
Wenn ein ukrainischer Diplomat vor dem Einfluss Russlands auf deutsche Parteien warnt, dauert es meistens nicht lange, bis sich jemand vom Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) empört.
Diesmal hat Sevim Dağdelen (BSW, ehemaliges Mitglied von Die Linke, ehemaliges Mitglied des Bundestages) diesen Job übernommen.
Kritik am Kreml wird zum ukrainischen Wahlbefehl

„Der ukrainische Botschafter Oleksii Makeiev versucht in Deutschland zu dekretieren, wer hier zu wählen ist und wer nicht.“
Das behauptet Sevim Dağdelen am gestrigen Abend auf Facebook und fordert – ganz im Sinne Moskaus – eine Einbestellung des ukrainischen Botschafters.
Das klingt nach einem handfesten diplomatischen Skandal. Hat nur einen kleinen Haken: Im Interview mit der WELT (€) hat Makeiev niemandem vorgeschrieben, welche Partei zu wählen sei.
Im Gegenteil.
Auf die Frage nach einem möglichen AfD-Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt stellt der ukrainische Botschafter zunächst ausdrücklich klar: „Die deutschen Wähler treffen ihre eigenen Entscheidungen.“
WELT: Lassen Sie uns kurz in Deutschland bleiben: Die als russlandfreundlich geltende AfD könnte im September nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt erstmalig einen Ministerpräsidenten stellen. Beunruhigt Sie diese Aussicht?
Makeiev: Als Botschafter darf ich mich nicht in innere Angelegenheiten einmischen. Die deutschen Wähler treffen ihre eigenen Entscheidungen. Als europäischer Botschafter weise ich jedoch darauf hin, dass es in Deutschland Parteien am rechten und am linken Rand gibt, die offenbar jeden Morgen Weisungen aus Moskau bekommen. Denn aus eigener Dummheit heraus könnte man so etwas nicht von den Sitzen des Bundestags oder der Landtage vortragen. (Quelle: WELT (€))
Oleksii Makeiev warnt zudem vor Parteien am rechten und linken Rand, die offenbar „Weisungen aus Moskau“ erhalten. Die Namen BSW, Linke und AfD nennt allerdings nicht Makeiev.
Sie werden ihm vom WELT-Interviewer in einer Nachfrage vorgelegt.
Makeiev bestätigt diese Aufzählung nicht. Er nennt weiterhin keine Partei und gibt auch keine konkrete Wahlempfehlung ab. Er erklärt lediglich, dass er sich einen Sieg der Demokraten über die Autokraten wünsche.
WELT: Sie meinen BSW, Linke und AfD?
Makeiev: Meine klare Botschaft an die Wähler lautet: Schauen Sie aufmerksam – um eine Alternative für welches Land geht es letztlich? Damit man nicht den Dingen Vorschub leistet, vor denen wir Europäer uns eigentlich schützen sollten: vor Autokratie, vor Ausländerhass, vor der Billigung von Kriegsverbrechen, vor Aggression. Als Europäer will ich, dass die Demokraten gewinnen, nicht die Autokraten. (Quelle: WELT (€))
Man kann Makeievs Behauptung über Weisungen aus Moskau kritisieren. Belege (Die es gibt!) dafür liefert er im Interview nicht. Auch seine Formulierung, die Äußerungen mancher Politiker ließen sich kaum mit eigener Dummheit erklären, ist für einen Diplomaten – vorsichtig formuliert – bemerkenswert.
Nur: Genau das kritisiert Dağdelen nicht.
Stattdessen baut Dağdelen aus dem Interview eine Wahleinmischung, die dort nicht stattgefunden hat. Aus einer Warnung vor russischem Einfluss wird bei ihr ein ukrainischer Angriff auf die Entscheidungsfreiheit deutscher Wähler.
Interessant ist: Dağdelen bezieht Makeievs Warnung vor „Autokratie, Ausländerhass, der Billigung von Kriegsverbrechen und Aggression“ offenbar auf das BSW – obwohl Makeiev die Partei gar nicht genannt hat.
Getroffene Hunde bellen halt.
Das Muster ist nicht neu: Russland greift die Ukraine an – und plötzlich soll die Ukraine für den Krieg verantwortlich sein. Der Kreml versucht, die öffentliche Meinung in Deutschland zu beeinflussen – und ausgerechnet der Botschafter des angegriffenen Landes wird zum ausländischen Einmischer erklärt.
Russische Einflusskampagnen sollen nach Angaben der G7 unter anderem von Russlands Angriffskrieg, den begangenen Gräueltaten und den humanitären Folgen ablenken. Dağdelens Beitrag erledigt genau diese Arbeit: Die Frage nach Moskaus Einfluss verschwindet. Stattdessen wird Kyjiw zum Problem erklärt.
Ob das absichtliche Desinformation oder nur ausgesprochen selektives Lesen ist, kann nur Sevim Dağdelen selbst erklären.
Das Ergebnis ist jedenfalls ganz im Sinne des Kremls.
Anhang: Belege für russische Einflussversuche zugunsten von AfD und BSW
AfD:
Interne Unterlagen der russischen „Social Design Agency“, die laut US-Justizministerium unter Kontrolle der russischen Präsidialverwaltung arbeitete, nennen ausdrücklich das Ziel, die AfD zu unterstützen. In den Dokumenten heißt es, man unterstütze sie „mit allen Mitteln“. Dazu dienten gefälschte Nachrichtenseiten, Bots, Anzeigen und fingierte Videos.
Noch konkreter ist der Fall Wladimir Sergijenko, ehemaliger Mitarbeiter des AfD-Abgeordneten Eugen Schmidt. Die EU stellte fest, dass er aktiv mit russischen Geheimdienstmitarbeitern zusammengearbeitet habe, die seinen Zugang zum Bundestag ausnutzen wollten. Deshalb wurde er sanktioniert. Schreibweise auf der verlinkten Website: Vladimir Vladimirovich SERGIYENKO (Anhang -> A. Natürliche Personen -> Eintrag 6)
Gegen Petr Bystron wird außerdem wegen des Verdachts ermittelt, über das prorussische Netzwerk „Voice of Europe“ Geld beziehungsweise Kryptowährungen für russlandfreundliche Reden und Abstimmungen erhalten zu haben. Das Europäische Parlament hob dafür seine Immunität auf. Das ist ein ernsthafter, dokumentierter Verdacht, bislang aber keine rechtskräftige Verurteilung.
Damit ist belegt, dass Russland die AfD gezielt fördern und über ihr Umfeld politischen Einfluss gewinnen wollte.
BSW:
Russisch gesteuerte Fake-Portale, Bots, Anzeigen und Staatsmedien haben das BSW nachweislich positiv dargestellt und verstärkt. Das ist eine Form der äußeren Einflussnahme zugunsten der Partei.
Hinzu kommen inzwischen konkrete Kontakte: Die BSW-Europaabgeordneten Ruth Firmenich und Michael von der Schulenburg trafen 2025 in Moskau Personen aus dem sanktionierten „Voice of Europe“-Netzwerk; diese halfen bei der Organisation ihrer Reise. Firmenich bestätigte den Kontakt.
Geleakte russische Dokumente zeigen außerdem, dass Kreml-Strategen eine gemeinsame Antikriegsbewegung aus AfD, Wagenknecht-Umfeld und Teilen der damaligen Linken fördern wollten. Die Dokumente belegten jedoch keine direkte Absprache mit Wagenknecht oder deutschen Parteivertretern.
Weitere Beiträge zur fünften Kolonne Moskaus:
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