Wird es in Zukunft noch Fortschritt geben?

Visualisierung eines Fusionsexperimentes Foto: T. Sunn Pedersen, M. Otte, S. Lazerson, P. Helander, S. Bozhenkov, C. Biedermann, T. Klinger, R. C. Wolf, H. -S. Bosch & The Wendelstein 7-X Team Lizenz: CC-BY 4.0


Die seit Jahrzehnten bestehenden deutschen Zweifel am Fortschritt fasst niemand so schön in Worte wie der Soziologe Andreas Reckwitz. Besser macht es das nicht.

Irgendwann in den 70er Jahren hat Deutschland den Glauben an den Fortschritt verloren. Seit über 50 Jahren wird jede neue Technologie skeptisch beäugt, die mit ihr verbundenen Risiken ausführlich dargelegt und die Chancen heruntergespielt. Allenfalls im gesellschaftlichen Bereich wird Fortschritt nur von wenigen kritisch gesehen: Die Ausweitung des Wahlrechts, ein immer großzügigeres Sozialsystem, die Emanzipation von Minderheiten und die weitgehende Öffnung der Grenzen werden von vielen begrüßt und sind längst nicht mehr nur Anliegen von Liberalen und Linken.

Fast in Vergessenheit geraten ist allerdings, dass der gesellschaftliche und technische Fortschritt, in dessen Folge auch die Wirtschaft wächst, seit Jahrhunderten zusammengehen. Andreas Reckwitz hat also Recht, wenn er in der Zeit schreibt:

„Die moderne Gesellschaft, die liberale Demokratie westlichen Typs und der Fortschrittsanspruch sind untrennbar miteinander verwoben. Um welchen Fortschritt es dabei genau geht – mehr Freiheit oder mehr Gleichheit, mehr Wohlstand oder mehr Technologie, mehr Staat oder mehr Markt –, ist zwar regelmäßig umstritten gewesen. Aber dass das Ziel von Technologie und Wissenschaft, Wirtschaft und schließlich Politik grundsätzlich Fortschritt im Sinne einer Entwicklung zum Besseren lautet und dass dies auch möglich scheint, bildet gleichsam die gesellschaftliche DNA der westlichen Moderne. Diese Gesellschaft lebt wie keine andere von einem Fortschrittsversprechen.“

Doch am blauen Himmel des Fortschrittsglaubens sieht Reckwitz dunkle Wolken aufziehen: Der Klimawandel, die verlorene globale Dominanz des Westens, der Bevölkerungsrückgang in vielen westlichen Gesellschaften und der damit einhergehende Mangel an Fachkräften, die bevorstehende Krise des Rentensystems zählt er ebenso dazu wie die bröckelnde Infrastruktur und die Krise des Bildungssystems und die zunehmende militärische Bedrohung. Migration ist für ihn offenbar keine erwähnenswerte Herausforderung, das Wort findet sich im gesamten Text kein einziges Mal.

Reckwitz schlägt vor, Fortschritt künftig anders als bisher zu definieren: Nicht ein immer mehr, sondern eine Gesellschaft, die lernt mit Verlusten zu leben und resilienter wird, also auch im Krisenfall stabil bleibt. Denn das, was wir bislang als Krise wahrnehmen, wie Wohlstandsverluste, wird seiner Ansicht nach zumindest für große Gruppen der Gesellschaft der Normalfall sein. Hält die Politik wie bislang an ihrem klassischen Fortschrittsversprechen fest, sei das gefährlich: „Für die etablierten Parteien ist diese Situation hochgradig riskant: Wenn die positiven Zukunftserwartungen schrumpfen, die Politik jedoch weiterhin Fortschrittsgewissheit predigt, wird das politische Vertrauen weiter schwinden.“ Populisten könnten die Situation ausnutzen: „Es ist das Erfolgsrezept des Populismus, dass er Verlusterfahrungen und -ängste ausbeutet. Der Ausweg für die etablierte Politik kann allerdings nicht darin bestehen, Verlusterfahrungen unter den Teppich zu kehren, sondern sie offen zu verhandeln. Dies wäre ein Fortschritt eigener Art: eine Gesellschaft, die an Reife gewinnt und erwachsen wird, indem sie manchen Verlusten offen ins Gesicht sieht und (trotzdem) mit ihnen weiterlebt.“

