Unabhängiger Expertenkreis Muslimfeindlichkeit: Strukturelle Bewusstseinsschaffung


Berlin, Juni 2023: der Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit mit Staatssekretärin Juliane Seifert [0] (Foto: Abdul-Ahmad Rashid)

Was ist das eigentlich: Muslimfeindlichkeit? Und wie soll man sie bekämpfen? Drei Jahre lang hat eine Kommission sich mit diesem Problem beschäftigt. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, ein bisher wenig beachtetes und ebenso kaum erforschtes Phänomen in seinen offenen und subtilen Erscheinungsformen sowie Wirkungsweisen beschreibbar zu machen. Sie hat es im Auftrag des Innenministeriums getan. Und im Juni 2023 hat sie dem Ministerium schließlich einen Bericht übergeben.

Die Kommission hieß ›Unabhängiger Expertenkreis Muslimfeindlichkeit‹. Der Bericht hieß ›Muslimfeindlichkeit – eine deutsche Bilanz‹. Das Ministerium hat ihn ins Netz gestellt, und sieben Monate blieb er dort auch für jeden abrufbar stehen. Seit drei Monaten aber steht er dort nicht mehr. Ein Gerichtsentscheid hat das Ministerium veranlasst, den Bericht zurückzuziehen.

Der Bericht war teuer. Sehr teuer. Das Ministerium hat 1,5 Millionen Euro für ihn bezahlt. Der Gerichtsentscheid (später mehr dazu) betraf eine einzige Textstelle, das Ministerium hätte sie nur schwärzen müssen. Stattdessen hat es eine Neufassung angekündigt, für die es aber keinen Erscheinungstermin nennen will.

Der folgende Text fasst den Bericht in der zurückgezogenen Fassung zusammen. Der Bericht selbst hat in ihr 330 Seiten, der Anhang mit der Literaturliste noch einmal 67.[1] Zitate sind kursiv gesetzt.

Die Zusammenfassung hat 2300 Wörter. Doch wem das lang erscheint, der sollte wissen: der Bericht selbst hat 146.000.

  1. Experten

Die Wörter Expert*in und Expertise fallen im Bericht knapp 100mal. Sie sind dem Unabhängigen Expertenkreis Muslimfeindlichkeit (UEM) wichtig. Die Tatsache, dass er auch wirklich ein Expertenkreis ist, ist ihm wichtig. Zusammengestellt wurde der Kreis 2020 von einem Staatssekretär, der selbst zwar kein Experte für Muslimfeindlichkeit war (sondern Wirtschaftswissenschaftler), aber einer fürs Zusammenstellen: Die Zusammensetzung des UEM mit Personen aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und zivilgesellschaftlichen Kontexten zeugt von einer wünschenswerten Pluralität.

  1. Bewusstsein

Fünf Mitglieder des Expertenkreises sind Frauen, vier sind Männer. Fünf haben muslimischen Hintergrund, vier haben keinen. Fünf haben Professuren für so unterschiedliche Fächer wie Kommunikationswissenschaft, Islamwissenschaft, Rechtswissenschaft, Didaktik oder katholische Theologie, die vier übrigen ebenso unterschiedliche Tätigkeiten wie »Konflikt-Mediatorin«, »systemischer Berater«, »Antirassismus-Trainerin« oder »Senior Expert – Religion, Werte und Gesellschaft«.

Es gibt keine bestimmte Geschichte, die sie alle verbinden würde. Es gibt keine bestimmte Ausbildung, die sie alle durchlaufen hätten. Was sie zu einem Expertenkreis für Muslimfeindlichkeit macht, ist allein ihr besonderes Bewusstsein: ihr Bewusstsein für Muslimfeindlichkeit.

