
Vor einigen Wochen erschien im New Yorker „Tablet“-Magazin der Essay „Zionism for Everyone – The Real Reason We’re All Fighting About Israel“ der Chefredakteurin Alana Newhouse. Er ist eine Verteidigung einer politischen Idee, die wohl eine der missverstandensten und am kontroversesten diskutierten überhaupt sein dürfte. Aufgrund der Länge und der Veröffentlichung auf Englisch entschloss ich mich, den Text, der bereits als Anwärter auf den Essay des Jahres gehandelt wird, einem deutschsprachigen Publikum vorzustellen.
Laut Alana Newhouse verändern sich Gesellschaften dann, wenn sie mit Krisen konfrontiert sind und ihr Schicksal aktiv neu zu gestalten versuchen. Sie argumentiert, dass sich die Welt heute an einem solchen Wendepunkt befindet, bedingt durch mächtige technologische Transformationen. Doch anstatt sich diesen Herausforderungen zu stellen, habe sich ein großer Teil des globalen Diskurses auf Zionismus und Israel fixiert.
Newhouse sieht in dieser Fixierung ein tieferliegendes Problem: Westliche Gesellschaften hätten das Vertrauen in ihre eigenen nationalen Identitäten verloren. Nach dem Zweiten Weltkrieg lehnten viele Intellektuelle und politische Führungspersönlichkeiten den Nationalismus ab und machten ihn für Konflikte und Gewalt verantwortlich. Denker wie Hannah Arendt und Jean-Paul Sartre vertraten universalistische, postnationale Ideen. Im Laufe der Zeit verstärkten Globalisierung und digitale Technologien diesen Trend, indem sie eine Vorstellung von Menschheit förderten, in der Individuen als austauschbare Teile eines globalen Systems erscheinen. Laut Newhouse führte dies in westlichen Ländern zu Fragmentierung, Verlust von Zusammenhalt und weitverbreiteter Unzufriedenheit.
Im Gegensatz dazu präsentiert Newhouse Israel als ein auffälliges Gegenbeispiel. Sie argumentiert, dass der Zionismus – die Bewegung für jüdische Selbstbestimmung – erfolgreich eine moderne Nation geschaffen habe, die tiefe historische Wurzeln mit zukunftsorientierter Dynamik verbindet. Zur Erklärung greift sie stark auf die jüdische Geschichte zurück.
Sie betont, dass die Juden seit Jahrtausenden als eigenständiges Volk existieren, mit gemeinsamer Sprache, Religion und historischem Gedächtnis – selbst während der Diaspora. Denker wie Johann Gottfried Herder nutzten die Juden sogar als Modell für das Konzept eines „Volkes“ (Ethnos) und hoben ihre Fähigkeit hervor, Identität über Zeit und Raum hinweg zu bewahren. Gleichzeitig war jüdische Identität nie rein biologisch: Die Tradition umfasst auch Konvertiten wie Ruth, eine moabitische Frau im Alten Testament, die durch ihren Übertritt zum Gott Israels bekannt wurde, sowie die „gemischte Schar“ (erev rav), die sich beim Auszug aus Ägypten den Israeliten anschloss. Dies zeigt, dass jüdische Nation immer Kontinuität mit Offenheit verband.
Für Newhouse stellt der Zionismus die Kulmination dieser langen Geschichte dar: Nach rund 2.000 Jahren im Exil gelang es den Juden, wieder einen souveränen Staat zu errichten. Sie betont, wie unwahrscheinlich dies war – erreicht nicht durch überwältigende Macht, sondern durch Beharrlichkeit, kollektiven Willen und eine gemeinsame Vision, wie sie in Theodor Herzls berühmter Idee zum Ausdruck kommt: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.“
Newhouse argumentiert, dass das moderne Israel mehrere Eigenschaften aufweist, die vielen westlichen Gesellschaften heute fehlen. Sie nennt konkrete Beispiele:
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Demografische Stärke: Israel hat Geburtenraten über dem Bestandserhaltungsniveau, was auf Vertrauen in die Zukunft hinweist.
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Verteidigungsbereitschaft: Die Gesellschaft verfügt über eine starke Kultur des Militärdienstes und kollektiver Verantwortung.
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Hohes Maß an Zufriedenheit und Zusammenhalt: Trotz ständiger äußerer Bedrohungen zählt Israel zu den glücklicheren Ländern, mit starkem Familien- und Gemeinschaftsleben.
