
In Osnabrück hoffen Beschäftigte von Volkswagen auf eine Zukunft nach dem Ende der Autoproduktion. Im Auftrag des israelischen Rüstungskonzerns Rafael sollen dort künftig Luftverteidigungssysteme und Komponenten gefertigt werden. Die Standortpläne sollen laut Betriebsrat rund drei Vierteln der Belegschaft eine Anschlussperspektive bieten.
IG Metall und Betriebsrat begrüßen die Pläne für den Standort. „Palästina-Gliederungen“ der Linkspartei verbreiten dazu ein blutendes VW-Logo.
Der Linken-Abgeordnete Mirze Edis, der sich auf Facebook und Instagram bevorzugt in einer IG-Metall-Jacke zeigt und sich dort als Interessenvertreter der Beschäftigten inszeniert, hatte die diskutierte Zusammenarbeit mit dem Rüstungsunternehmen Rafael, durch die der Standort des VW-Werks in Osnabrück gerettet werden soll, schon im März 2026 abgelehnt.
Blut und Trümmer für Instagram
„Vom Volkswagen zum Raketenwerfer“ steht über der Bildserie vom 8. September 2026. Das VW-Zeichen blutet, darüber eine israelische Flagge, dahinter Trümmer. An der Veröffentlichung beteiligen sich, neben Thousand Madleens to Gaza – Germany, unter anderem die Bundesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität und die Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Palästinasolidarität der Linkspartei. Die beiden letztgenannten Gruppierungen wurden hier bei den Ruhrbaronen, im Zuge der Berichterstattung über das Dahabflex-Konzert in Berlin-Neukölln und dessen Nachwehen, bereits mehrfach thematisiert. Hier treten diese „Arbeitsgemeinschaften“ als Mitverfasser auf.

Die Kampagne führt Waffen des israelischen Herstellers Rafael an, die ihrer Darstellung nach in Gaza eingesetzt werden.
Dass Rafael auch Raketen- und Luftverteidigung anbietet, steht ebenfalls im Beitrag. Nur: Was davon soll in Osnabrück entstehen?
Was Volkswagen tatsächlich ankündigt
Laut VW-Mitteilung vom 7. September 2026 kommt ein Verkauf an Aurelius Capital als Mehrheitseigentümer und das Land Niedersachsen infrage.
Zusammen mit Rafael wird als erstes Projekt die Fertigung von Systemen und Komponenten für die Luftverteidigung Deutschlands (!) und Europas (!) geprüft. Eine gute Sache angesichts der vielen russischen Kampfflugzeuge, Bomber, Drohnen und Hubschrauber in unmittelbarer Nähe zur NATO-Ostgrenze.
Weitere industrielle Partner sollen hinzukommen. Dass die Autoproduktion im Sommer 2027 ausläuft, hat Volkswagen schon 2024 entschieden.

Konkrete Modelle nennt Volkswagen noch nicht. Die Absichtserklärung vom 7. September 2026 dreht sich ebenfalls um Luftverteidigung. Bis daraus Produktion wird, fehlen abschließende Vereinbarungen, Gremienentscheidungen und (Wir sprechen schließlich von Deutschland!) behördliche Prüfungen.
Einen geplanten Einsatz der Osnabrücker Produkte in Gaza kann man aus diesen Ankündigungen jedenfalls nicht herauslesen.
Luftverteidigung dient dazu, angreifende Flugkörper – Raketen, Flugzeuge, Hubschrauber, Drohnen – abzuwehren. Welche anderen Waffen und sonstigen Systeme Rafael baut, beantwortet die Frage nach dem künftigen Einsatz der Produkte aus Osnabrück nicht. Wer trotzdem die Verbindung zum Einsatz in Gaza zieht, müsste sie nachweisen.
Ein Eimer digitales Blut hilft dabei wenig.
Für die Beschäftigten geht es um ihre Jobs
Die IG Metall Osnabrück und der Betriebsrat begrüßten am 7. September 2026 die vereinbarten Eckpunkte. Knapp 1400 der derzeit 1800 Beschäftigten hätten demnach eine Anschlussperspektive. Nach weiteren Abgängen, etwa in Rente und Altersteilzeit, sollen rund 1200 Stellen erhalten bleiben, für die eine Beschäftigungssicherung bis Ende 2029 greift. Auch die Tarifbindung bleibt laut Betriebsrat erhalten.

