
In seinem Buch „Die Nord-Stream-Sprengung. Die wahre Geschichte der Sabotage, die Europa erschütterte“ beschreibt der Journalist Bojan Pancevski die Geschichte der Sabotage der vergangenen Jahrzehnte und die Ermittlungen der deutschen Polizei.
Manchmal beginnt eine große Geschichte mit einem Zittern. Am 26. September 2022 schlugen in ganz Europa die Seismografen aus. Irgendwo in der Ostsee war es zu einer gewaltigen Detonation gekommen. Schnell wurde klar, dass die Röhren der Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 gesprengt worden waren, die Europa mit der russischen Gasindustrie verbanden. Die Röhren waren voller Gas, obwohl sie keines mehr nach Deutschland lieferten: Kurz vor Beginn der russischen Vollinvasion der Ukraine am 24. Februar desselben Jahres hatte die Bundesregierung die noch ausstehende Zertifizierung von Nord Stream 2 zu beenden. Russlands Präsident Putin wiederum führte eine beschädigte Pumpe als Grund an, die Gasversorgung durch Nord Stream 1 zu beenden. „Nord Stream 1 weist zwei Lecks nordöstlich von Bornholm auf, Nord Stream 2 ein Leck südlich von Dueodde. Die Lecks wurden von der F-16-Abfangbereitschaft der dänischen Streitkräfte entdeckt“, meldeten die dänischen Streitkräfte und richteten zum Schutz der Schifffahrt und des Luftverkehrs Sperrzonen ein.
Die Zerstörung der beiden Pipelines beendete die Abhängigkeit Deutschlands vom russischen Gas und endgültig die Idee eines „Wandels durch Annäherung“, der vor allem Sozialdemokraten anhingen und die schon damals gescheitert war: Russland war kein demokratischer Rechtsstaat geworden, hatte Georgien, Tschetschenien und die Ukraine überfallen und unterstützte in Afrika und Westasien Terrorgruppen und Diktatoren. Die Nord-Stream-Röhren selbst waren weniger Infrastruktur als eine Waffe im Kampf Putins gegen die Ukraine: Die Gaslieferungen finanzierten die russische Aufrüstung und sollten die Ukraine als Transitland überflüssig machen. Die Ukraine, Polen, die USA und die baltischen Staaten hatten das der Bundesregierung immer gesagt. Aber sowohl der Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als auch Sigmar Gabriel, zeitweise Wirtschafts- und Außenminister, und Frank-Walter Steinmeier (SPD), der sich ebenfalls unter Merkel als Außenminister versuchen durfte, war das egal. Hilfreich war sicher, dass sich Putin mit Gerhard Schröder (SPD) einen ehemaligen Bundeskanzler gegönnt hatte.
Sie alle wussten, was kommen würde, schrieben Ulrich Thiele und Steffen Dobbert in ihrem Buch „Nord Stream: Wie Deutschland Putins Krieg bezahlt“. 2018 sagten Ukrainer der Bundesregierung, was passieren würde: „Sehr viele Kriegsflüchtlinge werde es dann geben, die nach Deutschland kommen. Die Vertreter der Bundeskanzlerin antworten sinngemäß: Ja, wir wissen, was wir mit ihnen machen werden. Die Ukrainer sind überrascht. Einer erwidert, dass es bei einer Kriegseskalation nicht zehn- oder hunderttausende, sondern Millionen Flüchtlinge aus der Ukraine geben werde. Darauf antworten die Deutschen, sie müssten das nachrechnen. Bisher seien sie von geringeren Zahlen ausgegangen.“ Die damalige Bundesregierung hatte den Krieg eingepreist, aber das Jahr 2022 sollte zeigen, dass sie die Folgen unterschätzt hatte.
Bojan Pancevski beschreibt in seinem Buch „Die Nord-Stream-Sprengung. Die wahre Geschichte der Sabotage, die Europa erschütterte“ die Geschichte des spektakulären Anschlags. Er erzählt die Geschichte von fünf Männern und einer Frau, die bei der Sprengung ihr Leben riskierten und zu Helden wurden. Und er nimmt die Leser mit in die Welt der Geheimdienste auf allen Seiten und zeigt die Korruption und das Chaos in der ukrainischen Regierung, ihrer Armee und Sicherheitsdienste. Der Kampf der Ukraine, zeigt Pancevski, wird nicht alleine von der Regierung geführt. Privatleute spenden Geld für Kampfeinheiten, Geheimdienste und Armee misstrauen und bekämpfen sich, stehen aber oft zusammen, wenn es darauf ankommt. Patriotismus, Mut und ein unbändiger Freiheitswille sorgen dafür, dass Putins Vollinvasion scheiterte. Der Geist der Kosaken sei die Erklärung des ukrainischen Widerstandswillens.
