Verarmung, Verrohung und Verblödung – die drei apokalyptischen Reiter des 21. Jahrhunderts

Four Horsemen of Apocalypse, by Viktor Vasnetsov. Painted in 1887. Lizenz: Gemeinfrei

Gegen alle Unkenrufe: Der Welt geht es insgesamt besser denn je. Der wissenschaftliche und innovative Fortschritt hat nie geahnte Produktivität und Wohlstand möglich gemacht. Ein Smartphone besitzt heute mehr Rechenleistung als die Computer, mit denen vor wenigen Jahrzehnten ganze Universitäten arbeiteten. Künstliche Intelligenz kann innerhalb von Sekunden Texte analysieren, Bilder erzeugen, Übersetzungen liefern und wissenschaftliche Zusammenhänge erschließen, für deren Bearbeitung früher Spezialisten Tage oder Wochen benötigten.

Auch in der Medizin sind Entwicklungen möglich geworden, die noch vor einer Generation wie Science-Fiction erschienen. Krebsbehandlungen werden präziser, genetische Erkrankungen können teilweise gezielt behandelt werden, künstliche Gelenke und Organe ersetzen Körperfunktionen, die früher unwiederbringlich verloren waren.

Selbst ökologisch ist ein Umsteuern im Gange, das hoffen lässt. Solar- und Windenergie sind in vielen Regionen wirtschaftlich konkurrenzfähig geworden, Elektroautos werden technisch immer leistungsfähiger und die industrielle Nutzung fossiler Energien kann zumindest schrittweise zurückgedrängt werden. Und trotzdem versinkt die Welt in eine neue Katastrophenzeit aus imperialen Machtansprüchen und blutigen Kriegen.

Während wir technisch in der Lage sind, Krankheiten zu bekämpfen, Ressourcen effizienter zu nutzen und Menschen weltweit miteinander kommunizieren zu lassen, zerstören Staaten mit modernsten Waffen Städte und Lebensgrundlagen. Der Widerspruch könnte kaum größer sein: Wir verfügen über immer bessere Mittel, um mit immer schlechteren politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen umzugehen.

Drei Entwicklungen, die sich gegenseitig verstärken

Drei Phänomene sind dabei vor allem für die Erste Welt bezeichnend:

  • Massenhafte Verarmung trotz nie dagewesener Wohlstandsmöglichkeiten für alle.
  • Massenhafte Verrohung trotz nie dagewesener humanistisch-moralischer Standards.
  • Massenhafte Verblödung trotz nie dagewesener Zugänglichkeit zu Wissen.

Verarmung bedeutet dabei nicht, dass plötzlich alle Menschen hungern. Sie kann auch bedeuten, dass Menschen trotz Arbeit ihre Wohnung kaum noch bezahlen können, dass ein Eigenheim für viele Familien unerreichbar wird oder dass ein unerwarteter finanzieller Engpass sofort zur existenziellen Bedrohung wird.

Verrohung zeigt sich ebenfalls nicht erst im Bürgerkrieg. Sie beginnt wesentlich früher: im öffentlichen Beschimpfen Andersdenkender, in der Lust an der Demütigung des politischen Gegners, in der Bereitschaft, Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Glaubens oder ihrer politischen Haltung zu entmenschlichen.

Verblödung bedeutet nicht einfach mangelnde Intelligenz. Ein Mensch kann hochintelligent sein und trotzdem an Verschwörungstheorien glauben. Gemeint ist vielmehr die zunehmende Unfähigkeit, zwischen Wissen, Meinung, Behauptung und Propaganda zu unterscheiden. Noch nie war Wissen so leicht verfügbar – und noch nie konnte jeder Unsinn so schnell und massenhaft verbreitet werden.

Der Verlust der Solidarität mit den Schwächeren

Alle drei Entwicklungen schaukeln sich gegenseitig auf. Zusammen können sie die gesamte Gesellschaft zerstören. Bei genauerer Betrachtung ist dieser Prozess bereits in vollem Gange. Sichtbar wird er vor allem an der allgemein abnehmenden Solidarität zwischen Stärkeren und Schwächeren und an der zunehmenden Bereitschaft von Teilen aller Gesellschaftsschichten, extreme Positionen und Einstellungen in Werte- und Glaubensfragen einzunehmen – Gewalt und Hass eingeschlossen.

