„Death to the IDF“, ein „Sprengsatz auf den Bundestag“ und andere musikalische Perlen: Die stabile Künstlerauswahl der Linken in Berlin-Neukölln

Bühne des außerordentlichen Bundesparteitags der Linken in Berlin 2025
Die philosemitischen und israelsolidarischen Mitglieder von „Die Linke“ auf einem Foto, Januar 2025. (Foto: Sandro Halank/Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0)

Auf einer Wahlkampfveranstaltung der Linken in Berlin-Neukölln rappte Dahabflex am Samstag „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“. Der „Künstler“ war nicht unangekündigt auf die Bühne geraten: Der Bezirksverband hatte ihn zuvor ausdrücklich als Live-Act beworben. Nach Angaben des Tagesspiegels griff während des Auftritts niemand aus der Partei ein. Die Distanzierungen kamen am Sonntag. Glaubwürdig sind diese Distanzierungen nicht.

Die Überraschung von Die Linke über die Eskalation der Veranstaltung überrascht selbst: Der Instagram-Account des eingeladenen Rappers lässt keine Fragen zu seiner Einstellung offen.

In seinen „Songs“ geht es (unkritisch) um Stalin, Sprengsätze auf den Bundestag, Molotov-Cocktails und darum, die ganze Stadt in Brand zu setzen.

Dahabflex hat nicht all diese Stücke beim Wütend auf den Kapitalismus-Event der Linkspartei Neukölln aufgeführt.

Man hätte aber gewarnt sein müssen.

„Wütend auf den Kapitalismus“

Wahlkampfveranstaltungen sind normalerweise dazu da, Kandidaten vorzustellen. Die Linke Neukölln bekam am Samstagabend beim Wütend auf den Kapitalismus-Event auf dem Herrfurthplatz noch zwei Parolen dazu: „Yalla Yalla Intifada – Westbank, Palästina, Gaza“ und „Death to the IDF“.

Nach einem Bericht des Tagesspiegels fielen die Sätze in dem Stück „Stop the Genocide“, das der Rapper Dahabflex gegen Ende der Veranstaltung spielte. Überraschend war das allenfalls für Menschen, die bei gebuchten Live-Acts grundsätzlich weder das Programm noch den Instagram-Account des Performers ansehen. Zahlreiche Besucher hätten getanzt und mitgesungen.

Der Neuköllner Linke-Vorsitzende Hermann Nehls sei während des Auftritts auf die Bühne gegangen und habe Fotos gemacht. Eine unmittelbare Intervention oder Distanzierung durch Parteivertreter habe es nicht gegeben.

Der Überraschungsgast, der keiner war

Wer vor der Veranstaltung auch nur sehr flüchtig durch Dahabflex’ Instagram-Account gescrollt hatte, brauchte für eine Prognose, wie dieser Auftritt aussehen würde, keine Glaskugel.

Rapper Dahabflex legt seine politische Ästhetik ungefähr so dezent aus wie ein Sexclub auf der Hamburger Reeperbahn seine Neonreklame.

Das, was Die Linke Neukölln als „stabile Musik“ bezeichnet:

Auch „Stop the Genocide“ bleibt nicht bei allgemeiner Palästinasolidarität. Der veröffentlichte Text beschwört die Intifada (sprich: Gewalt gegen Juden), zieht eine positive Parallele zur PFLP, nennt Leila Chaled als Stilvorbild und hantiert später mit Molotowcocktails, die durch Scheiben fliegen.

Leila Chaled als Wandmotiv im Westjordanland
Leila Chaled als Wandmotiv in Bethlehem (Foto: Peter Ansmann)

Leila Chaled ist dabei kein dekoratives Retro-Gesicht aus dem weltrevolutionären Devotionalienhandel. Das Bundesamt für Verfassungsschutz bezeichnet sie ausdrücklich als Terroristin, die für die PFLP aktiv und unter anderem an Flugzeugentführungen beteiligt war. Die PFLP wiederum lehnt Israels Existenz ab und offenbart nach Einschätzung des Amtes einen antisemitischen Charakter. An den Angriffen auf Israel am siebten Oktober 2023 war die PFLP beteiligt. Wer Khaled als Stilvorbild aufruft, greift also nicht zu einer folkloristischen Palästina-Chiffre, sondern ins Bildarchiv des politischen Terrors.

Im Song folgt auf „Death to the IDF“ die Versicherung, man sei nicht antisemitisch. Das ist eine bemerkenswerte Reihenfolge: erst das ganze Inventar auf den Tisch, dann das selbst ausgestellte Unbedenklichkeitszertifikat.

