Haltungsjournalismus nutzt der AfD

Georg Restle Foto: re:publica Lizenz: CC BY-SA 2.0


Der vielleicht größte Schaden des Falls CORRECTIV liegt nicht einmal in der juristischen Niederlage selbst. Er liegt darin, dass wieder einmal genau jener Verdacht bestätigt wird, der den Journalismus seit Jahren zersetzt. Der Verdacht nämlich, dass zu viele Redaktionen nicht mehr zuerst wissen wollen, was ist, sondern vor allem zeigen möchten, auf welcher Seite sie stehen.

Das Landgericht Berlin II hat CORRECTIV im März 2026 mehrere zentrale Aussagen zum Potsdamer Treffen untersagt. Im Kern ging es um die Behauptung, dort sei ein „Masterplan“ zur Ausweisung deutscher Staatsbürger besprochen worden. Nach Darstellung des Gerichts war diese Einordnung rechtswidrig. In der inzwischen bekannt gewordenen Begründung ist von „im Wesentlichen unwahr“ sowie von „unklar, ungenau und unvollständig“ die Rede. CORRECTIV ist in Berufung gegangen. Rechtskräftig ist das alles also noch nicht. Aber publizistisch ist der Schaden längst eingetreten.

Wirkung ist wichtiger als eine saubere Beweisführung

Denn das Problem ist größer als ein misslungener Text. Es geht um ein journalistisches Klima, in dem die Wirkung oft wichtiger geworden ist als die saubere Beweisführung. Die Recherche sollte offenkundig keinen Sachverhalt aufdecken. Sie sollte ein politisches Signal auslösen. Genau das tat sie auch. Das Land demonstrierte, Theater inszenierten den Stoff, die moralische Wucht war enorm. Nur stand diese Wucht am Ende auf einem Fundament, das erkennbar brüchiger war als die öffentliche Aufladung. Schon im Sommer 2024 schrieb ein Trio um Stefan Niggemeier bei Übermedien, der Text sei misslungen, das Verhalten von CORRECTIV nach der Veröffentlichung fragwürdig und die Berichterstattung vieler Medien eine Katastrophe. Härter lässt sich das kaum formulieren.

Genau hier kommt Georg Restle ins Spiel. Er hat die Debatte um „Journalismus mit Haltung“, und um den  geht es in der Causa CORRECTIV ja nun einmal, wie kaum ein anderer geprägt. Schon 2018 warb er ausdrücklich dafür, eben nicht als neutraler Beobachter zu arbeiten, sondern Haltung zu zeigen. Das Problem ist nicht, dass Journalisten private Überzeugungen haben. Natürlich haben sie die. Das Problem beginnt dort, wo diese Überzeugungen zum Arbeitsprinzip erhoben werden. Denn in dem Moment ist das Ergebnis nicht mehr offen. Dann wird Recherche nicht mehr zum Mittel, Wirklichkeit herauszufinden, sondern zum Werkzeug, eine vorher festgelegte moralische Deutung zu illustrieren.

Restles Position schadet dem Journalismus

Man kann es drehen, wie man will. „Journalismus mit Haltung“ ist kein Fortschritt des Berufs, sondern seine Aushöhlung. Journalismus ist nicht dazu da, die richtige Gesinnung auszustellen. Er soll prüfen, gewichten, einordnen, trennen, belegen und auch das aushalten, was nicht ins eigene Weltbild passt. Wer dagegen mit einer Haltung loszieht, die sich nur noch mit Material unterfüttern will, betreibt keine ergebnisoffene Recherche mehr. Er betreibt Bestätigungsproduktion.

Genau deshalb ist die Restle-Schule so schädlich. Sie hat vielen jüngeren Kollegen eingeredet, Neutralität sei etwas Verdächtiges, fast schon Feiges. Dabei ist professionelle Distanz keine Schwäche, sondern die Grundbedingung seriöser Arbeit. Nicht der Journalist soll im Text siegen, sondern der Sachverhalt. Nicht die moralisch erwünschte Pointe zählt, sondern die belastbare Tatsache. Wer das verwechselt, landet fast zwangsläufig bei Auslassungen, Überdehnungen und Zuspitzungen, die politisch vielleicht Beifall bringen, journalistisch aber faules Obst sind.

