Umgang mit der AfD: Wenn Journalismus zum Eigentor wird

AfD-Mahnwache gegen Extremismus. (Kein Scherz); Archiv-Foto: Robin Patzwaldt

Wie Millionen andere auch habe ich am Sonntag die Wahlberichterstattung in der ARD verfolgt. Eigentlich ging es an diesem Abend um einen überraschenden Wahlausgang: den Sieg von Cem Özdemir und seiner Partei, Bündnis 90/Die Grünen. Doch je länger der Abend dauerte, desto stärker beschäftigten mich ganz andere Dinge. Einige Momente der Berichterstattung hinterließen bei mir ein ungutes Gefühl – und zwar nicht wegen des Wahlergebnisses, sondern wegen der Art und Weise, wie mit der Alternative für Deutschland (AfD) umgegangen wurde.

Schon früh zeigte sich ein erstes Problem: Die Prognosen und ersten Hochrechnungen erwiesen sich als erstaunlich unpräzise. Ein zunächst recht komfortabel wirkender Vorsprung der Grünen von rund drei Prozent schrumpfte im Laufe des Abends auf weniger als ein Prozent zusammen. Solche Korrekturen gehören zwar zum Wahlabend dazu, doch die Dimension überraschte. Was mich allerdings deutlich mehr irritierte, war der Ton in einigen Interviews.

Konfrontation statt Gespräch

Besonders auffällig war der Umgang mit der Co-Bundesvorsitzenden der AfD, Alice Weidel. Bereits ihre erste Stellungnahme zum Wahlausgang wurde von der Interviewerin in einem Tonfall begleitet, der weniger nach journalistischer Nachfrage als nach offener Konfrontation klang. Natürlich gehört es zu den Aufgaben von Journalisten, kritisch nachzufragen und auch unangenehme Themen anzusprechen. Doch entscheidend ist, wie dies geschieht.

Der Versuch, Weidel mit aktuellen Negativschlagzeilen rund um ihre Partei zu konfrontieren, wirkte in diesem Fall erstaunlich unvorbereitet. Sie konnte die Vorwürfe relativ mühelos abwehren und verwies etwa beim Thema Vetternwirtschaft darauf, dass auch andere Parteien nicht frei von ähnlichen Vorwürfen seien. Ob man diese Argumentation überzeugend findet oder nicht – in der konkreten Situation wirkte sie schlagfertig. Am Ende des Interviews hatte sie eher den Eindruck erweckt, die Situation souverän gemeistert zu haben. Das ging ‚zu leicht‘!

Wenn die Kritik ins Leere läuft

Ähnlich lief es bei einem Interview mit einem regionalen AfD-Spitzenkandidaten. Dieser wurde mit einem angeblich enttäuschenden Wahlergebnis seiner Partei konfrontiert. Das Problem: Seine Partei hatte ihr Ergebnis im Vergleich zur vorherigen Wahl nahezu verdoppelt.

Als der Politiker daraufhin verwundert reagierte und sogar von einem leicht höheren Stimmenanteil (über 18 Prozent statt rund 17) sprach, wirkte die Frage der Journalistin plötzlich schlecht vorbereitet. Später stellte sich heraus, dass seine Zahl näher an den endgültigen Ergebnissen lag. Damit hatte sich das Interview endgültig gedreht: Aus der geplanten kritischen Befragung wurde ein Moment, in dem der Politiker als vermeintlicher Sieger aus der Situation hervorging. Auch hier ging der Versuch einer Bloßstellung völlig nach hinten los!

Gerade in einer Live-Sendung mit großem Publikum kann so etwas schnell passieren – doch genau deshalb ist gründliche Vorbereitung entscheidend.

Ungleiche Maßstäbe am Wahlabend?

Was den Eindruck zusätzlich verstärkte, war der Vergleich mit anderen Interviews des Abends. Vertreter anderer Parteien wurden deutlich sachlicher und teilweise sogar freundlich befragt. Kritische Nachfragen gab es auch dort, doch sie wirkten weit weniger konfrontativ.

Diese unterschiedliche Behandlung war zumindest auffällig. Und sie wirft eine grundsätzliche Frage auf: Ist es wirklich in Ordnung, eine Partei am Wahlabend so zu behandeln, während andere deutlich fairer interviewt werden? Gerade öffentlich-rechtliche Medien stehen schließlich unter besonderer Beobachtung, wenn es um Neutralität und Ausgewogenheit geht. Auch hier lieferte man der AfD seitens der ARD aus meiner Sicht zu leicht gute Argumente für (berechtigte) Medien-Kritik.

