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Wir müssen versuchen, die Autofahrer zu verstehen

Definitiv zu klein für eine Person. Foto: RvC

Derzeit lassen sich gewisse Spannungen zwischen Autofreunden und Autogegnern beobachten. Während Ulf Poschardt schon von “Verfolgung” spricht, blockieren Demonstranten den Zugang zur IAA und der Ruf der SUV-Fahrer war auch schon mal besser. Als besonnener Beobachter erkennt man freilich, dass das Auto als persönlicher Besitz ein großer Unfug ist, noch dazu, wenn es mit fossilen Brennstoffen fährt und erst recht, wenn es krankhaft überdimensioniert ist und die Leistung eines Baustellenfahrzeugs anstrebt. Man wünscht sich auch für die armen Opfer des Autowahns, dass sie den ca. fünfstelligen Betrag, den ihr Fortbewegungsmittel kostet, für schönere Dinge ausgeben könnten, eine Monatskarte etwa und ein paar Tausend Blue-Note-LPs oder vielleicht eine eigene Kläranlage.

Denn im Ernst, warum sollte man eine eigene Kläranlage vor der Haustür haben, wenn es weitverzweigte Wasserleitungen gibt? Und hätte man schon etwas früher auf weitverzweigte öffentliche Verkehrsmittel gesetzt, dann könnte man auch jetzt schon überall aufs eigene Auto verzichten, statt nur in der Großstadt, wo man schon ein Gewerbe sein eigen nennen muss, um ein Auto zu brauchen.

Aber so offensichtlich das alles ist: Die Leute, die jetzt gegen Autos demonstrieren oder auch nur andeuten, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung sinnvoll sein könnte, die vergessen, auf was für lange Schlipse sie treten, die denken, vernünftige Argumente spielten eine Rolle und müssten nur etwas provokativ in den Ring geworfen werden, dabei greifen sie tief in die Seelen der PKW-Besitzer ein. Sie ahnen gar nicht, welche Kränkungen sie verursachen und welche Verunsicherung sie androhen. Denn für den Normalbürger bedeutet das Auto viel mehr als nur Fortbewegung.

Das Auto ist Aushängeschild der Gehaltsklasse, es ist die einzige legitime Weise zu sagen: Ich habe ein Jahregehalt von XY. Ganze Berufsentscheidungen hängen an der Frage, was für ein Dienstwagen in welcher Laufbahn zu welchem Zeitpunkt üblich ist. Normale Rumhänger wie der Autor müssen das erstmal lernen, sich diese Denkweisen erschließen. So fiel mir, der ich im ländlichen Raum Hausbesuche mache, auf, wie ich gerade beim ersten Besuch mit einer gewissen Neugier an die Tür gebracht werde und dass man mit einem raschen Blick abklärt, was für ein Auto der Doktor fährt (und manchmal wird sogar ein etwas enttäuschtes “Ach so” gemurmelt).

Aber das Auto ist nicht nur Spiegel des Portemonnaies, sondern auch Born täglicher kleiner Selbstwert-Ejakulationen. Man beobachte, wie sich ein nennenswerter Teil der Verkehrsteilnehmer verhält, um zu ahnen, was für eine Rolle es in der Aufrechterhaltung der narzisstischen Homöostase spielt. Es ergibt ja ganz offensichtlich keinen Sinn, schneller als der Durchschnitt zu fahren, weil man sowieso an der nächsten Ampel wieder zusammenkommt und selbst wenn man eine Rotphase spart und 30 Sekunden früher zuhause ist, wartet dort nur die Ödnis der Vorstadtidylle. Dennoch wollen sie schnell sein, hängen, wenn man mal ein paar km/h langsamer fährt als maximal erlaubt (denn Höchstgeschwindigkeit heißt ja nicht Mindestgeschwindigkeit) an der Stoßstange wie kläffende Hunde an der Zwingertür. Sobald sich ein kleiner Spalt in dieser Tür ergibt, preschen sie an einem vorbei, ungefähr so ungeduldig wie jemand, der vor der Klotür wartet und schon mit zwei Fingern die Vorhaut zusammendrückt, weil es so pressiert.