Maximale Wucht nutzt den „Falschen“

Der Fall CORRECTIV ist dafür ein Lehrstück. Nicht, weil damit alles falsch gewesen wäre, was rund um das Potsdamer Treffen berichtet wurde. Und auch nicht, weil jede Kritik an rechtsextremen Milieus nun erledigt wäre. Sondern weil hier offenbar ein Muster sichtbar wurde, das viel tiefer reicht. Eine Redaktion setzt auf maximale Wucht. Andere Medien springen begeistert auf. Zweifel gelten schnell als verdächtig, weil sie angeblich „den Falschen“ nützen könnten. Und am Ende kommt genau das heraus, was man verhindern wollte: Die „Falschen“ profitieren tatsächlich.

Denn natürlich nutzt ein solcher Vorgang der AfD. Nicht deshalb, weil ihre Positionen dadurch richtiger würden. Sondern weil sie sich nun einmal seit Jahren als Opfer eines politisierten Medienbetriebs inszeniert. Jeder handwerklich schlampige, überdehnte oder demonstrativ haltungsgetriebene Text liefert ihr neues Material. Wer eine Partei kleinmachen will, indem er die publizistischen Standards kleinmacht, arbeitet am Ende für sie.

Journalismus braucht keine Haltung, sondern Rückgrat

Das Bittere ist, dass die Lehre aus alldem eigentlich banal sein müsste. Journalismus braucht keine Haltung, sondern Rückgrat. Und Rückgrat zeigt sich gerade darin, auf Zuspitzungen zu verzichten, wenn die Belege sie nicht tragen. Es zeigt sich darin, dem Leser nicht die richtige Empörung vorzuschreiben, sondern ihm einen möglichst präzisen Befund vorzulegen. Alles andere ist nicht mutig. Es ist bequem. Denn es ist immer leichter, für das moralisch Erwünschte Beifall zu bekommen, als sich nüchtern an das zu halten, was sich wirklich belegen lässt.

Wenn der Journalismus seine Glaubwürdigkeit zurückgewinnen will, muss er daher nicht „mehr Haltung“ wagen, sondern weniger Eitelkeit. Weniger Mission. Weniger Selbstgewissheit. Die Wahrheit ist oft sperriger als das erwünschte Narrativ. Aber genau dafür gibt es diesen, unseren Beruf. Wer das nicht mehr aushält, sollte nicht von Journalismus sprechen, sondern von politischer Kommunikation.

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thomas weigle
thomas weigle
19 Tage vor

Kommt ja selten vor, dass ich gegen einen Artikel von Stefan Laurin nix einzuwenden habe. Wirklich gut. Nur sollte diese Devise auch bitte schön für die Ruhrbarone gelten. Wenn ich denke, dass hier doch sehr oft Kritik an Israels derzeitiger Regierungspolitik als israelfeindlich und/oder antisemitisch eingeordnet wird, dann ist es genau das, was im obigen Artikel zu recht kritisiert wird. In Israel sind seit Jahren Massen auf den Straßen, die gegen Netanjahu demonstrieren. Sind die alle israelfeindlich und antisemitisch? Hier bei Ruhrbarons wird immer viel Wert darauf gelegt, Israel als das darzustellen, was es ist: die einzige funktionierende Demokratie dort im Nahen Osten. Dies seit dem 1.Mai 48 und diese Demokratie hat selbst unter widrigsten Bedingungen standgehalten und ist nicht mal in die Nähe einer Autokratie gerückt. Das bewundere ich zutiefst. Auch die sonstigen Fähigkeiten dieses Landes sind aller Bewunderung wert: Wissenschaft, Landwirtschaft, Infrastruktur, Militär etc
Dennoch erlaube ich mir hin und wieder kritische Gedanken zur augenblicklichen Regierungspolitik und ich glaube, dass die jetzige Regierung ein Schaden für Israel ist, alleine wenn ich den zunehmenden Einfluss der Ultraorthodoxen sehe. Als ich 71 für sechs Wochen in Israel war, sind diese im Großen und Ganzen nur durch ihre Kleidung, v.a. in Jerusalem, und dass sie samstags am Jerusalemer Busbahnhof Steine gegen die Kleinbusse bzw. Großtaxis warfen, aufgefallen. Politisch spielten sie keine Rolle. Und heute bestimmen sie große Teile der Regierungsagenda. Sie sind, wie alle religiösen Fanatiker, Ideologen, die egal wo, nur Schaden anrichten. Da sie sich auf Gott berufen…..wobei ich angesichts dessen, was den Juden seit 2000 Jahren ohne eigene Schuld widerfahren ist, kann ich dieses sich auf Gott berufen eh nicht verstehen.

