
Rund 708.000 Aufrufe wies X bis Freitagabend (4. September 2026) für ein Video von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund aus: Eine auf die Straße gemalte Deutschlandfahne wird entfernt. Dazu fragt er: „Unfassbare Bilder aus Sachsen-Anhalt: CDU will keine Deutschland-Flagge?“
Das ist beachtlich für eine Beweiskette aus einem verdammten Hochdruckreiniger und einem Fragezeichen. Die Erwachsenenunterhaltungsfilmindustrie kann sich ihre teuren 4K-Kameras sparen: Für die kollektive Erregung reicht offenbar schon ein nasser Streifen Schwarz-Rot-Gold.
Ein Blick auf die Unterstützer und Redner des Demokratiefestivals lohnt sich trotzdem – nur aus anderen Gründen, als Siegmunds Video nahelegt.
Ein Hochdruckreiniger ersetzt keine Belege
Das Festival „Sachsen-Anhalt. Weltoffen!“ findet am heutigen Samstag in Magdeburg statt. Laut dem offiziellen Aufruf sollen „Parteifahnen, Nationalfahnen“ zu Hause bleiben. Das gilt nicht nur für Schwarz-Rot-Gold. Wer die schwarz-rot-goldene Straßenbemalung entfernen ließ und warum, erklärt diese Regel allerdings nicht.

Siegmund hat einen Verdacht und spricht von „der vereinigten Antifa, wo auch die CDU mit dabei ist“.
Nur: Die CDU ist auf der Unterstützerliste nicht als Partei aufgeführt. Wer die Reinigung beauftragt hat, ist eine andere Frage – und die lässt sich auch ohne politische Fantasie beantworten.
BILD (€) hat die Zuständigkeit recherchiert:
Als Eigentümerin des Magdeburger Doms hatte die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt die Reinigung in Auftrag gegeben, wie eine Sprecherin der Stiftung gegenüber BILD bestätigte.
Die CDU war demnach nicht Auftraggeberin. Warum Siegmund sie dennoch ins Spiel bringt, bleibt offen. Die Beweisführung übernimmt bei ihm das Fragezeichen.
Mit dieser Desinformation und ohne jeden Beleg geht der X-Beitrag trotzdem steil.
„Weltoffen“ ist offensichtlich kein Gütesiegel
Dabei gäbe es zum Festival durchaus ernstere Fragen als die nach einer entfernten Straßenbemalung.
Auf der Unterstützerliste stehen die Burg Giebichenstein und ihr Studierendenrat. Der Landesverband Jüdischer Gemeinden kritisierte im Juli 2025 ein ausgestelltes Relief, in dem er einen Schweinekopf neben einer Palästinaflagge erkannte. Die Hochschule widersprach dieser Deutung. Auch der FDP-Landtagsabgeordnete Konstantin Pott forderte wegen der Jahresausstellung Konsequenzen von der Hochschulleitung. Eine Modenschau der staatlichen Kunsthochschule wirft ebenfalls Fragen auf.
Die Demokratie-Stiftung Campact wird als Förderin genannt. Campact selbst ist nicht bloß technischer Dienstleister: In einem Gastbeitrag für den Campact-Blog vom 11. Juni 2025 verurteilte Matthias Meisner Judenhass ausdrücklich, meinte aber auch, das Anprangern israelischer Kriegführung könne antisemitische Stimmungen eindämmen. Eine fragwürdige Verknüpfung: Für Antisemitismus sind Antisemiten verantwortlich. Jerusalem ist nicht die Außenstelle deutscher Ressentimentverwaltung.
Und dann ist da Rednerin Luisa Neubauer. Sie bezeichnete die „Madleen“-Fahrt im Juni 2025 als „humanitäre Mission“ und verlangte Schutz für die Besatzung, insbesondere Yasemin Acar. Die hatte am 1. Oktober 2024 den iranischen Raketenangriff auf Israel tanzend in einer Küche bejubelt. Der Tagesspiegel zitierte sie mit „Israel is a bitch“ und berichtete außerdem von ihrem Post „Befreit die Welt von Zionisten“. Die Küchenszene ist in einer Wiederveröffentlichung auf X zu sehen. Raketen auf Israel: für Acar offenbar Tanzmusik.
Neubauer stellte klar, dass der Schutz unabhängig von den politischen Botschaften der Mitreisenden gelten müsse. Selbstverständlich. Als politischer Persilschein für die Besatzung taugt dieser Hinweis allerdings nicht: Menschen zu schützen, bedeutet nicht, ihre Botschaften von Kritik freizustellen.
Zur Vollständigkeit gehört aber auch: Neubauer hat Greta Thunberg durchaus selbst kritisiert. Der früheren Klimaikone wirft Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, öffentlich Judenhass vor. Bereits am 30. Oktober 2023 bemängelte Neubauer, dass Thunberg bis dahin nichts Konkretes zu den jüdischen Opfern des Hamas-Massakers gesagt habe.
Trotzdem bleiben Fragen an die Veranstalter:
Warum bekommt Neubauer hier eine Bühne?
Und wird dabei auch ihre positive Darstellung einer Mission mit einer solchen Mitfahrerin kritisch hinterfragt?
Viel Druck, wenig Tiefgang
Chapeau! Ein simpler Hochdruckreiniger und eine Frage, die ohne jeden Beleg die CDU ins Spiel bringt: Mehr braucht Siegmund offenbar nicht, um in Rekordzeit über 700.000 Aufrufe auf X einzusammeln.
Dabei verdienen die politischen Positionen im Festivalumfeld mehr Aufmerksamkeit als die Farbe auf dem Asphalt.
Gegen die AfD zu sein, ist schließlich kein politischer Persilschein – so gute Gründe es dafür auch gibt.
Einloggen, um Themen zu beobachten. Einloggen