Er kommt auch zu dem Schluss, dass der „geschichtsphilosophische Glaube an eine vermeintlich automatische Entwicklung zum Besseren wohl endgültig aufzugeben“ sei. Dass es keine automatische Entwicklung zum Besseren gibt, ist allerdings eine Binsenweisheit: Nach dem Ende des weströmischen Reichs erlebte Europa einen Niedergang, aus dem es sich erst langsam Jahrhunderte später herausarbeiten konnte. Auch China und Indien sind durch lange Phasen von Abstieg und Stagnation gegangen und erlebten ihren Wiederaufstieg erst in den letzten Jahrzehnten. Wer eine Entwicklung zum besseren will, konnte sich noch nie auf die Geschichte verlassen, sondern musste auf Innovation und Technik setzen.

Für Reckwitz ist klar, was Politiker wie Habeck, Baerbock oder Lang zu überdecken versuchen: Es wird kein „grünes“ Wachstum geben. Er ist ehrlicher, ist allerdings auch nicht von Wählerstimmen abhängig. Eine grüne Politik, und damit ist nicht nur die Politik der gleichnamigen Partei gemeint, sondern eine Politik, die in den vergangenen gut 15 Jahren von allen demokratischen Parteien in Deutschland mehr oder weniger verfolgt wurde, führt folgerichtig in eine Wirtschaft, die kein Wachstum mehr kennen wird und den Bürgern Verzicht auferlegt. Das haben vor ihm bereits Ulrike Herrmann (taz) und Bernd Ulrich (Zeit) mehrfach geschrieben. Aber es ist falsch, wenn sie alle so tun, als ob das ein Phänomen wäre, das, wenn nicht global, so wenigstens den ganzen Westen betreffen würde und die einzig mögliche Reaktion auf den Klimawandel wäre. Der Weltklimarat IPCC geht in seinen Prognosen davon aus, dass Wirtschaft und Wohlstand in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsen werden, auch wenn der Klimawandel und seine Folgen sich wachstumshemmend auswirken werden. Die Beschwörung einer Gesellschaft des Verzichts ist vor allem ein deutsches Phänomen. Viele Argumente, die Reckwitz als Gründe für weniger Wachstum und das notwendige Ende des Fortschrittsglaubens anführt, sind schlicht falsch. Ja, die drei goldenen Jahrzehnte mit dem höchsten Wirtschaftswachstum waren die drei Jahrzehnte zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Ölkrise 1975. Aber auch danach gab es noch beeindruckendes Wachstum und vor allem eine große Verbesserung der Lebensverhältnisse. Das Bruttoinlandsprodukt Deutschlands ist zwischen 1973, dem Jahr der ersten Ölkrise, und 2015 von knapp unter 300 Milliarden US$ auf über 3,3 Billionen US$ angestiegen. Und wem das zu abstrakt ist, der kann sich wahlweise an die frühen siebziger Jahre erinnern oder in den Geschichtsbüchern nachschauen. Die Zahl der angemeldeten Kraftfahrzeuge stieg im selben Zeitraum von gut 17 auf über 44 Millionen, die Wohnfläche pro Kopf von 26,4 Quadratmeter (1972) auf 47 Quadratmeter. Und diese Wohnungen haben heute nahezu alle eine Heizung, ein Bad oder eine Dusche. Die Außentoilette ist schon lange Vergangenheit – in den 70er Jahren war sie, vor allem in Altbauten, nicht unüblich. Aber auch wenn man mal das Materielle beiseite lässt, kann sich die Entwicklung in Deutschland seit den 70er Jahren sehen lassen: In Ost und West machten 1972 15 Prozent der Schüler Abitur, 2015 waren es 51 Prozent. Weltweit ging in den vergangenen Jahrzehnten Hunger, Armut und Kindersterblichkeit massiv zurück. Die Menschen leben länger, sind gebildeter und wohlhabender.

