
Endlich mehr Dialektik: Bei der Linkspartei in Berlin kommt der Ärger über das Neuköllner Konzert inzwischen aus entgegengesetzten Richtungen. Die LAG Shalom macht die Landesführung für die Entwicklung mitverantwortlich. Rapper Dahabflex beklagt dagegen, dass sie sich von ihm distanziert.
Der Neuköllner Parteinachwuchs sorgt derweil für den nächsten Eklat: Nach einem Bericht des Tagesspiegels verteilte ein Vertreter der Linksjugend Neukölln am Freitag an der Fritz-Karsen-Gesamtschule Sticker an Schüler.
Die Sticker zeigen die palästinensische Flagge, dem Aufruf „Organize classwar“ („Organisiert den Klassenkampf“) und eine Katze mit einem Sturmgewehr.
Auf Instagram erklärt die Jugendorganisation der Linkspartei Neukölln zur aktuellen Lage: Elif Eralp spreche nicht für sie: „Als Genoss*innen müssen wir zusammenstehen und nicht aus Opportunismus unsere Prinzipien und Freund*innen verraten. Yallah Intifada!“
Die einen vermissen Konsequenzen gegen Antisemitismus. Dahabflex vermisst Solidarität mit sich selbst. Und die jungen Genossen gießen Öl ins Feuer.
Die Warnung kam nicht erst hinterher
Zurück zum Neuköllner Konzert! Der Auftritt ist vorbei, das innerparteiliche Trauerspiel um Israelhass und Antisemitismus bei der Berliner Linken geht in die Verlängerung:
Die (israelsolidarische) LAG Shalom wird in ihrer Erklärung vom 2. September 2026 deutlich: „Unser Landesvorstand trägt für diese Entwicklung eine Mitverantwortung.“ Die Arbeitsgemeinschaft wirft der Landespartei vor, antizionistische Positionen normalisiert und Warnungen nicht ausreichend beachtet zu haben. Diesmal schimpft nicht die CDU. Diesmal schreiben die eigenen Genossen.


Eralps Distanzierung begrüßt die LAG ausdrücklich. Sie hält solche Reaktionen inzwischen jedoch für ein weitgehend folgenloses Ritual. Zugleich erkennt sie an, dass die Befugnisse der Parteiführung begrenzt und Ausschlussverfahren rechtlich schwierig sind. Ihr Vorwurf ist politisch: Eralp und der Landesvorstand seien wiederholt auf die problematische Entwicklung hingewiesen worden. Das ist die Darstellung der Arbeitsgemeinschaft.
Eine frühere öffentliche Warnung lässt sich konkret nachlesen. Martina Renner verwies am 24. September 2025 auf die Neuköllner Werbung für Dahabflex bei der Demonstration „Zusammen für Gaza“. Martina Renner war Bundestagsabgeordnete der Linken und Sprecherin ihrer Bundestagsfraktion für antifaschistische Politik. Dazu nannte sie Textstellen mit Bezügen auf die PFLP und Leila Chaled sowie eine gegen die IDF gerichtete Todeszeile. Der Hinweis erschien drei Tage vor der angekündigten Demonstration. (Diese Textstellen wurde hier auf Ruhrbarone dokumentiert: „Death to the IDF“, ein „Sprengsatz auf den Bundestag“ und andere musikalische Perlen: Die stabile Künstlerauswahl der Linken in Berlin-Neukölln)

Ob Eralp diesen Beitrag gelesen hat? Man weiß ex nicht. Die Texte waren allerdings schon damals öffentlich Gegenstand von Kritik. Eine Frage bleibt deshalb: Was wurde vor der erneuten Einladung überhaupt geprüft? Ein Wahlkampfauftritt ist schließlich keine Wundertüte mit Mikrofon.
Der Rapper hätte gern mehr Rückhalt
Dahabflex wiederum kritisiert die Parteiführung – weil sie sich von ihm distanziert hat. Im Interview mit Max Grigutsch in der jungen Welt vom 3. September 2026 beklagt er, Elif Eralp und Landeschefin Kerstin Wolter hätten sich von ihm distanziert, ohne nach der gemeinten Aussage zu fragen.
Seine Erklärung:
Intifada bedeute für ihn Widerstand gegen Besatzung, keinen Aufruf zur Tötung israelischer Zivilisten. Auch seine gegen die IDF gerichtete Todesformel meine die Institution, nicht einzelne Soldaten. Rap arbeite mit Übertreibung.
Ein ausgesprochen praktisches Wörterbuch: Todesparolen werden zu Organisationskritik, den Rest erledigt die künstlerische Übertreibung. So sauber bekommt sonst nicht einmal die chemische Reinigung einen Text.
Ob hinter der Distanzierung der Wunsch nach Regierungsbeteiligung stecke? So interpretiere er es, sagt Dahabflex. Das ist seine Deutung, kein belegtes Motiv. Er selbst sei kein Parteimitglied, unterstütze die Linke aber bei Wahlen. Eralp und Wolter hält er die Aussicht auf eine weitere SPD entgegen:

Bemerkenswert: Die Distanzierung von einer Gewaltparole erscheint in dieser Logik schon als drohende Sozialdemokratisierung. Für andere Parteien ist die SPD ein Konkurrent. Zumindest in der Theorie. Hier dient sie als Warnhinweis für nachlassende Radikalität.
Die LAG Shalom verlangt Konsequenzen gegen Antisemitismus, der eingeladene Rapper beklagt schon die Distanzierung. Dazwischen steht die Parteiführung.
Regieren möchte sie Berlin. Die SPD erkennt bei ihr zwar ein Antisemitismusproblem, sieht aber weiterhin einen möglichen Koalitionspartner. Das Problembewusstsein endet offenbar noch nicht zwingend an der Kabinettstür.
Vorerst scheitert die gemeinsame Linie in der Linkspartei allerdings bereits am Umgang mit einem Mikrofon.
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