Dabei könnte ja auch langsam Fahren das coolere sein. Woher kommt das eigentlich, mit der Geschwindigkeit? So wie früher Blässe elegant war, weil die gebräunte Haut ein Zeichen von Feldarbeit war, so könnte doch Gelassenheit im Straßenverkehr für die Privilegierten stehen. Nun, vielleicht ist es schon so, denn wie benachteiligt in allen anderen Lebensbereichen muss man sein, wenn man seine einzige kleine Befriedigung daraus zieht, jemanden beim Reißverschlussverfahren zu missachten und so nicht mal die dreißig Sekunden an der Ampel sondern vielleicht eine Zehntelsekunde einzusparen, die man später da ist, wenn ein Auto mehr vor einem fährt? Was für ein armseliges Leben muss man führen, wenn der Höhepunkt des Tages darin besteht, jemanden anzuhupen, der ein bisschen die Vorfahrt verpeilt?

Und wenn der Dreck der eigenen Seele zu viel wird, dann hat es selbstverständlich eine kathartische Wirkung, seinem anankastischen Reinlichkeitsbedürfnis nachzugehen und die Fingerabdrücke vom Lack zu tilgen, wenn schon das Über-Ich mir meine Aggressionen verbietet (außer den wenigen, die ich rauslasse, wenn ich einen Kleinwagen ausbremse).

Es geht also nicht um Transport und so müssen wir sehr behutsam vorgehen, wenn wir den durchschnittlichen Garagenbewohner davon überzeugen wollen, dass seine Ersatzreligion ungefähr so viel Zukunft hat wie die Mini-Disc oder der Zeppelin.

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13 Kommentare zu “Wir müssen versuchen, die Autofahrer zu verstehen

  • #1
    Arnold Voss

    Menschen bewegen sich, wie sie sind. Egal mit welchem Fahrzeug. Ja sie wählen ihre Fahrzeuge danach aus. Deswegen gibt es ja so viele Arten von Fahrzeugen mit so vielen verschiedenen Austattungen und Motorisierungsgrade. Und selbst wenn Menschen sich nur mit eigenen Kraft räumlich fortbewegen, kann man große Unterschiede zwischen ihnen feststellen. Die Repsektlosen sind bei jeder Bewegungsart respektlos und die Vorsichtigen vorsichtig. Die, die schnell sein wollen, sind selbst zu Fuß schneller als andere, wenn denn ihre Kraft dazu ausreicht.

  • #2
    Martin Conze

    Danke für diesen lichtvollen Beitrag! Ich wähnte die "Ruhrbarone" schon komplett dem Autowahn verfallen. Ob es genügend Zeit für die empfohlene Behutsamkeit gibt, scheint mir jedoch fraglich.

    Nebenbei: es ist das erste Mal, dass ich den Begriff "anankastisch" in meiner täglichen Lektüre verwendet finde, seit ich ihn vor Jahrzehnten bei Stanislaw Lem/ Pilot Pirx gelesen habe. Chapeau auch dafür!