  1. Muster

Muslimfeindlichkeit (auch: antimuslimischer Rassismus, AMR) ist falsches Denken. Das falsche Denken hat bestimmte Muster. Insgesamt lassen sich (…) vier typische Denk- und Sprachmuster von antimuslimischen Einstellungen feststellen. Falsche Denkmuster sitzen oft tief und sind unbewusst. Häufig sind muslim- sowie islamfeindliche Vorbehalte und Vorurteile unbewusst und werden als solche nicht erkannt oder reflektiert. Experten aber haben dank ihres besonderen Bewusstseins die Fähigkeit, Muslimfeindlichkeit auch in großen Tiefen noch aufzuspüren. Qualitative Forschungsarbeiten erlauben anhand von Tiefeninterviews Einblicke in typische Denk- und Sprachmuster von Muslimfeindlichkeit.

  1. Strukturen

An gut 50 Stellen des Berichts ist von Mustern die Rede, an bald 200 von Strukturen. Wie die Muster finden auch die Strukturen sich vor allem in der Tiefe. Der Expertenkreis berichtet von Grundstrukturen eines negativen Islambilds in den Medien. Er berichtet über strukturell verankerte Praktiken von Antimuslimischem Rassismus im Bildungswesen. Er berichtet von tiefsitzenden, verbreiteten und bisweilen mehrheitlichen Vorurteilstrukturen bei der Polizei.

Und er berichtet von strukturellen Mängeln selbst im Museumswesen. Und als einen dieser Mängel nennt er das Fehlen nachhaltiger Strukturen. Und je öfter er »strukturell« sagt, desto weniger hört man natürlich noch hin. In einem anderen Zusammenhang hat sogar schon das Bundesverfassungsgericht einmal festgestellt: Wer »strukturell« sagt, der sagt eigentlich gar nichts mehr.[2]

  1. K. Hafez

Was den einen die Lügenpresse ist, das ist den anderen der Islamdiskurs deutscher Leitmedien. Der Expertenkreis hat einen Experten speziell für Leitmedien in seinen Reihen. Der Experte ist Professor für Kommunikationswissenschaft in Erfurt und heißt Kai Hafez. K. Hafez belegte, dass etwa 60 Prozent aller Artikel den Islam im Kontext negativer Themen behandeln.

Hafez ist im Expertenkreis offenbar der Vordenker. Sein Name fällt – etwa in Wendungen wie: K. Hafez betonte, oder: K. Hafez urteilte, oder: So zeigte K. Hafez – nicht weniger als 59mal.[3] Und Hafez zufolge ist die Lage ernst.

In der Fixierung der Medien auf negative Themen aber liegt ein Diversitäts- und Pluralismusmangel, der als struktureller Antimuslimischer Rassismus zu kennzeichnen ist. Der Expertenkreis ruft zum Handeln auf. Nur eine grundlegende Reform der Produktionsstrukturen im Journalismus kann noch helfen!

Doch was, wenn der Journalismus sich nicht helfen lassen will? Darf man ihn notfalls auch zwingen? Wer genau soll ihn zwingen? Und was genau soll das eigentlich sein: eine grundlegende Reform der Produktionsstrukturen? – Die Blicke der Leser richten sich auf K. Hafez. Die Blicke sind besorgt. Ob er wirklich noch weiß, was er redet?

  1. Pauschalisierung

Über 100mal ist im Bericht von Zuschreibung die Rede, annähernd 300mal fallen Wörter wie Pauschalisierung, Essentialisierung, Stereotypisierung, Klischee und ähnliche mehr. Pauschale Zuschreibungen sind schlecht.

Muslimfeindlichkeit (auch: Antimuslimischer Rassismus) bezeichnet die Zuschreibung pauschaler, weitestgehend unveränderbarer, rückständiger und bedrohlicher Eigenschaften gegenüber Muslim*innen und als muslimisch wahrgenommenen Menschen.

Pauschale Zuschreibungen sind aber nicht immer schlecht. Die Zuschreibung von Muslimfeindlichkeit etwa ist erlaubt. Die Zuschreibung von Mustern und Strukturen ist erlaubt. Die Muster und Strukturen müssen sich nur in den richtigen Tiefen finden, in den Tiefen der Mehrheitskultur nämlich. Islamstereotype (…) sind fest im kulturellen Gedächtnis verankert. Bei Lehrern, Journalisten oder Polizisten darf man sehr wohl essentialisieren, nur bei Personen mit muslimischen Identitätsbezügen eben nicht.

