Michel Friedman: Die AfD ist gefährlich. Angst macht sie ihm nicht.

Michel Friedman spricht 2023 vor einer israelischen Flagge in ein Mikrofon.
Michel Friedman bei „Fridays for Israel“ an der Freien Universität Berlin am 10. November 2023. (Foto: Dr. Frank Gaeth, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Michel Friedman hat die Nazis erlebt, die nach 1945 weiter deutsche Amtsstuben und Bildungsinstitutionen bevölkerten. Von ihren heutigen Nachahmern („billige Imitate“, wobei er „die Höckes“ erwähnt) lässt er sich nicht einschüchtern.

Ich hatte für den Abend des 10. September 2026 eigentlich etwas komplett anderes vor. Dann wurde mir der Beitrag eines Facebook-Freundes mit einem Hinweis auf das Gespräch in den Newsfeed gespült. Ich wollte mal „kurz reinsehen“. Daraus wurde nichts! Ich habe mir das komplette Gespräch angeschaut, etwas über eine Stunde lang, und schreibe jetzt diesen Beitrag, statt – wie geplant – etwas an meinem Fahrrad zu reparieren. Der jüdische Publizist und frühere CDU-Politiker (von 1994 bis 1995 war er Mitglied des CDU-Bundesovrstands) Michel Friedman hat meine Abendplanung etwas durcheinandergebracht:

Im SPIEGEL-Spitzengespräch nimmt Friedman die AfD und den zunehmend sorglosen Umgang mit ihr auseinander. Er erklärt, warum ihn die heutigen Rechtsextremisten persönlich nicht einschüchtern, er sie politisch aber für hochgefährlich hält. Auch Angela Merkel und Friedrich Merz bekommen ihren Teil ab.

Nur taugen deren Fehler für Friedman eben nicht als Entschuldigung, ausgerechnet den Gegnern der Demokratie die Schlüssel zur Macht auszuhändigen.

Die Höckes: Billige Imitate, echte Gefahr

Angst machen mir diese Herrschaften nicht.Michel Friedman sagt diesen Satz früh im Gespräch mit Markus Feldenkirchen, veröffentlicht am 8. September 2026. Er klingt weder beiläufig noch nach gespielter Tapferkeit. Friedman beschreibt eine Haltung: Die AfD soll nicht darüber verfügen, wie er spricht, denkt und lebt.

Zur Begründung erzählt er von seiner Ankunft in Deutschland. Seine Eltern hatten den Holocaust überlebt. Er selbst begegnete nach seiner Erinnerung unter Lehrern, Professoren, Polizisten und im Ausländeramt Menschen, die er als „Originalnazis“ bezeichnet.

Michel Friedmann meint damit, er wurde 1956 geboren, natürlich die Nazis, denen er im Nachkriegsdeutschland begegnete. Keine Kindheit unter Hitler.

Gegen sie seien die Höckes „billige Imitate“.

Der Nachsatz gehört zwingend dazu: Auch diese Imitate seien im Jahr 2026 gefährlich für die Gesellschaft. Friedman spricht ihnen historische Originalität ab, nicht die Fähigkeit, Schaden anzurichten. Dieser Unterschied ist wichtig, bevor man aus Furchtlosigkeit eine politische Beruhigungspille zusammenmixt.

Michel Friedman im dunklen Anzug, mit einer Hand am Kinn, vor einem roten Hintergrund.
Michel Friedman: Für ihn gehören Freiheit und der Schutz von Minderheiten untrennbar zur Demokratie. (Foto: Nicci Kuhn)

Eine Wahl ist kein demokratisches Gütesiegel

Friedmans Urteil über die AfD fällt unmissverständlich aus: „Diese Partei will die Demokratie zerstören.“ Er behandelt sie deshalb nicht als besonders unangenehmen Wettbewerber um Steuersätze und Ministerposten. Für ihn geht es darum, ob Menschenwürde, Minderheitenrechte und individuelle Freiheit auch künftig die politische Ordnung bestimmen.

Entsprechend wenig hält er von der Vorstellung, ein hoher Stimmenanteil mache eine Partei demokratisch. Dass auch Demokratiegegner gewählt werden können, belegt zunächst die Freiheit der Wahl. Ihre Ziele werden durch das Auszählen der Stimmen nicht andere. Der Stimmzettel ist schließlich keine Waschmaschine, in der antidemokratische Absichten bei 40 Grad wieder sauber werden.

Friedman verweigert außerdem die bequeme Entlastung der Wähler. Wer die AfD wählt, trägt aus seiner Sicht Verantwortung für das, was er damit ermöglicht. Ärger über die Regierung mag eine Wahlentscheidung erklären. Er spricht den Wähler nicht von ihren Folgen frei. Mündigkeit kann schlecht nur dann gelten, wenn jemand das Kreuz an der erwünschten Stelle macht.

