
Es ist ein vertrautes Schauspiel – und diesmal könnte es das letzte sein. Von unserem Gastautor Tobias Huch.
Während US-amerikanische und israelische Bomben auf Teheran fallen und die Mullahs um ihr politisches Überleben kämpfen, schickt die CIA wieder einmal kurdische Kämpfer in den Sturm. Laut übereinstimmenden Berichten von CNN, Reuters und der New York Times versorgt der US-Geheimdienst iranisch-kurdische Milizen entlang der irakisch-iranischen Grenze mit Waffen, um einen Aufstand in Irans Nordwesten zu befeuern. Die Botschaft aus Washington klingt dabei vertraut, fast eingeübt: Ihr seid wichtig. Ihr seid unverzichtbar. Wir brauchen euch.
Nur: Die Kurden haben diesen Satz schon einmal gehört. Mehrmals. Und sie kennen inzwischen auch den Satz, der danach kommt – den, den Washington nie ausspricht, aber immer meint: „Bis wir euch nicht mehr brauchen.“
Wer glaubt, dass dieses CIA-Programm zufällig an die Presse gelangte, versteht nicht, wie das Spiel gespielt wird. Und wer es als harmlosen Geheimdienstfehler abtut, unterschätzt, mit welcher Kaltblütigkeit hier Kurs gesetzt wird.
Der Leak ist kein Versehen. Er ist die eigentliche Operation
Wenn ein Geheimdienst etwas durchsticht, das er unter normalen Umständen um jeden Preis geheim halten würde, dann lohnt sich eine simple Frage: Wem nützt es – und wann? Ich bin nach allem, was ich über diese Region weiß und in den letzten Jahren beobachtet habe, überzeugt: Diese Enthüllung ist keine Panne. Sie ist kalkuliert. Und sie verfolgt mehrere Ziele gleichzeitig.
Das erste Ziel ist Iran. Die Botschaft nach Teheran ist unmissverständlich: Kommt an den Verhandlungstisch – oder wir destabilisieren euren ethnisch-kurdischen Nordwesten von innen. Eine glaubwürdige Drohung ist bei Verhandlungen oft nützlicher als ein tatsächlicher Angriff. Man muss die Waffe nicht abfeuern, man muss sie nur sichtbar auf den Tisch legen. Der Leak ersetzt die Operation. Er ist Druck ohne Kosten – zumindest für Washington.
Das zweite Ziel sind die Kurden selbst. Indem der Leak die kurdische Beteiligung als bereits laufendes Programm darstellt, entsteht öffentlicher Zugzwang auf jene Fraktionen, die noch zögern oder intern diskutieren. Wer jetzt nicht mitmacht, riskiert, als Blockierer eines amerikanischen Projekts dazustehen – politisch isoliert, intern gespalten, von Washington als unzuverlässig abgestempelt. Das ist keine Einladung zur Partnerschaft. Das ist Nötigung durch Publicity. Washington drängt seine eigenen Verbündeten über die Presse, weil ein offizieller diplomatischer Kanal Rechenschaftspflicht bedeuten würde. Und Rechenschaftspflicht gegenüber kurdischen Partnern hat Washington seit Jahren, nein: seit Jahrzehnten, systematisch verweigert.
Das dritte Ziel ist die Türkei. Ein öffentlich bekanntes kurdisches Mobilisierungsprogramm entlang der türkischen Süd- und Ostflanke zwingt Ankara in eine strategische Zwickmühle: NATO-Solidarität auf der einen Seite, die eigene tiefverwurzelte Sicherheitsdoktrin auf der anderen. Für die Türkei ist die Entstehung eines weiteren kurdischen Machtgebildes an ihren Grenzen der schlimmste aller Albträume – und das weiß Washington genau. Auch dieser Druck auf Ankara ist kein Zufall. Er ist einkalkuliert.
Das Ergebnis dieser dreischichtigen Strategie: Die Kurden werden zum Spielball mehrerer konkurrierender Agenden – ohne dass eine davon die ihre ist.
