
Es gibt Epochen, die werden durch ihre Monumente charakterisiert. Die Antike hatte ihre Tempel, das Mittelalter seine Kathedralen, die Industrialisierung ihre Fabriken. Die Gegenwart hat den gesenkten Kopf.
Wenn du dein Smartphone einmal zu Hause vergessen hast, erlebst du einen seltenen Moment der Klarheit. Du blickst auf, und was du siehst, gleicht einer anthropologischen Sensation: Menschen, die nicht mehr in ihrer Umgebung leben, sondern in kleinen leuchtenden Rechtecken. Menschen, die zwar körperlich anwesend, geistig jedoch permanent abwesend sind.
Sie sitzen gemeinsam im Café und starren allein auf Bildschirme. Sie laufen durch Innenstädte, ohne die Stadt wahrzunehmen. Sie stehen an Haltestellen, ohne miteinander zu sprechen. Selbst dort, wo keine Kommunikation stattfindet, halten sie ihre Geräte fest umklammert, als handele es sich um religiöse Kultobjekte. Man könnte meinen, das Smartphone sei der erste Gegenstand der Geschichte, den Menschen freiwillig in eine Körpererweiterung verwandelt haben.
Dabei ist das Erstaunliche nicht nur die technische Leistung dieser Geräte, sondern die Geschwindigkeit ihrer Verbreitung. Innerhalb weniger Jahre gelang dem Smartphone etwas, wovon Religionen, Ideologien und politische Systeme jahrhundertelang nur träumen konnten: Es wurde zu einem universellen Begleiter fast der gesamten Menschheit. Ohne Krieg. Ohne Zwang. Ohne Widerstand. Die Menschen verlangten selbst danach. Auch du. Du hast es nur vergessen mitzunehmen, wobei du das eigentlich nie vergisst.
Der große Bruder in der Hosentasche
Herrschaft war in der Geschichte meist sichtbar. Sie trat in Uniform auf, sprach Befehle aus oder drohte mit Strafen. Die Wirkmacht des Smartphones besteht genau darin, dass es den Menschen nichts aufzwingt, sondern ihnen das gibt, was sie haben wollen. Und genau dadurch hatte es von Anfang an das Potenzial zum idealen Herrschaftsinstrument. Die dadurch mögliche digitale Herrschaft wirkt aber nicht durch Unterdrückung, sondern durch Komfort.
Man findet Wege schneller. Man erreicht Menschen einfacher. Man organisiert Termine bequemer. Man hört Musik sofort. Man fotografiert jeden Moment. Der Haken liegt nicht in der Nützlichkeit des Gerätes. Der Haken liegt darin, dass genau diese Nützlichkeit die Abhängigkeit von ihm erzeugt. Wir holen es freiwillig in unser Leben. Wir bezahlen dafür. Wir aktualisieren es regelmäßig. Wir schützen es mit Hüllen und Versicherungen.
Als Gegenleistung erlauben wir ihm, jede Bewegung, jede Vorliebe, jede Suche und jeden Kommunikationsvorgang zu registrieren. Das Smartphone weiß, wo wir waren, mit wem wir sprechen, was wir kaufen, was wir begehren, wovor wir Angst haben und wonach wir nachts suchen, wenn niemand zusieht. Frühere Herrscher hätten für ein solches Instrument Kriege geführt. Heute wird es im Elektronikmarkt verkauft.
Die eigentliche Genialität dieses Systems liegt jedoch darin, dass seine Nutzer die Überwachung nicht als Überwachung empfinden. Sie erleben sie als Bequemlichkeit. Der Weg wird vorgeschlagen. Der Film wird empfohlen. Der Partner wird ausgewählt. Die Nachricht wird vorsortiert. Die Entscheidung wird vorbereitet. Und weil all das angenehm ist, verschwindet die Frage, wer eigentlich auswählt. Der Entscheidungsvorbereiter wird zum Entscheider, und die Informationen, die er dazu braucht, bekommt er kostenlos dazu geliefert.