Seine Kritik bleibt dabei konkret. Im Gespräch geht es um die AfD-Pläne für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, um patriotische Bedingungen für Vereinsförderung und um Kulturpolitik im Dienst einer deutschen Identität. (Ruhrbarone: AfD Sachsen-Anhalt: Rückwärts denken heißt jetzt „Deutschdenken“) Friedman erkennt darin den Anspruch, Zugehörigkeit und zulässige Vielfalt politisch zu bestimmen. Die Gefahr beginnt für ihn längst vor dem Verbot einer Partei oder einer Zeitung: dort, wo Menschen erst nachweisen sollen, dass sie dazugehören.

Die Hoffnung auf eine Entzauberung durch Regierungsverantwortung teilt er nicht. Er verweist auf autoritäre Entwicklungen in anderen Ländern und deren bleibende Folgen. Dahinter steht eine unangenehme Frage an die Befürworter des Experiments: Wer bezahlt eigentlich den Versuch? Für Menschen, deren Rechte beschnitten werden, dürfte der spätere Erkenntnisgewinn der politischen Beobachter ein eher schwacher Trost sein.

Merkel wird geprüft, Merz bekommt keinen Rabatt

Dass Friedman die demokratische Ordnung verteidigt, macht ihn nicht zum Verteidiger jeder Regierungspolitik. Angela Merkels Kanzlerschaft verbindet er mit langen Jahren des Stillstands. Besonders scharf kritisiert er die Russlandpolitik: Auf die russische Aggression von 2014 mit Nord Stream 2 zu reagieren, bewertet er als katastrophale Belohnung. Die Mitverantwortung der SPD erwähnt er ausdrücklich.

Zugleich rechnet er Merkel gesellschaftliche Modernisierung an, etwa bei der gleichgeschlechtlichen Ehe, obwohl sie persönlich dagegen gewesen sei. Ihre Entscheidung, die Grenzen für Flüchtlinge nicht zu schließen, würdigt er als humanitäre Haltung im Sinne des Grundgesetzes. Auf die Formulierung legt er Wert: nicht schließen, nicht öffnen.

Die mangelhafte politische Arbeit danach kritisiert er dennoch.

Das ist eine bemerkenswert nüchterne Bilanz. Eine humanitäre Entscheidung kann richtig gewesen sein, während ihre Umsetzung unzureichend blieb. Und wer Merkels Russlandpolitik (Ruhrbarone: Wie groß war der Einfluss Russlands auf Deutschland und den Westen?) für verheerend hält, muss deshalb nicht ihre gesamte Amtszeit zur nationalen Untergangserzählung umschreiben. Differenzierung: offenbar weiterhin möglich, selbst ohne Untersuchungsausschuss.

Hendrik Wüst, Friedrich Merz und Jens Spahn auf der CDU-Abschlusskundgebung zur Bundestagswahl 2025 (Foto: Roland W. Waniek)

Friedrich Merz beurteilt Friedman deutlich härter. Er zweifelt dessen Eignung für das Kanzleramt an. Regieren verlange Empathie, die Fähigkeit zum Kompromiss und organisierte Entscheidungen. Bei Merz sieht er diese Anforderungen nicht erfüllt. Seinen CDU-Austritt nach den umstrittenen Bundestagsabstimmungen mit der AfD im Jahr 2025 bereut er nicht.

Friedman unterstellt Merz ausdrücklich keine Nähe zum Rechtsextremismus. Ebenso wenig (was zugegebenermaßen wenig überrascht) erklärt er die CDU zur rechtsextremen Partei. Er kritisiert politische Entscheidungen und Fähigkeiten, ohne die Unterschiede zwischen einem demokratischen Konkurrenten und einer antidemokratischen Kraft einzuebnen. Genau diese Unterscheidung trägt seine Argumentation.

Aus schlechter Regierung folgt für Friedman kein vernünftiges Argument für die AfD. Demokratische Politik lässt sich verändern, Personal lässt sich abwählen. Wer dagegen die Bedingungen freier Politik preisgibt, riskiert auch die Möglichkeit, die nächste schlechte Regierung wieder loszuwerden.

Dass er selbst keine Angst vor der AfD hat, heißt deshalb nicht, dass er sich sicher fühlt.

Bei einer AfD-Beteiligung an der Bundesregierung wäre für ihn die Grundlage seiner Sicherheit in Deutschland entfallen.

Trotzdem will er weiter für die Freiheit streiten, die er über Jahrzehnte genießen konnte.

Die Nachahmer der „Originalnazis“ mögen billig sein. Was sie trotzdem zerstören können, ist es nicht.

Das vollständige SPIEGEL-Spitzengespräch mit Michel Friedman:

In der App öffnen Autorenseite: Peter Ansmann
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