
Sevim Dağdelen will Deutschland aus der NATO führen und an die BRICS heranrücken. In einem neuen Interview erklärt die BSW-Politikerin ihre Vorstellung von Neutralität. Wer am westlichen Bündnis festhält, landet bei ihr gleich im Lager der Weltkriegstreiber.
NATO? Pfui!
„Deutschland muss aus der NATO austreten.“ So formuliert es Dağdelen im Overton-Interview vom 13. September 2026. Die frühere Bundestagsabgeordnete der Linkspartei und heutige Berliner BSW-Kandidatin verbreitet die Forderung am selben Tag selbst auf X. Es geht ihr um die grundsätzliche außenpolitische Ausrichtung der Bundesrepublik.
Ihre Begründung fällt entsprechend aus:
„Wer heute noch Ja zur NATO sagt, sagt Ja zu einer Weltkriegsstrategie“.
Das Verteidigungsbündnis beschreibt sie als Instrument amerikanischer Vorherrschaft.
Die Unterstützung der Ukraine deutet sie als Stellvertreterkrieg gegen Russland.
Für die BRICS hat sie dagegen einen konkreten Vorschlag: Deutschland solle sich annähern und zunächst als Beobachter erste Schritte machen. Zu dieser Staatengruppe gehören unter anderem Russland, China und Iran. Ein NATO-Ersatz mit gegenseitigem militärischem Beistand ist dieser Zusammenschluss damit noch lange nicht.
Der Name BRICS steht für Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika; die Gruppe ist inzwischen um weitere Mitglieder gewachsen. Der lockere Zusammenschluss soll den beteiligten Staaten mehr Einfluss auf die Weltwirtschaft und internationale Institutionen verschaffen. Wie unterschiedlich ihre Interessen sind, beschrieb die Jungle World zum Gipfel in Kasan 2024: Auch in dieser Runde steht keineswegs jeder bedingungslos hinter Putins Kriegspolitik.
Sevim Dağdelens vollständiger X-Beitrag vom 13. September 2026 (Screenshots: X)
Neutralität mit Schlagseite
Wie eine solche Neuorientierung die Sicherheit Deutschlands verbessern soll, bleibt die entscheidende Frage. Die NATO pauschal zum Kriegstreiber zu erklären, beantwortet sie jedenfalls nicht.
Umso merkwürdiger/bizarrer ist ihr Wunsch, über die BRICS ausgerechnet näher an Russland heranzurücken: Der Kreml hat mit seinem Großangriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 den größten Krieg in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Mit dem Wort Neutralität lässt sich jeder Abschied vom westlichen Bündnis hübsch verpacken. Eine Sicherheitsgarantie liefert das Etikett nicht.
Wer soll Deutschland nach einem NATO-Austritt eigentlich schützen?

Den Austritt befürwortete Dağdelen bereits im Juli 2025. Der aktuelle Anlass ist ihr neues Interview über den künftigen Kurs des BSW. Einen neuen Parteibeschluss verkündet sie darin nicht. Auch zur AfD zieht sie inhaltliche Grenzen: gegen deren völkisches Programm, Ausländerfeindlichkeit und Aufrüstung.
Die Ruhrbarone haben am 9. September 2026 über Dağdelens Forderung nach einem Ende der Waffenhilfe für die Ukraine berichtet.
Ihr jüngster Vorstoß reicht darüber hinaus: Deutschland soll das Bündnis verlassen und neue Nähe zu einer Gruppe suchen, in der ausgerechnet Russland mit am Tisch sitzt.
Für eine Politik, die sich neutral nennt, ist die bevorzugte Richtung erstaunlich konkret festgelegt.
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