Mein größter Fehler war es, den USA zu vertrauen
1975 ließ Kissinger die irakischen Kurden fallen, als der Schah und Saddam Hussein im Algier-Abkommen Frieden schlossen. Über Nacht versiegte die amerikanische Unterstützung. Die kurdische Bewegung brach zusammen. Hunderttausende wurden vertrieben. Mustafa Barzani, der legendäre Peshmerga-Führer und Vater des heutigen KDP-Chefs Masud Barzani, sagte damals mit einer Bitterkeit, die seither nichts von ihrer Schärfe verloren hat: „Mein größter Fehler war es, den USA zu vertrauen.“
1991 rief Washington die Kurden und Schiiten im Irak zum Aufstand gegen Saddam Hussein auf. Die Antwort war heroisch – und das Ergebnis katastrophal. Die USA schauten zu, wie Saddam die Aufständischen mit Hubschraubern und Artillerie niederwalzte. Washington hatte seine taktischen Ziele erreicht. Die Kurden nicht.
2017 hielt Kurdistan sein Unabhängigkeitsreferendum ab. Fast 93 Prozent stimmten in einer nach westlichen Standards abgehaltenen Wahl für die Eigenstaatlichkeit. Ich war als offizieller Wahlbeobachter vor Ort. Es war einer der bewegendsten politischen Momente in der Geschichte dieses Volkes. Washington sabotierte ihn stillschweigend. Kirkuk, das Herzstück der kurdischen Hoffnungen, fiel zurück an Bagdad. Die Briten sicherten sich die Ölfelder. Die Kurden bekamen die Rechnung.
2019 genügte ein Telefonat zwischen Trump und Erdoğan, um die SDF – jene Kraft, die das territoriale Kalifat des Islamischen Staates auf Kosten zehntausender eigener Kämpferinnen und Kämpfer zerstört hatte – über Nacht dem türkischen Militär auszuliefern. Amerikanische Truppen zogen sich von den Grenzpositionen zurück. Kein Wort der Entschuldigung. Keine Erklärung. Eine Entscheidung, getroffen in einem Telefonat, vollzogen ohne Rücksprache.
Und dann die letzten Monate. Ich habe in Rojava (Kurdistan-Syrien) gesehen, was passiert, wenn Amerika die Augen schließt. Als US-Truppen sich aus strategischen Stützpunkten in Nordostsyrien zurückzogen und Washington einen Deal mit Damaskus fädelte, der die SDF faktisch zur Selbstauflösung zwang, war das keine Überraschung. Es war die Fortsetzung eines Musters. Und als das neue Regime in Damaskus eine Offensive gegen kurdische Gebiete startete, herrschte aus Washington wieder diese vertraute Stille. In Aleppo wurden Kurdinnen und Kurden abgeschlachtet. Amerika schwieg.
Das war kein Missverständnis. Das war Politik.
Ohnmacht ist keine Zustimmung
Dass die kurdische Regionalregierung in Erbil trotzdem mitmacht, dass sie sich in dieses neue CIA-Programm einspannen lässt, ist für manche vielleicht überraschend. Für mich ist es das Bild von Ohnmacht. „Es ist sehr gefährlich, aber was können wir tun? Wir können Amerika nicht widersprechen„, sagte ein hochrangiger KRG-Offizieller gegenüber CNN. Das ist kein Einverständnis. Das ist nicht Begeisterung. Das ist die Sprache eines kleinen Akteurs, dem man ein Messer an die Kehle hält und der trotzdem freundlich lächelt, weil er keine Wahl hat.
Die Kurden im Iran sollen also die Drecksarbeit erledigen. Sie sollen iranische Sicherheitskräfte in den Grenzgebirgen binden, Ressourcen strecken, vielleicht einen Korridor schaffen. Und was dann? Gibt es schriftliche Garantien für eine Autonomieregion? Einen Vertrag, den man vor Gericht einklagen könnte? Eine internationale Absicherung, die Bestand hat, wenn die Mullahs weg sind und ein neues Teheran die alten Nationalismen wiederbelebt?