  1. Wissenschaft

100mal ist wie gesagt von Expert*innen oder Expertise die Rede, knapp 350mal sogar von Forschenden oder von Forschung oder von Wissenschaft. Der Expertenkreis möchte, er betont es verdächtig oft, ein wissenschaftlicher Expertenkreis sein. Er verweist auf Gleichgesinnte an diversen Universitäten und Instituten – auf Gleichgesinnte, bei denen es sich selbstredend um ausgewiesene Expert*innen handelt. Und er beruft sich auf Studien und Gutachten, die er, um Forschungslücken zu schließen, bei ihnen bestellt hat.

Und er hat selbst geforscht. Er hat Hearings veranstaltet. Er hat etwa ein Hearing mit deutschen Journalist*innen zu den Ursachen der Islamberichterstattung veranstaltet. Und was ist herausgekommen? Herausgekommen ist ein faszinierender Einblick in die Arbeitsweise der großen deutschen Medien, der (…) als eine verdichtete Expertise von hochrangigen Praktiker*innen gelten darf.

Der Übergang vom Phrasen- zum Gaunerhaften ist fließend.

  1. Falsche Experten

Fünf Mitglieder des Expertenkreises haben einmal Arabistik oder Islamwissenschaft studiert. Man muss es aber nicht studiert haben. Man kann, wie man an den vier anderen sieht, auch so Experte sein. Es kommt nicht darauf an. Es sei denn, es kommt doch darauf an: Eine weitere Gefahr entsteht durch angebliche Expertisen von Personen, die nicht über das erforderliche islamwissenschaftliche Expert*innenwissen verfügen. Es ist kompliziert.

Bei der Bloggerin Sigrid Herrmann zum Beispiel kommt es darauf an. Herrmann bloggt zum Thema deutscher Islamismus. Verschiedenen Leitmedien zufolge ist sie Expertin, dem Expertenkreis zufolge ist sie es nicht. Wie der Expertenkreis findet, bloggt sie trotz fehlender fachlicher Expertise oder relevanter Sprachkenntnisse. Doch deutsche Islamisten sprechen ja deutsch. Und an Deutschkenntnissen fehlt es ja eher dem Expertenkreis (er kennt nicht einmal das generische Maskulinum).[4]

Es ist wirklich kompliziert. Selbst eine promovierte Soziologin wie Necla Kelek zählt dem Bericht zufolge nur zu den sogenannten ›Expert*innen‹. Wohingegen zu den richtigen Experten auch ein Verein deutscher Islamisten in Köln gehört; ihn hat der Expertenkreis sogar mit einer Studie beauftragt.[5] Denn: Gleichermaßen wichtig ist die Einbeziehung der Expertise der Betroffenen.

  1. Maßnahmen

Ein Paket von Handlungsempfehlungen ist das Kernstück des Berichts. Empfohlen werden rund 100 Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung von Muslimfeindlichkeit. Der Expertenkreis denkt groß. Die Maßnahmen sollen auf allen staatlichen und gesellschaftlichen Ebenen ergriffen werden.

Der Expertenkreis denkt an Präventions-, an Integrations- und an Interventionsmaßnahmen. Er denkt an Bildungs- und an Fortbildungs- und an Sensibilisierungsmaßnahmen. Er denkt an Aufklärungs-, an Empowerment-, an Mentoring- und an Fördermaßnahmen. Er denkt sogar an Handlungsmaßnahmen.

Und für die Durchführung braucht es natürlich die verstärkte Einbeziehung von Fachleuten. Und es braucht erst recht mehr Forschung zum Themenfeld Muslimfeindlichkeit. Es bedarf eines nachhaltigen Ausbaus dieser Forschung, und zwar durch einschlägige Professuren, Förderlinien und Studiengänge.

Was der Expertenkreis empfiehlt, ist vor allem ein großes Expertenbeschäftigungsprogramm.

  1. Verstetigung

Und ein wichtiger Punkt darin wäre die Ausbildung von immer mehr Experten. Denn selbstredend erfordert die Bekämpfung von Muslimfeindlichkeit eine Verstetigung der Bekämpfung von Muslimfeindlichkeit.

