„Vielleicht gibt es auch keine einfache Lösung.“

Herbert Reul, CDU (Foto: Roland W. Waniek)
Herbert Reul, CDU (Foto (Archiv): Roland W. Waniek)


In Düsseldorf und Köln hat der Crack-Konsum in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Die Oberbürgermeister der beiden Städte wollen den Handel mit kleinen Mengen tolerieren. Die Drogenhilfe ist dafür, die Landesregierung skeptisch und die Polizei schlägt einen dritten Weg vor.

Wie in anderen Großstädten hat der Crack-Konsum auch in Düsseldorf und Köln stark zugenommen. „Wir haben 2016 zum ersten Mal in dem Drogenkonsumraum, den wir betreiben, mit Crack zu tun gehabt“, sagt Michael Harbaum von der Drogenhilfe Düsseldorf. Einer der Vorteile von Drogenkonsumräumen sei, dass man früh Trends mitbekomme. „Waren es damals 210 Drogenkonsumvorgänge im Jahr, hat sich die Zahl bis 2025 auf 38.000 Drogenkonsumvorgänge gesteigert.“ Es gehe nicht um Konsumenten, sondern um Drogenkonsumvorgänge, erklärt der Sozialpädagoge. Der Unterschied sei wichtig.

Auch in Köln hat die Polizei, dass sich die offene Drogenszene in Köln durch die Verbreitung von Crack stark verändert: „Crack-Konsum führt bei vielen Konsumenten zu einem extremen körperlichen und psychischen Verfall. Die Szene wirkt gestresster, in Teilen auch aggressiver,“ teilt die Polizei auf Anfrage der Jungle World mit. Das belaste den öffentlichen Raum.

Schon bei der Kommunalwahl im vergangenen Jahr war der Umgang mit der Droge eines der wichtigen Themen, denn das durch die Sucht verursachte Elend ist für die Bürger sichtbar: In Köln im Bereich des Heumarkts und in Düsseldorf in der Nähe des Hauptbahnhofs bestimmt die Droge das Stadtbild. Dealer, verelendete Abhängige, die oft aggressiv sind, und der offene Konsum prägen diese Quartiere.

Im Interview mit der FAZ regen die beiden Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU/Düsseldorf) und Torsten Burmester (SPD/Köln) an, dass in ihren beiden Städten erstmals der Mikrohandel mit kleinen Mengen der Droge toleriert wird. Burmester und Keller orientieren sich dabei am Zürcher Modell.

„Eine suchtfreie Gesellschaft ist nicht realistisch“, schreibt die Schweizer Stadt bei der Vorstellung ihres Konzepts, das das Ziel hat, die negativen Auswirkungen von Drogen und Sucht auf die Gesellschaft zu minimieren, betroffene Menschen zu stabilisieren und ihre soziale und gesundheitliche Situation zu verbessern.

Das Zürcher Modell beruht auf vier Säulen. Die erste ist die Prävention: Aufklärung und Beratung sollen verhindern, dass Menschen überhaupt abhängig werden. Die zweite umfasst Therapieangebote – von der psychosozialen Beratung bis zur stationären Entwöhnung.

Die dritte Säule ist die Schadensminderung. Dazu gehören Drogenkonsumräume, Drug-Checking-Angebote und aufsuchende Sozialarbeit. Ziel ist es, die gesundheitlichen und sozialen Folgen des Drogenkonsums zu begrenzen. In diesem Rahmen wird auch der Handel mit kleinen Mengen Crack toleriert.

Die vierte Säule ist die Repression. Polizei und Justiz verfolgen weiterhin den illegalen Drogenhandel. Im Mittelpunkt steht jedoch nicht mehr der Konsument, sondern die Bekämpfung der organisierten Kriminalität sowie von Herstellung, Transport und Verkauf der Drogen.

Michael Harbaum war in Zürich und hat sich die Entwicklung dort angeschaut. „Den Menschen geht es einfach viel besser. Und das ist für mich das entscheidende Kriterium.“

Für die Oberbürgermeister hat Zürich im Umgang mit Crack einen gangbaren Weg gefunden: „Nach den Zürcher Erfahrungen sind wir aber sicher, dass der Mikrohandel das entscheidende Element ist, um die Lage zu beruhigen und unter Kontrolle zu halten“, sagt Düsseldorfs Oberbürgermeister Keller in der FAZ.

Harbaum ist dafür, den Mikrohandel in den Räumen der Drogenhilfe zu tolerieren. Die sei eine Möglichkeit, das Elend der Abhängigen zu verringern: „Nutzer bringen kleinere Mengen Drogen mit und geben sie innerhalb der Einrichtung weiter. Dadurch verschwindet ein Teil des Drogenhandels von der Straße.“

Das entlaste zwar den öffentlichen Raum, sagt Harbaum. Gleichzeitig könne man kritisieren, dass ein gesellschaftliches Problem damit aus der Öffentlichkeit verdrängt würde. Die Lösung hat ein weiteres Problem. Nach § 29 des Betäubungsmittelgesetzes ist es strafbar, illegale Drogen zu handeln oder in den Verkehr zu bringen. Die Polizei müsste eingreifen, wenn sie davon weiß.

Das Problem sei, antwortet die Polizei Köln auf Anfrage der Jungle World, dass in einem Drogenkonsumraum schwerstabhängigen Menschen mit erheblichem körperlichem Suchtdruck der Konsum in sauberer Umgebung ermöglicht werden soll. „Die dafür notwendigen Drogen können die potenziell schwerstabhängigen Menschen aber unter den geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen nicht legal erwerben.“ Das sei eine absurde Ausgangssituation.

Kölns Polizeipräsident Johannes Hermanns regt daher eine Debatte über Rechtsänderungen an. „Ein Lösungsweg könnte sein, bei ärztlich festgestellter Schwerstabhängigkeit auch die ärztlich verordnete Abgabe von Drogen in einem solchen Rahmen zuzulassen.“

Die schwarz-grüne Landesregierung Nordrhein-Westfalens steht all dem skeptisch gegenüber. Dem WDR teilte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann auf Anfrage mit, er sehe zwar den Unterstützungsbedarf für schwerstdrogenabhängige Menschen und stehe hinter den Drogenkonsumräumen, zugleich stehe er der Idee des Mikrohandels aber „sehr kritisch gegenüber“. Für die Drogenbeschaffung gebe es „in Deutschland aus guten Gründen keinen legalen Weg“.

Ähnlich äußerte sich auch sein Kabinettskollege, Innenminister Herbert Reul (CDU), der auch ein Gegner der Teillegalisierung von Cannabis ist. Auch Reul betonte gegenüber dem Sender, dass jeder Handel mit Betäubungsmitteln strafverfolgungspflichtig sei. Wolle man dies ändern, wäre eine „sehr gründliche Debatte“ nötig. Für die betroffenen Menschen könne das ein Weg sein. Was die Bekämpfung der Drogenkriminalität betrifft, habe er allerdings seine Zweifel. Allerdings stellte Reul auch nachdenklich fest: „Vielleicht gibt es auch keine einfache Lösung.“

Der Artikel erschien in einer ähnlichen Version bereits in der Jungle World

 

Autorenseite: Stefan Laurin
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