
Der vielleicht größte Schaden des Falls CORRECTIV liegt nicht einmal in der juristischen Niederlage selbst. Er liegt darin, dass wieder einmal genau jener Verdacht bestätigt wird, der den Journalismus seit Jahren zersetzt. Der Verdacht nämlich, dass zu viele Redaktionen nicht mehr zuerst wissen wollen, was ist, sondern vor allem zeigen möchten, auf welcher Seite sie stehen.
Das Landgericht Berlin II hat CORRECTIV im März 2026 mehrere zentrale Aussagen zum Potsdamer Treffen untersagt. Im Kern ging es um die Behauptung, dort sei ein „Masterplan“ zur Ausweisung deutscher Staatsbürger besprochen worden. Nach Darstellung des Gerichts war diese Einordnung rechtswidrig. In der inzwischen bekannt gewordenen Begründung ist von „im Wesentlichen unwahr“ sowie von „unklar, ungenau und unvollständig“ die Rede. CORRECTIV ist in Berufung gegangen. Rechtskräftig ist das alles also noch nicht. Aber publizistisch ist der Schaden längst eingetreten.
Wirkung ist wichtiger als eine saubere Beweisführung
Denn das Problem ist größer als ein misslungener Text. Es geht um ein journalistisches Klima, in dem die Wirkung oft wichtiger geworden ist als die saubere Beweisführung. Die Recherche sollte offenkundig keinen Sachverhalt aufdecken. Sie sollte ein politisches Signal auslösen. Genau das tat sie auch. Das Land demonstrierte, Theater inszenierten den Stoff, die moralische Wucht war enorm. Nur stand diese Wucht am Ende auf einem Fundament, das erkennbar brüchiger war als die öffentliche Aufladung. Schon im Sommer 2024 schrieb ein Trio um Stefan Niggemeier bei Übermedien, der Text sei misslungen, das Verhalten von CORRECTIV nach der Veröffentlichung fragwürdig und die Berichterstattung vieler Medien eine Katastrophe. Härter lässt sich das kaum formulieren.
Genau hier kommt Georg Restle ins Spiel. Er hat die Debatte um „Journalismus mit Haltung“, und um den geht es in der Causa CORRECTIV ja nun einmal, wie kaum ein anderer geprägt. Schon 2018 warb er ausdrücklich dafür, eben nicht als neutraler Beobachter zu arbeiten, sondern Haltung zu zeigen. Das Problem ist nicht, dass Journalisten private Überzeugungen haben. Natürlich haben sie die. Das Problem beginnt dort, wo diese Überzeugungen zum Arbeitsprinzip erhoben werden. Denn in dem Moment ist das Ergebnis nicht mehr offen. Dann wird Recherche nicht mehr zum Mittel, Wirklichkeit herauszufinden, sondern zum Werkzeug, eine vorher festgelegte moralische Deutung zu illustrieren.
Restles Position schadet dem Journalismus
Man kann es drehen, wie man will. „Journalismus mit Haltung“ ist kein Fortschritt des Berufs, sondern seine Aushöhlung. Journalismus ist nicht dazu da, die richtige Gesinnung auszustellen. Er soll prüfen, gewichten, einordnen, trennen, belegen und auch das aushalten, was nicht ins eigene Weltbild passt. Wer dagegen mit einer Haltung loszieht, die sich nur noch mit Material unterfüttern will, betreibt keine ergebnisoffene Recherche mehr. Er betreibt Bestätigungsproduktion.
Genau deshalb ist die Restle-Schule so schädlich. Sie hat vielen jüngeren Kollegen eingeredet, Neutralität sei etwas Verdächtiges, fast schon Feiges. Dabei ist professionelle Distanz keine Schwäche, sondern die Grundbedingung seriöser Arbeit. Nicht der Journalist soll im Text siegen, sondern der Sachverhalt. Nicht die moralisch erwünschte Pointe zählt, sondern die belastbare Tatsache. Wer das verwechselt, landet fast zwangsläufig bei Auslassungen, Überdehnungen und Zuspitzungen, die politisch vielleicht Beifall bringen, journalistisch aber faules Obst sind.
Maximale Wucht nutzt den Falschen
Der Fall CORRECTIV ist dafür ein Lehrstück. Nicht, weil damit alles falsch gewesen wäre, was rund um das Potsdamer Treffen berichtet wurde. Und auch nicht, weil jede Kritik an rechtsextremen Milieus nun erledigt wäre. Sondern weil hier offenbar ein Muster sichtbar wurde, das viel tiefer reicht. Eine Redaktion setzt auf maximale Wucht. Andere Medien springen begeistert auf. Zweifel gelten schnell als verdächtig, weil sie angeblich „den Falschen“ nützen könnten. Und am Ende kommt genau das heraus, was man verhindern wollte: Die Falschen profitieren tatsächlich.
Denn natürlich nutzt ein solcher Vorgang der AfD. Nicht deshalb, weil ihre Positionen dadurch richtiger würden. Sondern weil sie sich nun einmal seit Jahren als Opfer eines politisierten Medienbetriebs inszeniert. Jeder handwerklich schlampige, überdehnte oder demonstrativ haltungsgetriebene Text liefert ihr neues Material. Wer eine Partei kleinmachen will, indem er die publizistischen Standards kleinmacht, arbeitet am Ende für sie.
Journalismus braucht keine Haltung, sondern Rückgrat
Das Bittere ist, dass die Lehre aus alldem eigentlich banal sein müsste. Journalismus braucht keine Haltung, sondern Rückgrat. Und Rückgrat zeigt sich gerade darin, auf Zuspitzungen zu verzichten, wenn die Belege sie nicht tragen. Es zeigt sich darin, dem Leser nicht die richtige Empörung vorzuschreiben, sondern ihm einen möglichst präzisen Befund vorzulegen. Alles andere ist nicht mutig. Es ist bequem. Denn es ist immer leichter, für das moralisch Erwünschte Beifall zu bekommen, als sich nüchtern an das zu halten, was sich wirklich belegen lässt.
Wenn der Journalismus seine Glaubwürdigkeit zurückgewinnen will, muss er daher nicht „mehr Haltung“ wagen, sondern weniger Eitelkeit. Weniger Mission. Weniger Selbstgewissheit. Die Wahrheit ist oft sperriger als das erwünschte Narrativ. Aber genau dafür gibt es diesen, unseren Beruf. Wer das nicht mehr aushält, sollte nicht von Journalismus sprechen, sondern von politischer Kommunikation.
