
Es ist schon beeindruckend, wie zuverlässig es der deutsche Fußball inzwischen schafft, selbst aus eigentlich lösbaren Situationen ein öffentliches Drama mit Ansage zu basteln. Kaum hatten sich die Diskussionen um die Rolle rückwärts von Bundestrainer Julian Nagelsmann halbwegs beruhigt, liefert ausgerechnet jetzt die Personalie Manuel Neuer den nächsten Beweis dafür, dass beim DFB offenbar nie einfach mal Ruhe einkehren darf.
Denn der Zeitpunkt könnte grotesker kaum sein: Zwei Tage nach seiner offiziell verkündeten Rückkehr in den Kader der Nationalmannschaft fehlt Neuer im DFB-Pokalfinale des FC Bayern München gegen den VfB Stuttgart am Samstagabend in Berlin schon wieder verletzt. Wade. Mal wieder. Belastungssteuerung. Restrisiko. Die üblichen Formulierungen aus der modernen Fußball-PR-Hölle. Und genau da beginnt das eigentliche Problem.
Der DFB betreibt Nostalgie-Fußball
Natürlich muss man nicht so tun, als wäre Neuer irgendein x-beliebiger Torwart. Der Mann war über Jahre der beste Keeper der Welt. Weltmeister. Revolutionär auf seiner Position. Eine deutsche Fußballlegende. Aber wir schreiben eben nicht mehr das Jahr 2014.
Wir reden inzwischen über einen 40-jährigen Torwart, der in den vergangenen Monaten gefühlt häufiger medizinisch betreut wurde als tatsächlich konstant im Tor stand. Muskelprobleme. Wade. Wieder Wade. Immer wieder Zwangspausen. Und trotzdem entscheidet sich Nagelsmann dafür, kurz vor einer Weltmeisterschaft noch einmal die komplette Hierarchie umzubauen.
Warum eigentlich? Weil der große Name zurückkommt? Weil man sich von der Aura eines Weltmeisters blenden lässt? Oder weil man beim DFB schlicht nie gelernt hat, rechtzeitig loszulassen? Diese Entscheidung riecht jedenfalls weniger nach sportlicher Klarheit als nach emotionaler Nostalgie.
‚Nachfolger‘ Baumann ist der eigentliche Verlierer
Besonders bitter ist das Ganze für Oliver Baumann. Der Mann hat genau das gemacht, was man von einem Nationaltorwart erwartet. Ruhig geblieben. Verlässlich geliefert. Keine Fehler. Keine Egoshow. Keine öffentlichen Forderungen. Kurz gesagt: Baumann hat seinen Job erledigt. Und was bekommt er dafür? Öffentliches Misstrauen.
Noch vor wenigen Wochen klang es bei Nagelsmann so, als sei Baumann die klare Nummer eins für die WM. Jetzt wird plötzlich alles einkassiert, weil Neuer wieder verfügbar scheint – zumindest theoretisch. Praktisch reicht es aktuell ja nicht einmal für ein Pokalfinale. Genau das macht die ganze Nummer so absurd.
Da wird ein funktionierender Torwart ohne echte sportliche Not beschädigt, um einem verletzungsanfälligen Routinier noch einmal den roten Teppich auszurollen. Und das unmittelbar vor dem wichtigsten Turnier der kommenden Jahre.
Man muss sich das mal vorstellen: Sollte Neuer bis zum WM-Start nicht vollständig fit werden oder sich während des Turniers erneut verletzen, hätte Nagelsmann völlig unnötig eine Baustelle eröffnet, die vorher gar nicht existierte. Und spätestens dann wird aus einer fragwürdigen Entscheidung plötzlich ein fatales Eigentor.
Vielleicht geht am Ende sportlich trotzdem alles gut. Vielleicht liefert Neuer ein überragendes Turnier ab und alle Kritik verpufft. Aber Stand heute wirkt die Entscheidung vor allem wie ein unnötiges Risiko mit enormem Störpotenzial.
Und genau deshalb fühlt sich diese ganze Geschichte immer weniger nach einem mutigen Masterplan an — sondern eher nach einem klassischen Fall von „komplizierter gemacht, als es jemals hätte sein müssen“. Dass Neuer im DFB-Pokalfinale an diesem Wochenende nicht mitwirken kann, ist jedenfalls direkt Futter für alle Kritiker und Bedenkenträger im Zusammenhang mit seinem Comeback in der Nationalmannschaft. Und das völlig unnötig!