Enthemmter und bedrohlicher: Antisemitismus in NRW erreicht neuen Höchststand

Antisemitische Demonstration (Symbolbild) Foto (Archiv): Roland W. Waniek


Der Antisemitismus in Nordrhein-Westfalen hat im vergangenen Jahr erneut deutlich zugenommen. Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (RIAS NRW) registrierte 2025 insgesamt 1.102 verifizierte antisemitische Vorfälle. Das sind 17 Prozent mehr als im Vorjahr (940 Fälle) und der höchste Wert seit Beginn der Erfassung.

Den Jahresbericht stellte RIAS NRW am Mittwoch gemeinsam mit NRW-Integrationsministerin Verena Schäffer (Grüne) in Düsseldorf vor. Rein statistisch kommt es damit in Nordrhein-Westfalen jeden Tag zu drei antisemitischen Vorfällen.

Besonders besorgniserregend ist nach Einschätzung von RIAS NRW nicht nur die Zahl der Vorfälle, sondern deren zunehmende Schwere. Antisemitische Angriffe, Bedrohungen und Einschüchterungen richten sich immer häufiger direkt gegen Menschen. Die Zahl der körperlichen Angriffe stieg um 78 Prozent auf 32 Fälle. Bedrohungen nahmen um 50 Prozent auf 33 Fälle zu. Fast jede zweite dokumentierte Bedrohung enthielt eine Morddrohung gegen Personen, die als jüdisch oder zionistisch wahrgenommen wurden.

Die meisten Vorfälle ereigneten sich weiterhin im öffentlichen Raum oder im Internet. Gleichzeitig dringt der Judenhass zunehmend in das unmittelbare Lebensumfeld der Betroffenen vor. Die Zahl antisemitischer Vorfälle im Wohnumfeld stieg von 20 auf 43 Fälle und damit um 115 Prozent. Betroffene berichteten von gezielten Anfeindungen, antisemitischen Schmierereien an Wohnhäusern oder Sachbeschädigungen. Auch Vorfälle an und im Umfeld von Synagogen nahmen deutlich zu: von drei Fällen im Jahr 2024 auf 21 im vergangenen Jahr.

RIAS NRW registrierte zudem 60 Fälle gezielter Sachbeschädigungen an jüdischen Einrichtungen sowie an NS-Gedenkorten. Besonders häufig betroffen waren Erinnerungsorte an die Schoa. In vielen Fällen werde die Erinnerung an die nationalsozialistische Judenverfolgung instrumentalisiert, um Israel mit dem Nationalsozialismus gleichzusetzen.

Mit 753 Vorfällen und einem Plus von 28 Prozent stellt der israelbezogene Antisemitismus die mit Abstand häufigste Erscheinungsform dar. Mehr als die Hälfte aller dokumentierten Vorfälle entfielen auf dieses Feld. Nach Einschätzung von RIAS NRW wirken der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der anschließende Krieg im Nahen Osten weiterhin als Katalysator für antisemitische Einstellungen und Handlungen. Insgesamt wurden in NRW 248 Versammlungen mit antisemitischen Inhalten dokumentiert. Knapp drei Viertel davon standen in direktem Zusammenhang mit dem Nahostkonflikt.

Beim Blick auf die politischen Hintergründe bleibt der antiisraelische Aktivismus mit 249 Vorfällen das größte klar zuordenbare Milieu. Auffällig ist zugleich die Verdopplung der Vorfälle im linken und antiimperialistischen Spektrum auf 71 Fälle. Auch die Zahl antisemitischer Vorfälle aus dem rechtsextremen und rechtspopulistischen Milieu stieg um 29 Prozent auf 67 Fälle. Im islamischen beziehungsweise islamistischen Spektrum registrierte RIAS NRW 43 Vorfälle – ein Anstieg um 34 Prozent.

Der Bericht zeichnet damit das Bild eines Antisemitismus, der nicht nur häufiger wird, sondern sich zugleich aggressiver, direkter und bedrohlicher äußert als in den Vorjahren.

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