Sie erfordert den Aufbau und die Institutionalisierung von Kooperationsbeziehungen zwischen Forschung und Zivilgesellschaft. Sie erfordert ein regelmäßiges Monitoring von muslimfeindlichen Einstellungen in der Bevölkerung. Sie erfordert den Auf- und Ausbau von Beschwerde-, Melde- und Dokumentationsstellen, sie erfordert eine dauerhafte Finanzierung von Projekten und Bildungsmaßnahmen und vieles andere mehr.

Was der Expertenkreis empfiehlt, ist ein Schneeballsystem. Es ist ein dauerhaft finanziertes Missionswerk. Die Zielgruppe ist dabei die Gesamtgesellschaft. Der Übergang vom Gauner- zum Sektenhaften ist fließend.

  1. Bewusstseinsschaffung

Denn am Ende ist es immer die Bewusstseinsfrage, um die es geht. Die Mitglieder des Expertenkreises sagen es selbst. Sie sagen es auch in Interviews.

»Es geht um Bewusstsein schaffen«, sagt etwa die Antirassismus-Trainerin.[6] Es gehe um »Bewusstseinsförderung in allen Bereichen«, sagt der Rechtsprofessor.[7] »Ein größeres Bewusstsein zu schaffen, ist glaube ich sehr wichtig«, sagt die Professorin für katholische Theologie.[8]

Und das Innenministerium sieht es genauso. Die Bevölkerung, sagt die zuständige Staatssekretärin, muss sich bessern. »Der Bericht ist wichtig, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, wie tief Ressentiments in der Bevölkerung verankert sind.«[9]

Das Problem ist ein strukturelles, die Lösung sind Bewusstsein schaffende Maßnahmen.

  1. Bevölkerungskritik

Mit der Bevölkerung muss etwas geschehen. In diesem Punkt sind Expertenkreis und Innenministerium sich einig. Das Innenministerium dringt schon lange auf entsprechende Maßnahmen; das Bewusstsein für Muslimfeindlichkeit ist nur ein Bewusstsein von vielen, das geschaffen werden muss.

Ein »Gesetz zur Stärkung von Maßnahmen zur Demokratieförderung«, das sogenannte Demokratiefördergesetz, soll endlich kommen. Es soll klarstellen, dass der Gesetzgeber Maßnahmen dieser Art auch wirklich ergreifen darf. Es soll klarstellen, dass er Maßnahmen, die seines Erachtens der »Stärkung und Förderung des Bewusstseins in der Bevölkerung« dienen, auch wirklich finanzieren darf.[10]

Das Missionswerk nimmt Gestalt an. Es wird Milliarden verschlingen; die Bevölkerung ist kein einfacher Gegner. Das Innenministerium ist froh, dass der Expertenkreis ihm da recht gibt. »Sehr vieles«, sagt der Rechtsprofessor, »läuft im Unbewussten ab. Aber das ist das entscheidende Problem!«6

  1. Justizkritik

Der Bericht wird, wie schon gesagt, derzeit überprüft. Er muss überarbeitet werden. Das Innenministerium hätte ihn so nicht veröffentlichen dürfen. Das Ministerium hat, sagt das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, mit der Veröffentlichung seine »Pflicht zur Sachlichkeit« verletzt.[11]

Aber hat das Gericht damit auch recht? Es geht um eine Stelle über Henryk M. Broder, einen der sogenannten ‚Islamexpert*innen‘. Das Gericht hält die Stelle für »ohne rechtfertigenden Grund herabsetzend«. Der Expertenkreis sieht das anders. Er hatte, sagt er, sehr wohl »gute inhaltliche Gründe«.[12] Sein Bericht, sagt er, sei ein »wissenschaftliches Gutachten«.[13]

Für den Expertenkreis hat das Gericht unrecht. Für den Expertenkreis war die Entscheidung falsch. Weitere Fehlentscheidungen (auch Sigrid Herrmann hat geklagt) könnten folgen. Auch das Gerichtswesen ist muslimfeindlich. Insgesamt bedarf es einer grundlegenden Ergänzung der juristischen Ausbildung sowie einschlägiger Fortbildungsmaßnahmen.

