
Es ist schon fast bewundernswert. Kaum glaubt man, Galeria Karstadt Kaufhof habe endlich den Tiefpunkt erreicht, folgt zuverlässig die nächste Hiobsbotschaft. Neue Geldsorgen, Lieferstopps, drohende Filialschließungen – schon wieder.
Und ebenso zuverlässig beginnt anschließend das immer gleiche Schauspiel: Irgendjemand kündigt einen Neuanfang an, Politiker sprechen vom Erhalt der Innenstädte, Mitarbeiter hoffen auf den nächsten Investor und die Öffentlichkeit tut so, als könnte diesmal tatsächlich alles anders werden.
Mal ehrlich: Wen soll das eigentlich noch überraschen?
Das Unternehmen stirbt seit über zwei Jahrzehnten öffentlich und gut sichtbar vor sich hin. Jeder neue Eigentümer wurde als Retter gefeiert, jede Insolvenz als Chance verkauft und jede Umstrukturierung als großer Befreiungsschlag angekündigt. Das Ergebnis? Galeria ist heute kleiner, schwächer und angeschlagener denn je.
Die Wahrheit ist unbequem, aber sie liegt seit Jahren offen auf dem Tisch: Nicht Corona hat Galeria ruiniert. Nicht René Benko. Nicht Thomas Middelhoff. Nicht Nicolas Berggruen. Sie alle haben ihren Anteil am Niedergang gehabt. Doch das eigentliche Problem sitzt viel tiefer. Das Geschäftsmodell des klassischen Kaufhauses ist schlicht aus der Zeit gefallen.
Von der Einkaufstempel-Legende zum Sanierungsfall
Es gab einmal eine Zeit, da waren Karstadt und Kaufhof tatsächlich Institutionen. Wer einen neuen Pullover, Kochtöpfe, Spielzeug oder eine Kamera kaufen wollte, ging ins Kaufhaus. Das war praktisch, bequem und für viele Familien gehörte der Einkaufsbummel am Samstag einfach dazu. Doch diese Welt existiert längst nicht mehr.
Heute bekommt der Kunde praktisch alles günstiger, schneller und oft sogar bequemer geliefert. Für Elektronik gibt es spezialisierte Händler, für Mode unzählige Ketten und Onlineshops, für Haushaltswaren ebenso. Das Kaufhaus bietet von allem etwas – aber nichts mehr, weshalb man unbedingt dorthin fahren müsste.
Genau darin liegt das Problem. Ein Geschäftsmodell, das vor allem auf der Aussage „Wir haben von allem ein bisschen“ basiert, überzeugt im Jahr 2026 kaum noch jemanden. Man kann ein überholtes Geschäftsmodell zehnmal neu streichen. Modern wird es dadurch trotzdem nicht.
Das Kaufverhalten hat sich längst entschieden
Ich musste über die aktuellen Schlagzeilen ehrlich gesagt schmunzeln. Nicht, weil die Situation für die Beschäftigten lustig wäre – ganz im Gegenteil. Sondern weil ich bereits 2020 geschrieben habe, dass Kaufhäuser praktisch keine Zukunft mehr besitzen.
Und meine eigene Entwicklung bestätigt das bis heute.
In den 1990er-Jahren fuhr ich regelmäßig nach Dortmund oder Recklinghausen, stöberte stundenlang durch Karstadt oder Kaufhof und gab dort jeden Monat ordentlich Geld aus.
Heute? Ich könnte nicht einmal sagen, wann ich zuletzt bewusst ein Kaufhaus betreten habe. Noch viel wichtiger: Ich habe keinen vernünftigen Grund mehr, es zu tun.
Warum sollte ich?
Im Internet bekomme ich dieselben Produkte meist günstiger, die Auswahl ist größer und ich spare mir Anfahrt, Parkplatzsuche und Parkgebühren. Das ist keine ideologische Entscheidung gegen den stationären Handel. Das ist schlicht bequemes und rationales Konsumentenverhalten.
Genau deshalb laufen auch die regelmäßigen „Kauft lokal!“-Kampagnen weitgehend ins Leere. Natürlich klingt das sympathisch. Nur kaufen Menschen am Ende eben dort ein, wo Preis, Auswahl und Komfort stimmen. Romantik bezahlt keine Rechnungen.
Mitleid mit den Mitarbeitern – aber nicht mit der Realität
Am meisten leiden unter dieser Dauerkrise die Beschäftigten. Verkäuferinnen, Verkäufer und Auszubildende haben die Misere nicht verursacht. Viele von ihnen halten den Laden seit Jahren mit bemerkenswertem Engagement am Laufen und hoffen trotzdem immer wieder auf die nächste Wunderrettung. Diese Hoffnung ist menschlich nachvollziehbar. Sie dürfte allerdings erneut enttäuscht werden.
Wenn Lieferanten bereits keine Ware mehr schicken, Mieten nicht bezahlt werden können und erneut Tausende Arbeitsplätze auf der Kippe stehen, dann reden wir nicht mehr über eine kurzfristige Krise. Dann sprechen wir über das Endstadium einer Entwicklung, die seit vielen Jahren läuft.
Vielleicht findet sich tatsächlich noch einmal irgendein Investor. Vielleicht bleiben einige Häuser sogar noch eine Weile geöffnet.
Doch die entscheidende Frage lautet längst nicht mehr, ob Galeria irgendwann verschwindet.
Die eigentliche Frage lautet nur noch: Wie viele Insolvenzen, Rettungsversuche und vollmundige Versprechen möchte man den Menschen eigentlich noch zumuten, bevor endlich akzeptiert wird, dass dieses Kapitel des deutschen Einzelhandels seinem Ende entgegengeht?
So bitter das für die Beschäftigten auch ist: Manche Branchen sterben nicht wegen schlechter Manager. Sie sterben, weil die Welt sich weitergedreht hat. Und genau das ist bei Galeria längst der Fall.