
„Les Apaches!“ erinnert mit „Vorhang!“ an einen frühen Versuch multimedialen Theaters.
Von weitem hört man die Klavierklänge, Ton um Ton im selbstverständlichen Takt eines tropfenden Wasserhahns erfüllt die Gebläsehalle und scheint den Raum mit Zeit auszupolstern. Wie lang schon spielt der Mann am Klavier (Philippe Hattat) da? Nach und nach gesellen sich Musikerinnen und Musiker hinzu, nehmen auf ihren Stühlen Platz, prüfen ihre Notenblätter und fangen an, sich einzuspielen. Immer lauter wird es, bis alle Instrumente – Schlagwerk, Saxofon und Violine, Viola, Cello, Kontrabass, Piccoloflöte, Oboe und Klarinette, Fagott, Trompete und Posaune – das Orchester „Les Apaches“ als Klangkörper hörbar machen.
Überraschtes Schmunzeln ist zu beobachten, wenn dann Sarah Silverblatt-Buser das Dirigentenpult erklimmt und nicht den Taktstock sondern ihre Arme hebt wie die Vorturnerin eines Gymnastikkurses, und alle Musikerinnen und Musiker ihre Übungen nachmachen. Kurz blitzt der Humor der Dadaisten auf, doch nur um auch den historischen Zusammenhang zu beleuchten, in dem 1917 die Premiere des Balletts „Parade“ einen Skandal auslöste: Der Erste Weltkrieg tobte, und man kann annehmen, dass weniger Eric Saties ungewohnte Konzert-Geräusche die Buhrufer provozierten als vielmehr ihre Ablehnung alles nicht Französischen. Gerade die École e de Paris und die Avantgardekünstler aus aller Welt, die Montmartre bevölkerten, standen unter Verdacht. In chauvinistischen Zeiten waren sie die Feinde.

Vorhang auf für ein imaginäres Gruppenbild mit illustren Künstlern des „L’Ésprit Nouveau“: Versammelt haben sich Eric Satie, Jean Cocteau, Pablo Picasso, Igor Strawinsky, Vaslav Nijinsky, Sergei Diagilew, Léonide Massine und Léon Bakst als Protagonisten eines frühen gattungsübergreifenden Kunstexperiments. Sie schufen das 15minütige multimediale Ballett „Parade“ als Collage aus Elementen großstädtischen Lebens und Motiven aus Zirkus und Varieté. Guillaume Apollinaire nannte es „eine Art von Über-Realismus (sur-realisme)“, was beim Publikum in seinem neuartigen Zusammenspiel aus Bild, Ton und Tanz zunächst für Unverständnis sorgte, über 100 Jahre später jedoch das Ensemble „Les Apaches!“ umso dringlicher zu ihrem Projekt „Vorhang!“ anregte. Im Rahmen der Ruhrtriennale wurde es jetzt vorgestellt. Das Ausrufungszeichen hinter „Vorhang“ fordert diesmal jedoch nicht zum Schließen des Eisernen Vorhangs auf wie seinerzeit in Paris, sondern zum Öffnen.
Eric Satie steht gemeinsam mit John Cage im Mittelpunkt dieser künstlerischen Untersuchung unter Federführung des Dirigenten Julien Masmondet und der Choreographin und Co-Regisseurin Sarah Silverblatt-Buser. Der amerikanische Komponist, der Alltagsgeräusche in seine Kompositionen integrierte, erkannte Satie in den 1960er Jahren als seinen geistigen Ziehvater und läutete damit eine Renaissance dessen Raum klimatisierender Musik ein. Wiederum gut ein halbes Jahrhundert später folgt Masmondet der Idee der Offenheit und bringt klassisch ausgebildete Musikerinnen und Musiker mit Jazz-Künstlern und einer Tänzerin zusammen und durchbricht so konventionelle Aufführungsgepflogenheiten. In ihrer inspirierten, dynamischen und genauen Interpretation machen die Musizierenden die von Othman Louati durchweg neu orchestrierten Stücke ihrer Zuhörerschaft schmackhaft. Als halb ironische Erinnerung an jene Gaukler, die einst Passanten in die historische Zirkusvorstellung locken sollten, mögen die tänzerischen Darbietungen von Sarah Silverblatt-Buser einzuordnen sein.
Dass Satie seine Musik stets als eine Art Theater betrachtete und sich in seiner Partitur Geräuschtypen wie Flaschenspiel, Schreibmaschine und Revolverschuss finden, haben Masmondet und der Co-Regisseur Gordon auch zum Anlass genommen, die Musiker und Musikerinnen in das multimediale Spiel einzubeziehen: Sie stehen von ihren Stühlen auf, steigen musizierend von der Bühne herab und schreiten ins Auditorium.
Dem Picasso-Bühnenbild von „Parade“ folgend, soll die Aufführung sich vom eher festlich lärmenden Auftakt hin zum träumerisch-sonderbaren Ende verändern: von schwarz zu weiß, wie das gesamte Ensemble, das Person um Person sich zum Schluss hinter einem provisorischen Vorhang umgekleidet hat. Höhe- und Schlusspunkt der Aufführung ist die Stille eines ausverkauften Saals, und wir tragen davon vier Minuten Dreiunddreißig nachhause.
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