazin also die ukrainischen Streitkräfte in flagranti bei einer Propagandalüge ertappt?

Nein. Was das Nachtmagazin da recherchiert haben will, das stimmt nämlich alles gar nicht. Also sage jetzt nicht ich. Sagt der Nachtmagazin-Reporter vor Ort, Georg Heil, nur zehn Minuten später im Interview. Süffisant stellt Anna Planken ihm die Frage: „Über vermeintliche Wahrheiten haben wir heute auch viel berichtet, Berichte über vermeintliche Erfolge der ukrainischen Armee, aber auch gerade das Foto, das wir gezeigt haben, dass die Erfolge manchmal größer und besser dargestellt werden, als sie in Wahrheit sind. Was wissen Sie über angebliche ukrainische Geländegewinne und die Vertreibung der russischen Armee?“ Georg Heils Antwort: Es sei eine Tatsache, dass ukrainische Truppen die russischen Streitkräfte nördlich von Charkiw weit zurückdrängen konnten und das von den ukrainischen Kämpfern aufgenommene Video an der russischen Grenze sei vermutlich authentisch. Wie reagiert also Moderatorin Anne Planken darauf, dass ihr Reporter vor Ort all dem widerspricht, was sie noch vor zehn Minuten als sicheres Rechercheergebnis präsentiert hat? Sie geht einfach darüber hinweg und kommentiert es mit keinem Wort.

Es offenbaren sich hier nämlich einige Rechercheungenauigkeiten des Nachtmagazins. Das Foto, das angeblich von der Ukraine hochgeladen worden sei, ist nämlich keins. Sondern ein Video. Auch die Videos, die ukrainische Soldaten beim Transport des Grenzpfahles zeigen, wurden von offiziellen ukrainischen Stellen selbst hochgeladen. Am selben Tag übrigens, als auch das ursprüngliche Video, das kein Foto ist, von der Ukraine verbreitet worden ist. Das einfach nicht zu erwähnen muss ja bei den Zuschauerinnen und Zuschauern geradezu den Eindruck erwecken, die Ukraine versuche zu tricksen. Die gute Schule des Journalismus ist das auf jeden Fall nicht.

Wie kann es denn sein, dass im Nachtmagazin der ARD, mit öffentlich-rechtlichem Informationsauftrag also, den Zuschauerinnen und Zuschauern komplett ohne Einordnung derart widersprüchliche Informationen präsentiert werden? Darüber wollte ich nicht einfach spekulieren, sondern wollte es genau wissen. Daher habe ich der Redaktion des Nachtmagazins am 18.05. nach telefonischer Vorabsprache beim NDR in Hamburg eine Presseanfrage an die vereinbarte E-Mailadresse gestellt. Bis zum Ende der Frist am 20.05. ging außer einer automatischen Empfangsbestätigung („Liebe Zuschauerin, lieber Zuschauer, liebe Userin, lieber User, vielen Dank für Ihr Interesse an den Beiträgen von ARD-aktuell. Es ist schön, dass Sie sich die Mühe gemacht haben, uns Ihre Frage, Meinung oder einen Themenvorschlag per E-Mail zu schicken. […]“) leider keine Antwort ein. Na gut, ich bin ja nicht unkollegial, also habe ich am 20.05. auch noch einmal eine zweite Presseanfrage, diesmal mit Frist bis zum 24.05. direkt an die Pressestelle der ARD geschickt. Die antwortete auch prompt, dass man die Anfrage weiterleiten werde, warnte aber auch schon einmal vorsorglich, dass man in Berlin keinen Einfluss darauf habe, wann man in Hamburg zu antworten gedenke. Auch auf die zweite Anfrage gab es innerhalb der Frist von der Redaktion des Nachtmagazins keine Antwort. Hier die Presseanfrage, auf die es keine Antwort gab:

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Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Robert Herr und ich schreibe als freier Journalist für den Blog Ruhrbarone. In Ihrer Sendung des Nachtmagazins vom 17.05. um 00:20 sagt Moderatorin Anna Planken direkt zu Beginn: „Der erste Tag der Woche ist schon wieder rum. Ein Tag mehr, an dem wir uns fragen, was stimmt wirklich und was wird uns gezeigt, um welchen Eindruck zu erwecken. Es geht ganz konkret um dieses Foto [Fotoeinblendung], dass die ukrainische Armee heute aus der Gegend um Charkiw veröffentlicht hat. Man könnte meinen, die Soldaten hätten die russische Armee bis zur Grenze zurückgedrängt. Glücklich, siegessicher, stehen sie alle da zusammen um einen Grenzpfosten. Wenn das wirklich echt wäre, wäre das ein deutliches Zeichen an das eigene Volk und an die Welt ‚Seht her, wir können sie wirklich wieder aus unserem Land rausschmeißen‘. Sowas könnte zusätzliche Kräfte freisetzen. Und wahrscheinlich, ist das Foto genau aus diesem Grund genau so gestellt worden. Nach allem was wir und andere Journalisten recherchiert haben, ist das Foto nicht an der russischen Grenze aufgenommen worden. Es gibt sogar Videos, die ukrainische Soldaten zeigen, wie sie einen Grenzpfahl extra an die gewünschte Fotostelle tragen. Auch am 82. Tag des Krieges, können wir nur versuchen, uns der Wahrheit anzunähern.“

Ab Minute 08:20 sagt Anna Planken im Gespräch mit dem Reporter vor Ort, Georg Heil folgendes: „Über vermeintliche Wahrheiten haben wir heute auch viel berichtet, Berichte über vermeintliche Erfolge der ukrainischen Armee, aber auch gerade das Foto, das wir gezeigt haben, dass die Erfolge manchmal größer und besser dargestellt werden, als sie in Wahrheit sind. Was wissen sie über angebliche ukrainische Geländegewinne und die Vertreibung der russischen Armee?“
Ihr Reporter vor Ort, Georg Heil, sagt darauf, dass die ukrainische Armee die russischen Streitkräfte in der Tat bis an die Grenze zurückgedrängt habe („Ja, das ist tatsächlich so, dass manche Nachrichten auch aufgebauscht werden, was allerdings sich verdichtet und auch verifiziert ist inzwischen, ist die Tatsache, dass die ukrainischen Streitkräfte nördlich von Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine, die russischen Truppen weit zurückdrängen konnten.“) Er erklärt fernerhin das eingangs in der Sendung erwähnte Video für vermutlich authentisch („Es gab heute ein Video, das ukrainische Kämpfer eben an dieser Grenze zu Russland zeigt und das scheint authentisch zu sein.“)

Hieraus ergeben sich für mich folgende Fragen:

1. Welcher Art war die Recherche der nachtmagazin-Redaktion zur Klärung der Frage, ob das „Foto“ tatsächlich an der russischen Grenze aufgenommen wurde? Welche Recherchemethoden wurden zur Klärung dieser Frage verwendet und auf welches Quellenmaterial wurde dabei zugegriffen?
2. Rechercheergebnisse welcher „anderer Journalisten“ wurden verwendet bzw. welche „anderen Journalisten“ waren an der Recherche beteiligt?
3. Warum wurde die Recherche erwähnt, in der Sendung dann aber keine Inhalte dieser Recherche vorgestellt, sondern nur das vermeintliche Ergebnis?
4. Warum spricht Anna Planken davon, dass die ukrainische Armee ein Foto am 16.05. hochgeladen habe, obwohl es ein Video ist, das vom ukrainischen Verteidigungsministerium am 15.05. hochgeladen wurde? [Quelle: https://www.facebook.com/watch/?v=720535602469791]
5. Wusste die nachtmagazin-Redaktion, dass die von Anna Planke erwähnten „Videos, die ukrainischen Soldaten zeigen, wie sie einen Grenzpfahl extra an die gewünschte Fotostelle tragen“ bereits am 15.05., also zwei Tage vor Ausstrahlung der Sendung von offiziellen ukrainischen Stellen verbreitet wurden, so zum Beispiel auf dem Twitteraccount des militärischen Geheimdienstes der Ukraine sowie dem Twitteraccount von Anton Gerashchenko, einem Berater des ukrainischen Innenministers? Wenn ja, warum wurde dies von Anna Planke nicht angesprochen, so dass für die Zuschauerinnen und Zuschauer der Eindruck entstehen musste, dass die Ukraine hier einen falschen Eindruck vermitteln wolle? Wenn nein, warum wurde dies im Verlauf der erwähnten Recherchen der nachtmagazin-Redaktion nicht in Erfahrung gebracht?
6. Warum widerspricht der Reporter vor Ort, Georg Heil, den eingangs erwähnten Recherchen der nachtmagazin-Redaktion?
7. Warum thematisiert die Moderatorin Anna Planken nicht, dass der Reporter vor Ort vermeintlichen Erkenntnissen widerspricht, die sie selbst nicht einmal zehn Minuten zuvor erst den Zuschauerinnen und Zuschauern als sichere Rechercheergebnisse präsentiert hat?