  1. Opferkritik

Muslimfeindlichkeit ist überall. Der Expertenkreis ist es gewohnt, dass viele ihm das nicht glauben. Es überrascht ihn nicht. Eben deshalb braucht es ja bewusstseinsschaffende Maßnahmen.

Diskriminierung ist überall. Der Expertenkreis ist es gewohnt, dass selbst viele Muslime ihm das nicht glauben. Er weiß, was herauskommt, wenn man Muslime etwa nach regelmäßigen Diskriminierungserfahrungen befragt. Regelmäßig diskriminiert fühlt sich nur ein Drittel; zwei Drittel kennen das Gefühl kaum oder gar nicht. Und zwar weshalb nicht?

»Wir sehen natürlich auch«, sagt die Senior Expertin, »dass Menschen unterschiedlich sensibilisiert sind.«[14] Auch mit der muslimischen Bevölkerung muss etwas geschehen.

»Es gibt«, sagt der Didaktikprofessor, »keine rassismusfreien Räumlichkeiten. Das müssen wir uns bewusst machen.«[15]

  1. Opferbelehrung

Rassismus ist überall. Der Bericht beweist es. (Antimuslimisch-)Rassistische Einstellungen und Aussagen sind weit verbreitet und kommen grundsätzlich überall vor. Und wenn Muslime sich nicht diskriminiert fühlen, ist das kein Gegenbeweis. »Muslimfeindlichkeit«, sagt die Senior Expertin, ist etwas, »was die gesamte Gesellschaft durchzieht«.14

Sie sagt es zu einem, der das eigentlich wissen müsste. Sie sagt es zu Abdul-Ahmad Rashid, einem ZDF-Journalisten, der nach den Maßstäben des Berichts sogar dreifacher Experte ist: als Journalist mit Schwerpunktthema Islam (hochrangiger Praktiker), als studierter Islamwissenschaftler (islamwissenschaftliches Expert*innenwissen) und natürlich als Muslim (Expertise der Betroffenen).

Rashid aber weiß es trotzdem nicht. Die meisten seiner muslimischen Bekannten, erklärt er der Senior Expertin, fühlten sich keineswegs als Opfer. »Ich kenne sehr wenige, die diskriminiert sind«. Was aber nur zeigt, dass er eben doch kein Experte sein kann:

»Auch dieses Problembewusstsein«, belehrt ihn die Senior Expertin, »also nicht nur in der Gesamtgesellschaft, sondern auch in der muslimischen Bevölkerung, muss man stärken.«14

  1. Entrückung

Das Weltbild des Expertenkreises ist ein geschlossenes. Behandelt man Muslime anders, diskriminiert man sie. Behandelt man sie nicht anders, diskriminiert man sie auch. Und Muslimen, die sich nicht diskriminiert fühlen, fehlt es an Bewusstsein.

Das Weltbild des Expertenkreises ist ein spirituelles. Bewusstsein muss wachsen. Rassismuskritische Sensibilität muss wachsen. »Es ist ein lebenslanger Prozess«, sagt der Didaktikprofessor. »Es kommt drauf an, ob Sie den gehen wollen oder nicht.«15

Und irgendwann wird aus Bewusstsein dann wieder Bewusstlosigkeit. Die Rede vom Rassismus bekommt etwas Entrücktes. Wörter wie Rassismus, rassistisch oder rassismuskritisch fallen im Bericht besonders oft (über 600mal). Zuweilen wirkt der Expertenkreis wie weggetreten. Die rassismuskritische Perspektive begreift Rassismus als ein soziales Phänomen, das in allen gesellschaftlichen Bereichen verankert ist.

Und wenn dann gar noch von rassismussensiblen Kompetenzen die Rede ist oder von Kriterien diskursstruktureller Rassismen, dann weiß man: der Expertenkreis wirkt nicht nur wie weggetreten, er ist es.

