
Mirze Edis (Mitglied des deutschen Bundestags, Die Linke) veröffentlichte am 5. Juni 2026 auf Instagram und Facebook ein Foto von Barack Obama, George W. Bush und Bill Clinton mit der, eher abenteuerlichen, Behauptung:
“Diese drei Männer haben 9 Länder überfallen, 11 Millionen Menschen umgebracht und keiner bezeichnet sie als Terroristen. Das zeigt, wozu Imperialismus in der Lage ist.” – wie das MdB aus Duisburg diese Anzahl von vermeintlichen Opfern ermittelt hat, bleibt im Beitrag unerklärt.
Was wenig verwundert: Für diese, im Beitrag veröffentliche, Anzahl von Opfern – durch militärische Interventionen und im Zuge des Kriegs gegen den Terror – gibt es keinerlei belastbaren wissenschaftlichen Schätzungen. Ebensowenig für die Behauptung, Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama hätten „9 Länder überfallen“ – hier handelt es sich um keine allgemein anerkannte historische Tatsache, sondern es werden verschiedene Arten militärischer Interventionen (Invasionen, Luftangriffe, Drohneneinsätze und Spezialoperationen) zusammengefasst.
Nur einen Monat später, am 7. Juli 2026, huldigt das MdB aus Duisburg auf Instagram ausgerechnet Che Guevara – in Kuba auch als der Schlächter von La Cabaña bekannt.
Bekleidet ist der Spitzenpolitiker von „Die Linke“ mit einem T-Shirt, auf dem Hammer und Sichel (Wie auch in anderen Beiträgen!) zu sehen sind.
Nach dem Ausruf „Viva, Viva, Socialista!“ wird ein Kurzvideo, in dem der kubanischen Revolutionär zu sehen ist, gezeigt.
Unterlegt mit dem – verdammt kitschigen – Song Hasta Siempre, Comandante.
Das ist bemerkenswert. Denn Che Guevara war weit mehr als das romantisierte T-Shirt-Motiv.
Anders als bei den früheren US-Präsidenten George W. Bush, Barack Obama und Bill Clinton ist seine aktive Beteiligung an Massenmord historisch belegt.

Nach dem Sieg der kubanischen Revolution übernahm Guevara die Leitung der Festung La Cabaña. Dort beaufsichtigte er revolutionäre Militärtribunale. Historiker sind sich über die genaue Zahl der unter seiner Verantwortung vollstreckten Todesurteile uneinig. Seriöse Schätzungen reichen von mindestens 55 bis über 100 direkt La Cabaña zugeordneten Erschießungen; andere Quellen nennen noch höhere Zahlen. Einigkeit besteht darüber, dass die Verfahren vielfach nicht rechtsstaatlichen Mindeststandards entsprachen und internationale Kritik hervorriefen. (Wikipedia)
Che Guevara selbst verteidigte diese Erschießungen ausdrücklich. In einem Brief vom 5. Februar 1959 schrieb er:
“Die Erschießungen durch das Erschießungskommando sind nicht nur eine Notwendigkeit für das kubanische Volk, sondern eine Forderung des Volkes.”
Diese Aussage gilt als authentisch und wird in seiner Biografie sowie in historischen Darstellungen zitiert. (Wikipedia)
Wer die gewählten US-Präsidenten Obama, Bush und Clinton pauschal als Massenmörder verurteilt, gleichzeitig aber Che Guevara als Vorbild präsentiert, misst mit zweierlei Maß und dem sind Menschenrechte – zumindest die, der kubanischen Bevölkerung – offensichtlich egal.
Wer ständig moralische Maßstäbe an andere – wie frühere US-Präsidenten, immerhin demokratisch gewählt – anlegt, sollte sich daran messen lassen, wie konsequent er selbst mit der Verherrlichung autoritärer Gewalt und z.B. mit offen antisemitischen Äußerungen im eigenen Kommentarbereich umgeht.
Ein antisemitischer Kommentar (Von einem Nutzer mit einem Profilbild, auf dem “FCK ZNSM” steht!) zum Beitrag von Mirze Edis’ Beitrag vom 5. Juni 2026 ist seit Wochen, obwohl ein Instagram-User das MdB auf diesen Umstand aufmerksam gemacht hat, weiterhin sichtbar:
“Und im Hintergrund sind es immer die selben Strippenzieher. Hat sich seit dreitausend Jahren nicht geändert.”