  • #3
  • #4
  • #5
    Helmut Junge

    Robert, als ich jung war, kam ich manchmal mit den Monteuren meiner Firma zusammen, die alle im Ausland Überstunden und Überschichten "gekloppt" hatten um zuhause mit ihrem Konsum zu protzen. Diese Leute lebten während der Zeit der Montage in billigsten Zimmern, hatte aber die protzigsten Autos. Über meinen R4 haben alle gelacht. Mir war das Auto nur ein Fahrzeug. Einigemal habe ich Monteure gefragt, warum sie solche teuren Schlitten kaufen würden. Die Antwort war verblüffend einfach. Wenn sie Freitags vom Stahlwerk in Dünkirchen nach Hause in Gelsenkirchen führen, müßten sie schnell sein, weil jede Stunde wichtig war. Einige sind sogar als erstes in ihre Stammkneipe gefahren, wo der Wagen direkt sichtbar vor der Tür geparkt wurde. Später mußten sie natürlich bis zur Haustür laufen, wo die Frau schon angesäuert wartete. Diese Leute haben sich zu Tode gekrückt, damit sie sich sichtbar von anderen Arbeitern abzeichneten. Ich war mit meinem R4, den ich zwischen diesen teuren Schlitten geparkt hatte, voll zufrieden. Ich war allerdings mit 50 auch noch kein alter Mann. Die schon.

  • #6
    Gerd

    "Als besonnener Beobachter erkennt man freilich, dass das Auto als persönlicher Besitz ein großer Unfug ist, noch dazu, wenn es mit fossilen Brennstoffen fährt…"

    Nicht jeder gehört zur besser verdienenden Bionade Bourgeoisie und lebt in einer Großstadt.

  • #7
    abraxasrgb

    Ich geniesse die Luftfederung meines Range Rover (wegen der kaputten Straße im Ruhrgebiet) und das tiefenentspannte Drehmoment eines großvolumigen V8 mit Automatik und Armlehne am Leder-Fauteuil, der so viel Hubraum in Litern hat, wie andere Autos auf 100 Km Kraftstoff verbrauchen, weil ich es sehr relaxed angehen lasse(n kann).
    Dass ich so ein Auto wirklich gelegentlich funktional brauche (Anhängelast, Allrad, lange Reisen) etc. spielt ja bei dem Neid- bzw. Psychopathologie-Bashing ohnehin keine Rolle. Da macht Zielscheibe sein wirklich Spaß.

    Ich gönne jedem sein Ressentiment (das Gift, das man selbst trinkt, in der Hoffnung, der andere stürbe daran – frei nach Anaïs Nin). Wohl bekomm´s. So kompensiert man Defizite, nämlich durch Projektion.

    Narzissten sind anscheinend echt arme Schweine, die grandiosen, ebenso wie die verletzlichen … mich interessieren die Autos oder nicht-Autos anderer Menschen ehrlich gesagt überhaupt nicht. Chacun á son gôut …

    BTW Ja, ich benutze den auch zur Jagd … jetzt dürft ihr mich (wirklich) hassen 😉

  • Pingback: 17/09/19 - Zwei Buchstaben und einem im Sinn - il mio mondo

  • #9
    Arnold Voss

    @ abraxasrgb

    Und ich genieße es, mich darüber lustig zu machen, mit welcher Schlichtheit selbst kluge Köpfe ihre mobile Überarmierung vor sich selbst rechtfertigen. Wer selbst voller Ressentiments ist, sollte sich über die der anderen nicht zu erheben versuchen. 🙂

  • #10
    abraxasrgb

    Arnold … klar, provokativ überzeichnet. Aber es gibt ganz praktisch kaum Fahrzeuge mit 3,5 t zulässiger Anhängelast.
    Und manchmal macht „Arschloch“ spielen Spaß, auch wenn man sonst keines ist. Vor allem wenn man solche Steilvorlagen wie den Artikel bekommt. 😉
    Aber als Konzession an die diskursive Vernunft: Es gibt für Kurzstrecken und Stadtverkehr hier auch noch einen „Kleinwagen“ … und eine BahnCard in der Brieftasche .
    BTW nur der Geländewagen hat ausreichend Stützlast an der Anhängerkupplung für den Fahrradträger der Familie 😉
    Wobei ich konzediere, dass ich auch schon mal karikierend den Spruch: Klinisch sauberes Auto bedeutet oft psychisch schmutzige Seele, rausgehauen zu haben.
    Wobei ich die meisten SUVs eher aufgrund ihrer Formgebung als ästhetische Umweltverschmutzung sehe …
    Ich bin weder der Analytiker noch der Therapeut meiner Mitmenschen und schon gar nicht ihr moralisches Gewissen oder ihr externalisiertes Über-Ich. YMMV

