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Update: Uni, Sparkasse und Stadt wollen mit Göttinger Friedenspreis nichts mehr zu tun haben

Das alte Auditorium maximum der Uni Göttingen Foto: Daniel Schwen Lizenz: CC BY-SA 2.5


Der eng mit der Georg-August-Universität verbundene Göttinger Friedenspreis soll in diesem Jahr an die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ gehen. Die Initiative unterstützt die antisemitische BDS-Kampagne.  Das Uni-Präsidentin Ulrike Beisiegel bei dem Vorgang eine wichtige Rolle spielt, passt ins Bild.

Der Göttinger Friedenspreis ist eine der vielen überraschungsfreien Ehrungen: Konstantin Wecker bekam ihn, Hans Küng und auch die Initiative „Ohne Rüstung Leben“ wurden bereits bedacht. Es ist ein Wohlfühlpreis, der ausserhalb der altehrwürdigen Universitätsstadt, die im Vorfeld der 1848er Revolution eine wichtige Rolle spielte, etwas Glanz bringen soll ohne allzu viel zu kosten. Der Preis ist mit 3.000 Euro dotiert.

Vergeben wird der Preis von den Mitgliedern eines Kuratoriums das zur Zeit aus dem Physiker Götz Neuneck, dem Göttinger Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler und der  Präsidentin der Georg-August-Universität Göttingen, Ulrike Beisiegel, besteht.

In diesem Jahr sorgt die Verleihung des Preises jedoch für Schlagzeilen: Er soll an die „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ gehen. Diese Initiative unterstützt die BDS-Kampagne, deren Ziel die Vernichtung Israels durch wirtschaftlichen, kulturellen und wissenschaftlichen Boykott ist. Die geplante Verleihung sorgte für Aufregung: Der Zentralrat der Juden protestierte gegen Verleihung des Preises an die „Jüdische Stimme“ ebenso wie FDP-Politiker.

Zu denjenigen, die sich am intensivsten mit der „Jüdischen Stimme“ beschäftigt haben gehört der israelische Journalist Benjamin Weinthal von der Jerusalem Post. Er kritisierte in zahlreichen Artikeln unter anderem die Zusammenarbeit der Kölner Sozialbank mit den BDS-Unterstützern.

Der in Göttingen geborene in in Israel lebenden Politologe und Autor Arye Shalicar (Der neue deutsche Antisemit) schrieb heute Vormittag auf Facebook: „Ich schäme mich für meinen Geburtsort Göttingen, wenn dort eine antisemitische und zum Boykott gegen einen einzigen Staat auf der Welt, den jüdischen Staat, aufrufende Organisation „Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost“ mit dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet wird.“
Die Organisation agiere gegen einen gerechten Frieden in Nahost indem sie palästinensischen Terror nicht verurteilt, Hisbollah-Terrortunnel nicht verurteilt, die aggressive regionale Kolonialisierung des Iran in Syrien, Libanon, Jemen, Irak nicht  verurteilt, den IS auf der Sinai-Halbinsel nicht  verurteilt, was die Türkei im Norden Syriens macht nicht  verurteilt, Inhaftierungen/Folter/Misshandlungen/Vergewaltigungen/Kaltblütige Morde von Regierungen an ihren eigenen Bürgern nicht verurteilt, aber sich zum Ziel gesetzt hat einen einzigen Staat  in der Region zu “kritisieren” und den Boykott gegen ihn zu unterstützen und siehe einer an, es ist der einzige Jude unter den Staaten des Nahen- und Mittleren Osten.
Die „Jüdische Stimme“ sei  weder Jüdisch, noch eine Stimme, interessiere sich in keinster Weise für die Region Nahost und sei  die Antithese zu “Gerechtigkeit”.

Schon dass eine  Initiative, die sich für den wissenschaftlichen Boykott eines demokratischen Staates einsetzt von einer Uni-Chefin unterstützt wird, ist ein verheerendes Zeichen. Dass es zudem eine Initiative ist, die Antisemitismus unterstützt, sollte ein solche Vorgehen unmöglich machen. Allerdings passt die Verleihung des Preises, die im Augenblick auf Initiative des Oberbürgermeisters ausgesetzt ist, ins Bild. Die Uni verlängerte vor drei Jahren nicht die Professur von Samuel Salzborn, einem der bekanntesten und profiliertesten Antisemitismusforscher Deutschlands, obwohl es an der Qualität seiner Arbeit keine Zweifel gab. Salzborn hatte sich allerdings mit den in Göttingen sehr aktiven Burschenschaften angelegt. Benjamin Söchtig, damals im  Fachschaftsrat Sozialwissenschaft tätig, glaubte seinerzeit Salzborn passe nicht in das Bild einer unpolitisch konservativen Hochschule, wie es sich die Universitätsleitung wünscht. Die Präsidentin Ulrike Beisiegel, eine Biochemikerin, möchte, so Söchtig damals, „aus der Universität einen unpolitischen Elfenbeinturm machen“.

