Endphase der frei gewählten Komplettverdummung am Genfer See

Der Genfer See Foto (Ausschnitt): Bernard Vogel Lizenz: CC BY-SA 4.0


Wenn die „No G7“-Koalition im Juni 2026 nach Genf mobilisiert, um achtzig Kilometer vom eigentlichen Gipfel in Évian entfernt gegen die „Raubtiere der G7“ aufzuziehen, dann demonstriert diese Linke vor allem gegen den eigenen, ohnehin schon geringen Restverstand. Was dort als Widerstand auftritt, ist kein Protest gegen analysierte Herrschaft, sondern die Selbstinszenierung eines Milieus, das seine politische Urteilskraft längst gegen moralisches Bühnentheater eingetauscht hat. Von unserer Gastautrin Beatrice Hentrich.

Zur Pressekonferenz sitzt das Bündnis „NoG7“ im Park, stellt Mikrofone auf, hängt Plakate an einen Tisch, spricht von Faschismus, Imperialismus und globaler Befreiung und bemerkt nicht einmal mehr, was es dabei selbst vorführt: ein Weltbild, in dem jeder Begriff nur noch so lange gilt, wie er gegen den Westen angewendet wird. Auf dem Tisch Gaza-Plakate, auf der Brust der Pressesprecherin ein Anhänger, der „Palästina“ dort zeigt, wo Israel ist. Mehr muss man eigentlich nicht wissen, aber weil die antiimperialistische Linke seit Jahrzehnten daran arbeitet, auch das Offensichtliche noch mit Begriffsmüll zuzuschütten, muss man es leider doch sagen.

Das ist kein Antifaschismus. Das ist die Karikatur davon.

Der Kapitalismus erscheint diesen Leuten nicht als gesellschaftliches Verhältnis, nicht als verselbständigter Zwang oder als abstrakte Herrschaft von Wert, Konkurrenz und Staat. Er erscheint als Versammlung böser Mächte, als Gipfelrunde finsterer Täter und als „privater Club“, gegen den man nur laut genug trommeln müsse. Aus Kritik wird Personalisierung, aus Analyse wird Feindbildpflege im klassischen Freund-Feind-Schema. Der Zusammenhang wird nicht begriffen, sondern bebildert.

Das hat in diesen Kreisen Tradition, erreicht hier aber seinen Höhepunkt. So käuen sie jenen falschen Antikapitalismus wieder, der immer schon den Kern zum Ressentiment in sich barg und sie mit ihren vermeintlichen Gegenspielern von rechts vereint. Sie weigern sich zu verstehen, warum die Verhältnisse funktionieren, und markieren stattdessen ideologiegetrieben, wen man dafür hassen soll. Der Gipfel, die Bank, der Polizeikordon, die Staatskarosse: Alles muss sichtbar werden, damit man die eigene Ohnmacht irgendwo abladen kann. Abstrakte Herrschaft ist diesem Bewusstsein zu anstrengend. Damit ist man nicht bei Marx, sondern beim politischen Kindergeburtstag. Nur ohne Kuchen, dafür mit möchtegernrevolutionärer Selbstgefälligkeit.

Noch deutlicher wird es beim Imperialismus. Der Begriff bedeutet hier längst nicht mehr Herrschaftspolitik, Einflusszonen, Machtprojektion oder gewaltsame Durchsetzung von Interessen. Er bedeutet: Westen böse. Mehr nicht. Russischer Imperialismus, iranische Expansionspolitik, türkische Machtinteressen, arabischer Nationalismus, islamistische Herrschaftsprojekte – alles wird bewusst ausgeblendet, damit alles ins antiwestliche Schema passt.

Dass Hamas, Hisbollah, Islamischer Jihad oder die Huthi-Bewegung nicht Befreiungsbewegungen, sondern autoritäre, antisemitische und reaktionäre Formationen sind, stört dieses Milieu nicht. Es stört nicht, weil es nicht stören darf. Wer gegen Israel oder die USA steht, bekommt im antiimperialistischen Theater automatisch die Opferrolle zugewiesen. Dass dieses „Opfer“ Raketen baut, Juden vernichten will, Frauen unterdrückt und seine eigene Bevölkerung als Material behandelt, ist dann höchstens eine bedauerliche Komplikation im ansonsten vermeintlich schönen Weltbild.

