
Elif Eralp (Die Linke) will ins Rote Rathaus. Doch aus Teilen der eigenen Partei und ihres politischen Umfelds kommt Widerstand: gegen ihre Distanzierung vom Rapper Dahabflex und gegen eine neue Koalition mit SPD und Grünen.
Seit dem Dahabflex-Konzert in Neukölln streitet die Berliner Linke über Israelhass und Antisemitismus – und manche Genossen wirken empörter über die Distanzierung als über die Parole ‚Tod der IDF‘.
Genossen wittern Verrat
Eralps politische Gegner scheinen vor allem in den eigenen Reihen zu sitzen. Wie die Genossen ihrer Spitzenkandidatin den Wahlkampf vermiesen, wurde im Beitrag „Die Linke Berlin: Gemeinsam. Gegeneinander.“ behandelt. Die Linksjugend Neukölln erklärte am 4. September 2026: „Elif Eralp spricht nicht für uns.“
Am 6. September 2026 forderte die Jugendgruppe der SED-Nachfolgepartei von den Kandidaten zur Berliner Abgeordnetenhauswahl eine Absage an Regierungsbeteiligungen. Das ist ihre Position und kein Beschluss des Landesverbands der Linkspartei.
Jetzt legt die Sozialistische Organisation Solidarität (Sol) nach.
Der Bundesverfassungsschutz nennt sie im Kapitel über Linksextremismus als trotzkistische Organisation (Verfassungsschutzbericht 2024, Seite 177). In einem Beitrag vom 9. September 2026 schreibt Chiara Stenger, bürgerliche Parteien und Medien betrieben eine Kampagne gegen die Linke – „und Elif Eralp fällt darauf herein“.
Nach Stengers Ansicht hätte Eralp Dahabflex und die Neuköllner Genossen verteidigen sollen, statt Konsequenzen anzukündigen. Stenger unterstellt ihr, aus Rücksicht auf mögliche Koalitionspartner „falschen Antisemitismusvorwürfen“ nachzugeben.
Anlass ist Dahabflex’ Auftritt bei einer Neuköllner Wahlkampfveranstaltung und die Zeile „Death to the IDF“. Eralp verlangte Aufklärung und Konsequenzen und bekräftigte den Schutz jüdischen Lebens. Die Sol verteidigt die Textzeile als Polemik gegen eine staatliche Institution. Wer sich davon distanziert, bekommt in diesem Milieu offenbar zuerst die eigene Gesinnung überprüft.

Auch Phil Butland stellt sich am 10. September 2026 bei The Left Berlin gegen den Distanzierungskurs. Der Gründer der Berlin LINKE Internationals, heute bei The Left Berlin und Sozialismus von Unten aktiv, verteidigt Dahabflex. Die Entschuldigung des Neuköllner Co-Vorsitzenden Hermann Nehls nennt er „weasel words“, also Ausflüchte. Butland wiederholt selbst den Aufruf zur Intifada, die er als Aufstand für palästinensische Selbstbestimmung beschreibt. Butland äußert sich als Autor von The Left Berlin; sein Beitrag ist kein Beschluss einer Parteigliederung der Linkspartei.
Aus der Partei, nicht nur in Berlin, kommt zugleich die entgegengesetzte Kritik. Die LAG Shalom begrüßte am 2. September 2026 Eralps Distanzierung, warf dem Landesverband aber vor, Antisemitismus über längere Zeit verharmlost zu haben. Öffentliche Distanzierungen allein würden den Schaden nicht beheben. Eralp steht damit zwischen Leuten, denen ihre Reaktion längst nicht reicht, und solchen, die schon diese Reaktion für einen Kniefall halten. Fürsorglicher kann eine Partei kaum sein.
Wie die Sol ihre Solidarität praktisch umsetzt, zeigt der Wahlaufruf der Sol Berlin vom 11. September 2026. Die Organisation berichtet, besonders in der Linken Neukölln aktiv zu sein, Plakate aufzuhängen und an Haustüren zu werben. Gleichzeitig beteiligt sie sich an der Vorbereitung einer Kampagne gegen eine Koalition mit SPD und Grünen und unterstützt gezielt regierungskritische Kandidaten. Man hilft beim Wahlsieg und arbeitet vorsorglich daran, Eralps Regierungspläne zu durchkreuzen.
Schützenhilfe von MLPD und BDS
Rückendeckung von außen bekommen auch andere Berliner Genossen. Die MLPD-Kreisleitung Berlin Süd Ost erklärte dem Neuköllner Linke-Bezirksbürgermeisterkandidaten Ahmed Abed am 29. Januar 2026 ihre „unverbrüchliche Solidarität“ und bot an, Unterstützungsaktionen mit vorzubereiten. Die MLPD beruft sich laut Verfassungsschutz Baden-Württemberg auch auf Stalin und Mao – demokratische Vorbilder sind offenbar nicht ihr Ding.
Stalinisten und Trotzkisten mögen einander wenig gönnen – den Neuköllner Genossen spenden beide Beifall. Das Feindbild Israel bedient offenbar jeden Geschmack im kommunistischen Familienkrach.
Die Website der BDS-Kampagne bewarb bereits am 9. November 2025 eine Podiumsdiskussion der Berliner Linke-LAG Palästinasolidarität über BDS. Anlass war deren Parteitagsantrag A19, der unter anderem die „Entkriminalisierung“ von BDS und PACBI forderte.
Der antiisraelische Eifer reicht inzwischen bis nach Osnabrück, wo die Berliner Palästina-LAG gegen die von IG Metall und Betriebsrat unterstützten Anschlusspläne für das VW-Werk mobilmacht.
Eralp will Regierungsfähigkeit verkaufen. Die Genossen liefern die Warnhinweise gleich mit.

Die SPD schweigt sich koalitionsfähig
Auch der mögliche Koalitionspartner SPD hat Erklärungsbedarf. In den Reaktionen von CDU, FDP, SPD und Grünen auf die Affäre hatte die SPD vorgeführt, wie man Antisemitimus beklagt und sich trotzdem eine gemeinsame Regierung offenhält. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach verlangt Konsequenzen aus dem Antisemitismusstreit. Welche genau, wollten wir durch zehn Fragen an Krach erfahren – zu Koalitionsbedingungen und zur Verbindlichkeit seiner roten Linien. Als wir am 9. September 2026 darüber berichteten, lagen trotz Erinnerung weder Antworten noch eine Eingangsbestätigung vor. Rote Linien sind offenbar leichter zu verkünden als zu erklären.
Der in „Gemeinsam. Gegeneinander.“ beschriebene Widerspruch wird konkreter.
Eralp wirbt um Vertrauen für eine künftige Regierung. Teile ihrer politischen Basis streiten schon darüber, wie man diese Regierung verhindert.
Praktisch für die CDU Berlin: Die kann sich einen Teil der Oppositionsarbeit offenbar komplett sparen. Die Genossen erledigen ihn schon vor der Wahl.
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