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Innovation und Anpassungsfähigkeit: Israel verbindet alte Traditionen mit moderner Technologie und wirtschaftlicher Dynamik.
Aufgrund dieser Eigenschaften sei Israel laut Newhouse keine Ausnahme, sondern ein Modell erfolgreichen modernen Nationalismus. Die intensive globale Kritik am Zionismus erklärt sie teilweise damit, dass dieser sichtbar mache, was anderen Gesellschaften fehlt: ein klares Gefühl von Identität, Ziel und Zusammenhalt.
Gleichzeitig kritisiert sie beide dominierenden westlichen Reaktionen auf diese Krise. Auf der linken Seite versuchten globalistische und postnationale Ideologien, Unterschiede zwischen Völkern zu verwischen und alle Identitäten als austauschbar zu behandeln. Auf der rechten Seite blickten nationalistische Bewegungen oft zurück und versuchten, vergangene Identitäten auf unrealistische oder ausschließende Weise wiederzubeleben. Keine dieser Richtungen biete ihrer Ansicht nach eine tragfähige Zukunft.
Stattdessen plädiert Newhouse für eine Form von Nationalismus, die dem Zionismus ähnelt: verwurzelt in einer spezifischen Kultur und Geschichte, aber zugleich auf den Aufbau einer dynamischen Zukunft ausgerichtet. Dieses Modell – eine Verbindung von Identität, Ehrgeiz und Anpassungsfähigkeit – könne auch anderswo Anwendung finden; sie verweist dabei unter anderem auf Politiker wie Javier Milei als Beispiele für Versuche nationaler Erneuerung.
Abschließend vertritt Newhouse die Position, dass Israel und die jüdische historische Erfahrung zeigen, wie ein Volk seine Identität über lange Zeit bewahren, Souveränität zurückgewinnen und einen modernen, erfolgreichen Staat aufbauen kann. In einer Ära technologischer Umbrüche und kultureller Unsicherheit seien jene Gesellschaften am besten gerüstet zu überleben und zu gedeihen, die starke, eigenständige Identitäten bewahren und zugleich ambitionierte Zukunftsvisionen verfolgen.
In der Antike hätten die Juden der Welt das Konzept der Nation vermacht – als etwas, das sich von Stamm und Imperium unterscheidet und aus dem sich später die moderne nationale Identität entwickelt habe. Heute habe Israel mit dem Zionismus der Welt erneut einen Rahmen für die Zukunft bereitgestellt – diesmal, um die beiden Tendenzen zur digitalen Auflösung von Identität und zur Selbstvergötterung zu vermeiden und zu überwinden.
Newhouse schließt ihren Essay mit „Habt keine solche Angst vor diesem Geschenk – oder so grundlosen Groll gegenüber seinem Geber –, dass ihr euch selbst und anderen vorenthaltet, was euch zusteht. Wie man auf Jiddisch sagt: nutz gezunterheit – nutze es in guter Gesundheit. Und: Gern geschehen!“
Am Ende stellt sich damit weniger die Frage, ob Deutschland dem von Newhouse beschriebenen Modell folgen sollte, sondern wie sich dessen Kernidee unter grundlegend anderen historischen Bedingungen neu denken lässt. Eine einfache Übertragung eines identitätsstarken Nationalismus verbietet sich schon aufgrund der deutschen Geschichte; zugleich zeigt die anhaltende Orientierungslosigkeit vieler gesellschaftlicher Debatten, dass ein rein funktionales oder ausschließlich negativ bestimmtes Selbstverständnis auf Dauer nicht trägt. Wenn es also eine Lehre aus Newhouses Argument gibt, dann vielleicht diese: Auch Deutschland braucht Formen kollektiver Selbstvergewisserung, die über Verfahren und Wohlstand hinausgehen. Diese können jedoch nur überzeugend sein, wenn sie historische Verantwortung, demokratische Prinzipien und gesellschaftliche Vielfalt nicht relativieren, sondern bewusst integrieren. Eine solche reflektierte, inklusive Identität wäre kein Gegenmodell zur deutschen Vergangenheit, sondern ihre produktive Weiterentwicklung – und vielleicht eine Möglichkeit, wie der sich so etwas wie „Zionismus für alle“ hierzulande sinnvoll denken lässt.