  1. Enttäuschung

Für den Expertenkreis war der Bericht mehr als nur ein Bericht. Er war ein Durchbruch. Er war ein Bericht, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. »Weltweit«, sagt K. Hafez, »gibt es so einen Überblick glaube ich noch nicht.«[16]

Auch für das Innenministerium war der Bericht mehr als nur ein Bericht. Er war ein Aushängeschild. Das Minsterium hat ihn in nicht weniger als fünf Sprachen übersetzen lassen: ins Englische, ins Französische, ins Spanische, ins Türkische und ins Arabische.

Und für beide, Expertenkreis wie Ministerium, war der Bericht vor allem ein Auftrag. Er war ein Auftrag, mit der verstetigten Bewusstseinsschaffung nun auch wirklich zu beginnen, und zwar weltweit. Nicht umsonst lehrt K. Hafez auch ein Fach namens »Globale Kommunikation«.

Und für beide war die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg ein dementsprechend böser Rückschlag. »Auf wissenschaftlicher Ebene«, sagt der systemische Berater, »war der Bericht sogar wegweisend und fand auch international Beachtung«.[17]

  1. Ausblick

Seit nunmehr drei Monaten schon wird der Bericht überprüft. »Mein Ministerium«, hat die Innenministerin im März erklärt, »prüft gerade, unter welchen Voraussetzungen wir diesen Bericht veröffentlichen können, denn er enthält aus meiner Sicht sehr wertvolle wissenschaftliche Erkenntnisse«. Der Wille, den Bericht zu retten, ist da.

Oder ist er doch nicht da? Im Expertenkreis wundert man sich. Drei Monate für eine einzige Textstelle sind eine lange Zeit. Im Expertenkreis wird man misstrauisch. Warum prüft die Innenministerin den Bericht nicht einfach selber? »Nancy Faeser«, schreibt die Antirassismus-Trainerin, »scheint das Thema Muslimfeindlichkeit nicht wichtig zu sein«.[18]

Und vielleicht ist das Misstrauen sogar gerechtfertigt. Rassismus ist überall. Falsche Experten sitzen überall, also auch im Innenministerium. Ist der Bericht im Zuge der Überprüfung in muslimfeindliche Hände geraten?

Der Expertenkreis weiß es nicht. Wir wissen es nicht. Der Expertenkreis hält seine Ideen für wissenschaftlich, wir halten sie für wahnhaft, und für was sie am Ende das Innenministerium hält, wird man erst noch sehen.

»Ich teile«, hat die Innenministerin im November erklärt, »ausdrücklich nicht jede Aussage, die der UEM in seinem Bericht trifft.« Immerhin. Um dann freilich fortzufahren mit den Worten: »Unbestreitbar haben wir weiteren Forschungsbedarf in diesem Bereich.«[19]

Machen wir uns Hoffnungen, aber machen wir uns nicht zu große.

[0] Christine Schirrmacher, Professorin für Islamwissenschaft, Kai Hafez, Professor für Kommunikationswissenschaft, Mathias Rohe, Professor für Recht, Karima Benbrahim, Konflikt-Mediatorin, Juliane Seifert, Staatssekretärin, Yasemin El-Menouar, Senior Expert, Özcan Karadeniz, Systemischer Berater, Anja Middelbeck-Varwick, Professorin für katholische Theologie, Saba-Nur Cheema, Antirassismus-Trainerin, Karim Fereidooni, Professor für Didaktik

[1] und dafür, dass Muslimfeindlichkeit ein bisher wenig beachtetes und kaum erforschtes Phänomen sein soll, ist die Liste übrigens erstaunlich lang: sie enthält gut 800 Titel.

[2]Ein Satz wie »Aber das ist strukturell nachweisbar« ist dem Verfassungsgericht zufolge »keine Tatsachenbehauptung« – Pressemitteilung Nr. 108/2021 vom 22. Dezember 2021

[3] und 24mal im Literaturverzeichnis. Platz 2 belegt Rechtsprofessor Mathias Rohe (26/19).

