
Niemand muss auf eine geleakte E-Mail mit dem Betreff „Neueste supergeheime Weisungen aus Moskau!“ warten, um ein Netzwerk zu erkennen.
Netzwerke funktionieren gewöhnlich subtiler: Menschen treffen sich, reisen gemeinsam, schreiben für dieselben Medien, organisieren Veranstaltungen, öffnen einander Türen, trinken irgendwo in St. Petersburg (Russland) oder Merzig-Silwingen (Saarland) gemeinsam Kaffee – Tee ist zu gefährlich – und verbreiten dieselben politischen Botschaften.
Das ist deutlich langweiliger und erheblich unblutiger als eine Folge von „The Americans“. Dafür ist es keine Fiktion. Und die Verbindungen lassen sich belegen.
Gerade vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf diese Netzwerke.
Russlands nützliche Verschonte
Eine russische Desinformationskampagne greift im Vorfeld der sachsen-anhaltinischen Landtagswahl Kandidaten von Parteien an. Betroffen sind, wenn man es im Jargon von BSW und AfD formuliert, die „Altparteien“. AfD und BSW bleiben in der ausgewerteten Stichprobe wundersamerweise verschont. Gleichzeitig nähern sich beide Parteien im Land politisch an (Ruhrbarone: Putins Plan und Sahra Höckes Beitrag).
Und rund um sie tauchen erstaunlich oft dieselben russischen Medien, Botschaftsvertreter, Reiseorganisatoren und sanktionierten Einflussakteure auf.
Eine direkte Steuerung von AfD oder BSW durch den Kreml ist damit nicht bewiesen. Wer das behauptet, macht aus einer Recherche eine Verschwörungstapete. Das vorhandene Bild ist auch ohne verschwörungstheoretischen, unbewiesenen, Klebstoff interessant genug.

Der Wahlkampf, der aus Russland kommt
Seit Ende Juni läuft vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Niedersachsen die Kampagne „Matrjoschka“. Gefälschte Beiträge imitieren deutsche Medien und erfinden Morde, Korruption und Sexskandale über Kandidaten.
Der Tagesschau-Faktenfinder berichtete am 3. August über mehr als 180 gefälschte Posts. Die vom Bundesamt für Verfassungsschutz am 12. August veröffentlichte Warnung vor ausländischer Einflussnahme beschreibt dieselbe Methode: gefälschte Nachrichtenauftritte, manipulierte Videos und KI-Inhalte, die Misstrauen säen und den Wahlkampf polarisieren sollen.

Nach der von der Tagesschau zitierten CeMAS-Forscherin Julia Smirnova trafen die Fakes alle beobachteten Parteien – mit Ausnahme von AfD und BSW. Das passt zu früheren russischen Kampagnen, die russlandfreundliche Parteien unterstützten und deren Gegner diskreditierten.
Es ist ein Befund, kein Beweis für Absprachen. Der Unterschied ist nicht kompliziert. Er wird nur unpraktisch, sobald man eine Schlagzeile bauen möchte.

Der AfD-Mann, der für Wedomosti schreibt
In Sachsen-Anhalt führt die erste Spur zu Hans-Thomas Tillschneider. Der AfD-Landtagsabgeordnete gehörte 2022 zu einer Reisegruppe nach Russland. Gemeinsam mit Daniel Wald und dem nordrhein-westfälischen Abgeordneten Christian Blex wollte er auch in die damals russisch besetzten Gebiete im Osten der Ukraine fahren. Der Donbass-Teil wurde abgebrochen.
Der Landtag von Sachsen-Anhalt missbilligte die Reise. Tillschneider verteidigte sie im Parlament. Flug und Unterkunft wurden nach den damaligen Angaben von der AfD-Fraktion bezahlt.
Seit Januar 2023 schreibt Tillschneider außerdem für die russische Wirtschaftszeitung Wedomosti. Auf der Autoren-Seite wird er als Mitglied eines deutschen Regionalparlaments vorgestellt. Seine Texte behandeln Deutschland, die AfD und den Westen. Tillschneider erklärte, dafür kein Honorar zu erhalten.
Das ist beruhigend. Russische Leser bekommen die deutsche AfD-Perspektive auf das Weltgeschehen also offenbar kostenlos geliefert.