So hatte Beisiegel im Sommer 2014, als während des Gazakriegs auch in Göttingen viele Antisemiten gegen Israel auf die Straße gingen, dafür gesorgt, dass eine kleine Israelfahne, die nach außen sichtbar in den Räumen der Fachschaft Sozialwissenschaft hing, entfernt werden musste. Sie widerspreche der »kulturellen Diversität« der Universität, hieß es.

Doch passt Beisiegels Biografie nicht zur Vorstellung einer unpolitischen Universität. Die jetzige Präsidentin war bei der »Naturwissenschaftler‐Initiative Verantwortung für den Frieden« aktiv, engagierte sich in den 80er‐ und 90er‐Jahren in der Friedensbewegung und gehörte zum Direktorium des Carl Friedrich von Weizsäcker‐Zentrums für Naturwissenschaft und Friedensforschung (ZNF) an der Universität Hamburg. Es mag sein, das Beisiegel eine unpolitische Uni will, geht es um Antisemitismus  macht sie allerdings schon mal Ausnahmen.

Und auch vor Beisiegels Zeit 2007 fiel die Uni Göttingen schon auf. 2007 kam die Universität in die Kritik, als der Sporthistoriker Arnd Krüger  in einem Vortrag behauptet hatte, die israelischen Opfer des Terroranschlags bei den Olympischen Spielen 1972 in München seien freiwillig in den Tod gegangen, denn im Judentum dominiere ein lebensfeindliches Menschenbild.

Während sich beinahe alle Fachkollegen, etwa die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft, von Krügers Antisemitismus distanzierten, kam eine Ombudskommission der Universität Göttingen zu dem Urteil, in Krügers Thesen sei Judenfeindschaft nicht zu finden: „Eine antisemitische Einstellung ist weder expliziter Bestandteil der Thesenbildung noch sind die gefundenen Thesen ohne eine antisemitische Tendenz unvertretbar.“  Der Kommission, die dies formulierte, gehörten nur ein Jurist, ein Mediziner und ein Landwirtschaftsexperte an. Das Fehlen eines Antisemitismusforschers war damals von Kritikern massiv beklagt worden. Als es den mit Salzborn an der Uni gab, schaute man, ihn schnell wieder los zu werden.

Von da an passt die Verleihung des Preises ins Bild, das die Uni Göttingen von sich selbst zeichnet.

Update:
Nach einem Bericht des Göttinger Tageblatts ziehen sich die Sparkasse Göttingen, die Universität und die Stadt für dieses Jahr vom Göttinger Friedenspreis zurück. Damit reagieren Stadt, Hochschule und Sparkasse auf die wochenlangen Proteste gegen die Verleihung des Friedenspreises an die Organisation „Jüdische Stimme für einen gerechten Frieden in Nahost“, welche die antisemitische BDS-Kampagne unterstützt.

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6 Kommentare zu “Update: Uni, Sparkasse und Stadt wollen mit Göttinger Friedenspreis nichts mehr zu tun haben

  • #1
    Gerd

    Manchmal verliert man, manchmal gewinnt man. Wie in Köln.

    https://m.jpost.com/Diaspora/Antisemitism/Students-at-large-German-university-condemn-BDS-as-antisemitic-581039

    Was wirklich traurig ist, ist dass Deutschland in Sachen BDS an Universitäten noch vergleichsweise gut dasteht.

  • #2
    Thommy

    Und-auch noch aus der Jüdischen Allgemeinen aus einem Artikel zur Nichtverlängerung der Stelle Salzbornsin Göttingen gleich passagenweise wörtlich abgeschrieben, ohne Quelle kenntlich zu machen…..

  • #3
    Stefan Laurin Beitragsautor

    @Thommy: Der Artikel in der Jüdischen Allgemeinen ist von mir – ich bin die Quelle.

  • #4
    Thomas Weigle

    Der "unpolitische Elfenbeinturm" ist spätestens seit der Reichsgründung 71 ein Tummelplatz konservativ-nationalistischer und v.a. auch antisemitischer Radaubrüder gewesen, die ganz gewiss nicht unpolitisch daherkamen.

  • #5
    Gerd

    1871 ist aber weit weniger aktuell als 1967. Wobei letztere auch so ihre Probleme mit Juden haben, dass aber anders verpacken.

  • #6
    Thomas Weigle

    @ Gerd Die "unpolitische Wissenschaft" ist schon lange unterwegs , und wurde auch 67/68 ff gerne von denen propagiert, denen die ganzen 68er und die angebliche Politisierung der Wissenschaft zutiefst zuwider waren. Die waren bestens organisiert, sind es immer noch.

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