
Nachdem ich das Buch Die neue autoritäre Linke. Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft von Nicolas Potter gelesen habe, sehe ich die linke Bewegung klar in der Sackgasse. Mit ihren autoritären Bestrebungen, ihrem unerträglichen Antisemitismus, ihrer gegen alle Vernunft und nur von Ideologie getragenen Politik befindet sie sich nicht nur zunehmend politisch im Aus, sondern sie wird auch gefährlich für die Demokratie. Besonders gefährlich ist in diesem Zusammenhang die neue autoritäre Linke, die Potter ausführlich beschreibt.
Nicolas Potter bezieht sich in seinem Buch vor allem auf Erfahrungen gegen ihn persönlich mit Morddrohungen aus islamistischen und linksautoritären Kreisen und den zunehmenden Antisemitismus der Linken sowie ihre Allianzen mit Islamisten und Autokraten. Dabei war erschreckend zu lesen, wie gewaltbereit und aggressiv die neuen Linksextremisten vorgehen. Terror gilt als probates Mittel, und Terrorgruppen wie Hamas und Hisbollah werden nahezu glorifiziert. Er beschreibt den Schulterschluss zwischen vorgeblich progressiven Linken mit Islamisten, die sie als Widerstandskämpfer mit gemeinsamem Ziel sehen, und Autokratien wie Iran, Russland und China. Das gemeinsame Ziel der neuen autoritären Linken in diesen Allianzen ist der Kampf gegen den Westen. Dabei ist der Kampf gegen den Kapitalismus auch immer mit der Vernichtung Israels verknüpft. Zu dem klar antisemitischen Weltbild der neuen autoritären Linken kommen Pressefeindlichkeit, Verschwörungsdenken und Terrorverherrlichung hinzu. Große Unterstützung erfahren sie durch entsprechende akademische Kreise, die die theoretische Basis für ihre menschenverachtende Ideologie zur Verfügung stellen, und vom Kulturbetrieb, der den Sound dazu liefert. Die Verschmelzung von islamistischem, sowjetischem, rechtsextremem und linkem postkolonialem Antisemitismus eint Kräfte, die eigentlich völlig konträr und teilweise überholt erscheinen. Sie sind sich einig, wenn es um die Vernichtung Israels und den Kampf gegen den Westen geht.
Was ist das für eine neue autoritäre Linke, die Nicolas Potter meint?
Neu ist diese Linke, weil die wachsenden aktivistischen Kreise vor allem junge Menschen rekrutieren, weil sie in der linken Szene zunehmend den Ton angeben und ihre Positionen immer erfolgreicher in der Mitte der Gesellschaft etablieren können. Autoritär ist diese neue Linke, weil sie demokratiefeindliche und autoritäre Tendenzen normalisiert. Leute, die nicht auf Linie sind, werden konsequent ausgeschlossen und aggressiv bekämpft. Ideologische Konformität wird verlangt. Diese neue Linke lehnt die liberale Demokratie zugunsten autoritärer sozialistischer oder kommunistischer Systeme ab. Charakteristisch ist dabei eine unterkomplexe Einteilung in Gut und Böse beziehungsweise Unterdrücker und Unterdrückte. Dieser Kampf wird mit allen Mitteln geführt. Terror ist, wenn er der Sache dient, Mittel zum Zweck und wird unterstützt. Rechtsextreme Kommunikationsmethoden werden ebenso übernommen wie Gewalt gegenüber politischen Gegnern und Kritikern. Eine extreme Pressefeindlichkeit wird als völlig legitim erachtet.
Potter beschreibt in den vier Bereichen aktivistische Netzwerke, Hochschulen, Pop- und Subkultur sowie soziale Medien, wie stark die Radikalisierung, die Demokratiefeindlichkeit und das Gesellschaftsfähigmachen eines als Antizionismus getarnten Antisemitismus durch die neue autoritäre Linke bereits fortgeschritten sind. Linke Institutionen wie z. B. die Rote Hilfe oder das Verlagsgebäude „Neues Deutschland“ und natürlich auch die Partei Die Linke sind involviert und machen Linksextremismus und Antisemitismus mehr und mehr gesellschaftsfähig. Dabei gibt es durchaus Parallelen und ähnliche Vorgehensweisen wie bei Rechtsextremisten. Durch wohlklingende Namen wie „Jüdische Stimme“ und „Palästina spricht“ erschleichen sich extremistische Vereine Legitimität. Solche extremistischen Randgruppen gewinnen zunehmend an Bedeutung, und durch die wachsende Rolle der Partei Die Linke werden sie und ihre extremen Ansichten immer mehr in die Gesellschaft hineingetragen. Das kann Potter an vielen Beispielen belegen.