Auch sieht man im Ausland den Klimawandel nicht als Grund, von Wachstum und Technik abzulassen. Mariana Mazzucato, die „Lieblingsökonomin“ von Wirtschaftsminister Robert Habeck, plädiert dafür, auf den Klimawandel mit einer Art „Mondflugprogramm“ zu reagieren und durch massive staatliche Investitionen die Entwicklung neuer Technologien zu fördern. Die Mondmission hat tatsächlich zu zahlreichen Innovationen geführt, die später den Alltag prägen sollten, wie die Entwicklung von Mikrocomputern. Mazzucato schreibt allerdings auch: „Der Ausstieg aus der Kernenergie machte die Energiewende schwieriger, da die rasche Abschaltung der Atomkraftwerke nur den Bedarf an Kohlekraftwerken erhöhte. Der Versuch, zwei Ziele – kohlenstoffarme und atomkraftfreie Energie – zugleich zu erfüllen, kann zu Widersprüchen führen, wenn man zu schnell vorgeht. So gehört Deutschland inzwischen zu den Nachzüglern in der Powering Past Coal Alliance, einem Club nationaler und subnationaler Regierungen, die sich das Ende der Stromerzeugung aus Kohle in OECD-Ländern bis 2030 auf die Fahnen geschrieben haben. Wenn Deutschland seine CO2-Emissionen nicht erheblich reduziert, wird die Energiewende ihr Kernziel nicht erfüllen.“

Man kann, wie Mazzucato, den Klimawandel als Anlass für die Entwicklung neuer Technologien sehen oder, wie Reckwitz, als Anlass zum Verzicht.

Ein anderer Grund, der aus Sicht von Reckwitz gegen Fortschrittsoptimismus spricht, sei der angebliche Verlust der Hegemonie des Westens: „Global büßt der Westen seine mächtige ordnende Rolle ein und wird von einer Phalanx teils autoritärer, teils nach Autonomie strebender Regionen der Weltgesellschaft herausgefordert.“ Das war aber in den drei „goldenen Jahrzehnten“ zwischen 1945 und 1975 auch nicht anders: Als Folge der damaligen Autonomiebestrebungen verloren die Staaten des Westens nahezu alle Kolonien. Viele der neu entstandenen Staaten orientierten sich politisch und wirtschaftlich nicht an den USA oder Westeuropa, sondern an den Staaten des Ostblocks und China. Im direkten Machtbereich dieser Länder lebte 1989 vor dem Zerfall des Ostblocks ein Drittel der Menschheit und die Hälfte aller Europäer. Die Ära zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und dem Ende des Kalten Krieges war geprägt durch Kriegsangst und Wettrüsten. Aber gerade Letzteres trug zu zahlreichen technologischen Innovationen wie der Raumfahrt, der Entwicklung moderner Flugzeuge, der Digitalisierung und dem Aufbau des Internets bei. Dass Konkurrenz, der Druck, der aus Bedrohung entsteht, den Fortschritt antreibt, ist nicht neu: Das in viele Einzelstaaten zersplitterte Europa des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit, dessen Länder im harten und oft militärischen Wettbewerb zueinander standen, wurde genau in dieser historischen Phase zu einem globalen Innovationszentrum. Kleine Staaten wie die Niederlande, Großbritannien oder Portugal setzten sich in der Folge dank moderner Schiffe und Waffen gegen ihnen wirtschaftlich überlegene Großreiche wie Indien oder China durch.

