
Was für ein Auftakt! Jürgen Klopp ist noch nicht einmal richtig im Amt, da macht er bereits das, was man von ihm erwarten durfte: Er hält den Mund nicht, hat immer was zu sagen. Und das ist verdammt gut so.
Bei der Vorstellung seines ersten Kaders in Frankfurt hätte Klopp heute bequem über Spieler, Systeme und die kommenden Aufgaben reden können. Stattdessen ging es plötzlich um Deutschland, Nationalstolz und die Frage, wem eigentlich die schwarz-rot-goldene Fahne gehört. Willkommen im politischen Minenfeld der Bundesrepublik!
Klopp weiß natürlich, dass dieses Thema heikel ist. Gerade deshalb ist es bemerkenswert, dass er sich hineinwagt. In einem Land, in dem manche Menschen bereits nervös werden, wenn jemand zur Fußball-WM eine Deutschlandfahne aus dem Fenster hängt, braucht es offenbar inzwischen einiges an Mut, etwas in anderen Ländern völlig Selbstverständliches auszusprechen: Man darf sein Land mögen.
Die Deutschlandfahne soll nicht den Falschen gehören
Klopp will sich die Deutschlandfahne „zurückholen“. Und er möchte „Nationalstolz nicht den falschen Leuten überlassen“. Gemeint ist damit ziemlich offensichtlich die politische Rechte und insbesondere die AfD, auch wenn Klopp sie nicht ausdrücklich beim Namen nannte.
Ich finde diesen Gedanken ausgesprochen interessant. Denn warum eigentlich sollten ausgerechnet jene bestimmen, was Patriotismus bedeutet, die Deutschland vor allem über Abgrenzung definieren?
Schwarz-Rot-Gold gehört schließlich nicht der AfD, nicht der Union, nicht der SPD und auch nicht irgendeinem besonders patriotischen Stammtisch. Die Fahne gehört allen, die sich diesem Land verbunden fühlen – aus welchen Gründen auch immer.
Und ja: Dazu darf auch ein bisschen Stolz gehören.
Bloß nicht wieder in die Deutschlandfalle tappen
Ich bin bei solchen Dingen durchaus vorsichtig. Nationalstolz ist für mich kein besonders wichtiger Bestandteil meiner eigenen Identität. Ich brauche keine Hymne beim Frühstück und auch keinen Fahnenmast im Vorgarten. Aber genau deshalb geht mir inzwischen auch die reflexhafte Fremdscham auf die Nerven, die bei allem aufkommt, was irgendwie nach Heimatliebe aussieht.
Man kann Deutschland kritisch sehen und es trotzdem mögen. Man kann über dieses Land schimpfen und sich gleichzeitig darüber freuen, hier zu leben. Man kann seine Fehler benennen, ohne alles schlechtzureden. Und man kann stolz auf Erfolge deutscher Sportler sein, ohne daraus gleich eine politische Weltanschauung zu basteln.
Klopp bringt genau diese scheinbar banale Erkenntnis auf den Punkt. Patriotismus und Weltoffenheit schließen sich nicht aus.
Endlich sagt es mal einer ohne Parteiprogramm
Besonders interessant finde ich an Klopps Auftritt, dass er anschließend nicht den großen politischen Masterplan präsentierte. Er sagte sinngemäß: Schauen wir doch einmal darauf, was wir haben – und nicht immer nur darauf, was wir nicht haben.
Das ist natürlich kein Konzept für die nächste Bundesregierung. Und Klopp ist auch nicht der neue politische Heilsbringer. Zum Glück! Der Mann soll Fußball spielen lassen und nicht den Bundestag übernehmen.
Aber vielleicht kann er etwas, das Politikern mittlerweile erstaunlich schwerfällt: Menschen für eine gemeinsame Sache begeistern, ohne ihnen vorher zu erklären, welcher Meinung sie gefälligst zu sein haben.
Ich jedenfalls habe kein Problem damit, wenn bei einem Länderspiel Deutschlandfahnen wehen. Ich habe auch kein Problem damit, wenn jemand sagt, dass er stolz auf sein Land ist. Entscheidend ist doch, was er daraus macht.
Wenn Klopp nun dafür sorgen möchte, dass Schwarz-Rot-Gold wieder etwas weniger nach politischem Warnsignal und etwas mehr nach Fußball, Gemeinschaft und Freude aussieht, dann soll er es versuchen.
Mich freut heute allerdings besonders die Tatsache, dass der neue Bundestrainer den Mut hat, sich auf solch ein politisches Minenfeld zu begeben. Aber so kennen wir Jürgen Klopp. Und eben deshalb darf man sich auch als bisher nicht sonderlich an der Nationalmannschaft interessierter Zeitgenosse auf die Klopp-Ära beim DFB freuen. Langweilig, wie zuletzt leider so häufig, wird das mit ihm garantiert nicht, wie wir schon heute eindrucksvoll miterleben konnten.
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