Für mich erscheint hinsichtlich linksextremistischer und judenfeindlicher Bestrebungen am bedeutungsvollsten die an den Hochschulen gelegte ideologische Grundlage, die Potter im Kapitel „Die ideologische Rechtfertigung“ ausführlich beschreibt. Besonders in den USA gibt es dadurch gefährliche Tendenzen in der jungen Generation. So liegt die Unterstützung der Hamas in der Altersgruppe der 18- bis 24-Jährigen im August 2025 bei 60 Prozent. Fünf Entwicklungen nennt Potter, die im Zusammenhang mit dem akademischen Nährboden für den Extremismus der neuen autoritären Linken stehen:
- die Renaissance des verkürzten Antiimperialismus
- die Entstehung eines akademisch-aktivistischen Dekolonialismus
- eine „Mutation“ des dogmatischen Stalinismus
- das massenpsychologische Phänomen des Autoritarismus
- die Salonfähigkeit eines antisemitischen Weltbildes in Form eines aggressiven Antizionismus
Da Klassenunterschiede in der westlichen Welt an Bedeutung verlieren, wird der globale Süden zu einem neuen revolutionären Subjekt erklärt, das es mit allen Mitteln zu unterstützen gilt, auch mit Gewalt. Der Islam wird als „kriegerische Zivilisation im Kampf gegen den Westen“ gesehen. Die Welt wird ähnlich wie zur Zeit des Kalten Krieges sauber in zwei Blöcke geteilt. Die imperialistischen Ambitionen von Autokratien wie Russland, China oder Iran werden dabei ausgeblendet, genauso wie die historischen Tatsachen der Islamisierung und Arabisierung des Orients einschließlich Kolonialismus und Sklaverei. Auch bezüglich Israels wird die tausendjährige jüdische Geschichte und Kultur im Nahen Osten verleugnet. Arabische „Palästinenser“ werden zu den einzigen Indigenen erklärt, um die Auslöschung Israels zu legitimieren. Ich möchte dazu noch ergänzen, dass der Faschismus palästinensischer Terrororganisationen, ihre Liebe zu Hitler und die Gefahr für die Juden komplett ignoriert werden. Der von der neuen autoritären Linken praktizierte Antifaschismus wird durch die verkürzte postkoloniale Ideologie in ausgesprochen selektiver Weise praktiziert.
Durch die akademische Legitimierung kommt der alte Antiimperialismus im neuen Gewand daher und ist zum Mainstream geworden. „Er erreicht ein Massenpublikum auf Festivalbühnen, Social-Media-Timelines und Großdemonstrationen. Er erlebt eine Renaissance.“ Dekolonialismus ist eine angesagte Doktrin geworden. Dabei wird die Vernichtung Israels als Lösung für die Befreiung der Welt präsentiert. Es ist ein Erlösungsversprechen, das an krude Verschwörungstheorien erinnert. Die antisemitische „Israelkritik“ stellt Israel als Krebsgeschwür dar, das aus dem Nahen Osten beseitigt werden müsse. Die ominöse zionistische Lobby streckt dabei ihre Tentakel weltweit aus. Das wird durch eine postkoloniale akademische Theorie untermauert, die die Vernichtung Israels als ersten und wichtigen Schritt zur Dekolonialisierung der ganzen Welt begreift. „Im Verschwörungswahn wird Israel zum übermächtigen Endgegner hochgejazzt.“ Diese typischen antisemitischen Bilder kenne ich aus der NS-Propaganda gegen Juden. Bezüglich Israels haben sie ihren Ursprung in der sowjetischen Propaganda zur Zeit des Kalten Krieges.
Potter beschreibt auch eine „Mutation des Stalinismus“, der sich in einer „streng hierarchischen stalinistischen Kaderstruktur“ der neuen autoritären Linken zeigt. „Eine kleine Minderheit stilisiert sich zu einer revolutionären Elite, für die kein rechtsstaatliches Gesetz mehr gelten soll.“ Gewalt und Repression gegenüber politischen Gegnern und Kritikern, auch aus den eigenen Reihen, sind dabei vollkommen legitim. So konnte man es auch Anfang des Jahres in Leipzig-Connewitz beobachten, als Linke gegen Linke demonstrierten. Die massenpsychologischen Dynamiken vergleicht der von Potter zitierte Markus Brunner treffend mit denen der Rechtspopulisten während der Corona-Zeit. Dabei wird eine geheime Übermacht imaginiert. Man „wähnt sich in einem autoritären Polizeistaat oder gar in einer faschistischen Diktatur“. Demgegenüber steht eine kollektive Identität. Sie wird nicht nur gegen die vermeintliche Repression etabliert, sie garantiert auch, dass man auf der richtigen Seite der Geschichte steht.
Im Kapitel „Die strategische Unterwanderung“ beschreibt der Autor, wie die neue autoritäre Linke die Partei Die Linke und Klimaschutzbewegungen wie Fridays for Future erfolgreich unterwandert, um ihre Positionen salonfähig zu machen. Im Kapitel „Auf die Presse“ geht es um die zunehmende Aggression gegenüber Journalisten, die anhand von Zahlen klar belegt werden kann.
