
Etwa 60 Gäste kamen am Dienstagabend ins Gemeindezentrum der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen. Eingeladen hatte die Deutsch-Israelische Gesellschaft Duisburg-Mülheim-Oberhausen. Markus Püll von der DIG begrüßte den Gast des Abends: Prof. Dr. Stephan Grigat (CARS – Centrum für Antisemitismus- und Rassismusstudien / Stop the Bomb)
Das Thema war so aktuell wie bedrückend: „Der Antisemitismus der Ajatollahs – Die Struktur des iranischen Regimes und der Hass auf Israel“.
Fast auf den Tag genau zwei Jahre zuvor, hatte an dieser Stelle der deutsch-israelisch-persische Politologe und Autor Arye Sharuz Shalicar über den Terrorangriff des 7. Oktobers 2023 und das Regime in Teheran, das diesen Terror fördert, referiert:
Seitdem ist viel passiert. Die israelische Luftwaffe hat tatkräftig an der Stadtplanung Gazas mitgewirkt, zahlreiche Hamas-Führungskader verstarben vorzeitig und die Terrororganisation verlor einen erheblichen Teil ihrer Infrastruktur.
In Sachen Iran und den iranischen Terrorproxies kam einiges in Bewegung: Die Terrororganisation Hisbollah verlor diverse Anführer. Ihre Kombattanten, durch umgerüstete Pager, einige ihrer Gliedmaßen. Das iranische Nuklearwaffen- und Raketenprogramm wurde, durch den aktuellen Einsatz und dem vergangenen Zwölftagekrieg zwischen Israel und dem islamistischen Terrorstaat, zumindest verlangsamt.
Größter Förderer der islamistischen Terrorgruppen, die vom Jemen, aus Gaza und dem Libanon aus gegen Israel Krieg führen, ist das Mullah-Regime im Iran. Seit Jahrzehnten arbeitet Teheran zudem am Griff zur Atombombe. Über Ideologie, Machtstrukturen und Antisemitismus der Islamischen Republik sprach Prof. Dr. Stephan Grigat in Duisburg.
Prof. Dr. Stephan Grigat sprach in Duisburg über Iran, Israel und deutsche Illusionen
Der Referent, Prof. Dr. Stephan Grigat, machte gleich zu Beginn deutlich, dass es beim Iran nicht um irgendeine Diktatur geht. Nicht um einen gewöhnlichen autoritären Staat. Sondern um ein Regime, dessen Ideologie seit 1979 wesentlich vom Hass auf Israel und Juden geprägt ist.
„Ohne eine Reflexion darauf, wie dieses Regime beschaffen ist, was sein institutioneller Aufbau ist und vor allem, was seine tatsächliche Ideologie ist, nämlich seine antisemitische Ideologie, kann man nicht wirklich verstehen, warum es zu der aktuellen Auseinandersetzung gekommen ist“, sagte Stephan Grigat.
Die Uhr läuft gegen Israel
Ein zentrales Bild seines Vortrags war eine Installation im Zentrum Teherans, auf dem Palästina-Platz. Dort zählt das iranische Regime öffentlich die Zeit bis zur angeblichen Vernichtung Israels herunter. Auf Englisch steht dort: „Left before destruction of Israel“.

Stephan Grigat nannte das keine Folklore und keine bloße Propaganda für den Hausgebrauch. Es sei ein politisches Programm.
„Das ist keine Geheimwissenschaft, die man mit kritischer Finesse erst herausarbeiten müsste“, sagte er. Seit 1979 stehe die Feindschaft gegen Israel im Zentrum der Politik der Islamischen Republik.

