
Ein Berliner Jugendzentrum wird regelmäßig Opfer antisemitischer Sprühereien und Sachbeschädigungen. Letzten Samstag eskalierte die Situation. Mitglieder einer pro-israelischen Gruppierung des Jugendzentrums werden belagert und tätlich angegriffen. Bei den Tätern handelt es sich allerdings nicht, wie in der Vergangenheit, um Neonazis, sondern um pro-„palästinensische“ Linke.
Im nordöstlich gelegenen Berliner Randbezirk Marzahn-Hellersdorf tritt die Neonazi-Kleinstpartei „III. Weg“ selbstbewusst auf. Es werden Flyer verteilt, Sticker verklebt und ungenehmigt Plakate aufgehängt. Regelmäßig mobilisiert der „III. Weg“ zu größeren Aufmärschen. Die Partei und ihr nahestehende Jugendgruppen, wie zum Beispiel „Deutsche Jugend voran“, nutzen die Präsenz im Kiez, um Druck auszuüben. Teilweise kommt es zu Übergriffen auf Andersdenkende.
In diesem politischen Klima versucht ein autonomes Jugendzentrum, einen Gegenpol für Jugendliche bereitzustellen. Seit 2001 existiert das „AJZ Kita“, das neben regelmäßig stattfindenden Punkkonzerten, Filmvorstellungen und Kneipenbetrieb auch ein Bienenprojekt, mehrere Proberäume für junge Bands, einen Sportraum und mehrere Werkstätten beherbergt.
Die Fassade des Hauses wurde in jüngster Vergangenheit mit Slogans wie „Zionism is a Crime“, „Fight Zios“, „End Israel“, „Zerschlagt den Zionismus“ oder „Glory to the Resistance“ beschmiert. Auslöser dürfte ein vom Jugendzentrum selbst an der Eingangstür angebrachtes „Gegen jeden Antisemitismus“-Graffiti gewesen sein.
In der Vergangenheit wurde das „AJZ Kita“ Ziel zahlreicher neonazistischer Sachbeschädigungen, Drohungen und gewalttätiger Angriffe. Bei den Tätern der jüngsten Vorkommnisse handelt es sich aber nicht um Neonazis aus dem „III. Weg“-Umfeld. Die Schmierereien sind Teil eines Konflikts um das Jugendzentrum, bei dem sich pro-„palästinensische“ Linke und israelsolidarische Linke gegenüberstehen.
Laut einem Zusammenschluss von Bewohnern und Besuchern des Jugendzentrums, der sich „Reclaim La Casa“ nennt, seien in den vergangenen Jahren Versuche unternommen worden, das AJZ in ein antizionistisches Zentrum umzuwandeln. Dafür sei sich von einem Teil der Bewohner des Hauses über demokratisch getroffene Entscheidungen hinweggesetzt worden. Langjährige Bewohner, die sich gegen Antisemitismus positionieren, seien beleidigt, ausgegrenzt und bedroht worden.
„Reclaim La Casa“ merkte an, dass es sich dabei um Vorgehensweisen handelt, die auch anderswo zu beobachten seien. Als Beispiele werden das Oldenburgische „Alhambra“, die „Rote Flora“ in Hamburg oder das „Conne Island“ in Leipzig genannt. Außerdem gab es in Berlin bereits Angriffe gegen Orte wie die israelsolidarische Kneipe „Bajszel“ und den Techno-Club „about:blank“.
Die Gegner des anti-antisemitischen Flügels des AJZ würden unter dem Namen „Comrades of New Casa“ operieren und für die Übernahme des Hauses als „space without zionists“ mobilisieren. In der Vergangenheit seien regelmäßig Aufkleber und Graffiti gegen Antisemitismus und sogar zu KZ-Gedenkstätten abgekratzt oder übersprüht worden. Mitglieder der „Comrades of New Casa“ seien außerdem bei der antisemitischen „Nakba“-Demonstration in Berlin mitgelaufen.
