Von der jüdischen Familie Hurwitz überlebte nur die Tochter Julie

Hitlerjugend und Angehörige des „Bundes deutscher Mädel“ marschieren 1939 durch Brockhagen  Foto: Heimatverein Brockhagen


Im Bauernhausmuseum in Bielefeld zeigt die Ausstellung „Ländliche Gesellschaft im Gleichschritt“ am Beispiel der Gemeinde Steinhagen den Alltag im Nationalsozialismus in Westfalen.

Die Täter kamen in der Nacht vom 10. auf den 11. November 1938. Ihr Namen sind bekannt: Ernst Kroos und Konrad Diekmann waren auf das Dach des Hauses der Familie Hurwitz in Brockhagen gestiegen und hatten Feuer gelegt. Fünf Gesinnungsgenossen unterstützten sie. Das Haus brannte bis auf die Grundmauern nieder. Die Feuerwehr gab sich keine Mühe, das es zu löschen: Die Hurwitz waren Juden und die Brandstifter Nazis. Über Jahre war die Familie drangsaliert und bedroht worden, nun wurde ihr Haus zerstört. Zu siebt waren die Täter in dieser Nacht, verurteilt werden sollten für ihr Verbrechen nur vier von ihnen. Von der Familie Hurwitz überlebte nur die Tochter Julie. Auf einem Foto ist die ganze Familie zu Beginn der 30 Jahre zu sehen: Eine stolze, westfälische Familie lächelt da dem Betrachter im Sonntagsstaat entgegen. Das Foto und die Geschichte der Familie ist Teil der Ausstellung „Ländliche Gesellschaft im Gleichschritt“, die noch bis zum 8. Oktober im Bauernhausmuseum in Bielefeld zu sehen ist. Sie geht zurück auf einen Beschluss des Rates der Gemeinde Steinhagen aus dem Jahr 2014, die nationalsozialistische Vergangenheit aufzuarbeiten. Der Historiker Jürgen Büschenfeld wurde beauftragt, die Geschichte der 1973 aus den Ortsteilen Amshause, Brockhagen und Steinhagen gebildeten Gemeinde aufzuzeichnen. Ein 2018 erschienenes Buch wurde dann zur Grundlage der Ausstellung, an der Geschichtstudenten der Uni Bielefeld über drei Semester mitarbeiteten. „Dass Studenten über mehrere Semester an einem Projekt arbeiten und in Archiven recherchieren“, sagt Ausstellungsmacher Jürgen Büschenfeld, „ist keine Selbstverständlichkeit.“ Die Arbeit hat sich gelohnt: Auf 22 Schautafeln ist gelungen umzusetzen, was Büschenfeld als Ziel der Ausstellung sieht: Zu zeigen, wie sich die Spuren der großen Geschichte auch in kleinen Orten wie Steinhagen finden lassen. Der Aufstieg der NSDAP begann auch in Steinhagen lange bevor Hitler zum Reichskanzler ernannt wurde und der Reichstag das Ermächtigungsgesetz beschloss. Im ländliche geprägten Brockhagen gelang es der NSDAP schon 1930 stärkste Partei zu werden. In Steinhagen, das mit seinen Kornbrennereien über eine breite Arbeiterschaft verfügte, schaffte es da noch die SPD, sich gegenüber den Nazis zu behaupten. Zu Beginn der 30 Jahre zogen auch Agitatoren der NSDAP durch die Orte und versprachen den Landwirten, sie würden zu einem neuen „Bauernadel“ aufsteigen.  Wie überall in Deutschland stellten sich auch in Steinhagen die Spitzen der lokalen Verwaltung begeistert in den Dienst des Nationalsozialismus und verfolgten nicht nur Juden, sondern schlugen auch Menschen, die als „Erbkranke“ angesehen wurden, zur Sterilisation vor.

Museumsdirektor Lutz Volmer (l.) und Ausstellungsmacher Jürgen Büschenfeld im Bielefelder Museum
Foto: Stefan Laurin

Beeindruckend sind die Fotos von Zwangsarbeitern, die nach Steinhagen verschleppt wurden. Die Menschen blicken einen an, mal ängstlich, mal stolz und mal voller Trotz. „Wir kennen ihre Namen nicht“, sagt Museumsdirektor Lutz Volmer, „Es wäre gut, wenn künftige Forschungen in Erfahrung bringen könnten, wer die Menschen waren und woher sie kamen.“

Ein Verdienst der Ausstellung ist, dass sie auch die Zeit nach der Kapitulation Deutschlands am 9. Mai 1945 schildert. Da müssen Juden die Entschädigung wollen mit denselben Beamten des Bielefelder Finanzamtes verhandeln, die einst dabei halfen, sie auszurauben, versuchen sich Lokalpolitiker, die glühende Nationalsozialisten waren, als Widerstandskämpfer darzustellen und werden Prozesse wie der um den Brand des Hauses der Familie Hurwitz über Jahre verschleppt.

Die meisten, das war ein Steinhagen nicht anders als überall in Deutschland, die während der Nazizeit das Sagen in Politik, Verbänden und Verwaltung hatten, überstanden das Kriegsende, ohne dass es ihren Karrieren geschadet hätte.

In Bielefeld ist zu sehen, was für eine hervorragende historische Ausstellung ein kleines Museum wie das Bauernhausmuseum mit einer Mischung aus Engagement und großem historischen Wissen verwirklichen kann.

Der Artikel erschien in ähnlicher Form bereits in der Welt am Sonntag

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