
Die christlichen Kirchen in Deutschland befinden sich seit Jahren in einer tiefen Krise. Millionen Menschen haben ihnen den Rücken gekehrt, die Mitgliederzahlen sinken kontinuierlich, das Vertrauen in die Institution ist durch Skandale und Missmanagement schwer beschädigt.
Anstatt sich jedoch ernsthaft mit den Ursachen dieser Entwicklung auseinanderzusetzen, liefert die Kirche nun erneut Gründe, warum sich immer mehr Menschen von ihr entfremden. Das jüngste Beispiel kommt aus Köln: Ab dem 1. Juli sollen Touristen zwölf Euro Eintritt zahlen, um den Kölner Dom zu besichtigen.
Natürlich kostet der Erhalt eines Bauwerks von dieser Größenordnung Geld. Niemand wird bestreiten, dass Pflege, Sicherheit und Instandhaltung der weltberühmten Kathedrale enorme Summen verschlingen. Doch die Höhe der Gebühr wirft Fragen auf. Ein symbolischer Beitrag von zwei oder drei Euro wäre nachvollziehbar gewesen. Zwölf Euro hingegen wirken wie der Eintrittspreis für ein Museum oder einen Freizeitpark. Ausgerechnet ein Gotteshaus wird damit zu einer kommerzialisierten Sehenswürdigkeit.
Vom Gotteshaus zur Touristenattraktion
Besonders kurios ist die geplante Unterscheidung zwischen Touristen und Gläubigen. Wer zum Beten oder zum Gottesdienst kommt, soll weiterhin kostenlos eintreten dürfen. Touristen hingegen müssen zahlen. Die Idee mag auf dem Papier vernünftig klingen, in der Praxis wirkt sie fast absurd.
Wie soll an der Eingangstür festgestellt werden, wer tatsächlich beten möchte und wer lediglich die Architektur bewundert? Muss künftig jeder Besucher seine religiösen Absichten glaubhaft versichern? Reicht ein gesenkter Blick und ein ernstes Gesicht? Oder folgt direkt hinter dem Eingang eine spontane Glaubensprüfung inklusive Beichte?
Die Vorstellung hat etwas unfreiwillig Komisches. Gleichzeitig offenbart sie das eigentliche Problem: Die Kirche versucht, eine Grenze zu ziehen, die sich kaum ziehen lässt. Der Kölner Dom war bisher ein offener Ort, den jeder Mensch unabhängig von seiner Motivation betreten konnte. Genau diese Offenheit wird nun aufgegeben.
Das falsche Signal zur falschen Zeit
Dabei kommt die Entscheidung zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Die Kirchen kämpfen seit Jahren mit einem massiven Glaubwürdigkeitsverlust. Missbrauchsskandale, Vertuschungen und eine oftmals als weltfremd empfundene Haltung haben viele Menschen entfremdet. Immer weniger Bürger sehen einen Grund, Kirchenmitglied zu bleiben oder Kirchensteuer zu zahlen.
In dieser Situation wäre es eigentlich die Aufgabe der Kirche, Schwellen abzubauen und Menschen einzuladen. Stattdessen errichtet sie eine neue Hürde – und zwar eine finanzielle. Das mag betriebswirtschaftlich sinnvoll erscheinen, gesellschaftlich und symbolisch ist es jedoch ein Desaster.
Wer sich abschottet, verliert die Menschen
Befürworter verweisen gerne auf andere große Kathedralen wie den Mailänder Dom oder die St. Paul’s Cathedral in London, die ebenfalls Eintritt verlangen. Doch der Verweis auf andere macht eine fragwürdige Entscheidung nicht automatisch richtig. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Welche Rolle soll eine Kirche in der Gesellschaft spielen?
Ein Gotteshaus ist mehr als ein historisches Bauwerk. Es ist ein Ort der Begegnung, der Besinnung und der Offenheit. Wer den Zugang an eine Zahlung koppelt, sendet unweigerlich die Botschaft aus, dass manche Menschen willkommen sind und andere erst einmal zur Kasse gebeten werden.
Wenn die Kirche ihren Auftrag darin sieht, Menschen zu erreichen, dann ist diese Entscheidung ein Schritt in die falsche Richtung. Wer Mauern errichtet – selbst finanzielle –, darf sich am Ende nicht wundern, wenn immer weniger Menschen hindurchgehen wollen.