Pancevski zeigt uns in seinem wie ein Thriller geschriebenen Buch, wie eine Gruppe aus Geheimdienstlern, Militärs und Elitetauchern, allesamt Zivilisten, den Anschlag auf die Nord-Stream-Pipeline planen und durchführen, der anfangs nur eine von mehreren Ideen war. Das Startup nutzt dabei Geld von privaten Sponsoren ebenso wie die staatlichen und militärischen Strukturen der Ukraine. Ob und wie weit der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj eingeweiht war, bleibt offen.
Die Mitglieder des Startups planten und trainierten, falsche Pässe wurden organisiert, ein Boot gemietet und ein Safe-House organisiert. Jeden aus dieser Truppe porträtiert Pancevski ausführlich und mit viel Sympathie. Es sind Menschen, die für die Freiheit ihres Landes ihr Leben riskieren. Keiner von ihnen ist perfekt und wurde zum Helden geboren. Aber als es darauf ankam, als ihr Land sie im Überlebenskampf gegen Russland brauchte, waren sie da und bereit, alles zu geben.
Er selbst und seine Regierung bestreiten, von dem Vorhaben gewusst zu haben. Die Ukraine warf damals Russland vor, eine False-Flag-Aktion durchgeführt zu haben, die Russen nannten als Täter die CIA.
Dabei war es in Geheimdienstkreisen schon im Sommer 2022 bekannt, dass eine ukrainische Gruppe einen Anschlag auf die Pipeline plant. Auch die Bundesregierung war informiert. Die CIA riet ab, man sorgte sich um die deutsche Unterstützung der Ukraine. Und was machte das Startup? Es verschob die Aktion auf den Frühherbst. Eine gefährliche Entscheidung, musste der Sprengstoff doch zum Teil während eines Sturms an den Röhren angebracht werden.
Die Kämpfer und die Kämpferin des Startups wurden kurz nach dem Anschlag zu Gejagten. Die Ukraine stellte sich nie offiziell hinter sie. Die deutsche Bundespolizei nahm die Ermittlungen auf, und es gelang ihr mit Akribie und Glück, die Namen aller Beteiligten zu ermitteln. Zwei wurden festgenommen. Gegen einen von ihnen, Pancevski nennt ihn im Buch den „Kapitän“, wird bald in Deutschland der Prozess gemacht. Er wurde in Italien verhaftet. Der Bundesgerichtshof, schreibt LTO, gehe von einer erheblichen Straferwartung aus: Allein der Tatbestand des § 308 StGB, das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, sehe eine Freiheitsstrafe von bis zu 15 Jahren vor.
Der andere, der festgenommen wurde, war der „Iceman“. Er geriet in polnische Hände, und das war sein Glück: Der Richter Dariusz Łubowski lehnte seine Auslieferung an Deutschland mit der Begründung ab, „dass jede ukrainische Sabotage von russischer Infrastruktur infolge des ‚blutigen und genozidalen Angriffs‘ Russlands ein ‚begründeter, rationaler und legaler Akt‘ sei. Durch den Kauf russischen Gases habe der deutsche Staat die russische Aggression mitfinanziert“, befand Łubowski, und sei daher nicht berechtigt, irgendwen für die Zerstörung der Pipelines strafrechtlich zu verfolgen. Der belesene Richter zog sogar Aristoteles, Cicero und Augustinus für das Konzept eines gerechten Kriegs, den Verteidigungskrieg der Ukraine, heran. Wenn die Ukraine Nord Stream sabotiert habe, stelle dies im polnischen Recht keine Straftat dar. Mit dieser in kämpferischem Ton vorgetragenen aufsehenerregenden Entscheidung, schreibt Pancevski, „war Iceman ein freier Mensch.“ Polens Regierungschef Donald Tusk sieht das bis heute ähnlich und twitterte im vergangen Jahr: „Das Problem ist nicht, dass Nord Stream gesprengt wurde. Das Problem ist, dass es gebaut wurde.“
The problem with North Stream 2 is not that it was blown up. The problem is that it was built.
— Donald Tusk (@donaldtusk) October 7, 2025
Es ist zu hoffen, dass die ukrainische Regierung sich hinter das Startup stellt und sie für ihren Mut belohnt. Und es ist zu hoffen, dass der Kapitän, sollte er in Deutschland tatsächlich verurteilt werden, noch am selben Tag vom Bundespräsidenten begnadigt und zum Essen eingeladen wird. Wer weiß, vielleicht hat dieses Land ja nach Steinmeier ein Staatsoberhaupt mit Charakter und Gewissen.

Die Nord-Stream-Sprengung. Die wahre Geschichte der Sabotage, die Europa erschütterte
Bojan Pancevski
Harpercollins, 22 Euro