Die Antwort kennen wir. Es gibt mündliche Zusagen. Andeutungen in Hinterzimmern. Hoffnungen, an die sich niemand mehr erinnern kann, wenn der strategische Moment vorbei ist. Das Muster wiederholt sich mit einer Regelmäßigkeit, die jeden Vorwurf der Verschwörungstheorie entkräftet: Es ist schlicht die nachgewiesene Praxis amerikanischer Kurdenpolitik.
Washington und Israel spielen verschiedene Spiele – und Riad mischt im Hintergrund mit.
Was die Lage noch komplizierter macht und was in der öffentlichen Debatte kaum thematisiert wird: Washington, Israel und Saudi-Arabien verfolgen durch dieselben kurdischen Netzwerke und durch denselben Krieg völlig unterschiedliche Endziele. Und nicht alle davon werden vor laufenden Kameras ausgesprochen.
Die USA wollen keinen zusammengebrochenen Iran. Sie wollen einen geschwächten Iran – einen, der unter Druck an den Verhandlungstisch kommt, ein Nuklearabkommen unterschreibt, seine regionalen Proxys zurückpfeift und im Gegenzug eine geordnete Reintegration in die Weltwirtschaft erhält. Ein kontrollierter, begrenzter Regime-Druck dient diesem Ziel. Ein echter Zusammenbruch nicht – zumindest nicht in der ursprünglichen Washingtoner Kalkulation.
Israel denkt anders. Für Jerusalem ist die Islamische Republik eine existenzielle Bedrohung, keine verhandelbare Größe. Israelische Strategen haben jahrzehntelang über ein post-islamistisches Iran nachgedacht, das an alte, vorrevolutionäre Beziehungen anknüpfen könnte. Israelische Unterstützung für iranische Oppositionsbewegungen, einschließlich kurdischer Gruppen, ist keine Neuigkeit – sie reicht weit vor die aktuelle Krise zurück.
Und dann ist da noch Riad. Abseits der Kameras, in den langen Gesprächen zwischen dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman und der Trump-Administration, dürfte ein Thema dominieren: die endgültige Beseitigung des Mullah-Regimes. Denn Saudi-Arabien zahlt seit Jahren einen blutigen Preis für die iranische Expansionspolitik. Der Jemen-Krieg ist kein regionaler Konflikt – er ist ein von Teheran gesteuerter Stellvertreterkrieg gegen Riad, geführt durch die Huthis, finanziert und bewaffnet durch die Islamische Republik. Die Huthi-Drohnen und -Raketen auf saudischem Territorium tragen iranische Handschrift. Für Mohammed bin Salman al Saud, genannt MBS, ist das keine abstrakte Bedrohung. Es ist eine existenzielle.
Hinzu kommt: Für den Kronprinzen wäre ein Iran ohne Mullah-Regime strategisch weit leichter zu händeln. Ein post-islamistischer Iran, der mit einer neuen Führung um regionale Einflusszonen verhandelt, ist kalkulierbar. Das heutige Regime mit seinem ideologischen Sendungsbewusstsein und seinem Netzwerk aus Hisbollah, Huthis und irakischen Milizen, wie al-Haschd asch-Schaʿbī, ist es nicht. Saudi-Arabien wird daher hinter den Kulissen erheblichen Druck auf Washington ausüben – auf Trump, der enge wirtschaftliche und persönliche Bande nach Riad pflegt – um nicht bei einem Verhandlungsdeal mit Teheran zu landen, sondern bei einem Regimewechsel.
Wenn also Washington verhandeln will, Israel transformieren will und Saudi-Arabien beseitigen will, dann laufen drei Verbündete parallele, sich teils ausschließende Operationen durch dieselben Netzwerke. Die Kurden navigieren dann nicht mehr zwischen Freund und Feind. Sie navigieren zwischen drei Mächten, von denen jede ihre eigene Vorstellung vom „Tag danach“ hat – und bei keiner davon stehen die Kurden oben auf der Prioritätenliste.
