
Die Landesmedienanstalten wollen die Plattformbetreiber zwingen, ihnen genehme Medien zu bevorzugen. Eine Selbstermächtigung, die selbst für alle, die von ihr profitieren sollen, zum Boomerang werden könnte. Unser Gastautor Thomas Nückel gehört zu den Gründern dieses Blogs und ist medienpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag.
Die Veränderungen der Medienlandschaft während der vergangenen zwei Jahrzehnte haben viele beunruhigt, und ich kann das gut verstehen: Die klassischen Medien haben ihre Gatekeeper-Funktion verloren. Neue digitale Medien drängen oft aggressiv auf den Markt. Facebook, Instagram und X ist der Wahrheitsgehalt der von ihnen verbreiteten Postings weitgehend egal. Was geteilt wird, entscheiden Algorithmen, die das Ziel haben, die Nutzer in den Systemen zu halten, um ihnen möglichst viel Werbung zeigen zu können. Qualität spielt dabei keine Rolle. Die Medienanstalten wollen das ändern und planen, die großen Plattformen zu zwingen, bei der Verbreitung Medien zu bevorzugen, die in ihren Augen für die Öffentlichkeit einen besonders hohen Wert, einen Public Value, haben. Ein solches Prinzip gibt es heute schon in App-Stores, es soll nun auf die sozialen Medien ausgeweitet werden.
Viele werden diese Idee unterstützen, weil sie hoffen, auf diesem Weg die Qualitätsmedien zu stärken. Ich lehne sie aus mehreren Gründen ab: Auf einem freien Markt entscheiden die Kunden, was sie lesen und sehen wollen. Die Algorithmen verstärken diese Tendenz nur: Sie stärken, was gut läuft, und ignorieren, was kein Interesse findet. Sich über das Publikum zu stellen und entscheiden zu wollen, was gute und schlechte Medien sind, ist eine Selbstermächtigung, die den Landesmedienanstalten nicht zusteht. Auch wenn Bevorzugung auf den ersten Blick das Gegenteil von Zensur ist, entspringt sie demselben Denken: Man will die Informationen, die Menschen erreichen, lenken und steuern.
Aber die Idee ist auch aus mehreren Gründen naiv: Die sozialen Medien bevorzugen heute schon Inhalte, die die Nutzer in ihren Systemen halten. Das Bild, das nur auf Facebook zu sehen ist, der Text, der exklusiv auf LinkedIn erscheint, wird heute schon oft deutlich mehr Nutzern ausgespielt als die Beiträge von Medien, die auf ihre Webseiten verlinken und aus dem sozialen Medium herausführen. Es entspricht schlicht dem Eigeninteresse der Plattformen, die Menschen in ihren Systemen zu halten und ihnen nicht Wege aus diesen hinaus zu zeigen.
Die Medien, die bald als Public-Value-Medien bekannt sind, riskieren ihre Glaubwürdigkeit. In den Augen vieler wären sie als Staatsmedien diskreditiert, als die Medien, die man lesen soll. Aber wer will schon lesen, was eine Behörde empfiehlt? Es besteht das Risiko eines Stigmas. Dass solche Versuche grandios scheitern können, zeigt die Geschichte des von Tipper Gore, der Frau des späteren US-Vizepräsidenten Al Gore, initiierten Parental-Advisory-Labels, das seit den 1980er-Jahren in den USA auf CDs zum Beispiel von Madonna, Prince und Eminem vor angeblich „schmutzigen Texten“ warnen sollte: Für Teenager wurde es schnell und zu Recht zu einem Hinweis auf spannende Musik.
Und schließlich könnten sich die Landesmedienanstalten vollkommen verrechnen. Wir haben bereits gesehen, dass Plattformen auf übermäßige regulatorische Anforderungen nicht zwangsläufig mit Anpassungen reagieren. Sie könnten stattdessen beschließen, journalistische Inhalte algorithmisch deutlich weniger zu berücksichtigen oder sich aus diesem Bereich weitgehend zurückzuziehen. Die Einstellung politischer Werbung zeigt, dass dies keine theoretische Möglichkeit ist.
Ich kann menschlich verstehen, dass die Landesmedienanstalten ein Problem mit ihrem fortschreitenden Bedeutungsverlust haben. So etwas tut immer weh. Aber das darf keine Rechtfertigung für einen medienpolitischen Amoklauf sein.