Besonders lächerlich wird es, wenn man sich daran erinnert, dass dieselbe Linke einmal Religionskritik für eine Mindestbedingung von Aufklärung hielt. Es gab Zeiten, da galt Religion in diesen Kreisen nicht automatisch als schützenswerte Identität, sondern als gesellschaftliche Machtform, Trostapparat, Legitimation von Herrschaft und ideologisches Gehäuse, in dem Unterwerfung zur Tugend erklärt wird. Man musste Feuerbach, Marx oder Freud nicht einmal besonders tief gelesen haben, um wenigstens zu ahnen, dass Religion nicht nur Privatsache ist, sobald sie in Gesetz, Moralpolizei, Geschlechterordnung und politischen Terror übergeht.

Heute dagegen reicht es, wenn sich Reaktion religiös und nichtwestlich kostümiert, und schon wird aus Kritik angeblich Rassismus. Wer den politischen Islam als Herrschaftsideologie benennt, wer islamistischen Antisemitismus, Frauenverachtung, Märtyrerkult und Kollektivzwang kritisiert, steht plötzlich unter Verdacht, „antimuslimisch rassistisch“ zu sein. Damit hat sich die Linke ihre eigene Religionskritik amputiert und nennt die Wunde Sensibilität. Aus der Kritik an Herrschaft wurde Rücksicht auf das Milieu, das Herrschaft religiös begründet.

Das ist nicht Antirassismus, sondern die Kapitulation vor dem Begriff. Der Islam ist keine Ethnie, Islamismus keine Hautfarbe und Hamas keine migrantische Folklore. Wer eine theokratische Vernichtungsbewegung gegen Kritik immunisiert, weil sie nicht aus Europa kommt, betreibt keinen Schutz von Minderheiten, sondern exotisiert Barbarei zur authentischen Kultur. Früher hätte man das Ideologie genannt. Heute nennt man es Awareness. Und wieder einmal beweist die Gegenwart, dass frei gewählte Verblödung nicht vom Himmel fällt, sondern organisiert wird.

Hier werden wissenschaftsfeindliche Gefühle zur Ideologie

Der eigentliche Offenbarungseid aber ist Gaza. Nicht, weil das Leid dort nicht real wäre. Sondern weil Gaza in dieser Symbolpolitik gar nicht als konkreter Ort vorkommt. Gaza ist nicht Gesellschaft, nicht Herrschaftsraum der Hamas, nicht Schauplatz eines Krieges aufgrund des antisemitischen Massenmords vom 7. Oktober oder Teil einer regionalen Machtordnung. Gaza ist bei diesen Leuten das stilisierte antisemitische Welterlösungssymbol. Es ist der moralische Notausgang für ein unbedeutendes Milieu, das sich selbst noch einmal als Menschheitsgewissen erleben möchte.

Gaza wird zum Punkt, an dem sich alles sammeln darf, was man sonst nicht mehr denken kann. Kapitalismus, Kolonialismus, Faschismus, Imperialismus, Rassismus oder Klimakrise: Am Ende landet alles bei Israel. Der jüdische Staat wird nicht kritisiert wie irgendein Staat – er wird zum Träger des Weltübels ernannt. Wer den einzigen jüdischen Staat der Welt zum Schlüssel aller Verhältnisse macht, wer ihn aus der Geschichte herauslöst und als metaphysischen Störkörper behandelt, bedient nicht Aufklärung, sondern eine sehr alte Form des Wahns von Judenhassern.

Dass diese Fixierung ausgerechnet im Gewand des Antirassismus auftritt, macht sie nicht besser, sondern nur moderner dekoriert. Früher sprach man vom Juden als Zersetzer, heute vom Zionismus als kolonialem Weltprinzip. Die Chiffren ändern sich, die Struktur bleibt seit Jahrhunderten konstant. Die Welt ist unübersichtlich, also braucht man einen Punkt, an dem sie schuld werden darf. Und wie so oft in Europa trifft es den Juden, diesmal in Gestalt seines Staates.