„Palästinasolidarität“ ist nicht per se antisemitisch, und eine rote Fahne ist noch kein Tatbestand. Entscheidend sind die Texte. Von einem unvorhersehbaren Ausrutscher lässt sich hier nur sprechen, wenn man die öffentlich zugängliche Produktbeschreibung konsequent ignoriert.

Die Linke Neukölln bestellte keinen Überraschungsgast. Sie bekam ziemlich genau den Act, den sie angekündigt hatte.

„Stabile Musik, stabile Kandidat:innen“

Dahabflex war kein spontaner Gast. Die Linke Neukölln hatte ihn am 22. August auf ihrem offiziellen Instagram-Account ausdrücklich als Live-Act angekündigt. Auf der Liste für „Wütend auf den Kapitalismus“ standen daneben zahlreiche Kandidaten und Unterstützer des Bezirksverbands.

Instagram-Ankündigung der Linken Neukölln für „Wütend auf den Kapitalismus“ mit Dahabflex als Live-Act
Die Linke Neukölln kündigte Dahabflex ausdrücklich als Live-Act an. (Screenshot: Instagram / Die Linke Neukölln)

Der Neuköllner Linke-Kandidat Philipp Dehne veröffentlichte am Abend ein Reel von der Bühne. Sein Text dazu: „Stabile Musik, stabile Kandidat:innen, stabiler Austausch grad am Herrfurthplatz in Neukölln.“ Das Reel belegt die Veranstaltung und die Beteiligung des Bezirksverbands; es enthält nicht die vom Tagesspiegel dokumentierten Parolen.

Bühne der Linke-Wahlkampfveranstaltung „Wütend auf den Kapitalismus“ am Herrfurthplatz
Bühne der Linke-Veranstaltung am Herrfurthplatz. (Screenshot: Instagram / Philipp Dehne)

Kein Betriebsunfall, sondern eine Serie

Ein Auftritt macht nicht jede Zeile eines eingeladenen Künstlers automatisch zum Parteiprogramm. Das entlastet den Veranstalter aber nicht. Die Linke Neukölln hatte Dahabflex angekündigt, stellte ihm ihre Wahlkampfbühne zur Verfügung und griff nach den Berichten über „Death to the IDF“ nicht ein. Verantwortlich ist der Bezirksverband damit nicht für jede Überzeugung des Rappers, wohl aber für die eigene Bühne und das eigene Schweigen.

Und dieses Schweigen steht nicht allein. Die Linke produziert den Streit über Antisemitismus und Israel inzwischen mit einer Verlässlichkeit, die man sich bei der Berliner Verwaltung nur wünschen kann:

  • Oktober 2024: Auf dem Landesparteitag der Berliner Linken wurde ein Antrag gegen Antisemitismus so verändert, dass die ausdrückliche Benennung des „eliminatorischen Antisemitismus“ von Hamas und Hisbollah verschwand. Die Antragsteller zogen den Text zurück; rund 40 Mitglieder, darunter Petra Pau, Klaus Lederer und Elke Breitenbach, verließen den Saal. Der Landesvorstand erklärte sich später selbst „bestürzt über den Ausgang des Landesparteitages“.
  • Mai 2025: Das Parteivorstandsmitglied Ulrike Eifler verbreitete eine Karte Israels, Gazas und des Westjordanlands in den Farben der palästinensischen Flagge. Israel kam darin als eigener Staat nicht mehr vor. Der Parteivorstand distanzierte sich anschließend von Darstellungen, die Israels Existenz negieren oder seine Auslöschung propagieren, und verlangte deren Löschung. Immerhin: Der Feuerlöscher war vorhanden. Er kam nur wieder nach dem Brand.
  • August 2025: Die Linke Neukölln veranstaltete ihr Solidaritätsfest „Neukölln steht zusammen für Palästina“ unter Beteiligung des Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitees. Nach Angaben des Berliner Verfassungsschutzes arbeiten unter dieser Dachbezeichnung Anhänger von Hamas und PFLP zusammen. Der damalige Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, nannte die Zusammenarbeit „skandalös“. Der Bezirksverband wies die Einordnung zurück und erklärte, es habe keine Zusammenarbeit mit der Hamas gegeben.
  • November 2025: Die Bundesschiedskommission bestätigte den Ausschluss von Ramsis Kilani. In der Entscheidung werden Äußerungen dokumentiert, in denen Kilani den Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023 als „klassischen Ausbruch kolonialer Gegengewalt“ bezeichnete und den von Vernichtungswillen getragenen Antisemitismus der Hamas bestritt. Anschließend besetzten Linke-Mitglieder aus Protest die Parteizentrale; auch der Neuköllner Bezirksverband kritisierte den Ausschluss.
  • August 2026: Einen Tag vor dem Rapper-Auftritt kam es bei einem Wahlforum in der Dar-as-Salam-Moschee zum Streit über mögliche Hamas-Verbindungen des Moscheevorstehers. FDP-Spitzenkandidat Christoph Meyer zeigte dazu ein älteres Foto; die Moderatorin unterbrach ihn mehrfach. Linke-Spitzenkandidatin Elif Eralp erklärte anschließend: „Man muss auch über muslimisches Leben reden können, ohne über religiösen Fundamentalismus zu reden.“ Der Tagesspiegel berichtete, dafür habe sie Applaus erhalten und Meyer sei „abgewürgt“ worden. In einem Cicero-Interview warf Meyer der Linkspartei vor, den Wechsel zu „Wohlfühlthemen“ unterstützt zu haben. Dokumentiert ist, dass Eralp die konkrete Frage nach den möglichen Hamas-Verbindungen nicht aufgriff. Zwei Tage später forderte sie wegen des Rapper-Auftritts Konsequenzen.