Die Fabrikation der Zustimmung
Die gesellschaftlichen Kosten sind jedoch enorm. Jede Gesellschaft braucht gemeinsame Vorstellungen von Wirklichkeit. Früher entstanden sie in Familien, Schulen, Vereinen, Kirchen, Universitäten oder Zeitungen. Heute entstehen sie zunehmend in den Maschinenräumen der Algorithmen.
Das Smartphone ist nicht bloß ein Kommunikationsgerät. Es ist eine Wahrnehmungsmaschine. Es entscheidet mit darüber, was sichtbar wird und was unsichtbar bleibt. Welche Nachrichten wir lesen. Welche Meinungen wir hören. Welche Bilder uns erreichen. Welche Empörung uns beschäftigt. Welche Ängste wachsen. Welche Hoffnungen genährt werden.
Die ferngesteuerte Kindheit und Jugend
Obwohl die meisten von uns das mittlerweile wissen, wirkt das auch bei denen, die sich dagegen immun fühlen. Denn wir Menschen glauben gerne, was wir glauben möchten. Wir hören bevorzugt das, was unsere Überzeugungen bestätigt. Wir meiden instinktiv Informationen, die unser Weltbild erschüttern könnten. Algorithmen haben diese menschliche Schwäche nicht erfunden. Sie haben sie industrialisiert. Jeder Klick wird registriert. Jede Vorliebe gespeichert. Jede Reaktion ausgewertet. So entsteht eine Informationswelt, die immer stärker auf den Nutzer zugeschnitten wird.
Das Ergebnis ist eine paradoxe Form von Gefangenschaft. Der Mensch fühlt sich frei, weil er auswählen kann. Tatsächlich bewegt er sich immer häufiger in einem Labyrinth, dessen Wände unsichtbar sind. Die moderne Zensur besteht nicht darin, Informationen zu verbieten. Sie besteht darin, Informationen überflüssig zu machen. Was nicht angezeigt wird, existiert für viele Menschen faktisch nicht mehr. Es handelt sich um eine strukturelle Art des Autismus, der nicht von innen, sondern von außen gesteuert wird, der aber auf das Gleiche hinausläuft.
Die ferngesteuerte Kindheit und Jugend
Wie alle Mächtigen wissen, ist es am besten, wenn die Indoktrination schon in der Kindheit beginnt. Die monotheistischen Weltreligionen haben darin die meiste Erfahrung und die brutalste Praxis. Die eigentliche Schlacht um die mentale Zukunft wird vor dem Erwachsensein entschieden. Noch nie vor der Erfindung des Smartphones war es möglich, Milliarden von Kindern und Jugendlichen täglich mit denselben technischen Instrumenten zu erreichen. Noch nie war es möglich, Aufmerksamkeit in einem solchen Umfang zu binden. Noch nie war es möglich, Verhaltensmuster so früh zu prägen.
Die Kindheit und Jugend waren einst Räume unmittelbarer Erfahrungen. Man lernte durch Spielen. Durch Streiten. Durch Scheitern. Durch Langeweile. Gerade die Langeweile war dabei eine unterschätzte Kulturtechnik. Aus ihr entstanden Fantasie, Kreativität und Eigeninitiative. Das Smartphone erklärt der Langeweile den Krieg. Jede freie Minute wird besetzt. Jede Wartezeit gefüllt. Jeder Moment der Leere sofort geschlossen. Kinder wachsen dadurch in einer Welt auf, in der permanente Stimulation zur Normalität wird.
Die Folge ist jenseits der Indoktrination nicht unbedingt Dummheit. Die Folge ist etwas anderes: eine sinkende Toleranz gegenüber Stille, Konzentration und geistiger Anstrengung. Wer von klein auf lernt, dass jede Irritation sofort durch Unterhaltung ersetzt werden kann, entwickelt schwerer die Fähigkeit, schwierige Gedanken auszuhalten. Doch genau diese Fähigkeit bildet das Fundament von Bildung. Nicht Information macht Menschen gebildet, sondern die Fähigkeit, Informationen kritisch zu verarbeiten. Nicht umsonst wirken Religionen da am wenigsten, wo eben diese Fähigkeit trainiert und gepflegt wird.