Man kann diesen Verlust von Solidarität im Alltag beobachten. Wenn eine Familie trotz zweier Einkommen keine angemessene Wohnung mehr findet, während gleichzeitig Immobilienbesitzer von steigenden Mieten und Grundstückswerten profitieren, entsteht nicht automatisch Klassenkampf. Es entsteht aber das Gefühl, dass die gesellschaftlichen Regeln nicht mehr für alle gleichermaßen gelten.

Ähnliches gilt für die politische Kommunikation. In sozialen Netzwerken wird der Gegner nicht mehr als jemand behandelt, der eine andere Meinung vertritt, sondern als jemand, der moralisch verwerflich, dumm oder böse ist. Der Schritt vom politischen Gegner zum Feind ist dann nicht mehr weit.

Verstärkt wird Letzteres durch entsprechende Angebote im politischen, ideologischen und religiösen Bereich, die totalitäre Stimmungen und antidemokratische Einstellungen kollektiv organisieren und zelebrieren. Algorithmen sozialer Medien verstärken diesen Effekt, weil Empörung, Angst und Hass häufig mehr Aufmerksamkeit erzeugen als nüchterne Argumente.

Wie die drei Reiter sich gegenseitig antreiben

Verarmung, Verrohung und Verblödung schaukeln sich dabei gegenseitig immer höher. Armut hat nicht notwendigerweise mit Bildungsferne und Gewaltbereitschaft zu tun. Ein armer Mensch kann gebildet, tolerant und solidarisch sein. Problematisch wird es dort, wo Armut dauerhaft mit Perspektivlosigkeit verbunden ist.

Wer beispielsweise mit 30 Jahren feststellt, dass er trotz Ausbildung und Arbeit keine realistische Aussicht auf eine eigene Wohnung, eine Familie oder gesellschaftlichen Aufstieg hat, verliert möglicherweise nicht nur Geld, sondern auch seine Zukunftsperspektive. Aus ökonomischer Unsicherheit kann dann politischer Frust entstehen. Und aus politischem Frust kann irgendwann die Überzeugung erwachsen, dass das gesamte System gegen einen gerichtet ist.

Strukturelle Verblödung ist allerdings auch dort möglich, wo dem Glauben und der Ideologie der Vorrang vor dem Wissen gegeben wird. Das zeigt sich besonders deutlich, wenn Menschen lieber die Behauptung eines Influencers oder politischen Aktivisten übernehmen als eine überprüfbare Tatsache.

Man braucht dafür keine spezielle Ideologie. Ein Linker kann Fakten ignorieren, weil sie nicht in sein Weltbild passen, ein Rechter aus demselben Grund. Ein religiöser Fundamentalist kann wissenschaftliche Erkenntnisse ablehnen, weil sie seinem Glauben widersprechen, und ein Verschwörungstheoretiker kann jeden Gegenbeweis als Teil der Verschwörung interpretieren. Ist diese ideologische Verengung wiederum mit extremen Positionen verknüpft, ist der Schritt zur Verrohung nur eine Frage der Zeit.

Die Gesellschaft im permanenten Kriegszustand

Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die sich in einem permanenten Kriegszustand befindet, weil ein Dialog zwischen unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen zunehmend unmöglich wird. Der politische Gegner wird zum Feind, der Andersdenkende zum Verräter, der Fremde zum Sündenbock und der Reiche zum Ausbeuter. Auf der anderen Seite wird der Arme schnell zum Sozialschmarotzer, der Migrant zum Bedrohungssymbol und der politisch Andersdenkende zum Extremisten.

Das Interessante daran ist: Alle Seiten können sich dabei gleichzeitig als Opfer verstehen. Die Reichen verbarrikadieren sich und verteidigen ihre Vermögen mit Zähnen und Klauen, während der Rest gegenseitig versucht, sich die Butter vom Brot zu nehmen. Man kann diese Entwicklung bereits an der räumlichen Struktur vieler Großstädte erkennen: Wohlhabende Menschen leben in geschützten Wohnlagen, besitzen mehrere Immobilien und können sich private Dienstleistungen leisten.