  • #11
    Helmut Junge

    Schrankenhöhe vor Parkhäusern und Parkplätzen auf 1,40m runtersetzen und schon regelt sich das mit der Überarmierung. Dann können die SUV-Fahrer alle außerhalb der Stadt parken. Laufen ist sowieso gesund. Nein, ich bin nicht für gestzliche Einschränkungen der persönlichen Freiheit unserer libertären Freunde. Wieso?

  • #12
    thomas weigle

    In Bielefeld scheint ein langer Kampf von Anwohnern um eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 80Km/h von 100Km/h auf dem autobahnähnlichen Ost-Westfalen-Damm endlich erfolgreich zu enden, allerdings muss der Rat noch einen entsprechenden Beschluss fassen. Der widerstand war groß und hat sich einmal mehr gezeigt, dass einer leider nicht kleinen Gruppe von Geschwindigkeits- und PS-Fetischisten die Gesundheit, die körperliche Unversehrtheit ihrer Mitbürger einen Scheiß wert sind, v.a. denen, für die selbst die jetzige Geschwindigkeitsbegrenzung eher ein unverbindlicher Richtwert ist.
    Es wird Zeit, dass unsere Strafen im Verkehr endlich denen in anderen Ländern angepasst werden. Aber v.a. müssen Führerscheine viel schneller entzogen werden können als bisher. unsere aktuellen Geldstrafen sind da eher ein Ansporn für unverbesserliche Raser : WEITER SO.

  • #13
    Xyluz

    Da ist der Herr Doktor aber stark ins Projezieren geraten.
    Herr Doktor, nicht das Autofahren ist die Religion, sondern die animistisch anmutende Öko-Religion, die sie hier gerade vertreten.
    Woran es erkennbar ist?
    Die Mischung aus fehlgeleiteter Arroganz ("Selbstejakulation" von dem Herrn Doktor, natürlich), pseudomarxistischer Sprache ("Auto als persönlicher Besitz" -> Kommunist) und veralteter Ökosprache ("fossile Energieträger" -> höchstwahrscheinlich wird Öl nach heutiger Kenntnis NICHT über Dinosaurerknochen produziert, das ist veraltetes Wissen der 90er).

    Der Herr Doktor ist sich natürlich auch nicht zu fein ein Auto mit den Wasserwerken zu vergleichen.
    Nun, Herr Doktor, das Problem ist: Mein Haus ist immobil. Mein Auto nicht. Das wäre kontraproduktiv. Verstehen Sie das?

    Bei allem Respekt für ihre medizinischen Kenntnisse (?), nur weil Sie dort fundiertes Wissen haben heißt das für sie leider nicht, dass sie sonst irgendwelche Kenntnisse haben. Herr Doktor.
    Jemand der wahrscheinlich schon jahrelang nicht mehr im freien Markt agieren muss lasse ich mir nicht erzählen wie das leben besser wäre, insbesondere wenn er sich selbst für besonnen erklärt.
    Herr Doktor, wussten sie eigentlich, dass es sehr verdächtig ist wenn man sich selbst beschreiben muss, ohne aufgefordert zu werden?

    Wenn ich mich für intelligent halte, dann zeige ich es, und behaupte es nicht einfach, denn es ist nicht nötig dies zu behaupten, es ist selbstevident.

    Anyway, denken Sie, Herr Doktor, noch einmal in Ruhe darüber nach was sie gerade von sich gegeben haben, und ob es nicht einfach sein kann, dass sie die Lebensrealität vieler Menschen nicht kennen. Und glauben Sie mir, viele dieser Menschen sind in ihrem Bereich mindestens so kompetent wie Sie in Ihrem Bereich.

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