Die gelenkte Demokratie
Diktaturen erkennt man meist daran, dass man nicht sagen darf, was man denkt. Demokratien geraten in Gefahr, wenn Menschen nicht mehr denken, was sie sagen. Die größte Bedrohung moderner Demokratien besteht deshalb nicht unbedingt in offenen Putschversuchen. Sie besteht in der schleichenden Manipulation öffentlicher Meinungsbildung der Wähler. Das Smartphone hat dafür ein Instrument geschaffen, das früheren Herrschern unvorstellbar erschienen wäre: die Möglichkeit, Millionen Menschen individuell zu beeinflussen.
Nicht über dieselbe Botschaft, sondern über Millionen unterschiedlicher Botschaften. Jeder erhält die Information, die zu seinen Ängsten, Hoffnungen und Vorurteilen passt. Jeder lebt in seiner eigenen Version der Wirklichkeit. Der öffentliche Raum der Demokratie beginnt dadurch zu zerfallen, denn Demokratie lebt von gemeinsam geteilten Tatsachen. Wenn jede Gruppe ihre eigene Realität bewohnt, wird Verständigung immer schwieriger. Aus politischen Gegnern werden Feinde, aus Debatten werden Glaubenskriege, aus Bürgern werden digitale Stämme.
Und während sie gegeneinander kämpfen, profitieren jene, die die Infrastruktur dieser Kämpfe kontrollieren. Die Demokratie wird nicht abgeschafft. Sie wird langsam umgebaut, bis sie nur noch die Hülle ihrer selbst ist. Schaffen es charismatische Populisten in einer Demokratie ohne Manipulation auf 40 % der Stimmen, reicht es aus, wenn wenig mehr als 10 % der Stimmen über systematische kommunikative Beeinflussung dazugewonnen werden können. Das ist über das Smartphone mit den heute vorhandenen Methoden für die demokratische Öffentlichkeit fast unmerklich möglich.
Nimmt man die 20 % autoritär konditionierten Teile des Volkes dazu, die auch in Demokratien der weit verbreitete Standard sind, wird es zunehmend schwer, eine liberale Demokratie gegen ihre Feinde zu verteidigen. Findet diese Form der gemeinsamen Entscheidungsfindung obendrein über längere Zeit für die Bevölkerung keine Lösungen für ihre existenziellen Probleme, ist der Durchmarsch autoritärer, ja faschistischer Parteien und Bewegungen vorprogrammiert, und das Smartphone wird zusammen mit dem Internet dafür das entscheidende Instrument sein.
Die neue Volksdroge
Dauerhaft möglich wird die Manipulation aber erst, wenn das Smartphone selbst zur Droge wird. Wenn der Mensch mit dem Smartphone aufwacht und nicht zuerst nach einem Menschen greift, sondern nach seinem Smartphone. Wenn wir, bevor wir einen Blick aus dem Fenster werfen, bereits unsere Nachrichten geprüft, unsere E-Mails kontrolliert und unsere sozialen Netzwerke durchgesehen haben. Wenn die Vorstellung, eine Stunde völlig unerreichbar zu sein, bei uns bereits Unruhe erzeugt und ein leerer Akku Panik auslöst.
Der psychosoziale Kern dahinter liegt in der unbestreitbaren Tatsache, dass der Mensch von Geburt an ein soziales Wesen ist. Dass er neben den sonstigen Gefahren des Lebens vor allem eines besonders fürchtet: völlige soziale Leere. Und genau hier beginnt die eigentliche Macht des Smartphones über uns. Mit ihm war es noch nie so leicht, jederzeit mit irgendjemandem verbunden zu sein. Nachrichten, Bilder, Videos und Kommentare von anderen Menschen können von uns ununterbrochen abgerufen werden, sodass das Gefühl entsteht, dass wir nie völlig allein sind.