Ein Effekt, der das Gegenteil bewirken kann

Der vielleicht problematischste Effekt solcher Interviews liegt jedoch woanders. Statt die AfD bloßzustellen oder kritisch einzuordnen, kann ein überzogen konfrontativer Ton genau das Gegenteil bewirken. Wenn Journalisten schlecht vorbereitet wirken oder Fragen offensichtlich ins Leere laufen, entsteht schnell der Eindruck von Voreingenommenheit.

Und dieser Eindruck kann dazu führen, dass sich Zuschauer – selbst solche, die politisch ganz anders denken – plötzlich mit den interviewten Politikern solidarisieren. Genau dieses Gefühl stellte sich bei mir ein. Als eher links orientierter Mensch käme es für mich nicht infrage, die AfD zu wählen. Doch an diesem Abend wirkte der Umgang mit ihren Vertretern teilweise so ungeschickt, dass man ihnen als Zuschauer innerlich fast automatisch zur Seite gesprungen ist.

Zeit für eine kritische Selbstreflexion

All das hinterließ am Ende des Abends bei mir viele Fragezeichen. Waren die Journalisten hier ’nur‘ schlecht vorbereitet bzw. ausgewählt? Oder war die konfrontative Strategie gegenüber der AfD bewusst gewählt – und ging nur fürchterlich nach hinten los? Am Ende jedenfalls durften sich die interviewten AfD-Vertreter ganz klar als Sieger fühlen. An der Wahlurne und auch am Mikrofon. Und das, ohne große Mühen und etlicher deutlich erkennbarer ‚Fehler‘ im Vorfeld der Wahl.

So oder so sollte sich die ARD diese Berichterstattung noch einmal genau ansehen. Denn kritischer Journalismus ist wichtig, gerade gegenüber Parteien wie der AfD. Doch Kritik funktioniert nur dann, wenn sie präzise, gut vorbereitet und fair formuliert ist. Andernfalls wird aus kritischem Journalismus schnell ein Eigentor – und genau das konnte man an diesem Wahlabend beim Umgang mit der AfD mehrfach beobachten.

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Raimund Vollmer
Gast
1 Monat vor

Warum gibt es dazu keine Kommentare? Ich habe den Wahlabend auf Phoenix verfolgt, hatte dort das Gefühl, dass es dort fair und angemessen zuging. Vielleicht habe ich deshalb um ARD und ZDF einen Bogen gemacht. Und wenn es hier keinen Kommentar dazu gibt, dann auch, weil wir Zuschauer vor dem Hohepriestertum der Öffentlich-Prächtigen resigniert haben. Manchmal packt mich – ich bin seit 1973 im journalistischen Beruf, Vater /Ruhrnachrichten) und Onkel (WAZ) waren ebenfalls Journalisten – regelrechtes Fremdschämen. Bei dem Autor dieses obigen Artikels fühle ich mich aber zuhause.

Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
1 Monat vor

„Warum gibt es dazu keine Kommentare?“
Weil das kaum noch jemanden überrascht?
Aus dem ÖRR hört man hin und wieder Äußerungen, die verlohrenes Vertrauen problematisieren. Meiner Wahrnehmung nach hängt dieses Bedauern den Fakten einen Schritt hinterher.
Viele haben kein Zutraun mehr in den ÖRR.

Wenn die Quelle, die ich gesehen habe, korrekt ist, hat es beim ZDF online wohl wieder einen dummen Fehler bei der Erstellung von Balkendiagrammen bezüglich des Wahlergebnisses in BW gegeben.“
Fernsehsender bzw. Fernsehsenderbeiträge, die nicht Unterschichtenmedium sind, sind eine Ausnahme geworden. Auf Arte habe ich kürzlich nach 5 Minuten eine Naturdoku abgeschaltet, weil sie so unsagbar dumm daher kam, daß es (für mich) unerträglich wurde.
Stelle ich im Bekanntenkreis die Scherzfrage, „Was ist der Unterschied zwischen ARD/ZDF und Bild? Bei Bild weiß man, man macht Boulevard.“, erlebe ich nur noch ausnamhmsweise Überraschung oder klaren Widerspruch.
Daß der Himmler nach all den Pannen und Skandälchen wohl einfach glatt als Intendant wiedergewählt wird, verdeutlicht noch das ganze Elend.

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