Dass Deutschland, wie von Reckwitz gefordert, resilienter wird, ist sicher richtig. Militärexperten fordern dies angesichts der Bedrohung durch Russland schon länger und sowohl die Corona-Pandemie als auch der Überfall Russlands auf die Ukraine haben gezeigt, wie verwundbar die Republik ist. Doch Resilienz kann es ohne technischen Fortschritt und Wachstum nicht geben. Wenn Deutschlands Wohlstand noch weiter absinkt und seine technologischen Fähigkeiten weiter zurückgehen, wird es als Angriffsziel attraktiver, weil es sich gar nicht erlauben kann, in seine Armee und den Zivilschutz zu investieren. Eine Absicherung gegen die heute schon alltäglichen Cyberangriffe aus Russland und China ist nur einem Hightech-Land möglich. Sinkender Wohlstand würde dazu führen, dass Fachkräfte ins Ausland gehen würden. Nicht alle, aber noch mehr Ärzte, Ingenieure, Handwerker, Informatiker oder Facharbeiter könnten dann das Land verlassen und dahin ziehen, wo sie mit höheren Gehälter und besseren Lebensverhältnissen rechnen können.

Aber mit neuen Technologien rechnet Reckwitz ohnehin kaum mehr: „Sicher, in manchen Bereichen ist weiterhin mit Fortschritten im klassischen Sinne zu rechnen, zum Beispiel in der Anwendung künstlicher Intelligenz oder in der Medizin. (…) Aber die Regel ist das nicht mehr. Im 21. Jahrhundert kann das Verhältnis zum Fortschritt in den westlichen Ländern nicht das gleiche bleiben wie im 19. und 20. Jahrhundert.“ Diese Einschätzung hat mit der Wirklichkeit nichts zu tun. In den vergangenen Jahren kam es zu Durchbrüchen in der Gentechnik (CRISPR/Cas), neue Antriebstechnologien wie der Elektromotor für Autos haben Marktreife erlangt, in der Kerntechnik gab es neue Entwicklungen sowohl bei Kleinreaktoren als auch bei der Kernfusion, die Raumfahrt (Starship und die Robotik (Figure) lassen Science Fiction-Visionen wahr werden, Solaranlagen sind heute bei der Stromproduktion deutlich effektiver und auch im Bereich der Speichertechnologien gibt es Fortschritte. Es gibt nicht den geringsten Grund anzunehmen, dass es in Zukunft weniger technischen Fortschritt geben wird. Eher ist es der Fall, dass wir, durch KI und Gentechnik, an der Schwelle einer neuen Epoche stehen. Wer das wie Reckwitz nicht sieht, ist zu fixiert auf die Idee einer Postwachstumsökonomie der Wirtschaft hat als einzige Lösung für die gegenwärtigen Herausforderungen.

Wohlstand ist auch ein wichtiger Faktor in einer Gesellschaft, die in den vergangenen Jahrzehnten immer diverser wurde und deren Mitglieder immer weniger verbindet: „Der gesellschaftliche Zusammenhalt“, schreibt der Soziologe Aladin El-Mafaalani 2022 in einem Beitrag in der Zeitschrift Leviathan, „wurde in der Vergangenheit nicht nur durch Gemeinsamkeiten und Bindekräfte, sondern auch durch starke Zukunftsversprechen generiert: das Versprechen von Teilhabezuwächsen, von Solidarität, Wohlstand und Aufstieg.“ Es wird nicht gelingen, den Menschen zu erklären, warum sie sich in Deutschland auf einen Sonderweg begeben sollen, der zu Wohlstandsverlusten führt. Geht er zurück, werden nicht nur populistische Parteien wie die AfD und BSW bei Wahlen weiter zulegen, sondern die Konflikte innerhalb der Gesellschaft zunehmen, was auch zu mehr Gewalt führen wird.

Reckwitz’ Forderung nach einer Gesellschaft, die sich vom Fortschrittsglauben verabschiedet, ist sehr deutsch und wirkt aus der Zeit gefallen: Die Ära der grünen Hegemonie ist vorbei. Reckwitz versucht sie intellektuell zu retten, was aber nur unter Verleugnung der Wirklichkeit gelingen kann.

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