Um eine vollständige Beseitigung des Regimes und seines Machtapparats wird man dabei wohl nicht herumkommen – zu tief sind die Strukturen des IRGC in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft verankert, als dass ein bloßer Führungswechsel reichen würde. Ob nach diesem Zusammenbruch für die Kurden eine echte Autonomie herausspringt – oder gar ein eigener Staat im iranisch-kurdischen Nordwesten – dürfte die spannendste geopolitische Frage der kommenden Jahre werden. Die Antwort hängt davon ab, wer beim Neuschreiben der iranischen Nachkriegsordnung am Tisch sitzt. Und bisher saßen die Kurden bei solchen Tischen immer nur so lange, wie man sie brauchte, um die Einladungen zu verteilen.
Was die Kurden wirklich brauchen
Masud Barzani wurde 1946 in Mahabad geboren – der kurzlebigen Republik Kurdistan im heutigen Iran. Eine Stadt, in der er heute nicht ohne Lebensgefahr auftreten kann. Es ist das Sinnbild für ein tiefes, historisches Unrecht: Ein Volk von schätzungsweise 50 Millionen Menschen, aufgeteilt auf vier Staaten nach dem Ersten Weltkrieg, deren Nationalismus sich jeweils auf Kosten der Kurden definiert hat und bis heute definiert.
Irgendwann will auch Masud Barzani ohne Angst seine Geburtsstadt besuchen. Das ist kein großer politischer Anspruch. Es ist das Mindeste, was einem Menschen zustehen sollte.
Dieses Unrecht löst sich nicht durch einen CIA-Geheimdienstplan, der in drei Jahren vergessen ist. Nicht durch eine Operation, die primär konzipiert wurde, um Druck auf Teheran zu erzeugen – und bei der die Kurden selbst das Druckmittel sind. Nicht durch mündliche Zusagen zwischen Geheimdienstlern, die keine Vollmacht haben und keine Konsequenz fürchten müssen.
Was es braucht, hat sich seit Mustafa Barzanis bitterem Urteil von 1975 nicht verändert: rechtsverbindliche, international garantierte Vereinbarungen. Verträge – keine Absprachen in Hotelzimmern. Abkommen, die von mehreren Staaten mitgetragen werden, einschließlich der Türkei, des Irak und perspektivisch eines zukünftigen Iran. Ein regionales Sicherheitsrahmenwerk, das kurdische Autonomie nicht als temporäres taktisches Instrument begreift, sondern als dauerhaften Stabilitätsfaktor in einer chronisch instabilen Region.
Das klingt utopisch. Ich glaube, es ist es nicht. Was tatsächlich utopisch ist, ist die Vorstellung, dass ein Volk immer wieder als Werkzeug eingesetzt werden kann, ohne dass irgendwann die Bereitschaft erlischt, dieses Spiel mitzuspielen – und ohne, dass irgendwann die Welt zur Kenntnis nimmt, was hier systematisch geschieht.
Die Kurden können helfen, Teile Irans zu befreien. Das mag militärisch stimmen. Aber solange sie selbst nicht frei sind – solange sie zwischen Bagdad, Ankara, Damaskus und Teheran zerrieben werden, während Washington ihnen auf die Schulter klopft und wenige Monate später den Rücken zudreht – bleibt jeder Einsatz wertlos. Jeder Sieg ohne Fundament ist nur der Beginn der nächsten Niederlage.
Vertrauen reicht nicht mehr. Die Zeit dafür ist vorbei. Es braucht Verträge. Es braucht Zeugen. Es braucht Konsequenzen für den Fall des Verrats.
Und es braucht eine internationale Gemeinschaft – gerade auch Europa –, die aufhört, die Kurdenfrage als regionales Randproblem zu behandeln, und sie als das anerkennt, was sie ist: eine der zentralen Gerechtigkeitsfragen unserer Zeit.
Der Autor ist hat 2019 das Buch „Kurdistan – Wie ein unterdrücktes Volk den Mittleren Osten stabilisiert“ im riva-Verlag veröffentlicht. Er ist berichtet regelmäßig aus Krisengebieten im Nahen Osten (Kurdistan, Syrien, Irak, Israel) und veröffentlicht Inhalte u.a. auf seinem YouTube-Kanal (https://youtube.com/tobiashuch).
