
Der stellvertretende BSW-Vorsitzende Michael Lüders erklärt, warum der Iran in weiten Teilen der Welt als Held gelte. Die Opfer des Regimes, seine Unterstützung für Russlands Krieg gegen die Ukraine und die iranischen Drohnen kommen in der hübschen Geschichte nicht vor.
Beim BSW ist der Begriff „Frieden“ ausgesprochen elastisch. Greifen die USA oder Israel an, handelt es sich um Imperialismus. Greift Russland an, muss man zwar kurz bedauernd nicken, aber dann schnell über die Fehler des Westens sprechen. Und wenn der Iran Raketen, Drohnen und Milizen einsetzt, wird daraus „Widerstand“.
Michael Lüders beherrscht diese Dialektik inzwischen ziemlich gut.
78 Sekunden Weltpolitik
Am 18. August 2026 veröffentlichte der Instagram-Account BSW Eifel einen 78 Sekunden langen Ausschnitt. Instagram weist ihn als gemeinsamen Beitrag mit Michael Lüders und dem BSW-Politiker Alkasim Al-Jubori aus. Wo und wann Lüders die Aussagen ursprünglich gemacht hat, verrät der Beitrag nicht. Die Bildunterschrift besteht lediglich aus einer Verlinkung seines Accounts.

Der geliehene Held
In dem Clip erklärt Lüders zunächst, der Iran gelte bei uns als „ultimativer Schurkenstaat“. Schlimmer sei eigentlich nur noch Putin. Dann kommt er zu seiner eigentlichen Botschaft: Wegen seines angeblich erfolgreichen Widerstands gegen die amerikanische Hegemonialmacht genieße der Iran in weiten Teilen des Globalen Südens einen „Heldennimbus“.
Dort sehe man ein Land, das der arroganten Macht des Westens erfolgreich die Stirn geboten habe. Der Westen wiederum werde wegen seiner „unglaublichen Heucheleien“ zunehmend als eigentlicher Schurke wahrgenommen.
Lüders sagt nicht ausdrücklich, dass er selbst das iranische Regime für heldenhaft hält. Er beschreibt eine angebliche Sichtweise des Globalen Südens. Das ist rhetorisch ausgesprochen praktisch: Das Lob steht im Raum, aber der Urheber bleibt eine riesige, gesichtslose Weltregion. Eine Art geopolitischer Konjunktiv als ideologisches Desinfektionsmittel.
Belege für den behaupteten „Heldennimbus“ liefert Lüders nicht. Der Globale Süden hat schließlich weder eine einheitliche Meinung noch einen Pressesprecher. Aber als Projektionsfläche für deutsche Antiwestler erfüllt er zuverlässig seinen Zweck.
Der Held liefert Drohnen an Putin
Besonders dreist wird Lüders’ Erzählung, als er die Ukraine ins Spiel bringt. Die russischen Taten dort würden zu Recht verurteilt, erklärt er. Wenn sich aber der Iran gegen die Amerikaner verteidige, fordere man ausgerechnet Teheran zum Einlenken auf.
In dieser Gegenüberstellung fehlt eine Kleinigkeit: Der Iran unterstützt Russland militärisch bei seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine.
Nach Angaben der Europäischen Union lieferte der Iran Drohnen für den russischen Krieg. Sie werden gegen ukrainische Städte, die zivile Bevölkerung und die Infrastruktur des Landes eingesetzt. Die EU hat deshalb zahlreiche iranische Personen und Unternehmen sanktioniert.
Lüders nimmt also ausgerechnet den Ukrainekrieg als Beispiel für westliche Doppelmoral und verschweigt dabei die iranische Beteiligung an diesem Krieg. Das muss man erst einmal schaffen.
Im Februar setzte die EU zudem die Islamischen Revolutionsgarden auf ihre Terrorliste. Sie verweist außerdem auf die militärische Unterstützung bewaffneter Gruppen im Nahen Osten und im Roten Meer durch den Iran.
In Lüders’ Kurzfassung ist Teheran trotzdem vor allem das Opfer: ein tapferer Widerstandskämpfer gegen Washington. Der Iran handelt nicht. Er reagiert nur. Verantwortlich sind immer die anderen.
Die falschen Iraner
Auch die Iraner selbst haben in Lüders’ Erzählung auffällig wenig zu melden.
Die unabhängige UN-Untersuchungsmission zum Iran dokumentierte Tötungen, willkürliche Festnahmen, Folter, Vergewaltigungen und andere Formen sexualisierter Gewalt gegen Demonstranten. Sie spricht von schweren Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Besonders Frauen und Mädchen werden von dem Regime systematisch verfolgt.
Noch im Mai 2026 befassten sich UN-Menschenrechtsexperten mit Berichten über massenhafte willkürliche Festnahmen, Verschwindenlassen, Folter und Todesurteile auf Grundlage erzwungener Geständnisse.
Diese Menschen tauchen bei Lüders nicht auf. Sie würden den Heldennimbus nur unnötig zerkratzen.
Natürlich kann man die Angriffe der USA und Israels auf den Iran verurteilen. Man kann ihre Rechtmäßigkeit bestreiten, vor einem Regimewechselkrieg warnen und westliche Doppelmoral kritisieren.
Nichts davon zwingt dazu, aus einer brutalen Theokratie einen antiimperialistischen Freiheitskämpfer zu machen.
Lüders geht allerdings schon länger einen Schritt weiter. In einer offiziell vom BSW verbreiteten Erklärung erklärte er Ende Februar, bei dem Krieg gehe es nicht um die Freiheit der Iraner, sondern um die Hegemonie der USA und Israels.
Dass Washington eigene Machtinteressen verfolgt, ist keine besonders gewagte Erkenntnis.
Übel wird es dort, wo die Freiheit der Iraner nur noch als westliche Propaganda vorkommt.
Die Menschen, die gegen das Regime demonstrieren und dafür Gefängnis, Folter oder den Tod riskieren, dürften sich für diese Form der Solidarität bedanken.
Der Löwe des BSW
Lüders ist nicht mehr nur ein gern eingeladener Publizist. Er ist stellvertretender Vorsitzender des BSW und Berliner Spitzenkandidat. Seine Aussagen sind damit keine privaten Betrachtungen eines distanzierten Nahostbeobachters.
Auch der Instagram-Beitrag ist kein zufällig von einem Fan zusammengeschnittener Clip. Er wird als gemeinsamer Beitrag mit Lüders, BSW Eifel und Alkasim Al-Jubori ausgespielt. Al-Jubori trat bei der rheinland-pfälzischen Landtagswahl als BSW-Kandidat an.
Unter dem Video lobt er Lüders: „Du hast geredet wie ein Löwe.“
Ein anderer Nutzer schreibt schlicht: „RESPECT IRAN“.
Die Botschaft ist also angekommen.
Lüders verkauft seine sorgfältig ausgewählten Auslassungen als Blick über den westlichen Tellerrand.
Die Opfer des iranischen Regimes bleiben unsichtbar.
Die iranischen Waffen für Russland bleiben unsichtbar.
Die Revolutionsgarden und ihre regionalen Verbündeten bleiben unsichtbar.
Sichtbar bleibt nur ein Land, das sich heldenhaft gegen den Westen wehrt.
Ein Regime wird allerdings nicht zum Freiheitskämpfer, nur weil sein Gegner Washington heißt.
Aber beim BSW reicht offenbar schon der richtige Feind, damit selbst die Mullahs einen Heldennimbus bekommen.
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