Frühere Süchte hatten einen Nachteil: Man musste sie aktiv aufsuchen. Das Smartphone dagegen begleitet seinen Besitzer auf die Toilette, an den Esstisch, ins Büro, in die U-Bahn und manchmal sogar bis unter die Bettdecke. Man könnte sagen: Die Menschheit hat erstmals eine Droge erfunden, die ihre Konsumenten niemals verlassen muss, weil sie zugleich Kommunikationsmittel, Arbeitsplatz, Nachrichtenquelle, Navigationssystem, Partnerbörse, Fotoalbum, Einkaufszentrum, Spielhalle und Unterhaltungsmaschine ist.
Der Tod des Alleinseins
Dadurch wird jedoch eine uralte menschliche Erfahrung nahezu abgeschafft: das Alleinsein oder besser die Fähigkeit dazu. Dabei ist das Alleinsein nachgewiesenermaßen für die menschliche Psyche keineswegs schädlich, wie jeder weiß, der sich einmal auf einen ihn beeindruckenden Gegenstand oder eine Situation ungestört von anderen einlassen konnte. Totale Konzentration fällt aus der Natur der Sache leichter ohne jede Ablenkung, und sei es nur, dass man ungestört seinen Gedanken nachhängen kann.
Die bewusste und systematische Ausschaltung von äußeren sozialen Störungen, selbst geliebte Menschen eingeschlossen, ist essenzieller Teil einer erwachsenen Identität. Ja, sie ist die zentrale Voraussetzung, eine eigene und unabhängige Persönlichkeit auszubilden. Menschen, die diese Stufe der menschlichen Entwicklung erreicht haben, können auf das zeitweise Alleinsein nicht mehr verzichten. Sie brauchen kontaktlose Zeiten so sehr, wie sie umgekehrt Kontaktsüchtige nicht aushalten können.
Sie brauchen kein permanentes Fotoarchiv, beziehungsweise ist es ohne Smartphone-Kamera in Erinnerungen gespeichert. Sie leiden auch nicht unter ständigem fotografischem Dokumentationszwang, weil sie Angst haben, ihre Erinnerungen zu vergessen. Denn das Vergessen ist ein wesentliches Instrument, um das menschliche Gehirn vor Reiz- und Informationsüberflutung zu schützen. Erinnerungen und Ereignisse sind auch diesen Menschen wichtig. Menschen sind Erinnerung in Aktion.
Sie sind Teile der eigenen Identität, die man auch ohne Smartphone bei sich haben und mit jemandem teilen kann. Die man zwar vergessen kann, die einen umgekehrt aber nicht vergessen. Unser Gehirn ist eben kein Computer. Es lässt sich genauso wenig abschalten, wie wir unsere Erinnerungen ein für alle Mal löschen können. Die verführerische Illusion des Smartphones besteht genau darin, dass man das könnte, indem man Bilder und Sprache löscht oder nach persönlichem Gusto ändern kann.
Die Illusion von Nähe
Die Folge ist paradox. Noch nie waren Menschen technisch so vernetzt. Und gleichzeitig klagen immer mehr Menschen über Einsamkeit, weil Verbindung und Nähe nicht dasselbe sind. Ein Chat ersetzt keine Umarmung, ein Emoji ersetzt keinen Blick und eine Benachrichtigung ersetzt kein Gespräch. Selbst ein Video-Telefonat ersetzt nicht das unmittelbare Wort und die Gestik von Angesicht zu Angesicht.
Je stärker wir verbunden sind, desto größer wird die Sehnsucht nach echter Verbindung. Je lauter die Kommunikation wird, desto deutlicher wird die Stille dahinter. So hat das Smartphone zwar die Entfernung zwischen Menschen drastisch reduziert, aber nicht die Distanz. Vielleicht hat es sie sogar vergrößert. Denn Nähe entsteht nicht dort, wo Menschen jederzeit erreichbar sind. Nähe entsteht dort, wo Menschen tatsächlich füreinander da sind.