Andere Menschen müssen dagegen immer größere Teile ihres Einkommens für Miete, Energie und Grundversorgung aufbringen, wenn sie denn überhaupt eine Wohnung bekommen. Wieder andere werden aus der angestammten Gegend verdrängt und landen in Quartieren, die ihre Abstiegsgefährdung weiter verschärfen und ihren Kindern keine sozialen Entwicklungschancen bieten – Gegenden, in denen in der Regel eng belegte Flüchtlingsunterkünfte die Lage noch verschärfen.

Die Ordnung kann unter solchen Bedingungen nach Meinung von immer mehr Menschen nur noch mit tendenziell totalitären Mitteln hergestellt werden. Denn wer dauerhaft Angst vor sozialem Abstieg, Kriminalität, Krieg oder kulturellem Kontrollverlust hat, entwickelt irgendwann ein anderes Verhältnis zur Freiheit. Sicherheit wird dann wichtiger als Freiheit und Ordnung wichtiger als Offenheit.

Der äußere Druck verstärkt die innere Radikalisierung

Steht eine nationale Gesellschaft zusätzlich von außen unter Druck – und das ist angesichts der zunehmenden imperialen Gelüste der aktuellen Großmächte der Fall –, kann die totalitäre Ordnung nach innen zum allseits anerkannten Standard des 21. Jahrhunderts werden. Denn Kriege oder kriegsähnliche Zustände haben fast immer eine innenpolitische Wirkung. Sie verlangen Geschlossenheit, Gehorsam und Loyalität.

Wer während eines Kampfes gegen einen als gefährlich eingeschätzten Feind Fragen stellt, wird schnell verdächtigt, die eigene Seite zu schwächen. Außenpolitische Konflikte werden so zunehmend zu innenpolitischen Gesinnungstests. Innere Verarmung, Verrohung und Verblödung werden dadurch in ihrer Neigung zum Totalitarismus weiter verstärkt.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich nicht ausreichend liberale Kräfte dem mit aller Macht entgegenstellen. Dazu müssten sie jedoch zuerst in der Lage sein, die drei apokalyptischen Reiter selbst aufzuhalten, und das nicht nur im eigenen Land, denn sie sind weltweit unterwegs und haben in einigen Nationen schon die Herrschaft übernommen. Danach sieht es zurzeit aber nicht aus. Im Gegenteil.

Religion, soziale Abschottung und der Zerfall der Mitte

Religionen haben mehr Einfluss denn je auf dieser Welt. Allen voran der Islam. Die Gefahr entsteht nicht durch Religion als solche, sondern dort, wo religiöse oder ideologische Wahrheitsansprüche keinen Widerspruch mehr dulden. Entscheidend ist nicht, ob jemand glaubt, sondern ob er bereit ist, Andersdenkende als legitime Mitglieder derselben Gesellschaft anzuerkennen. Ob er seinen Glauben friedlich und privat praktiziert oder die religiösen Gebote über die demokratische Rechtsordnung stellt.

Die Solidarität der Reichen und Superreichen mit den Armen geht gegen null, während ihre soziale, kulturelle und materielle Abschottung gegenüber dem Rest geradezu paranoide Ausmaße angenommen hat. Ein großer Teil von ihnen neigt im Gegensatz dazu zu einem demonstrativ exorbitanten Konsum, der selbst ein absurdes Ausmaß angenommen hat, während eine kleine Minderheit sich per Stiftungen ebenso demonstrativ der Charity und Weltverbesserung widmet, ohne ihr Vermögen dabei zu verringern.

Die immer schon begrenzte Solidarität der Armen hat angesichts der weltweiten Verteuerung und Verknappung von Behausungen und Lebensmitteln einen bislang nicht gekannten Tiefststand erreicht, während die Mittelschichten vorrangig damit beschäftigt sind, nicht abzusteigen. Auch ihre mehrheitlich demokratische Gesinnung auf der Basis von sozialer und finanzieller Sicherheit wird dadurch zunehmend fragil.

Warum die extreme Rechte vom Zerfall der Mitte profitiert

Während die extreme Linke angesichts ihrer politischen Ohnmacht gegenüber den drei apokalyptischen Reitern immer lauter krakeelt und zu Recht Umverteilung fordert, strebt das Volk zu ihrem Verdruss der extremen Rechten zu, weil die extreme Rechte etwas anbietet, was die zersplitterte Linke immer weniger anbieten kann: eine einfache Erklärung für komplizierte Probleme und einen klaren Schuldigen.

