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Weiter Wahnsinn wagen

Intendant Arne Nobel zieht Bilanz/Foto: Chantal Stauder

Wer noch immer glaubt, in Bochum gebe es keine Künstler, wird im Falle des Bochumer Rottstr5-Theaters eines Besseren belehrt. Das hat kürzlich auch die Sparkasse Bochum eingesehen. Die Sparkassenstiftung gewährt dem Off-Theater erst- und einmalig eine Projektförderungssumme in Höhe von 25.000 Euro. Die neue Spielzeit steht unter dem Motto Kulturhauptstraße Rott 2011 und widmet sich im kommenden Jahr den Nibelungen. Nach 16 Monaten Wagnis zieht Arne Nobel, Intendant des Rottstr5-Theaters, im Interview Bilanz.

Stand das letzte Jahr noch im Zeichen Trojas, knüpft sich die Rottstraße mit den Nibelungen in den kommenden Monaten die ganz großen Themen vor. Die WG-Probleme von Lieschen Müller überlassen sie lieber dem Stadttheater. Zu den Nibelungen ist monatlich eine Premiere geplant. Den Auftakt beginnt das Theater mit Superheld Siegfried. Brauchen wir heute noch Helden? Eine Antwort sollte bis März gefunden werden, denn dann widmet sich Regisseur Hans Dreher auch schon Siegfrieds Tod. Außerdem wird ein Trauerspiel von Hebbel zu sehen sein. Fürs Frühjahr ist darüber hinaus unter dem Titel Die Nibelungen lesen eine 24-Stunden-Non-Stop-Lesung geplant. Dazu ruft das Rottstr5-Theater Bochumer Autoren, Journalisten und Schulklassen auf, kurze Texte oder Gedichte zu verfassen und diese bei der Lesung selbst vorzutragen. Interessierte hauen in die Tasten und schicken ihre Texte per E-Mail an: mail@rottstr5-theater.de

6 Schuss, 6 Monologe

Wer nicht so lange warten möchte, kann sich bei der Premiere von Sartres „Geschlossene Gesellschaft“ (Regie: Oliver Paolo Thomas) am 22. Januar davon überzeugen, ob die Hölle wirklich die Anderen sind. Unter der Moderation der Heiligen Drei Könige (Arne Nobel, Hans Dreher und Felix Lampert) findet zudem am Donnerstag um 19.30 Uhr eine visuell unterstützte „innerdeutsche Aufarbeitung“ der Vergangenheit des ehemaligen „Elitesoldaten“ Dreher statt. Zu Beginn der Woche wurde der vorläufig letzte Jahrgang für die Bundeswehr eingezogen, vielleicht auch deshalb überträgt Einslive Plan B am 6. Januar die Aufarbeitung der Militärgeschichte des Regisseurs Hans Dreher beim Three-Kings-Jukebox-Bingo im Bochumer Rottstr5-Theater.

Vom 7. bis zum 9. Januar findet das Revolver-Wochenende unter dem Motto „6 Schuss. 6 Monologe.“ statt. Am ersten Abend sind Richard III. und Nach Troja (Heimkehr) zu sehen: Zwei Kriegshelden, die gleichzeitig auch Opfer sind. Am Samstag folgt das Duett aus S.-Requiem für Sylvia Plath und Werther, zwei traurige Briefe- und Gedichteschreiber. Diese werden am Sonntag von den Utopisten abgelöst. Der eine träumt den Traum eines lächerlichen Menschen und der andere genießt Wodka in Dublin. Mit der neuen Spielzeit kehrt auch Cosmic Baseball zurück in die Rottstraße.

Es folgen 15 Fragen zur Finanzspritze, Kulturhauptstraße Rott 2011 und dem Traum vom freien Theater:

"Es klappt alles, das ist der größte Erfolg." / Foto: Chantal Stauder

Wie fällt euer Fazit für das Jahr 2010 aus? Kann man sagen, dass es ein erfolgreiches Jahr für euch war?