Die sozialen Netzwerke haben dabei eine seltsame Form menschlicher Buchhaltung geschaffen. Freunde werden gezählt. Zustimmung wird gezählt. Aufmerksamkeit wird gezählt. Alles wird messbar. Außer echter Nähe. Denn Nähe entsteht nicht durch Datentransfer. Sie entsteht durch gemeinsame Erfahrungen, körperliche Anwesenheit, Vertrauen, Konflikte und Zeit. Nichts davon lässt sich beliebig beschleunigen.
Die Infantilisierung der Erwachsenen
Der Fortschritt versprach einst die Emanzipation des Menschen. Mehr Wissen, mehr Selbstständigkeit, mehr Urteilskraft, mehr Freiheit. Das Smartphone verspricht dasselbe. Noch nie verfügten Menschen über einen derartigen Zugriff auf Wissen. Die Bibliotheken der Welt passen heute in eine Hosentasche. Jede historische Epoche hätte diesen Zustand für ein Wunder gehalten. Doch Wissen und Zugriff auf Wissen sind nicht dasselbe.
Wer alles nachschlagen kann, muss sich nichts mehr merken. Wer sich nichts mehr merken muss, trainiert sein Gedächtnis nicht. Wer sich jederzeit führen lassen kann, trainiert seine Orientierung nicht. Wer jede Unsicherheit sofort durch eine Suchanfrage beseitigt, trainiert seine Urteilskraft nicht. Der Mensch wird dadurch nicht grundsätzlich dümmer. Aber er wird nicht nur abhängiger, sondern er verliert zunehmend die Motivation und die Ausdauer, die eigenes Denken erfordert. Insbesondere gilt das für diejenigen, die in Bildungsferne groß geworden sind.
Aber nicht nur für sie wird das Smartphone eine Art Regressionsapparat, der den durch die gesellschaftlichen Verhältnisse schon vorhandenen Wunsch nach Welt- und Verantwortungsflucht verstärkt. Aus der zeitweisen Erholung von den täglichen Entscheidungszwängen bei Ungewissheit durch den partiellen Rückzug in die immer greifbare Smartphone-Welt wird eine schleichende Idiotisierung durch das permanente Verschwinden in ebendieser. Die Realität hat immer weniger korrigierende Kraft. Sie wird ausgetauscht durch sogenannte Fake News.
Die Abschaffung der Wirklichkeit
Jede Kultur lebt von der Fähigkeit, zwischen Realität und Vorstellung zu unterscheiden. Das Smartphone verwischt diese Grenze. Nicht nur, weil es unbemerkt auch zur Lüge fähig ist, sondern weil es eine Konkurrenzwelt erschafft. Eine Welt, die angenehmer, kontrollierbarer und verführerischer ist als die Wirklichkeit selbst. Die reale Welt ist widerspenstig, Menschen widersprechen, Landschaften langweilen, Wartezeiten nerven, Konflikte schmerzen. Die digitale Welt dagegen ist formbar. Man kann sie wegwischen, ausschalten, filtern, sortieren und blockieren.
Die Wirklichkeit wird dadurch nicht ersetzt, aber sie wird zunehmend überlagert. Millionen Menschen erleben Ereignisse nicht mehr unmittelbar, sondern durch ihre mediale Repräsentation. Da per Smartphone die Möglichkeit jederzeit gegeben ist, werden Konzerte durch Displays betrachtet, Urlaube zum großen Teil durch Kameralinsen erlebt. Die Dokumentation verdrängt die Erfahrung, die Aufzeichnung verdrängt die Erinnerung, das Bild verdrängt den Augenblick.
Früher machte man Erfahrungen, heute produziert man Content. Die Wirklichkeit wird dadurch nicht abgeschafft, aber sie verliert ihren Vorrang, und genau das ist die eigentliche Revolution. Nichts steht mehr dafür als Menschen, die sich mitten im urbanen Leben tellergroße Noise-Reduction-Kopfhörer über beide Ohren stülpen und so nicht einmal mehr für laute Not- und Warnrufe zugänglich sind, während ihre Augen permanent auf dem Bildschirm des Smartphones ruhen.