Linker Judenhass

Das steht in einer langen linken Tradition. Seit den späten sechziger Jahren wurde Israel in Teilen der radikalen Linken vom Zufluchtsort der Überlebenden zur Projektionsfläche europäischer Entlastung umgeschrieben. Aus dem jüdischen Staat wurde der „Brückenkopf des Imperialismus“, aus Antisemitismus wurde Antizionismus, aus Solidarität mit den Verfolgten wurde Solidarität mit deren Feinden, die nach jüdischem Blut trachten. Die moralische Anklage gegen Israel erlaubt es, die eigene Geschichte umzukehren. Plötzlich kann man wieder auf der richtigen Seite stehen, indem man die Juden von heute zu den Tätern von gestern erklärt.

Genau dieser Mechanismus läuft in Genf erneut ab. Eine Szene, die von Antifaschismus spricht, erkennt Faschismus nicht, sobald er islamistisch auftritt. Eine Szene, die Imperialismus bekämpfen will, nimmt nur vermeintlichen westlichen Imperialismus wahr. Eine Szene, die sich emanzipatorisch nennt, romantisiert Kräfte, deren Gesellschaftsideal aus Märtyrerkult, Kollektivzwang und Vernichtungsantisemitismus besteht. Das ist keine Solidarität, das ist politische Verwahrlosung mit vermeintlich gutem Gewissen.

Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder

Natürlich geschieht das alles im Ton der Menschlichkeit. Sie sprechen von Frieden, Würde und Befreiung. Gerade hier trifft Paul Spiegels Satz „Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzten sich die Mörder.“ den Punkt. Frieden ist in diesem Milieu kein Begriff für die Beendigung von Gewalt, sondern die Parole, mit der die Angegriffenen entwaffnet werden sollen, während die Angreifer politisch unsichtbar bleiben. Wer nach dem 7. Oktober nach Frieden ruft, aber Hamas nicht als Täter benennt, fordert nicht Frieden, sondern die Wehrlosigkeit Israels. Der Ruf klingt mild, aber seine Funktion ist brutal: Er verschiebt die Zumutung des Krieges auf jene, die den Krieg nicht begonnen haben.

Das heißt nicht unbedingt, dass jeder Friedensruf schon identisch mit dem Vernichtungswillen der Hamas wäre, aber wer den Frieden gegen Israels Selbstverteidigung wendet, wer die Täter ausblendet und die Angegriffenen zum eigentlichen Problem erklärt, stellt sich objektiv in den Dienst jener, deren erklärtes Ziel die Auslöschung des jüdischen Staates ist. Der Friedensruf wird dann nicht zur Alternative zur Gewalt, sondern zu ihrer Fortsetzung mit moralisch angenehmeren Mitteln.

Der Universalismus endet in diesen Kreisen zuverlässig dort, wo Israel beginnt. Wäre er ernst gemeint, müsste er Hamas und Hisbollah genauso verurteilen wie jede andere faschistische Bewegung. Er müsste die iranische Einflussachse benennen, den arabischen Nationalismus, den islamistischen Antisemitismus, die innerpalästinensische Unterdrückung. Stattdessen wird Israel zum Problem schlechthin erklärt. Nicht ein Akteur unter anderen, sondern der Dämon, an dem sich die ganze Welt ordnen soll.

Das ist kein kritisches Denken, das ist Ersatzreligion für Leute, die sich für aufgeklärt halten.

Am Ende verstetigt diese No-G7-Inszenierung nichts als linke Folklore in der Endphase. Ein paar Transparente, ein paar Parolen, ein bisschen moralisches Zittern in der Stimme. Die Kritik der politischen Ökonomie wurde durch Gesinnungskitsch ersetzt, Antifaschismus durch selektive Blindheit, Internationalismus durch antiwestlichen Reflex. Sie wollen gegen Herrschaft kämpfen und landen bei jenen Denkformen, die Herrschaft immer schon stabilisiert haben: Personalisierung, Projektion, Dämonisierung.

Die Genfer Pressekonferenz zeigt deshalb keinen Aufbruch und keinen Widerstand. Sie ist ein Dokument theoretischer Verwahrlosung dieser Kreise. Eine Linke zeigt vor laufender Kamera, dass sie entschieden hat, den Faschismus nicht zu erkennen. Sie vermeidet den Blick in den Spiegel, weil sie dort womöglich etwas sehen müsste, das ihr ganzes moralisches Theater ruiniert: die eigene Ähnlichkeit mit dem, was sie zu bekämpfen vorgibt.

Heute dürft ihr ab 15 Uhr das Theaterstück in Genf betrachten. Oder nicht. Es macht eh keinen Unterschied.

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