Das teure Ende der Gasnetze

Gasflamme Foto: iamNigelMorris Lizenz: CC BY 2.0

Schon die Ampel riet den Stadtwerken dazu, sich von ihren Gasnetzen zu verabschieden. Daran hat sich nichts geändert: Deutschland soll bis 2045 CO₂-neutral werden. Erdgas hat keinen Platz in der grünen Zukunft. Doch der Umbau der Wärmeversorgung könnte teuer werden.

530.000 Kilometer lang ist das Gasverteilnetz in Deutschland, eine Strecke deutlich mehr als zehnmal länger als die durchschnittliche Distanz zwischen Erde und Mond. Ein großer Teil davon, so teilt der Verband der kommunalen Unternehmen (VKU) auf Anfrage von Ippen.Media mit, gehöre kommunalen Unternehmen und Stadtwerken. Der Deutsche Verein des Gas- und Wasserfaches schätzt den Wert des Netzes auf rund 270 Milliarden Euro. Die Gasnetze gehören zu den wertvollsten Vermögenswerten vieler Kommunen und Stadtwerke. Und dieser Wert war über Jahrzehnte eine sichere Bank. Doch die Ewigkeitsvermutung, die Überzeugung, dass die Netze immer Unternehmen und Bürger mit Gas versorgen werden, gilt nicht mehr: Bis 2045 will Deutschland CO₂-neutral werden. Erdgas soll dann weder zum Heizen von Wohnungen noch als Grundstoff in der Industrie genutzt werden. Schon 2022 hatte Patrick Graichen (Grüne), damals Staatssekretär im Wirtschaftsministerium unter Robert Habeck (Grüne), aufgefordert, die Gasverteilnetze „zurückzubauen“, die Röhren also aus dem Boden zu holen. Nach Auskunft der Bundesnetzagentur würden „viele Netzbetreiber eine Nachnutzungsmöglichkeit des vorhandenen kommunalen Gasverteilnetzes nicht prognostizieren“. Perspektivisch könnten Wasserstoff, Biomethan oder andere klimaneutrale Gase eine Nachnutzungsmöglichkeit eröffnen, aber in welchem Maße das passieren wird, sei nicht absehbar. Ein großer Teil des Gasnetzes wird also bald schon nicht mehr benötigt, durch die verstärkte Nutzung von Wärmepumpen und Fernwärme soll die Zahl der Gaskunden sinken. Je weniger Gaskunden es gibt, umso höher werden die Kosten für diejenigen, die weiter auf eine Gasheizung setzen oder keine Alternative haben: Je schneller die Zahl der Gaskunden sinkt, desto schwieriger wird die Finanzierung der bestehenden Netze.

Aber auch für die Stadtwerke wird das Ende der Gas-Ära teuer: Eine im Wissenschaftsverlag Elsevier veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2021 geht davon aus, dass die Abdichtung der Gasnetze für jeden Kilometer bis zu 20.000 Euro kostet. Sollen die Leitungen abgefüllt und versiegelt werden, kann die Summe auf bis zu 200.000 Euro steigen. Die Leitungen aus dem Boden zu holen, würde mit 280.000 Euro zu Buche schlagen. Die milliardenschweren Gasnetze verlieren ihre bisherige wirtschaftliche Perspektive. Jahrzehntelang wurden sie kontinuierlich modernisiert und erneuert. Nun stellt sich erstmals die Frage, welche Teile überhaupt noch ersetzt werden und welche bis zur Stilllegung weiterbetrieben werden. Die Bundesnetzagentur hat mit den KANU-2.0-Regeln den Stadtwerken die Möglichkeit gegeben, die Gasnetze flexibel abzuschreiben und das auch über das Jahr 2045 hinaus zu tun.

Zu den Stadtwerken mit den größten Gasnetzen in Deutschland gehören die Stadtwerke München (SWM) und Mainova, die Stadtwerke Frankfurts.

Die SWM besitzt in der Region München 6.400 Kilometer Gasleitungen, bei der Mainova sind es 4.500 Kilometer. Darüber, wie sie die Netze abschreiben, wollen beide Unternehmen keine Auskunft geben. Noch wissen weder die SWM noch Mainova, welche Teile ihrer Netze künftig Wasserstoff oder Biogas transportieren werden: Die SWM prüft die Wasserstoffverträglichkeit ihres Gasnetzes. „Grundsätzlich können bestehende Erdgasnetze umgerüstet werden. Wir gehen davon aus, dass Leitungen zunächst weiterhin mit 100 % Erdgas und perspektivisch mit 100 % Wasserstoff betrieben werden.“ Viele der zukünftigen Wasserstoffkunden seien heute im Erdgasverteilnetz angeschlossen und würden im Fall einer Umstellung auf Wasserstoff auch weiterhin über diese Netzstruktur versorgt. Doch wird es davon in Zukunft überhaupt genug geben? Zahlreiche Unternehmen wie E.ON und RWE haben sich längst von vielen ihrer Wasserstoffprojekte verabschiedet. Der Bundesrechnungshof ging in einem im vergangenen Jahr veröffentlichten Bericht davon aus, dass Wasserstoff, vor allem wenn er mit erneuerbarer Energie im Elektrolyseverfahren hergestellt wird, mittelfristig knapp und teuer bleiben wird, und verweist zudem darauf hin, dass er als indirektes Treibhausgas hochgradig klimaschädigend sei.

Die Stadtwerke sind wirtschaftlich für die Städte und ihre Bürger wichtig. Sie sind nicht nur für die Daseinsvorsorge zentral, also dafür, dass in den Wohnungen Strom fließt und es im Winter warm ist, sondern sorgen durch die Abführung ihrer Gewinne auch dafür, dass Kitas gebaut, Theater betrieben und Parks gepflegt werden können. Geraten sie wirtschaftlich unter Druck, werden sie ihn nicht alleine tragen können: Die Kämmerer werden das durch geringere Einnahmen und die Bürger durch höhere Kosten zu spüren bekommen. Egal, wie die Abschreibung geregelt wird und welche Teile der Netze weiter genutzt werden können: Die Summen, um die es beim Ende der Gas-Ära geht, sind astronomisch, und die Bürger und ihre Städte werden am Ende für sie aufkommen müssen.

Der Text erschien in ähnlicher Form bereits bei Ippen.Media 

 

Autorenseite: Stefan Laurin
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