Keiner dieser Vorgänge macht jedes Mitglied der Linken zum Antisemiten. In der Partei gibt es Menschen, die widersprochen, Konsequenzen verlangt oder die Partei aus Protest verlassen haben. Aber ein „Einzelfall“ mit fortlaufender Nummer heißt irgendwann Serie. Das Problem der Linken ist längst nicht mehr der Mangel an Distanzierungen. Es ist der Umstand, dass sie so regelmäßig gebraucht werden.

Die Distanzierungen kamen am nächsten Tag

Am Sonntag erklärte Hermann Nehls laut rbb24, der Song sei nicht Teil des vorher vereinbarten Programms gewesen. Aufrufe zur Gewalt gegen Personen seien nicht in Ordnung. Der Bezirksverband wolle den Vorgang intern aufarbeiten.

Die Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp, die nach Angaben des Tagesspiegels nicht bei der Veranstaltung war, verurteilte den Auftritt „aufs Schärfste“. In einem von Tagesschau und rbb24 wiedergegebenen Statement nannte sie Aufrufe zur Gewalt und zur Tötung von Menschen „absolut inakzeptabel“; die Verantwortlichen hätten sofort eingreifen müssen. Der Bezirksverband habe den Sänger eingeladen, deshalb erwarte sie Aufklärung und Konsequenzen. „Ich stehe klar für den Schutz von jüdischem Leben und gegen jede Form von Antisemitismus“, erklärte Eralp. Auch die Landesvorsitzende Kerstin Wolter verlangte eine Erklärung und Konsequenzen.

Diese Distanzierungen sind eindeutig, und sie gehören zur Geschichte. Sie beantworten allerdings nicht die Fragen, warum die Grenze erst am Tag nach dem Auftritt gezogen wurde und wieso nicht vor dem Event interveniert wurde.

Bei den Ruhrbaronen haben wir die politischen Verbindungen und Widersprüche der Linken in Neukölln bereits ausführlich dokumentiert.

Und erst vor wenigen Tagen fiel beim Berliner Wahl-O-Mat auf, dass Antisemitismus in seinen 38 Thesen überhaupt nicht vorkommt. Der reale Wahlkampf hat diese Lücke nun auf seine Weise geschlossen.

Für die angekündigte interne Aufarbeitung hat der Bezirksverband immerhin reichlich Bildmaterial. Die eigene Einladung und das Reel vom Abend standen am Sonntag noch online. „Stabile Musik, stabile Kandidat:innen“, hatte Dehne geschrieben. Stabil war an diesem Abend vor allem die Kamera. Der politische Anstand wurde nachgereicht.

Auf ihrem Parteitag am 18. Januar 2025 versprach Die Linke: „Alle wollen regieren. Wir wollen verändern.

Nach dieser Serie bleibt die Frage, ob diese „Die Linke“ koalitionsfähig ist – und was genau sie verändern will: ihren Umgang mit Antisemitismus oder nur die rote Linie, bis der nächste antisemitische Vorfall bequem hindurchpasst und es für den Senat trotzdem reicht?