Ich freue mich über die Beantwortung meiner Fragen bis Freitag den 20.05. um 15 Uhr.

Mit freundlichen Grüßen

 

Robert Herr

 

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Wie sagt Anne Planken zum Ende ihres Intros: „Auch am 82. Tag des Krieges, können wir nur versuchen, uns der Wahrheit anzunähern.“

So wird das nichts.

Update: Am 25.05. um 18:13 ging folgende Antwort der Redaktion des Nachtmagazins ein:

„In der Ausgabe des nachtmagazins vom 16. auf den 17. Mai 2022 hat die Moderatorin zu den Bildern und Geschichten, die wir über den Krieg gegen die Ukraine gezeigt haben, wörtlich gesagt: „Auch am 82. Tag des Krieges können wir nur versuchen, uns der Wahrheit anzunähern.“

Wir recherchieren und verifizieren täglich unzählige Bilder und Videos sowie Informationen in Textform, die wir von verschiedenen Quellen aus dem Kriegsgebiet erhalten. Dabei versuchen wir, in unseren Sendungen so transparent wie möglich zu sein, einzuordnen, woher das Material stammt und wie sicher wir uns bei der Echtheit sein können.

Das genannte Video wurde erst am Sendetag (16. Mai) öffentlich bekannt, daher rührt die „heute“-Formulierung der Moderatorin. Das Video selbst wurde einen Tag zuvor aufgenommen. Diese Ungenauigkeit tut uns leid.

Zu den weiteren inhaltlichen Recherchen hat die Moderatorin deutlich betont, dass die genannten Erkenntnisse zwar den aktuellen Stand spiegeln, die Ergebnisse jedoch nicht sicher sind und die Recherche noch nicht abgeschlossen ist. An der Recherche waren Kolleginnen und Kollegen verschiedener Bereiche von ARD-aktuell beteiligt, auch der Bereich Verifikation und Recherche. Neben den Erkenntnissen der ARD-aktuell-Redaktion flossen auch Recherche-Ergebnisse anderer Medien mit ein.

Wir hoffen, dass wir Ihnen damit einen Einblick in unsere Arbeit geben konnten.“

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3 Kommentare

  1. #1 | Bochumer sagt am 25. Mai 2022 um 09:16 Uhr

    Ich lese nur noch ukrainische Propaganda auf Telegramm. Da weiß ich, dass nicht alles glauben sollte, aber: bessere Quellen haben unsere Journalisten nicht und sie machen einfach nur schlechte Beschreibungen des Gesehenen.

    Der Artikel hier bestätigt mich darin.

  2. #2 | Berthold Grabe sagt am 25. Mai 2022 um 10:02 Uhr

    Die Berichterstattung der öffentlich rechtlichen Medien ist schon seit Jahren nicht mehr seriös, der Verweis auf das Internet wegen Fake News ist daher eher ein Ablenkungsmanöver um die eigene Deutungshoheit erhalten zu können.
    Grundlegende Fakten wie im Ukrainekrieg sind wohl richtig, bei den Details allerdings ist alles was das Fernsehen berichtet mit Vorbehalt zu sehen.
    Das gilt für Inlandsnachrichten genauso wie für Auslandsnachrichten.

  3. #3 | Pan Pawlakudis sagt am 26. Mai 2022 um 17:30 Uhr

    Ich verstehe den Artikel gar überhaupt nicht! Auf was wies Anna Planken, als auf die Tatsache, man dürfe nicht alles glauben? Sie zeigte ein Foto (Screenshot), auf dem ukrainische Soldaten um einen Grenzpfahl posieren. Dass dieser Grenzpfahl NICHT fest verankert war, zeigt ein kurzes Video, das doch wohl von einem aus dieser Soldatengruppe gedreht wurde. Der Grenzpfahl wurde zu dieser Stelle transportiert um ein gestelltes Foto zu schießen (bleiben wir bei der Kriegsrhetorik). Welche Rolle spielt es, ob es die ukrainische Armee, das ukrainische Verteidigungsministerium oder Selenskji selbst hochgeladen hat? Es zeigt eine Fake-Nachricht! Einen mutmaßlichen Erfolg der ukrainischen Armee. Übrigens: seit der Wochenschau wissen wir, welchem Zweck „Erfolge der deutschen Einheiten“ dienten.

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