Ostwind, COMPACT und Putins Geburtstag
Im Jahr 2023 gründeten Tillschneider und der COMPACT-Herausgeber Jürgen Elsässer den Verein „Ostwind“. COMPACT berichtete selbst über die Gründung und die deutsch-russische Zielrichtung. Das ist eine Selbstdarstellung des Milieus, keine unabhängige Quelle. Für die Frage, wer dort mit wem auftritt, reicht sie allerdings.
2024 reisten Tillschneider und der sachsen-anhaltische AfD-Abgeordnete Frank Otto Lizureck nach Kaliningrad. Russische Medien inszenierten die Reise als Beitrag zur deutsch-russischen Freundschaft. Eine Chronologie von t-online dokumentiert diese und weitere Russlandreisen von AfD-Politikern.
Im Oktober 2025 schloss sich der Kreis in der russischen Botschaft in Berlin. COMPACT organisierte dort eine Veranstaltung zu Wladimir Putins Geburtstag. Anwesend waren nach übereinstimmenden Berichten Tillschneider, Lizureck, der AfD-Politiker Florian Schröder, Elsässer und der russische Botschafter Sergej Netschajew. n-tv dokumentierte die Runde.
Man kann das „Dialog“ nennen. Dialog ist ein wunderbares Wort.
Es macht aus einer Geburtstagsfeier für den Präsidenten, der einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt, fast so etwas wie einen allmorgendlichen Stuhlkreis in einem Waldorfkindergarten, bei dem alle Kinderlein fröhlichst singen, klatschen und ihre identitätspolitischen Wunschzettel-Doppel- und Dreifachvornamen – zum Beispiel Wendelin-Felix, Marie-Sophie-Chantal, Dieter-Maddox und Hildegard-Destiny – tanzen, bis selbst die Huldigung eines despotischen Kriegsherrn wie ein Beitrag zur Friedenspädagogik klingt.
Dornau, Lipp und die deutsche Zuständigkeit
Jörg Dornau gehört nicht zum Landesverband Sachsen-Anhalt, sondern zur AfD in Sachsen. Er ist trotzdem wichtig, weil sich an ihm zeigt, wie politische, wirtschaftliche und propagandistische Kontakte ineinandergreifen.
Der MDR dokumentierte, dass Jörg Dornau ein Video der prorussischen Aktivistin Alina Lipp als Darstellung über die „wahren Zustände“ empfahl. Dazu schrieb er: „Die Ukraine wird entnazifiziert!“ Das ist keine heimliche Nähe. Es ist die öffentliche Übernahme eines zentralen russischen Rechtfertigungsnarrativs. Der MDR veröffentlichte das Manuskript der Recherche.
Lipp betreibt den Kanal „Neues aus Russland“ und arbeitet regelmäßig mit Thomas Röper vom Blog „Anti-Spiegel“ zusammen. Beide wurden von der EU wegen ihrer Rolle in russischen Einfluss- und Desinformationsaktivitäten sanktioniert. Der Verein VADAR, zu dessen Gründern mehrere AfD-Politiker und -Funktionäre gehörten, erklärte, Lipps anwaltliche Vertretung finanziert zu haben. NDR und WDR zeichneten diese Verbindungen nach.
Dornau ist zudem Eigentümer des belarussischen Agrarunternehmens Tsybulka-Bel. In der EU-Verordnung 2025/631 wird das Unternehmen wegen der Beschäftigung von Insassen eines belarussischen Haftzentrums unter inhumanen Bedingungen gelistet.
Auch hier lohnt der juristische Kleingedruckte. Die Staatsanwaltschaft Leipzig leitete Ende 2024 wegen des behaupteten Häftlingseinsatzes kein Ermittlungsverfahren ein. Die Begründung betraf Zuständigkeit und das Fehlen eines in Deutschland verfolgbaren Anfangsverdachts. Das war kein Freispruch über die tatsächlichen Arbeitsbedingungen.
Seit Februar 2026 läuft dagegen ein anderes Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts von Verstößen gegen das Außenwirtschaftsgesetz. Es geht um mögliche Umgehung von Belarus-Sanktionen. Eine Anklage oder Verurteilung gibt es bislang nicht.
„Ermittelt wird“ und „schuldig“ sind zwei verschiedene Sätze. Das sollte man erwähnen. Selbst dann, wenn es die Pointe ein wenig beschädigt.
Das BSW reist zum Dialog – die Kontaktpersonen sind schon da
Beim BSW führt die Spur nicht über Tillschneider, sondern über eine Moskau-Reise im Mai 2025.
Die BSW-Europaabgeordneten Ruth Firmenich und Michael von der Schulenburg reisten damals nach Moskau. Firmenich bestätigte später, dass Oleg Woloschyn und Nadia Sass bei der Organisation geholfen hatten. Die Reisenden hätten die Kosten privat bezahlt. Der Deutschlandfunk berichtete über die bestätigten Kontakte; t-online rekonstruierte das Umfeld.
Woloschyn gehört zum politischen Netzwerk des ukrainischen Putin-Vertrauten Wiktor Medwedtschuk. Sass wird als Kontaktvermittlerin beschrieben. In ihrem Umfeld traten Politiker bei „Voice of Europe“ und in russlandfreundlichen Medienformaten auf.
Ein bezahlter Auftrag an das BSW ist damit nicht belegt. Belegt ist, wer die Kontakte für die Reise herstellte. Manchmal ist ein Adressbuch aufschlussreicher als ein Parteiprogramm.
Voice of Europe war kein gewöhnliches Interviewportal
Der Rat der Europäischen Union setzte „Voice of Europe“ im Mai 2024 auf die Sanktionsliste. In der amtlichen Begründung ist von einer systematischen internationalen Kampagne der Medienmanipulation die Rede. Die Plattform habe Desinformation verbreitet, Geld an Propagandisten umgeleitet und ein Netzwerk zur Beeinflussung europäischer Parteien aufgebaut.
Der EU-Rat ordnet „Voice of Europe“ Medwedtschuk und dessen Verbündeten zu. Woloschyn wurde später ebenfalls sanktioniert.
Das bedeutet nicht, dass jeder Gesprächspartner oder jeder Reisende Teil einer bezahlten Operation war. Es bedeutet aber, dass „Voice of Europe“ und sein Umfeld keine beliebige journalistische Kontaktbörse waren. Wer dort nur einen netten Austausch unter Friedensfreunden sehen möchte, muss schon ausgesprochen konsequent wegschauen.