Wohnungsnot? Die Migranten. Kriminalität? Die Fremden. Globalisierung? Die Eliten. Politischer Kontrollverlust? Die etablierten Parteien. Solche Antworten müssen nicht stimmen, um politisch erfolgreich zu sein. Sie müssen nur einfacher und emotional überzeugender sein als die komplizierte Realität. Denn es gibt natürlich erhebliche Probleme mit der Migration, der Globalisierung und der Wohnungsversorgung, die durch Umverteilung nur begrenzt gelöst werden können.

Die etablierten Parteien der Mitte dagegen neigen dazu, die Probleme eher zu beschönigen als zu lösen, was ihren Stimmenanteil kontinuierlich sinken lässt. Das bringt viele überzeugte Demokraten zur Verzweiflung, denn sie haben bis heute nicht begriffen, dass eine Demokratie, die keine Probleme löst, für diejenigen, die Probleme haben, an Wertschätzung verliert. Und während so die politische Mitte ähnlich zerbröselt wie die Mittelschichten selbst, sorgen die drei Reiter dafür, dass das Bedürfnis nach totalitärer Ordnung im Volk immer größer wird.

Wenn der demokratische Dialog nicht mehr funktioniert

Wer auf den der Demokratie eigenen Dialog mit Andersdenkenden setzt, kann nicht einfach ignorieren, dass dafür mittlerweile zunehmend die Voraussetzungen fehlen. Extremisten wollen keinen Dialog und Gläubige brauchen keinen, denn das Schlimmste für beide ist der Zweifel. Er muss eingehegt und im Ernstfall eliminiert werden, wie alle fanatischen Bewegungen historisch immer wieder gezeigt haben.

Das gilt immer dann, wenn aus einer politischen oder religiösen Überzeugung ein geschlossenes Weltbild wird, in dem die Wahrheit bereits feststeht. Wer die Wahrheit besitzt, muss mit dem Irrenden nicht diskutieren. Er muss ihn nur noch überzeugen, bekämpfen oder zum Schweigen bringen.

Ein spektakuläres Beispiel dafür sind Verschwörungserzählungen nach großen Krisen. Statt Unsicherheit auszuhalten, suchen Menschen nach einer Erklärung, in der alles zusammenpasst: Hinter dem Krieg stehen geheime Mächte, hinter einer Pandemie ein geheimer Plan, hinter wirtschaftlichen Krisen eine kleine Gruppe von Schuldigen.

Die eigentliche Gefahr

Die drei apokalyptischen Reiter sind deshalb keine voneinander unabhängigen Krisenerscheinungen. Sie bilden einen Kreislauf: Verarmung erzeugt Perspektivlosigkeit. Perspektivlosigkeit begünstigt Verrohung. Verrohung zerstört den Dialog. Verblödung macht die Gesellschaft anfällig für Ideologien und autoritäre Heilsversprechen. Diese wiederum verstärken Verarmung, Verrohung und gesellschaftliche Spaltung.

Der einzelne Mensch ist dabei nicht zwangsläufig dumm oder böse. Er wird lediglich für politische Angebote empfänglich, die seine Verunsicherung in Hass und seine Ohnmacht in Autoritarismus verwandeln. So entsteht aus dem technischen und materiellen Fortschritt der Gegenwart ein politischer und kultureller Rückschritt. Die entscheidende Frage des 21. Jahrhunderts ist deshalb nicht, ob wir genügend Wissen, Wohlstand und technische Möglichkeiten besitzen.

Die entscheidende Frage ist, ob wir noch in der Lage sind, sie gesellschaftlich so zu nutzen, dass Freiheit, Solidarität und demokratischer Dialog erhalten bleiben. Denn vielleicht sind die drei apokalyptischen Reiter am Ende gar keine Naturgewalten. Vielleicht sind sie das Ergebnis unserer eigenen Unfähigkeit, mit dem umzugehen, was wir selbst geschaffen haben.

 

 

 

 

Autorenseite: Arnold Voss
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