Eine enorme Rolle spielen auch soziale Medien, die die antiisraelischen Narrative und den Judenhass erfolgreich verbreiten und in die gesamte Gesellschaft tragen. Dieser Thematik widmet sich Potter im Kapitel 6. Hierbei spielen Emotionalisierung, Reichweite und die gezielte Förderung durch Russland und die Türkei eine wesentliche Rolle. Russland streut dabei gezielte Desinformationen vor allem im Sinne einer Destabilisierung. Auch typisch für Influencer auf TikTok, Instagram und Co. ist der Bekenntniszwang: Jeder muss sich entsprechend positionieren.
Schließlich schreibt Potter über die unsägliche Rolle der Universitäten. Sie bieten nicht nur die theoretische Basis für die neue autoritäre Linke, sie sind auch Kulisse extremistischer Proteste geworden: in den USA, in Deutschland und im gesamten Westen. Zwar sind die Besetzer der Universitäten oft nicht einmal Studenten oder an den betroffenen Hochschulen immatrikuliert, die Studenten selbst nehmen aber auch eine zentrale Rolle ein. Parolen, Sachbeschädigung und reale Gewalt werden genutzt, um ihre niederschwelligen politischen Ziele, die sich in Begriffen wie „Siedlerkolonialismus“ oder „Dekolonialisierung“ widerspiegeln, durchzusetzen. Potter sieht „Schuld und Privileg“ als zentrale Konzepte der identitätspolitischen Linken. Durch einen radikalen Aktivismus versucht die neue autoritäre Linke beides zu kompensieren. Mittlerweile ist der linke Antisemitismus mehrheitsfähig. An den Universitäten sind besonders Geisteswissenschaften, Sozialwissenschaften und die Künste dafür empfänglich. Von Autokratien wie dem Iran wird er gezielt an den Universitäten der westlichen Welt gefördert.
Etliche Beispiele für den antisemitischen Sound der „autoritären Popkultur“ schildert der Autor. Sie zeigen die gesellschaftliche Anschlussfähigkeit des postkolonialen Aktivismus erschreckend gut auf. Sie findet nicht mehr im Untergrund, sondern auf der großen Bühne statt, wo z. B. Tausende Konzertbesucher „Death to the IDF“ skandieren.
Auch über den realen Terror der neuen autoritären Linken schreibt Potter, über Stalking, Mordaufrufe, Sachbeschädigungen, Brandanschläge und Buttersäureattentate in Berlin bis hin zu realen Morden wie dem Doppelmord an Lischinsky und Milgrim in Washington. Und dieser linke Terror nimmt seit dem 7. Oktober 2023 enorm zu.
Am Ende des Buches steht eine Zusammenfassung, aber keine echten Lösungsvorschläge. Auch wenn der Autor des Buches, Nicolas Potter, als Journalist mittlerweile von der linken taz zum Axel Springer-Verlag gewechselt ist, möchte er an der linken Bewegung festhalten. Er hadert mit den Sprachverboten auf Demonstrationen, die erteilt werden, weil die Polizei sonst verbotene Parolen nicht verstehen kann. Er schätzt die guten Aspekte wie „utopisches Denken, kreative Protestformen, ein radikales Infragestellen von Machtstrukturen und den Glauben, dass man alles auch besser machen kann“ als wertvoll und dringend notwendig für eine demokratische Gesellschaft ein und sieht die linke Bewegung als einen wichtigen Teil der demokratischen Mitte. Er lässt vernünftige und israelsolidarische Stimmen aus der Partei Die Linke wie Martina Renner oder Ulrike Nagel ausführlich in seinem Buch zu Wort kommen. Bei seinem letzten Satz „Die liberale Demokratie wäre zur Unzeit mit einem neuen Feind konfrontiert“ verwendet er den Konjunktiv.
In seinem Interview am 14. Mai 2026 im Cicero-Podcast Politik meint er: „Und die Linke muss sich fragen: Möchte sie Teil der Lösung sein oder Teil des Problems?“ Er hat also noch Hoffnung für die linke Bewegung. Ich persönlich sehe sie zunehmend als Teil des Problems. Eine linke Bewegung, die die Augen verschließt vor den Faschisten in ihren Reihen, die Islamisten feiert und Juden – sie nennt sie Zionisten – vernichten will, hat keine Zukunft. Eine linke Jugend, die so wohlstandsverwahrlost ist, dass sie nicht zu schätzen weiß, dass sie in einem demokratischen Rechtsstaat lebt, die sich extremistisch ausprobieren und klassenkämpferisch inszenieren will und sich dabei freiwillig in autokratische Strukturen begibt, braucht eine freiheitliche Gesellschaft nicht. Eine Linke, die den Westen zerstören will und Autokraten huldigt, ist nicht weniger gefährlich als die Rechtsextremen von der anderen Seite des Hufeisens. Der einzig relevante Unterschied: Sie halten sich für die Guten. In diesem Sinn nehme ich den Untertitel des Buches „Eine akute Bedrohung für die demokratische Gesellschaft“ sehr ernst.