[4] nicht zuletzt enthält der Bericht auch 1600 Gendersternchen. Denn: Der UEM sieht das hier weitestgehend vorgenommene Gendern mit einem Gender-Stern als Teil seiner inhaltlichen Arbeit.

[5] Welt online, Islamistische Verbände wirkten an Studie des Innenministeriums mit, 4. Juli 2023, https://www.welt.de/politik/deutschland/article246205804/Diskriminierung-Islamistische-Verbaende-wirkten-an-Studie-des-Innenministeriums-mit.html

[6] Saba-Nur Cheema bei Jung & Naiv, 27. Juli 2023, https://www.youtube.com/watch?v=cIr7DmgcgAQ

[7] Mathias Rohe bei der Alhambra Gesellschaft, 26. Juli 2023, https://www.youtube.com/watch?v=4nqS5q9Myys

[8] Anja Middelbeck-Varwick in der Hessenschau, 2. August 2023, https://www.hessenschau.de/tv-sendung/muslimfeindlichkeit-betroffene-aus-marburg-berichten,video-186268~_story-muslimfeindlichkeit-deutschland-100.html

[9] Juliane Seifert zur FAZ, 29. Juni 2023, https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/hat-seehofer-sich-muslimfeindlich-geaeussert-seifert-im-interview-18996394.html

[10] Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung von Maßnahmen zur Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung, Extremismusprävention und politischen Bildung, März 2023, https://dserver.bundestag.de/btd/20/058/2005823.pdf

[11] Jüdische Allgemeine, 01.03.2024: Erfolg für Broder: Innenministerium entfernt umstrittene Studie zur Muslimfeindlichkeit ganz, https://www.juedische-allgemeine.de/politik/erfolg-fuer-broder-innenministerium-entfernt-umstrittene-studie-zur-muslimfeindlichkeit-ganz/

[12] Mathias Rohe zur Neuen Westfälischen, 12. März 2024, https://www.nw.de/nachrichten/zwischen_weser_und_rhein/23804517_In-Bericht-verunglimpft-Bloggerin-aus-NRW-klagt-gegen-Innenministerium.html

[13] Mathias Rohe in einem Leserbrief an die FAZ, 14. März 2024, https://www.faz.net/aktuell/politik/briefe-an-die-herausgeber/briefe-an-die-herausgeber-vom-14-maerz-2024-19583702.html

[14] Yasemin El-Menouar in Forum am Freitag (ZDF), 30. Juni 2023, https://www.zdf.de/kultur/forum-am-freitag/forum-am-freitag-vom-30-juni-2023-100.html

[15] Karim Fereidooni bei der Alhambra-Gesellschaft, 24. August 2023, https://www.youtube.com/watch?v=aLmfurVJJJE

[16] Kai Hafez bei der Bildungsstätte Anne Frank, 11. November 2023, https://youtu.be/hbw3SrwQ00E

[17] Özcan Karadeniz zu dis:orient, 26. April 2024, https://www.disorient.de/magazin/antimuslimischer-rassismus-deutschland-hanau-bericht

[18] Saba Nur-Cheema auf Twitter, 12. März 2024, https://twitter.com/sabanurcheema/status/1767526629943738724

[19] Nancy Faeser auf der Deutschen Islamkonferenz, 21. November 2023

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Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
15 Tage zuvor

Ihr habe Euch echt den ganzen Scheiß reingetan? Respekt!
Als Islamdeligierter habe ich den Text beizeiten im Mailpostfach gehabt. Ich habe mit dem Lesen sehr bald aufgehört.
Islamophobie ist eine Realität in Deutschland. Zu dieser Realität etwas ins Bewußtsein der Bevölkerung zu bringen, ist ein politischer Auftrag.
Wenn aber von Regierungsseite alternative Fakten und eine hermetische Weltsicht, die es mit der Logik nicht so hat, verbreitet wird, schadet man dem Ansinnen. Das vorliegende Papier ist eine Art moderner Hexenhammer, dem im Zweifelsfall vulnerable Gruppen zum Opfer fallen würden.