Dağdelen und der Botschafter
Sevim Dağdelen ist beim BSW die verlässlichste Vertreterin des politischen „Dialogs“ mit Moskau.
Am 10. Mai 2026 organisierte und moderierte sie in Berlin die BSW-Veranstaltung „Frieden durch Dialog“ mit dem russischen Botschafter Sergej Netschajew. Am Vortag hatte sie bereits an einem Empfang der Botschaft zum russischen „Tag des Sieges“ teilgenommen. Die WELT berichtete über die Veranstaltung.
Netschajew bestritt dort, Russland habe den Krieg begonnen. Dağdelen gab ihm die Bühne und nannte das Dialog.
Eine finanzielle oder organisatorische Kontrolle Dağdelens durch Russland ist nicht belegt.
Diese braucht man für die politische Wirkung allerdings auch nicht. Der Botschafter durfte seine Geschichtsschreibung vortragen, das BSW lieferte Saal, Titel und Moderation. Service muss nicht immer bestellt werden, wenn er freiwillig kommt.
Gemeinsame Runden, gemeinsame Anfragen
Die beiden Stränge laufen nicht nur bei Nord Stream und der Forderung nach einem Ende der Sanktionen zusammen. Nach einer Auswertung von t-online brachten Abgeordnete von AfD und BSW seit Juni 2025 mindestens drei gemeinsame Anfragen an die EU-Kommission zu Russland und zur Ukraine ein.

Am 17. Dezember 2025 saßen bei einer von dem luxemburgischen Abgeordneten Fernand Kartheiser initiierten Videokonferenz mit Abgeordneten der russischen Duma auf deutscher Seite ausschließlich Vertreter von AfD und BSW am Bildschirm, wie der WDR berichtete.
Unter den namentlich genannten Teilnehmern waren der frühere Düsseldorfer Oberbürgermeister und heutige BSW-Europaabgeordnete Thomas Geisel sowie der AfD-Europaabgeordnete Hans Neuhoff. Dazu kamen ein weiterer BSW-Parlamentarier und weitere AfD-Vertreter. Initiator Kartheiser war zuvor wegen seiner Russlandkontakte und -reisen aus der rechtskonservativen EKR-Fraktion des Europäischen Parlaments ausgeschlossen worden.
Im Düsseldorfer Leseumfeld muss man Thomas Geisel kaum vorstellen. Für den Rest der Republik: Von 2014 bis 2020 war er SPD-Oberbürgermeister der NRW-Landeshauptstadt. Nach seiner Abwahl zog er in einem Interview mit Ruhrbaron Stefan Laurin Bilanz und kündigte an, sich weiterhin gegen Rechtspopulismus zu engagieren. Anfang 2024 verließ er die SPD, schloss sich dem BSW an und zog wenige Monate später für die Wagenknecht-Partei ins Europaparlament ein. Zwei Jahre später saß er mit AfD-Abgeordneten in einer Gesprächsrunde mit Vertretern der russischen Duma. Politische Wege können erstaunlich kurz werden, wenn das Ziel „Dialog“ heißt.
Geisel bestätigte dem WDR seine Teilnahme. Gerade in Zeiten angespannter Beziehungen sei es notwendig, Gesprächskontakte nicht vollständig abzubrechen. Wer sonst teilnehme, sei für ihn kein Grund fernzubleiben; er wolle sich Entscheidungen nicht von der AfD diktieren lassen. Geisel erklärte allerdings auch, nur an einem von insgesamt vier derartigen Treffen teilgenommen zu haben.
Seine Partei hatte er nach Angaben des WDR vorher nicht informiert. Konsequenzen stellte das BSW nicht in Aussicht. Hans Neuhoff ließ mehrfache Fragen des WDR zu Inhalt und Teilnahme unbeantwortet; auch sein eigener AfD-Landesverband wusste dem Bericht zufolge nichts von den Treffen. Die russische LDPR wiederum feierte eines dieser Gesprächsformate als „historisches Treffen“ und lobte den Mut und die Prinzipienfestigkeit der europäischen Teilnehmer.