Unfassbar erfolgreich. Wir haben es geschafft, jeden Monat mindestens eine Premiere zu veranstalten. Wir sind unglaublich gewachsen was das Personal angeht. Die Crew hat sich vergrößert. Bei der Weihnachtsfeier zum Beispiel, die wir in diesem Jahr veranstaltet haben, sagte die Hälfte ab und wir saßen trotzdem mit mehr als 20 Personen da, die man alle sehr lieb gewonnen hat. Es gibt Geschichten und Verbindungen zu mehr als 20 Menschen, was auch ein persönlicher Erfolg ist. Der Laden trägt sich selbst, von den Zuschauerzahlen her. Alle Kritiken zu allen Stücken, die man gemacht hat zeigen, es ist nichts gefloppt, was unfassbar ist. Natürlich sind wir auch stolz auf die Nennung zum Theater des Jahres in verschiedenen Zeitungen. Wenn man bedenkt, dass wir vor einem Jahr noch ein Geheimtipp waren und jetzt überregional solch eine Resonanz erhalten, wird es schwer, die Erfolge noch zu toppen. Wir bekommen viele Anfragen von außerhalb, was toll ist. Der große Erfolg ist, dass anscheinend alles klappt. Wir haben unsere Ideen verwirklicht. Zum Beispiel Carsten Marc Pfeffer für vier Tage zu uns einzuladen, damit er über den Probenprozess bloggt. Und herausgekommen ist ein unglaublich toller Text. Auch, dass wir nach über 13 Jahren wieder mit Björn Geske zusammen arbeiten. Und das Tollste ist, der Laden macht auch noch Spaß! Vor allem unser Kinder- und Jugendtheater. Es klappt alles, das ist der größte Erfolg.

Welche besonderen Momente gab es für euch im letzten Jahr?

Jede Premiere war richtig schön, so dass man merkte, dass man es wieder mal geschafft hat. Ganz besonders Räuber Hotzenplotz. Und das ist jetzt keine Koketterie. Niemand musste zum Dienst eingeteilt werden. Alle waren da und haben geguckt, was die wundervollen Truffaldinos (Anm.: Jugendclub des Rottstr5-Theaters) auf die Bühne gebracht haben. Traurig war, das Konzert von Bad Boy Boogiez verpasst zu haben, weil ich krank war.

Was hat es mit dem Slogan „Kulturhauptstraße Rott 2011“ auf sich?

Ich war enttäuscht von der Kulturhauptstadt.2010 und habe überlegt, was fand ich gut, was kann man besser machen, was sollte öfter stattfinden, was war schön? Das war der Gedanke, natürlich mit einem Augenzwinkern. Es war nur überraschend, dass sich daraus direkt Kooperationen entwickeln und jeder eine Idee hat, was man machen könnte, um den Mächtigen zu beweisen, dass man nicht Milliarden ausgeben muss. Wir schaffen was Eigenes, was Nachhaltiges. Dazu ist genug Potential in der Rottstraße und in Bochum vorhanden.

"Wir haben keine Angst mehr vorm Scheitern." / Foto: Chantal Stauder

Was kannst du über die Subventionen seitens der Bochumer Sparkasse verraten?

Wir haben uns beworben und mit Herrn Townsend gesprochen, der einen Ausgabenstopp von der Stadt auferlegt bekommen hatte. Wir haben ihn nach Möglichkeiten der Förderung gefragt. Er hat uns dann auf die Sparkassen Stiftung hingewiesen. Dort haben wir dann ganz normal einen Förderungsantrag gestellt. Sie haben uns gewogen und für schwer genug befunden, wofür wir sehr dankbar sind. Wir haben viele angesprochen. Die Stadtwerke sind nun Werbepartner und der Intershop, der für mich die zweite große Kulturinstitution in Bochum ist. Lobo (Anm.: Friedhelm „Lobo“ Kerskis) vom Shop unterstützt uns also auch.

Euer Wunsch vom letzten Jahr nach finanzieller Förderung wurde erfüllt, was steht nun auf der Wishlist?

Der Wunsch ist teilweise erfüllt worden. Wir hatten die Befürchtung, eine Förderung könnte korrumpieren. Aber die Summe ist nicht so hoch, deswegen glaube ich nicht, dass es da eine Gefahr gibt. Wir werden uns unseren fröhlichen Anarchismus bewahren. Die Produktionsbedingungen werden im Grunde gleich bleiben. Die Summe ist eher eine Überlebensrettung. Ich wünsche mir, dass wir das Niveau halten und die Stücke für die Nibelungen so machen können, wie wir uns das vorstellen. Und, dass wir uns nicht untreu werden. Ein Zuschauer sagte zu mir, wir sollten weiterhin so demütig bleiben, aber den Kopf höher tragen.