Nicht, dass sie ihre Umwelt überhaupt nicht mehr bemerken. Wer mit dem Smartphone groß geworden ist, verfügt über Kulturtechniken, die ihm erlauben, zwar nicht in der virtuellen und der realen Welt gleichzeitig zu sein, aber schnell dazwischen zu wechseln. Da dies aber im Ernstfall möglicherweise nicht schnell genug ist, werden sie nicht nur zu äußerst gefährdeten und zugleich äußerst gefährlichen Verkehrsteilnehmern. Sie werden zu einer Art Zombies, die ferngesteuert durch die reale Welt laufen.
Die Privatisierung des öffentlichen Raums
Die Stadt war einst eine Schule der spontanen Begegnung. Man begegnete Fremden, hörte andere Meinungen, sah andere Lebensweisen. Man wurde mit dem Unerwarteten konfrontiert. Genau darin liegt die kulturelle und soziale Bedeutung der Urbanität. Ihre Kernkompetenz ist sinnliche und soziale Offenheit, nicht Komfort, nicht Kontrolle, nicht Abschirmung.
Das Smartphone verändert diese Grundbedingung. Es erlaubt die Abwesenheit in der Anwesenheit, indem der Stadtbewohner seine Musik, seine Nachrichten, seine Kontakte, seine Bilder, mit einem Wort, seine ganz eigene Welt immer bei sich und für sich hat.
Die Öffentlichkeit wird dadurch nicht abgeschafft, sie wird individualisiert. Jeder bewegt sich durch dieselben Straßen und lebt doch in einer anderen Realität. Die Kopfhörer auf den Ohren sind dabei mehr als ein technisches Zubehör. Sie sind das Symbol einer Kultur des Rückzugs. Die Welt soll nicht mehr erfahren, sie soll gefiltert werden. Das Fremde wird ausgeblendet, das Störende unterdrückt, das Andere auf Distanz gehalten.
Die Smartphone-Großstadt produziert deshalb einen seltsamen Widerspruch: Noch nie lebten so viele Menschen auf engem Raum zusammen, und noch nie wirkten sie so voneinander getrennt.
Situative Solidarität, von spontanen Begegnungen ganz zu schweigen, wird so systematisch vermieden. Übrig bleiben leere Blicke, die nicht erwidert werden können. So verschwindet auch der Kern der Urbanität aus dem sozialen Leben: nach draußen zu gehen, um sich der Welt auch sinnlich zu öffnen.
Die Wohnung wird, ähnlich wie beim Camper, quasi mitgenommen, um auf niemanden mehr angewiesen zu sein. Die audiovisuelle Autonomie wird per Smartphone zur permanenten audiovisuellen Mauer gegen das sinnliche und soziale Eindringen des unerwünschten Anderen.
Der Mensch als Anhängsel seiner Maschine
Ursprünglich wurden Maschinen gebaut, um Menschen zu dienen. Aber schon die Geräte des Industriezeitalters haben die Menschen zur Anpassung an sie gezwungen. Beim Smartphone geht diese Tendenz noch einen wesentlichen Schritt weiter. Es bestimmt den Rhythmus des Tages, entscheidet, wann Aufmerksamkeit geweckt wird, wann Kommunikation stattfindet. Jede Benachrichtigung ist ein kleiner Befehl, jeder Vibrationsimpuls eine Aufforderung, jeder rote oder grüne Punkt ein Signal.
Der Nutzer glaubt, das Gerät zu kontrollieren, aber tatsächlich reagiert er oft auf dessen Anforderungen. Der Mechanismus erinnert an die Dressur. Nicht weil Menschen gezwungen werden, sondern weil sie konditioniert werden. Durch den vielfach erforschten psychologischen Kreislauf von Belohnung, Erwartung, Wiederholung und erneuter Belohnung. Die Logik des Smartphones ist die Logik des Verhaltenslabors, und wir tragen dieses Labor freiwillig mit uns herum. Extrem wird die Konditionierung durch die sogenannten Reels, die als ständig wechselnde, professionell inszenierte Info-Häppchen den Hunger nach immer neuen Informationsanreizen immer größer machen.