Dass Israel im Krieg auch symbolische Ziele wie diese Installation angegriffen habe, sei deshalb kein Zufall gewesen. Militärisch sei das kaum relevant gewesen. Politisch aber schon: Israel habe der Welt noch einmal zeigen wollen, mit welchem Gegner es zu tun habe.
Kein monolithischer Staat
Der Iran sei, so Prof. Dr. Stephan Grigat, keine simple Ein-Mann-Diktatur. Das mache das Regime besonders stabil. Unterhalb des obersten geistlichen Führers existierten verschiedene Machtzentren: Wächterrat, Schlichtungsrat, Expertenrat, Pseudoparlament, Revolutionsgarden.
„Das iranische Regime ist keine monolithische Diktatur“, sagte Stephan Grigat. Es gebe Fraktionen, aber diese stritten nicht über die Ziele. Sie stritten über die Methode.
Das sei der große Fehler westlicher Iranpolitik gewesen: die Hoffnung, man könne „Moderate“, „Pragmatiker“ oder „Reformer“ im System stärken. Nach Stephan Grigat ist das eine Illusion. Der Hass auf Israel werde von allen relevanten Fraktionen geteilt.
„Man streitet nicht darüber, was die Ziele sind, sondern maßgeblich darüber, wie man diese Ziele am besten erreicht.“
Die Revolutionsgarden als Machtzentrum
Besonders wichtig seien die Revolutionsgarden. Sie seien längst nicht nur eine militärische Organisation, sondern ein wirtschaftliches, politisches und ideologisches Machtzentrum. Sie kontrollierten große Teile des Außenhandels, das Raketenprogramm und das Nuklearprogramm.
Stephan Grigat beschrieb den Iran als eine Art Doppelstaat: traditionelle staatliche Institutionen auf der einen Seite, revolutionäre Institutionen auf der anderen. In der Praxis hätten die revolutionären Strukturen oft das größere Gewicht.
Das sei entscheidend, wenn man über das Atomprogramm, die Hisbollah, Hamas, den Islamischen Dschihad oder iranische Anschläge auf jüdische Einrichtungen weltweit spreche.

Khomeini, Hitler und die Vorgeschichte
Grigat zeichnete auch historische Linien nach. Eine seiner Folien zeigte das bekannte Treffen zwischen dem Großmufti von Jerusalem, Amin al-Husseini, und Adolf Hitler im November 1941 in Berlin. Grigat verwies damit auf die Verbindung zwischen nationalsozialistischer Propaganda, arabischem Antisemitismus und späteren ideologischen Entwicklungen im Nahen Osten.

Eine wichtige Rolle spielte auch Ruhollah Khomeinis Schrift Der islamische Staat. Grigat kritisierte, dass dieses zentrale Werk in Deutschland politisch oft zu wenig beachtet werde.

Antisemitismus mit mehreren Quellen
Stephan Grigat unterschied mehrere Formen des Antisemitismus im Denken des Regimes. Erstens traditionelle islamische Judenfeindschaft. Zweitens modernen verschwörungsmythischen Antisemitismus. Drittens Holocaustleugnung. Viertens eliminatorischen Antizionismus.
Er verwies auf Ruhollah Khomeini und dessen Schriften. Dort finde sich nicht nur die Vorstellung, Juden seien seit jeher Feinde des Islams. Dort finde sich auch die moderne Verschwörungsidee einer angeblichen jüdischen Weltherrschaft.
„Die eigenen Weltherrschaftsansprüche werden projiziert auf die zukünftigen jüdischen Opfer“, sagte Stephan Grigat. Das erinnere in seiner Struktur an den nationalsozialistischen Antisemitismus.

Auch die Holocaustleugnung sei im Iran kein Randphänomen. Unter Mahmud Ahmadinedschad sei sie offen ins Zentrum der Außenpolitik gerückt. Doch Stephan Grigat betonte: Auch andere Präsidenten und sogenannte Pragmatiker hätten entsprechende Positionen vertreten oder Holocaustleugner hofiert.

Vernichtung als politisches Ziel
Der Hass auf Israel sei nicht bloß Rhetorik. Das Regime habe ihn praktisch umgesetzt: durch Unterstützung der Hisbollah, durch Förderung palästinensischer Terrororganisationen, durch Anschläge auf jüdische Einrichtungen.
Als Beispiel nannte Prof. Dr. Stephan Grigat das AMIA-Attentat von Buenos Aires 1994. Bei dem Anschlag auf das jüdische Gemeindezentrum starben 85 Menschen. Verantwortliche aus dem iranischen Machtapparat werden bis heute international gesucht. Einer von ihnen ist inzwischen Befehlshaber der iranischen Revolutionsgarden.

