Von der Empörung zu Lösungen

Fridays for Future Demonstration in Bochum 2019 Foto. Stefan Laurin

Der Student Clemens Traub hat eine Kritik an „Fridays for Future“ geschrieben. Sie hat es in sich. Von unserem Gastautor Nils Heisterhagen.

Während normale Bachelor-Studenten schon von 40-Seiten Bachelorarbeit überfordert scheinen und ihre Unlust in oft unüberhörbarem Nörgeln über das ach so anstrengende Studium darbieten, legt ein junger Student nun einfach mal ein Buch vor. Man kann nur froh sein, dass es solche jungen Leute noch gibt. Clemens Traub heißt der junge Mann und seine Streitschrift im Quadriga-Verlag heißt „Future for Fridays?“. Er hat einiges an der Klimabewegung auszusetzen.

Wer ist der Autor? Ich kenne Clemens gut. Er absolvierte ein Freiwilliges Politisches Jahr bei der SPD-Landtagsfraktion in Rheinland-Pfalz, zu der Zeit als ich dort als Grundsatzreferent tätig war. Der Abiturient Clemens war blitzgescheit und laß alles, was er in die Finger bekam. Ich gab ihm manchmal Lektüre auf – ein bisschen wie ein Lehrer. Es kam aber auch mal vor, dass Clemens fragte, ob ich das jüngste Buch von Ivan Krastev schon gelesen habe. Dass man von Clemens noch einmal hören würde, war mir damals schon klar. Nun legt er bereits im Studentenalter sein erstes Buch vor.

Was ist es für ein Buch geworden?

Eine deftige Kritik an „Fridays for Future“. Anfangs war Clemens, wie er uns im Buch mitteilt, selbst euphorisch und es fühlte sich für ihn in der Bewegung und auf ihren Demonstrationen richtig an. Aber mit der Zeit, so schildert er es uns, begannen seine Zweifel. Was ihn stört, ist der Moralismus der Bewegung, es ist der erhobene Zeigefinger und das Rigorose der Forderungen. Der Moralismus im Inhalt korrespondiert für Clemens mit der moralischen Überheblichkeit der Repräsentanten der Bewegung. Er sieht „Fridays for Future“ als Ausdruck einer oberen Mittelschicht, als „Rebellion der Privilegierten“, und sieht in der sozialen Homogenität der Arzttöchter- und Juristensohn-Bewegung den eigentlichen Geburtsfehler der Bewegung. Diese Homogenität belegt er nicht nur durch eigene Erfahrung, sondern auch durch Studien.

Worin besteht das Problem der Homogenität?

Die soziale Homogenität verursache Polarisierung und erschwere es, dass Klimaschutz in allen Schichten und Landesteilen als wichtige Aufgabe angesehen wird. In Clemens Augen ist Fridays for Future eine hippe, großstädtische Bewegung, vor allem von Studenten und angehenden Studenten. In seiner Heimat, der ländlichen Pfalz hingegen, spürte Clemens weder Enthusiasmus noch Interesse an der Bewegung. Ein radikales Kontrastprogramm zu seiner Lebenswelt als Student in Mainz, wie er uns schildert. Die Bundesliga ist in Clemens Heimat das erste Gesprächsthema. Als er dort einst von der Klimabewegung erzählte, traf er nur auf Desinteresse.

Verwundert das? Die Debatten über kulturelle Unterschiede und Konflikte (man denke nur an den mittlerweile berühmten Vergleich des britischen Publizisten David Goodhart in „Somewheres“ und „Anywheres“) sind bekannt. Viele Bücher wurden darüber geschrieben. Gerade steht mit „Ein Mann seiner Klasse“ von Christian Baron ein Buch auch über das Leben in der pfälzischen Provinz in der Bestsellerliste. Es ist alles nichts Neues. Und doch wirkt der mediale Betrieb, vor allem der linksliberale, immer wieder peinlich berührt, wenn herauskommt, dass ganz Deutschland eben doch nicht so ist wie Berlin Kreuzberg, und nicht alle täglich die gleichen enthusiastischen, aufrüttelnden Herzblattgeschichten aus urbanen Medienbüros lesen – und lesen wollen. „Die Welt“, die manche Journalisten kennen und über die sie schreiben, ist nicht „Die Welt“. Es ist lediglich „ihre Welt“. So widmet Clemens ein eigenes Kapitel auch der Kritik am Journalismus. Demut ginge manchen Journalisten ab, meint er. Und aus Sicht von Clemens ganz besonders den Protagonisten der Klimabewegung – sie hält er überwiegend für elitäre Karrieristen. Sie würden nur einen Weg und nur eine Lebensrealität kennen – ihre.

Wie sehr das stimmt und wir reduzierende Echokammern und entkoppelte Filterblasen haben, mag ein kleines Beispiel demonstrieren. Twitter tobte nach den Ereignissen in Thüringen. Jeder, der diese Tage auf Twitter war, weiß es. Und sicher hat Thüringen auch viele normale Menschen im Land bewegt. Und doch gibt es da ein anderes, unpolitischeres Deutschland. Der Fokus-Journalist Marc Etzold twitterte nach seiner arbeitsreichen Woche nach Thüringen etwa ein Ereignis aus dem Fitnessstudio. Dort sprach er mit dem Fitnesstrainer: „Wie war deine Arbeitswoche?“ „Viel los wegen Thüringen“. „Was war in Thüringen?“. Nun kann man den Fitnesstrainer auslachen und herunterputzen, genauso wie den Pfälzer Elektromeister, der lieber über die Bundesliga oder seinen neusten Weber-Grill reden will, anstatt über Klimapolitik. Oder man kann das lassen, sich in Demut üben und für die eigene Sache inklusiv werben. Alle mit ins Boot holen, statt den Zeigefinger zu erheben und zu meinen: So und nicht anders.

Demut üben. Das ist auch die Kernbotschaft von Clemens Traubs Streitschrift. Argumente bringen, Zuhören, breit für die eigenen Anliegen werben, sachbezogen bleiben, andere Meinungen aushalten, Kompromisse suchen, Allianzen bilden, sich nicht in Eifer und Überheblichkeit verlieren. Sein letztes Kapitel plädiert zudem dazu, weg von der Klimamoral hin zu einer Klimatechnikpolitik zu kommen: Green Economy und nicht diffuse Weltrettungssymbolik.

Also ist doch Klimapolitik etwas für Profis – wie der FDP-Vorsitzende Christian Lindner einmal meinte? Es ist beides. Eine Bewegung, die auf Themen aufmerksam macht und Menschen, die nüchtern nach den besten Lösungen suchen. Zu dieser Nüchternheit zu finden, wünscht Clemens Traub der Klimabewegung „Fridays for Future“. Und sein letztes Kapitel skizziert auch den Weg für „Fridays for Future“.

Er heißt:

„Tech for future“.

Oder wie der grüne Vordenker und ehemalige Vorsitzende der Heinrich-Böll-Stiftung, Ralf Fücks, einmal sagte: Klima-Kids werdet Ingenieure!

 

Zum Autor: Nils Heisterhagen ist Publizist. Gerade erschien von ihm „Verantwortung“ im Dietz-Verlag.

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