Aber auch jenseits des verführerischen Contents findet eine Konditionierung statt, die den Tages- und Wochenrhythmus unseres Lebens bestimmt. Wer nachts von seinem Smartphone geweckt wird, morgens mit ihm aufsteht, tagsüber seinen Anweisungen folgt und abends mit ihm einschläft, besitzt kein Werkzeug mehr. Er lebt in einer Beziehung. Das Smartphone wird zum Compagnon, und die neuesten KI-Sprachmodelle setzen das auch interaktiv um, indem sie sich auf die individuellen emotionalen Bedürfnisse des Nutzers einstellen. Sie werden zum Freundesersatz und kompensieren so das, was sie selbst erzeugen: Einsamkeit.
Womit sich der Kreis der Datenausbeutung als Geschäftsmodell und der Manipulation als persönliche Zuwendung schließt, denn aus diesem System gibt es dann kein Entkommen mehr. Diese Dreieinigkeit von Internet, KI und Smartphone macht die Abhängigkeit vom Smartphone zur Endlosschleife, denn je mehr die KI über dich weiß, desto mehr kann sie sich auf dich einstellen und umso mehr Daten bist du bereit, ihr freiwillig zu überlassen. Vor allem aber vertraust du umso mehr ihren Informationen. Und umso mehr kann eine entsprechende Programmierung des Algorithmus die Werbe- und Datenverkaufskassen der Plattformbesitzer füllen.
Die letzte Freiheit: Abschalten
So wird das Smartphone zu einer Art trojanischem Pferd des 21. Jahrhunderts, und der einzige Weg, ihm zu entkommen, ist, gar nicht erst darauf hereinzufallen. Nur, dass das nicht mehr geht, denn das Smartphone ist zugleich Werkzeug und Waffe, Befreiung und Fessel, Hilfe und Versuchung. Es kann Leben retten und zugleich die Aufmerksamkeit füreinander zerstören. Es kann Menschen verbinden und gleichzeitig Gesellschaften spalten. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Kann der Mensch noch ohne es sein? Nicht für immer, nicht aus Prinzip oder als Technikfeind, sondern zeitweise.
Kann er noch allein sein? Kann er noch warten? Kann er noch beobachten? Kann er noch denken, ohne sofort nachzuschlagen? Kann er noch durch eine Stadt gehen, ohne auf einen Bildschirm zu starren? Kann er noch ein Gespräch führen, ohne auf die nächste Benachrichtigung zu schielen? Kann er noch Langeweile ertragen? Kann er noch Stille aushalten? Oder wird gerade eine neue Spezies geboren, die all das nicht mehr kann und deswegen von denen beherrscht wird, die es nie verlernt haben?
Die sich den Kern der Freiheit, das eigene Denken, nicht haben nehmen lassen. Denn diese Freiheit erschöpft sich nicht im unbegrenzten Zugriff auf Informationen, nicht in permanenter Vernetzung, sondern in der Fähigkeit, sich ihrem Zugriff zeitweise zu entziehen. Stark genug zu sein, sie nicht ständig benutzen zu müssen. Ihrem eingebauten Suchtfaktor zu entkommen. Das Smartphone auszuschalten und sich der Welt ungefiltert in ihrer Unberechenbarkeit, Widersprüchlichkeit und Lebendigkeit zu stellen.
Beginnen wir die kommende Woche mit einer smartphonefreien Stunde pro Tag. Steigern wir uns systematisch, wie bei jedem Suchtabbau, stufenweise auf mindestens vier Stunden pro Tag. Die nächste Stufe ist zusätzlich ein ganzer Tag pro Woche. Die Krönung besteht darin, während der Urlaubszeit oder ähnlicher Freizeitsequenzen eine ganze Woche am Stück auf das Smartphone zu verzichten. Ich bin gespannt, wie weit ich komme.