Das reicht nicht für alle. Deshalb fordern die Arbeitnehmervertreter weitere Projekte und nehmen Volkswagen weiter in die Pflicht. Sie haben offenbar ziemlich genau durchgerechnet, was die Vereinbarung bringt und wo sie noch nicht reicht.
Wer nur die Texte auf den Instagram-Kacheln liest, erfährt von dieser Beschäftigungsperspektive nichts.
Dabei wäre sie für eine Partei, die vorgibt Arbeitnehmer vertreten zu wollen, durchaus von Interesse.
Die Gewerkschaft versucht, möglichst viele Stellen zu retten. Die beteiligten Linken-Gliederungen machen gegen das Vorhaben mobil. Welche konkrete Alternative bieten sie den Beschäftigten in Osnabrück?
Eine konkrete Alternative bleiben sie in ihren Stellungnahmen schuldig.
MdB Mirze Edis und die IG-Metall-Jacke
Auch Mirze Edis muss sich diese Frage gefallen lassen. Der Linken-Bundestagsabgeordnete wirbt in seiner Instagram-Bio „Für STAHLARBEITER“ und trägt auf seiner Veranstaltungswerbung vom 10. September 2026 (und auch zu anderen Gelegenheiten) eine rote IG-Metall-Jacke. Die damals diskutierte VW-Rafael-Kooperation lehnte er am 27. März 2026 in einem Interview ab.
In diesem Interview äußert Edis pauschale Behauptungen zum Krieg in Gaza, der durch den Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 ausgelöst wurde.
Die selbstgerechte Empörung wirkt dabei reichlich doppelmoralisch: Am 27. August 2025 hatte er selbst ein Instagram-Reel geteilt, dessen musikalische Untermalung Raketenangriffe auf Israel romantisiert. Wer Raketenbeschuss mit kämpferischer Musik begleitet, muss sich fragen lassen, wie glaubwürdig seine Empörung über eine mögliche Zusammenarbeit bei der Raketenabwehr (gegen jene Raketen, die im von ihm gewählten Song besungen wurden) ist.
Zur Zukunft des Standorts Osnabrück erklärte der Schutzheilige der deutschen Industriearbeiter im selben Interview, der Wechsel zur Rüstungsproduktion sei keine nachhaltige Lösung; Arbeitsplätze dürften nicht auf Kosten anderer Menschenleben gesichert werden. Wohlgemerkt: Es geht um Raketenabwehr, die Städte und Dörfer vor Raketenangriffen schützen soll.

Volkswagen sei schließlich nicht pleite und investiere andernorts, etwa in Kanada, hielt Edis dem Konzern im selben Interview vor. Die Frage, warum für andere Standorte Geld da ist, darf man VW selbstverständlich stellen. Davon hat in Osnabrück aber noch niemand eine Anschlussbeschäftigung.
Inzwischen liegen die Eckpunkte vor, die durch die IG Metall und den Betriebsrat begrüßt werden.
Mirze Edis hatte im März 2026 über die damaligen Kooperationspläne gesprochen. Seine grundsätzliche Ablehnung trifft nun auf eine Gewerkschaft, die in dem Vorhaben eine Chance für ihre Mitglieder sieht. Gerade seine Begründung mit den „gefährdeten Menschenleben“ verlangt angesichts der angekündigten Luftverteidigung eine Erklärung:
Weshalb sollte die nun angekündigte Fertigung für die Luftverteidigung Deutschlands und Europas Menschenleben kosten?
Aktuell würde ein Mehr an Luftverteidigung z.B. der Ukraine helfen. Mit Empörung lassen sich russische Raketen kaum abfangen.
Der Zweck solcher Systeme ist die Abwehr von Angriffen. Wer vor den Folgen der Produktion warnt, muss schon sagen, welche Produkte und welchen Einsatz er meint. Rafael und die israelische Regierung zu nennen, genügt dafür nicht.

In den sozialen Medien präsentiert sich der Bundestagsabgeordnete Mirze Edis regelmäßig als Schutzpatron der Industriearbeiter. In einem gemeinsam mit der Linken Duisburg veröffentlichten Beitrag vom 21. Mai 2026 heißt es: „Duisburg braucht eine starke Stahlindustrie mit sicheren und tarifgebundenen Arbeitsplätzen.“ Am 28. Mai 2026 fordert er „eine Industriepolitik, die Beschäftigte schützt — und das Klima gleich mit“. Am 2. Juni 2026 erklärt er knapp: „Wir wollen die Chemieindustrie retten.“ Unter der Parole „Stahl ist Zukunft!“ berichtet er am 12. Juni 2026 von einer gemeinsamen Aktion mit Tausenden Stahlarbeitern vor dem Wirtschaftsministerium. Vier Tage später, am 16. Juni 2026, bekräftigt er: „Stahl ist Zukunft. Dafür kämpfen wir parteiübergreifend mit der IG Metall!“
Mirze Edis, gefühlt der größte Kämpfer für Arbeitsplätze in der deutschen Industrie wo gibt im Universum, kann Rüstungsproduktion grundsätzlich ablehnen. Dann sollte er den Beschäftigten allerdings auch erklären, warum er diese Chance für ihren Standort verwerfen will und welche bessere er sieht.
Es wirkt schon etwas heuchlerisch, sich mit dem IG-Metall-Logo auf den Klamotten als Mann der Arbeiter zu präsentieren, während die Gewerkschaft um eine Perspektive ringt, die man selbst ablehnt. Die rote Jacke steht ihm. Die mühsame Arbeit, für die Beschäftigten eine Zukunft auszuhandeln, bleibt bei Betriebsrat und Gewerkschaft hängen.
Von einem Bundestagsabgeordneten, der „Für STAHLARBEITER“ wirbt, sollte etwas mehr kommen als die Auskunft, welche Produktion er nicht haben möchte.
Vielleicht fällt zwischen zwei Solidaritätsfotos ja auch mal ein brauchbarer Vorschlag ab, wenn irgendwo wieder ein Produktionsstandort in Gefahr ist.
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