Welche Erfahrungen nehmt ihr aus dem Jahr für 2011 mit?

Dass man Montage freimachen muss, was natürlich nicht immer klappt. Dass man genau diesen ganzen Wahnsinn weiterhin wagen muss. Dass wir unsere Ideen weiterhin verfolgen sollten. Wir nehmen auch unheimlich viel Selbstbewusstsein mit. Wir haben keine Angst mehr vorm Scheitern.

Welche Stücke sind am besten besucht?

Fight Club, das ist anscheinend irgendwie Kult. Da gehen die Leute auch mehrfach rein. Aber insgesamt pendelt es sich alles so zwischen 20 und 30 Leuten ein. Zum Beispiel bei der letzten Werther-Vorstellung, da wurden die Hälfte der Reservierungen wegen des Schneesturms abgesagt und plötzlich stehen um kurz nach 19 Uhr schon 15 Leute da.

Welche Inszenierung würdest du jemandem empfehlen, der noch nie im Rottstr5-Theater war?

Das kommt immer darauf an, wem ich das empfehlen soll. Jemandem, der nicht oft ins Theater geht würde ich Fight Club empfehlen. Wer gerne ins Theater geht, sollte sich Fräulein Julie ansehen.

Warum sollte man gerade euer Theater unterstützen?

Weil wir ehrlich und authentisch sind. Weil wir es alleine auf die Beine gestellt haben. Weil jeder, der kommt sieht, dass wir versuchen, die Welt damit ein wenig besser und schöner zu machen. Und weil es funktioniert und wir die Kohle nicht für irgendeinen Technikscheiß ausgeben, sondern nur für das Nötigste und immer nur, um weiterzumachen.

Schlingensief sagte der Neuen Zürcher Zeitung im Juli 2010 im Interview: „Die meisten Intendanten heute sind so kleine, zarte Pflänzchen, die ihr Programm mixen – ein Stück für die Oma, ein anderes für den Opa, für die Jugend ein wenig Hip-Hop oder Punkrock und für die Kinder Trallala. Ich finde aber, dass man das Theater auf diese Weise einfach nicht ernst nimmt, auch wenn man damit Zuschauerzahlen erzielt.“ Macht man das Theater in seiner Grundexistenz auf diese Weise wirklich platt?

Ja, ich habe den Verdacht, dass sich da abgeschafft wird. Wenn du ein starker Intendant bist, wie Peymann (Anm.: Claus Peymann übernahm 1979 die Intendanz am Schauspielhaus Bochum) oder Steckel (Anm.: Frank-Patrick Steckel übernahm die Intendanz ab 1986), dann können sich Kulturdezernenten dich nicht mehr leisten. Jemanden wie Schlingensief zu engagieren, Gott hab ihn selig, jemanden, der immer Position bezieht, das ist auch für Kulturverantwortliche schwierig. Haußmann (Anm.: Leander Haußmann übernahm 1995) hat mal gesagt, ein Stadttheater darf sich für nichts zu schade sein.

Muss Theater kommunizierbar bleiben?

Auf jeden Fall. Theater ist Kommunikation. Das ehrlichste und direkteste Medium. Es kann jederzeit etwas passieren. Die Vorstellung kann unterbrochen werden. Es ist auch toll, wenn Schauspieler abends miteinander sprechen. Das ist ja meine Hoffnung. Statt, dass man ständig etwas vorgesetzt bekommt, wie im Fernsehen. Das Theater ist uralt als der Aufstand der Menschen gegen die Götter. Ich hoffe, dass es eine Rückbesinnung ist, dass Menschen mehr Lust haben darauf. Es ist große Kommunikation, da gibt es die großen Themen.

Ist freies Theater Utopie, stirbt es aus oder ist das nur sein Ruf?