„Wir reden über einen bewaffneten Antisemitismus“, sagte Stephan Grigat.
Gefährlich werde diese Ideologie durch ihre Kombination: eliminatorischer Antizionismus, islamistischer Märtyrerkult, Revolutionsideologie und technologische Aufrüstung.
Deutsche Iranpolitik: Illusion und Kollaboration
Scharf kritisierte Stephan Grigat die deutsche und europäische Iranpolitik der vergangenen Jahrzehnte. Deutschland sei lange einer der wichtigsten westlichen Handelspartner des Regimes gewesen. Damit habe man indirekt die Stabilität eines Systems gestützt, das Israel offen mit Vernichtung bedroht.
Besonders bitter sei der Widerspruch zur deutschen Staatsräson. Seit Angela Merkel gelte die Sicherheit Israels rhetorisch als Teil der deutschen Staatsräson. Praktisch habe Deutschland aber häufig eine Politik betrieben, die das iranische Regime stärkte.

Stephan Grigat sprach von einer „Kollaborationspolitik“. Das ist ein hartes Wort. Aber traurige Realität, gerade mit Blick auf die jüngsten Mordpläne der Mullahs gegen Josef Schuster und Volker Beck.
Israelische Regierungen hätten seit Jahrzehnten vor dem iranischen Atomprogramm gewarnt. Nicht nur Benjamin Netanjahu. Schon Jitzchak Rabin habe Anfang der 1990er Jahre die iranische Bedrohung ernst genommen und versucht, die arabischen Nachbarn Israels zu befrieden, um sich dem äußeren Gefahrenkreis Iran widmen zu können.
Abraham-Abkommen als Gegenmodell
Zum Ende wurde Stephan Grigat etwas optimistischer. Die Abraham-Abkommen zwischen Israel und mehreren arabischen Staaten seien mehr als normale Friedensverträge. Anders als der kalte Frieden mit Ägypten oder Jordanien gingen sie teilweise in Gesellschaft, Kultur, Bildung und Wirtschaft hinein.
In Staaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten und Marokko werde inzwischen über Holocaust Education nicht nur gesprochen, sondern sie werde praktisch umgesetzt. Das könne langfristig wichtiger sein als viele westliche Nahost-Floskeln.
Denn der Kern des Nahostkonflikts sei nicht allein die Siedlungsfrage. Ein zentraler Kern sei der weit verbreitete Antisemitismus in islamisch geprägten Gesellschaften. Wer diesen Antisemitismus angehe, verändere mehr als jede diplomatische Simulation.
Iranische Bevölkerung gegen das Regime
In der Diskussion ging es auch um die iranische Bevölkerung. Stephan Grigat betonte, dass das Regime heute keineswegs mehr breite Unterstützung genieße. Nach seiner Einschätzung lehne eine große Mehrheit der Bevölkerung das System ab. Das Problem sei: Die Minderheit, die noch hinter dem Regime stehe, besitze Waffen, Sicherheitsapparate und Gewaltmittel.
Ohne Unterstützung von außen werde es deshalb schwer, das Regime zu stürzen. Die Protestbewegungen im Iran hätten immer wieder Mut gezeigt. Doch das Regime habe sie brutal niedergeschlagen.

Fazit
Der Abend in Duisburg war kein Wohlfühltermin. Er war eine notwendige Erinnerung daran, dass der Hass auf Israel im iranischen Regime kein Betriebsunfall ist, sondern zum Kern des Systems gehört.
Wer das ignoriert, versteht den Iran nicht. Wer es verharmlost, gefährdet Israel. Und wer weiter so tut, als könne man mit ein paar moderaten Funktionären im Apparat eine echte Veränderung erreichen, hat aus über vier Jahrzehnten Islamischer Republik nichts gelernt.
Oder, wie Prof. Dr. Stephan Grigat es sinngemäß sagte:
Wenn man im Iran eine substanzielle Veränderung will, reicht kein Austausch von Fraktionen.
Dann muss dieses Regime weg.