Wolf Larsen
Wolf Larsen
15 Tage zuvor

Hallo Herr Metes,

Eine Frage stellt sich nach Lektüre Ihrer Zusammenfassung:

Halten Sie lediglich den Bericht für albern oder auch das darin behandelte Thema der Muslimfeindlichkeit für im Grunde nicht der Rede wert?

Ihre 2300 Wörter lange Zusammenfassung zählt über weite Strecken wie oft einzelne Wörter in jenem Bericht vorkommen und stellt die Expertise der AutorInnen in Frage (als seien beides wissenschaftliche Qualitätsmerkmale). Eine wirklich inhaltliche Auseinandersetzung mit Inhalten, Thesen, Zahlen, Meinungen des Berichtes ist nicht erkennbar. Darüber hinaus arbeiten Sie sich an einzelnen – teilweise auch wirklich ein bisschen sinnfreien – aus dem Kontext gerissenen Satzfetzen ab.

Zudem lässt ihr zynisch/ironischer Tonfall darauf schließen, dass Sie das komplette Thema für nicht diskussionswürdig halten. Und dem würde ich widersprechen. Ich halte Muslimfeindlickeit tatsächlich für ein soziologisch interessantes und gesellschaftlich relevantes Phänomen. Über Definition, Ursachen und Bekämpfungsmöglichkeiten von Muslimfeindlichkeit würde ich gerne diskutieren. Leider finden sich offensichtlich weder in dem zitierten Bericht, noch in Ihrer Replik dazu interessante Gedanken.

Liebe Grüße!

Last edited 15 Tage zuvor by Wolf Larsen
Wolf Larsen
Wolf Larsen
15 Tage zuvor

@Wolfram: Was meinen Sie mit Das vorliegende Papier ist eine Art moderner Hexenhammer, dem im Zweifelsfall vulnerable Gruppen zum Opfer fallen würden.“

Arnold Voss
Arnold Voss
14 Tage zuvor

Wie nennt man die Tatsache, dass es Muslime gibt, die meinen Tod als Ungläubigen auch in Deutschland befürworten und fordern und in Ländern unter muslimischer Herrschaft auch durchsetzen könnten und würden? Wenn also nicht ich der Feind der Muslime sondern die Muslime meine Feinde sind? Wen die Muslimfeindschaft in der Feindschaft der Muslime gegenüber Menschen wie mir besteht? Gibt es da auch eine Kommission zu?

Wolfram Obermanns
Wolfram Obermanns
4 Tage zuvor

„Was meinen Sie mit „Das vorliegende Papier ist eine Art moderner Hexenhammer, dem im Zweifelsfall vulnerable Gruppen zum Opfer fallen würden.““

Der Hexenhammer ist die Schrift des ausgehenden 15. Jh. zur Legitimation und Förderung der Hexenjagd. Ein primitiver Trick, mit dem die Etablierung der Hexenjagd erreicht wurde, war die Einordnung der Ablehnung der Hexenjagd als Häresie. Ein weiterer die defacto Beweislastumkehr der Verfolgungsopfer. DAS Hauptmotiv der Hexenjagd war Bereicherung. Da Frauen zu der Zeit keine Rechtspersonen waren, stellten sie als Witwen und Erbinnen ein leichtes und lukratives Ziel dar.

Der moderne Hexenhammer geht ähnliche Wege. Wer die „Studie“ in Frage stellt ist islamophob und durch „strukturelle Änderungen“ mundtot zu machen. Es wird eine uferlose Problemstellung behauptet, die zwingend (und uferlos) Stellen und Gehälter erfordern. Opfer dieser Bereicherungsstrategie werden in verstärktem Maße Muslima sein, die schon heute die Frauenhäuser füllen.
Kinder haben in D das Recht auf eine gewaltlose Erziehung. Es sei denn, sie sind migrantischer Herkunft, dann unterbleiben Interventionen aus Furcht rassistisch eingeordnet zu werden. Diese bisherige Nachlässigkeit wird gestützt auf ein solches Papier in Zukunft zur systematischen Unterlassung.
Bei beiden Gruppen müssten in Zukunft die entsprechenden Anstalten und Behörden nachweisen nicht islamophob zu handeln.

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