Ich glaube nicht, dass es ausstirbt. Die Frage ist, was man als freies Theater bezeichnet. Weder freies, noch kleines Stadttheater stirbt aus. Die großen Stadttheater sind zu teuer mit ihrem Apparat und nicht schnell genug. Es wird immer mehr freie Truppen und Theater geben. Wir entwickeln uns wieder zu dem fahrenden Volk, das wir einst waren. Bei staatlich subventioniertem Theater besteht die Gefahr, dass es langweilig wird. Da passiert vorher einfach viel zu viel, anstatt einfach Theater zu machen und die Künstler was Tolles produzieren zu lassen. Das kann man eher in der freien Szene machen. Natürlich sind die Leute enttäuscht, die in den 80er und 90er Jahren angefangen haben, die wurden zunächst viel subventioniert. Aber es gibt noch genug Irre, die diese Sehnsucht, diesen Zwang empfinden, sich auszudrücken, vor allem in unserer überdigitalisierten Welt.

Was war deine beständigste Motivation, freies Theater zu machen?

Die Freiheit.

Was motiviert dich weiterzumachen, wenn du mal zweifelst?

Die Verantwortung, die ich für die anderen trage. Mitarbeiter, Schauspieler, Assistenten, die ohne Kohle ihre Freizeit opfern, um Theater zu machen. Ja, die Verantwortung, das gut hinzukriegen und natürlich der Zuspruch des Publikums, wie ich glaube jeder Künstler. Außerdem ist es wie eine Sucht.

Wem möchtest du an dieser Stelle unbedingt einmal Danke sagen?

Bochum. Und meiner Crew.

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5 Kommentare zu “Weiter Wahnsinn wagen

  • #1
    Wolfgang Wendland

    So unterstützenswert auch die Aktivitäten des Rottstr-Theaters sind kann man nicht übersehen, dass auch die Mittel der Sparkasse als Mittel der Stadt Bochum anzusehen sind. Geld, das hier ausgegeben wird wird woanders eingespart z. B. hier: http://www.derwesten.de/staedte/wattenscheid/Jugendtreff-ist-gefaehrdet-id4044676.html
    Bei der derzeitigen Finanzlage der Stadt sollte der Gesamtbetrag für die Förderung von freien Theaterprojekten nicht ausgeweitet werden, sondern z. B. beim Prinz-Regent-Theater gespart werden.

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  • #3
    Stefan Laurin

    Tolles Interview. Tolles Theater. Tolle Chantal. Toller Arne.
    @Wolfgang: Man kann beim Personal der Stadt noch eine ganze Menge Geld sparen. Nur zum Beispiel: Ein, zwei Dezernenten weniger. Ämter mit anderen Städten zusammenlegen. Die Bogestra mit anderen Nahverkehrsgesellschaften zusammenpacken und Overheadkosten sparen. Von so Wahnsinns-Deals wie Steag mal ganz abgesehen. Da muss niemand an die freie Szene ran.

  • #4
    Wolfgang Wendland

    Ganz gleich ob man den gesamten Bereich (inkl. Schauspielhaus) nimmt oder die freie Szene, die meisten Mittel gehen für Theater drauf. Ich finde es schon logisch innerhalb der Mittel zu argumentieren, die die Stadt (dazu zähle ich auch die Spasskassenmittel) für Kultur ausgibt. Vor diesem Hintergrund finde ich es schon bedenklich, dass der Theateretat ausgeweitet wird, während z. B. für Nachwuchsbands nicht nur kein Geld zur Verfügung steht, sondern auch immer weniger Auftrittsmöglichkeiten.
    Beim Steag-Deal habe ich zwar auch den Eindruck, dass sowas nur an die Kommunen verkauft wird weil es Schrott ist, aber genau habe ich mich nicht damit beschäftigt. Da die Zustimmung wohl aus allen Partein kam müsste man das aber wohl um es beurteilen zu können.
    Natürlich gibt es genug Einsparpotentiale wie z. B. die Zusammenlegung der Verkehrsgesellschften im Ruhrgebiet aber das wäre alles viel zu Vernünftig für eine Kommunalpolitik die auf besitzstandswahrende Kirchtumpolitik ausgerichtet ist.
    Das Prinz-Regent-Theater sollte mal so etwas wie die gemeinsame Spielstätte der freien Szene in Bochum werden, manchmal beschleicht mich aber der Verdacht dass dort eher die prätentiösen Ansprüche von Frau Broll-Pape suventioniert werden. Ich würde dafür plädieren das Theter dorthin zu verlagern wo die Comödie Bochum war und zu dem zu machen was es mal werden sollte.

  • #5

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