Stefan Laurin
Administrator
19 Tage vor
Antwort auf  thomas weigle

Keine Sorge, der Artikel ist nicht von mir. Ich habe bei der Bearbeitung nur auf einen falschen Button gedrückt.

thomas weigle
thomas weigle
18 Tage vor

@ Stefan Laurin made my day

Ursula Prem
Gast
Ursula Prem
18 Tage vor

Der Haltungsjournalismus hat sich bereits so tief ins System hineingefressen, dass er selbst von seinen Kritikern bei der Arbeit gar nicht mehr bemerkt wird: »Maximale Wucht nutzt den Falschen«, lese ich da in einer Zwischenüberschrift. Um so eine Aussage formulieren zu können, braucht es ein großes Maß an »Haltung«. Hochwertiger Journalismus fragt nicht danach, wer »die Falschen« sind, sondern ob eine Aussage wahr oder falsch ist, im Sinne von nachprüfbaren, soliden Anknüpfungstatsachen. Entspricht eine Aussage der Wahrheit, dann ist es egal, von wem sie stammt, jedenfalls dann, wenn »Haltung« nicht den Blick verstellt. Jemandem den Brennstempel des angeblich »Falschen« aufzudrücken ist ein reiner Notbefhelf, wenn sich seine Aussagen nicht auf herkömmlichem Wege widerlegen lassen oder man sich einfach nicht die Mühe dazu machen möchte.

Frank Döring
Gast
Frank Döring
17 Tage vor

Hans-Joachim-Friedrichs hat die Berufsbeschreibung für den Journalisten mal wunderbar zusammengefasst: Ein Journalist hat sich nicht mit einer Sache gemein zu machen, auch nicht mit einer guten. Dem ist nichts hinzuzufügen !

Logos
Logos
17 Tage vor

Unbequeme Frage: Wenn die Journaille systematisch handwerklich schlampige, überdehnte, maßlos übertriebene, demonstrativ haltungsgetriebene oder mitunter dreist verlogene Texte hervorbringt, ist die vermeintliche „Inszenierung“ am Ende gar keine, sondern die Beschreibung des Sachverhaltes, dass die AfD ist de facto/tatsächlich und beweisbar (mitunter sogar vor Gericht) Opfer eines politisierten Medienbetriebs ist?

trackback

[…] Haltungsjournalismus nutzt der AfDDer vielleicht größte Schaden des Falls CORRECTIV liegt nicht einmal in der juristischen Niederlage selbst. Er liegt darin, dass wieder einmal genau jener Verdacht bestätigt wird, der den Journalismus seit Jahren zersetzt. Der Verdacht nämlich, dass zu viele Redaktionen nicht mehr zuerst wissen wollen, was ist, sondern vor allem zeigen möchten, auf welcher Seite sie stehen.Das Landgericht Berlin II hat CORRECTIV im März 2026 mehrere zentrale Aussagen zum Potsdamer Treffen untersagt. Im Kern ging es um die Behauptung, dort sei ein „Masterplan“ zur Ausweisung deutscher Staatsbürger besprochen worden. Nach Darstellung des Gerichts war diese Einordnung rechtswidrig. In der inzwischen bekannt gewordenen Begründung ist von „im Wesentlichen unwahr“ sowie von „unklar, ungenau und unvollständig“ die Rede. CORRECTIV ist in Berufung gegangen. Rechtskräftig ist das alles also noch nicht. Aber publizistisch ist der Schaden längst eingetreten.Denn das Problem ist größer als ein misslungener Text. Es geht um ein journalistisches Klima, in dem die Wirkung oft wichtiger geworden ist als die saubere Beweisführung. Die Recherche sollte offenkundig keinen Sachverhalt aufdecken. Sie sollte ein politisches Signal auslösen. Genau das tat sie auch. Das Land demonstrierte, Theater inszenierten den Stoff, die moralische Wucht war enorm. Nur stand diese Wucht am Ende auf einem Fundament, das erkennbar brüchiger war als die öffentliche Aufladung.Quelle: Ruhrbarone […]

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