
Wer im Ruhrgebiet lebt, kennt das Problem nur zu gut: Vielerorts fehlt das Geld. Straßen sind marode, öffentliche Gebäude warten seit Jahren auf dringend notwendige Sanierungen und viele Städte kämpfen mit gewaltigen Schuldenbergen. Umso ärgerlicher ist es, wenn dann doch einmal größere Summen zur Verfügung stehen und diese in fragwürdige Prestigeprojekte oder wenig überzeugende Umgestaltungen fließen.
Es gibt allerdings auch Ausnahmen. Projekte, bei denen man selbst als kritischer Beobachter anerkennen muss, dass das Geld hervorragend investiert wurde. Die milliardenschwere Renaturierung der Emscher gehört für mich eindeutig in diese Kategorie.
Natürlich klingt die Summe, die in den vergangenen Jahrzehnten in den Umbau des Flusses geflossen ist, zunächst gigantisch. Doch wer sich heute an verschiedenen Stellen entlang der Emscher umsieht, erkennt schnell, dass hier etwas entstanden ist, das weit über reine Landschaftspflege hinausgeht. Es wurde ein Stück Lebensqualität zurückgewonnen – und das in einer Region, die davon lange Zeit viel zu wenig hatte.
Von der „Köttelbecke“ zum Naherholungsgebiet
Als Kind des Ruhrgebiets, das seit den 1970er-Jahren hier lebt, gehörte die alte Emscher für mich seit jeher einfach zum Alltag. Der Fluss war kein Ort, an dem man sich gerne aufhielt. Er war vielmehr eine offene Abwasserrinne, die ihren wenig schmeichelhaften Spitznamen „Köttelbecke“ völlig zu Recht trug.
Fast überall, wo man der Emscher begegnete, verband man sie mit Beton, Schmutz und einem Geruch, den man lieber schnell wieder hinter sich lassen wollte. Dass daraus jemals wieder ein richtiger Fluss werden könnte, erschien damals nahezu unvorstellbar.
Als schließlich die Pläne zur Renaturierung vorgestellt wurden, nahm ich diese zwar mit Wohlwollen zur Kenntnis. Ehrlich gesagt blieb das Projekt für mich jedoch lange Zeit eher abstrakt. Auf meinen Fahrten durchs Ruhrgebiet begegnete ich immer wieder Baustellen entlang der Emscher, doch näher beschäftigt habe ich mich damit zunächst nicht.
Erst vor einigen Jahren änderte sich das. Im Landschaftspark Duisburg-Nord entdeckte ich erstmals einen Abschnitt der neuen Emscher. Natürlich wirkte das Flussbett dort noch sehr künstlich. Von einer natürlichen Auenlandschaft konnte noch keine Rede sein. Trotzdem war sofort erkennbar, wie sehr sich das Erscheinungsbild verändert hatte. Statt einer trostlosen Betonrinne gab es plötzlich Grünflächen, Spazierwege und sogar Angler am Wasser. Ein Bild, das früher schlicht undenkbar gewesen wäre.
Immer neue positive Überraschungen
So richtig überzeugt wurde ich allerdings erst im vergangenen Herbst. Damals führte mich ein Sonntagsspaziergang ins sogenannte Emscherland zwischen Castrop-Rauxel und Recklinghausen. Dieses Gebiet entwickelte sich für mich zu einer echten Entdeckung. Weite Wiesen, Wasserflächen, Rad- und Spazierwege sowie eine erstaunliche Ruhe mitten im Ruhrgebiet machten den Besuch zu einem echten Erlebnis.
Vor wenigen Wochen war ich erneut dort und war fast noch begeisterter als beim ersten Mal. Gerade im satten Grün des Frühsommers entfaltet das Gebiet seinen besonderen Reiz. Es fällt schwer zu glauben, dass man sich hier noch immer mitten in einer der dichtesten Industrieregionen Europas befindet.
Am vergangenen Wochenende folgte dann die nächste Entdeckung. Zum zweiten Mal nach dem Vorjahr besuchte ich den Abschnitt der Emscher zwischen Dortmund-Mengede und Dortmund-Deusen beziehungsweise Dortmund-Hafen. Dabei ist diese Strecke für mich eigentlich alles andere als neu. Jahrelang bin ich auf meinen Autofahrten Richtung Dortmunder Innenstadt unzählige Male daran vorbeigefahren.
Wie so oft im Alltag nimmt man vieles einfach nicht wahr. Man registriert zwar die Baustellen, die Bagger und Absperrungen, schenkt ihnen aber kaum weitere Aufmerksamkeit. Genau so ging es mir über Jahre hinweg. Erst als ich dort bewusst einen Zwischenstopp einlegte, wurde mir klar, was sich hier inzwischen entwickelt hat.
Ein kleines Kleinod mitten im Revier
Ich hatte keine übertriebenen Erwartungen. Umso größer fiel die Überraschung aus. Der renaturierte Abschnitt präsentiert sich heute als kleines Naturparadies, das vermutlich noch längst nicht seinen endgültigen Zustand erreicht hat. Die Vegetation wird in den kommenden Jahren weiter wachsen, Tiere werden zusätzliche Lebensräume finden und die Landschaft dürfte noch attraktiver werden.
Schon heute laden Wege entlang des Wassers zu einem Spaziergang oder einer kleinen Fahrradtour ein. Das Wasser fließt wieder sichtbar durch die Landschaft, statt in einer trostlosen Betonrinne zu verschwinden. Gerade weil dieser Abschnitt bislang deutlich weniger bekannt ist als das Emscherland oder der Bereich am Landschaftspark Duisburg-Nord, wirkt er beinahe wie ein Geheimtipp.
Solche Orte zeigen, welches Potenzial im Ruhrgebiet steckt. Die Region wird häufig auf ihre Probleme reduziert – auf Strukturwandel, leere Kassen oder gescheiterte Projekte. All das existiert ohne Zweifel. Umso wichtiger ist es aber, auch jene Vorhaben wahrzunehmen, die tatsächlich gelungen sind.
Die Renaturierung der Emscher gehört ohne jeden Zweifel dazu. Hier wurde nicht einfach nur ein Fluss verschönert. Es entstanden neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere, attraktive Naherholungsgebiete für die Menschen und gleichzeitig ein sichtbares Symbol dafür, dass sich das Ruhrgebiet verändern kann.
Ich bin inzwischen neugierig geworden. Nach den positiven Erfahrungen in Duisburg, im Emscherland und nun auch zwischen Dortmund-Mengede und Dortmund-Deusen werde ich in den kommenden Jahren sicherlich noch weitere Abschnitte der „neuen Emscher“ erkunden.
Es spricht vieles dafür, dass dort noch einige angenehme Überraschungen auf mich warten. Und es ist ein gutes Gefühl, endlich einmal sagen zu können: Dieses Geld wurde wirklich sinnvoll investiert.