Am vergangenen Samstag, den 4. Juli 2026, eskalierte der Konflikt um das „AJZ Kita“ endgültig. Die Gruppe „Reclaim La Casa“ besetzte Kneipen- und Veranstaltungsräume, um sie den jüngsten Vereinnahmungsversuchen zu entziehen. Weitere Unterstützer wurden gebeten, sich vor Ort einzufinden. Die Besetzer schrieben auf ihrem Instagramkanal, dass militante Antisemiten die Eingänge des Gebäudes blockieren würden. Sie würden Menschen mit Latten und Steinen angreifen und mit Feuerlöschern besprühen. Später seien Angreifer auf das Dach geklettert und hätten Mitglieder ihrer Gruppe mit Baseballschlägern angegriffen. Man sei schockiert darüber, dass die Angreifer billigend schwerste Verletzungen in Kauf genommen hätten. Einer Person, die dem Unterstützeraufruf folgte, sei der Arm mit einem Teleskop-Schlagstock gebrochen worden. Die Besetzer haben unter Polizeischutz das Gebäude verlassen. Einsatzkräfte gaben bekannt, dass sie 29 Personen vorübergehend festgenommen haben.
Am Sonntag, den 5. Juli 2026, erklärte „Reclaim La Casa“ per Instagram, dass sie sich aus dem Haus zurückziehen mussten, nachdem mit massiver Gewalt eingebrochen worden sei. Eine für denselben Tag geplante Kundgebung würde nicht stattfinden. Die Aktion sei von regelrechten Gewaltexzessen, die von Antisemiten ausgingen, begleitet worden. Der antisemitische Wahn habe sich bahnbrechend entladen. Den Kampf um das „AJZ Kita“ würde die Gruppe allerdings nicht aufgeben.
Am selben Tag fanden in Erfurt Proteste gegen den dort stattfindenden Parteitag der Alternative für Deutschland (AfD) statt, an dem auch linksextreme Gruppierungen teilnahmen, von denen einige mit pro-„palästinensischen“ und antiisraelischen Transparenten und Slogans auffielen. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus e. V. (RIAS) war mit einem Infostand vor Ort, für den eigens Schutz eingerichtet werden musste, da die Vertreter erheblichen Anfeindungen ausgesetzt waren.
Die sogenannte pro-„palästinensische“ Linke hat ein nicht zu übersehendes Gewaltproblem. Sie löst junge Neonazis, die in der Vergangenheit die Täter antisemitisch motivierter Straftaten gestellt haben, zu einem großen Teil ab und lässt sich in ihrem Vorgehen nicht mehr von ihrem selbsterklärten Feind unterscheiden.
Warum es ein kleiner Teil der Linken noch nicht aufgegeben hat, sich weiterhin als Teil einer größtenteils antisemitischen Bewegung zu begreifen, ist für mich nicht nachvollziehbar. Als Person, die ihre Jugend an einem ähnlichen Ort wie dem „AJZ Kita“ verbrachte, wo ich mein erstes Punkkonzert erleben durfte, mit meiner ersten Band geprobt habe, die ersten Konzerte gemeinsam mit Gleichgesinnten veranstaltet habe und viele meiner Freunde kennengelernt habe, ist es allerdings schön zu sehen, dass eine Minderheit dafür kämpft, dass Kinder und Jugendliche einen Ort haben, an dem sie lernen können, Verantwortung zu übernehmen und einen Ort nach ihren Vorstellungen zu gestalten.
Orte wie das „AJZ Kita“ sind wichtig für die Entwicklung der Persönlichkeiten von Kindern und Jugendlichen, um zu lernen, wie mit Konflikten und Meinungsverschiedenheiten innerhalb von Kollektiven umgegangen werden kann. Denn die Gruppe „Reclaim La Casa“ beteuert, dass die vielen Aktivitäten im AJZ nie widerspruchsfrei, jedoch offen für kritischen Austausch waren. Die gewalttätigen Vorkommnisse vom letzten Samstag zeigten, wie es nicht laufen sollte.