Mehr zu Die Linke Berlin-Neukölln:

Die Linke Neukölln: Beim Islamismus endet die Solidarität

Autorenseite: Peter Ansmann
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15 Tage vor

Ad nauseam: Wen wundert’s denn noch… Es resultiert m. E. daraus eine existenzielle Grundsatzfrage: Meinungsfreiheit. Wird diese bis ins Extrem gedehnt, ist (beinahe) alles erlaubt, bis das Strafrecht affiziert wird, im Wesentlichen: Aufruf zu einer Straftat etc. Sofern nun „Death to the IDF“ skandiert wurde und wird, geschah und geschieht dies im Gewande der Kunst (egal ob Ton, Bild, Film oder Wort usw usf). Und Kunstfreiheit ist m. E. n. sehr weit gedehnte Meinungsfreiheit, die sogar so weit reicht, im Künstlerischen zum Mord aufrufen zu, tja, können und dürfen – selbst Ur-Alt-Opern sind voll davon bis hin zum Bunken-Doof-Vulgär-Obszön-Niedertracht-IQ-minus-70-Rap oder HipHop oder wat weiß ich. Ab WANN griffe (richtiget Konjunktiv?) denn dann ein Recht, dies einzuschränken? Darüber MUSS debattiert werden (bitte keinen Diskurs darüber führen, gäääähn). Der Liberalismus öffnet dem Mörder die Tür, erreicht jener seine Grenzen – hat ein, nun denn, Meinungsfreiheit: recht charakterloser Mensch (E. Jünger) mal gesagt, was dem Inhalt dann doch keinen Abbruch tut. WIE weit reicht „unsere“ (ich meine damit nicht das Steinmeier’sche „Wir-und-die-anderen-da-Demokraten“) Liberalität?

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[…] dem Auftritt des Rappers Dahabflex bei einer Wahlkampfveranstaltung der Linken in Berlin-Neukölln hatte die Berliner Spitzenkandidatin Elif Eralp (Die Linke) Aufklärung und Konsequenzen verlangt. […]

Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
14 Tage vor

Die zurückhaltende Berichterstattung ist löblich. Der Artikel setzt sich wohltuend von der nach meiner Wahrnehmung allgemein vorherrschenden Schnappatmung ab.
Der Beitrag lässt dennoch oder gerade darum ein klares Fazit zu:

Für die Partei „Die Linke“ ist Antisemitismus über alle innerparteiliche Flügelgrenzen hinweg ein strategischer Baustein. Damit ist „Die Linke“ ganz einfach eine antisemitische Partei.

Für irgendwelches „wie dumm kann man sein“ Gelaber gibt es keinen plausiblen Anlass mehr, etwaiger Antiantisemitismus, der von Linken geäußert wird, sind bloße Schutzbehauptungen der Mitläufer.

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[…] Dann über den Wahlkampfauftritt von Dahabflex, bei dem neben „Death to the IDF“ auch von einem „Sprengsatz auf den Bundestag“ die Rede war. Die einschlägigen Inhalte des Rappers – Stalin, Molotowcocktails, PFLP und Leila Chaled – waren schon vorher öffentlich zugänglich. […]

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[…] „Death to the IDF“, ein „Sprengsatz auf den Bundestag“ und andere musikalische Perlen […]

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[…] Eine frühere öffentliche Warnung lässt sich konkret nachlesen. Martina Renner verwies am 24. September 2025 auf die Neuköllner Werbung für Dahabflex bei der Demonstration „Zusammen für Gaza“. Martina Renner war Bundestagsabgeordnete der Linken und Sprecherin ihrer Bundestagsfraktion für antifaschistische Politik. Dazu nannte sie Textstellen mit Bezügen auf die PFLP und Leila Chaled sowie eine gegen die IDF gerichtete Todeszeile. Der Hinweis erschien drei Tage vor der angekündigten Demonstration. (Diese Textstellen wurde hier auf Ruhrbarone dokumentiert: „Death to the IDF“, ein „Sprengsatz auf den Bundestag“ und andere musikalische Perlen: Die s…) […]

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[…] des aktuellen Streits war das Wahlkampfkonzert der Linken Neukölln am 29. August 2026, bei dem Dahabflex laut Tagesspiegel „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“ rappte. […]

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[…] offen der Konflikt in der Partei ausgetragen wird, zeigen die Reaktionen auf den vorangegangenen Dahabflex-Auftritt in Neukölln. Spitzenkandidatin Elif Eralp erklärte am 31. August 2026 gegenüber dpa: „Aufrufe zur Gewalt […]

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