Das beweist keine Steuerung durch den Kreml. Es belegt aber, dass die angeblich nur zufällig parallelen Russlandpositionen nicht allein auf dem Papier nebeneinanderstehen: Vertreter beider Parteien treffen sich gemeinsam mit Abgeordneten der russischen Duma – und halten es offenbar nicht immer für nötig, ihre eigenen Parteien vorher darüber zu informieren.
Sachsen-Anhalt: Nord Stream und wechselnde Mehrheiten
Die politische Schnittstelle zwischen AfD und BSW ist in Sachsen-Anhalt keine geheime Reise. Sie steht in Programmen und Interviews.
Im Landtagswahlprogramm des BSW Sachsen-Anhalt werden Gespräche mit Russland und die Nutzung von Nord Stream als „unerlässlich“ bezeichnet. Die Partei fordert außerdem die Aufhebung der Energiesanktionen gegen Russland.
Der BSW-Landesvorsitzende Thomas Schulze wirbt für „wechselnde Mehrheiten“ und schließt nicht aus, Vorhaben mit Stimmen der AfD durchzusetzen. CORRECTIV dokumentierte den parteiinternen Streit. Ende Juni schrieb das BSW an die AfD-Spitze; zu den genannten gemeinsamen Themen gehörte die Rückkehr zu russischem Gas und Öl. Die Tagesschau veröffentlichte die Einzelheiten.
Eine Koalition ist damit nicht beschlossen. Eine gemeinsame Partei existiert ebenfalls nicht. Aber die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und die außenpolitischen Schnittmengen sind öffentlich.
Die russische Einflusskampagne muss AfD und BSW also nicht erst beibringen, was sie über Sanktionen, Nord Stream und Moskau denken sollen. Diese Arbeit haben beide Parteien längst selbst erledigt.
Was belegt ist – und was nicht
Belegt sind Reisen, Auftritte, Vereinsgründungen, Veröffentlichungen, politische Kontakte und die Einbindung einzelner Kontaktpersonen in sanktionierte Einflussnetzwerke.
Belegt ist außerdem, dass die von CeMAS untersuchte Kampagne Kandidaten mehrerer Parteien angreift und AfD und BSW in der ausgewerteten Stichprobe ausnimmt.
Eine gemeinsame „Kommandostruktur“ lässt sich aktuell nicht belegen.
Zahlungen Russlands an das BSW für die Moskau-Reise sind nicht beweisbar.
Nicht belegt ist, dass AfD oder BSW die Matrjoschka-Kampagne bestellt oder gesteuert haben.
Bereits 2023 berichtete die Tagesschau über russische Strategiepapiere, in denen eine deutsche Querfront aus AfD und Wagenknecht-Umfeld als Ziel beschrieben wurde. Die zugrunde liegenden Dokumente enthielten aber keinen Beleg für direkte Kommunikation oder eine erfolgreiche Umsetzung.
BSW, AfD und russische Einflussnetzwerke – Schwerpunkt Sachsen-Anhalt
Das Netzwerk ist auch so deutlich genug.
Auf der einen Seite stehen AfD-Politiker, die nach Russland reisen, für russische Medien schreiben, mit COMPACT einen „Ostwind“ gründen und Putins Geburtstag in der russischen Botschaft feiern.
Auf der anderen Seite stehen BSW-Politiker, deren Dialogreisen von Personen aus dem Medwedtschuk- und „Voice of Europe“-Umfeld unterstützt werden und die dem russischen Botschafter eine Bühne geben.
Dazwischen liegen Nord Stream, Sanktionen, russisches Gas und die Aussicht auf wechselnde Mehrheiten im Oblast Sachsen-Anhalt.
Moskau muss dafür keine täglichen Weisungen verschicken.
Es genügt offenbar, dass in Deutschland genügend Politiker sehr freiwillig das sagen, was der Kreml gerne hört.
Einloggen, um Themen zu beobachten. Einloggen