Wer Che Guevara heute unkritisch als Symbol für Freiheit, Gerechtigkeit oder Revolution feiert, blendet einen erheblichen Teil der historischen Realität aus. Gerade deshalb irritiert es, wenn MdB Mirze Edis, der zu keinem Zeitpunkt seines Lebens im Einflussbereich von Kuba, Nordkorea oder sonst eines stalinistischen Staatsgebildes gelebt hat, in seinem Beitrag ausgerechnet einen Mann huldigt, dessen Vermächtnis weit mehr umfasst als ikonische T-Shirts und romantisierte Revolutionsfolklore:
Che Guevara war nicht nur Revolutionär, sondern spielte nach der kubanischen Revolution eine zentrale Rolle beim Aufbau des neuen Machtapparates. In dieser Funktion war er an Revolutionsgerichten beteiligt und verteidigte den Einsatz revolutionärer Gewalt. Historiker gehen davon aus, dass während seiner Verantwortung zahlreiche Todesurteile vollstreckt wurden. Über den Umfang seiner persönlichen Verantwortung für einzelne Exekutionen wird zwar diskutiert, seine grundsätzliche Billigung dieser Praxis ist jedoch gut dokumentiert. (Wikipedia)
Hinzu kommt ein Aspekt, der bei heutigen Verklärungen häufig ausgeblendet wird: Che Guevara äußerte sich mehrfach ausgesprochen positiv über Josef Stalin.
So erklärte er: „I have come to communism because of daddy Stalin.“ („Ich bin wegen Väterchen Stalin zum Kommunismus gekommen.“) An anderer Stelle verteidigte er Stalin mit den Worten: „In the so-called mistakes of Stalin lies the difference between a revolutionary attitude and a revisionist attitude.“ („In den sogenannten Fehlern Stalins liegt der Unterschied zwischen einer revolutionären und einer revisionistischen Haltung.“) Selbst Jahrzehnte nach den stalinistischen Säuberungen fand Guevara nach eigener Aussage „eine Reihe von Dingen“, die er an Stalin weiterhin für gut hielt. (Orinoco Tribune)

Ebenso gehört zur historischen Bilanz, dass das kubanische Regime wenige Jahre nach der Revolution die sogenannten UMAP-Arbeitslager einrichtete, in die unter anderem Homosexuelle, religiöse Minderheiten und andere als „unerwünscht“ eingestufte Menschen eingewiesen wurden. Diese Lager entstanden nach Guevaras Ausscheiden aus der kubanischen Regierung. Eine unmittelbare Verantwortung Che Guevaras für die UMAP-Lager ist historisch nicht belegt. Kritiker sehen jedoch in seiner Mitwirkung am Aufbau des revolutionären Systems und seiner autoritären Ideologie einen wichtigen Teil des politischen Umfelds, aus dem solche Repressionsmaßnahmen hervorgingen. (Wikipedia)
Wer einen solchen historischen Akteur heute zum Vorbild erhebt oder ihn romantisiert, sollte diese Fakten nicht verschweigen. Wer über die Verbrechen Stalins schweigt, politische Hinrichtungen relativiert und die Verfolgung Andersdenkender oder Homosexueller ausblendet, betreibt keine differenzierte Geschichtsbetrachtung, sondern selektive Erinnerungspolitik.
Gerade deshalb wäre zu erwarten, dass jemand, der Che Guevara öffentlich (Wozu wenig Anlass besteht!) würdigt, sich auch mit dessen Schattenseiten auseinandersetzt. Dazu gehören nicht nur seine Rolle innerhalb des kubanischen Machtapparates, sondern ebenso seine dokumentierte Bewunderung für Stalin, einen der größten Massenmörder des 20. Jahrhunderts.
Wer diese Aspekte unterschlägt, zeichnet kein vollständiges historisches Bild, sondern ein idealisiertes und sollte – wenn er gleichzeitig frühere US-Präsidenten als Massenmörder und den israelischen Ministerpräsidenten als Kriegsverbrecher verunglimpft und die Hamas-Propagandashow Global Sumud Flottilla verteidigt – überlegen, ob er für den Job im deutschen Bundestag die notwendigen Voraussetzungen mitbringt.
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