
Vor der Berlin-Wahl streitet die Linke über Antisemitismus. Ihre Palästina-LAG bewirbt derweil ein Podium mit Hannah Bruns und dem EU-sanktionierten Journalisten Hüseyin Doğru, dessen Sanktionierung durch die EU Sevim Dağdelen (BSW) auf dem BSW-„Festival der Meinungsfreiheit“ öffentlich kritisierte.
Die Berliner Linke hat offenbar richtig Spaß am Wahlkampf 2026: Die Selbstdemontage hat jetzt sogar ein Freizeitprogramm.
Sommercamp mit Zündstoff
Für den 12. September 2026, 18 bis 19.30 Uhr, stehen Bruns, Doğru und Nora Ragab von Palästina Spricht und dem Palestinian Feminist Archive als Teilnehmer der Podiumsdiskussion im Programm des Summer Camps von The Left Berlin. Im Programm wird Hannah Bruns für die BAG Palästinasolidarität der Linken angekündigt. Veranstaltungsort ist das Naturfreundehaus Hermsdorf in Berlin. Der Termin liegt acht Tage vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September 2026.
Das zweitägige Camp versteht sich als Vernetzungstreffen internationaler Aktivisten. Neben Wohnen, Arbeitskämpfen und dem Kampf gegen rechts geht es ausdrücklich darum, die Palästina-Bewegung zu mobilisieren. Ein Workshop bezeichnet den Strafprozess gegen die „Ulm5“ bereits als „show“ trial, also Schauprozess. Kritisch diskutiert wird offenbar erst, nachdem die Bewertung feststeht. Das Podium ist Teil dieser Organisierung und soll über die nächsten Schritte der Bewegung beraten.
Das Bindeglied zur Berliner Partei ist die LAG Palästinasolidarität: Ihr Account lag.palisoli.linke.berlin ist neben berlinleft und revolutionaryberlin als Mitautor des Instagram-Beitrags vom 5. September 2026 ausgewiesen. Dessen Begleittext bewirbt das Podium mit allen drei Namen. Eine Landesarbeitsgemeinschaft der Linken beteiligt sich also an der Werbung für diesen Auftritt.

Tel Aviv im Gepäck
Über Hanna Bruns, haben wir am 4. September 2026 ausführlich berichtet. Bei einer Demonstration am 30. August 2025 sagte sie laut der Videodokumentation des JFDA: „Die Befreiung Palästinas endet dann, wenn Tel Aviv wieder in der Hand von Palästina liegt!“ Tel Aviv liegt innerhalb des israelischen Kernlandes. Wer seine Überführung in palästinensische Hand zum Befreiungsziel erklärt, stellt die Existenz Israels zur Disposition.
Der Tagesspiegel berichtete am 1. September 2026 über einen Entwurf für einen Parteiausschlussantrag gegen Bruns. Dem Vernehmen nach, so die Zeitung, hatte sich niemand gefunden, der ihn einbringen wollte. Für den Antrag fehlte demnach ein Antragsteller. Fürs Podium steht ihr Name längst im Programm.
Dazu passt unser Beitrag vom 6. September 2026: „Terror braucht Kontext, Intifada bekommt Herzchen“. Er dokumentiert unter anderem eine gemeinsame Erklärung vom 7. April 2026, an der die Berliner LAG beteiligt war: „ANTIFA ist antizionistisch“. Die neue Camp-Werbung zeigt, wie praktisch diese Selbstbeschreibung werden kann: Bruns bekommt die Bühne, die LAG liefert Reichweite.
Die einen verlangen Konsequenzen, die anderen erklären Solidarität
Wie offen der Konflikt in der Partei ausgetragen wird, zeigen die Reaktionen auf den vorangegangenen Dahabflex-Auftritt in Neukölln. Spitzenkandidatin Elif Eralp erklärte am 31. August 2026 gegenüber dpa: „Aufrufe zur Gewalt und zur Tötung von Menschen sind absolut inakzeptabel“. Sie verlangte Konsequenzen. Landesvorsitzende Kerstin Wolter sei „stinksauer“, dokumentierte die LAG Shalom am 2. September. Shalom begrüßte die Distanzierungen, kritisierte aber deren Wiederholung ohne ausreichende Wirkung: „Unser Landesvorstand trägt für diese Entwicklung eine Mitverantwortung.“ Zugleich räumte die LAG begrenzte Sanktionsmöglichkeiten und hohe Hürden für Parteiausschlüsse ein.
Die Palästina-LAG hatte dagegen am 1. September 2026 Dahabflex und der Linken Neukölln ihre „volle Solidarität“ erklärt und die Kritik als „ermüdende Medienkampagne“ bezeichnet. Diese Reaktionen gelten dem Neuköllner Eklat. Die Camp-Werbung zeigt nun, dass derselbe innerparteiliche Flügel seine öffentliche Unterstützung für umstrittene Auftritte fortsetzt. Für Eralp wird der Wahlkampf so zum Fortbildungskurs in Krisenkommunikation.

Wer neben Bruns auf dem Podium sitzt
Doğrus eigene Wortwahl ist aufschlussreich. Am 8. Oktober 2023 schrieb er auf X über einen brennenden Checkpoint bei Dschenin, die „Palestinian resistance operation Al-Aqsa Flood“ habe das Westjordanland erreicht. „Al-Aqsa Flood“ war der „Operationsname“ des Hamas-Überfalls vom Vortag. Am 13. Oktober 2023 schrieb er über Europas Ukraine-Solidarität, man habe „den Nazis in der Ukraine zugejubelt“ (Übersetzung). Seine Wortwahl verklärt die Hamas-Operation zum Widerstand und macht aus Ukraine-Solidarität Nazi-Begeisterung.


Der Rat der EU begründet seine Sanktionierung mit dessen Rolle für RED. RED unterhalte nach Darstellung des Rates „enge finanzielle und organisatorische Verbindungen zu Organisationen und Akteuren der Staatspropaganda in Russland“. Außerdem wirft der Rat RED vor, „systematisch falsche Informationen“ zu verbreiten.
Doğru und AFA Medya wehren sich dagegen vor dem EU-Gericht. Ihre Klage spricht von „vagen, unsubstantiierten Anschuldigungen“ und dem Versuch, „unabhängigen und kritischen Journalismus zum Schweigen zu bringen“. Die Sanktionen sind kein Strafurteil. Die politischen Vorwürfe des Rates verschwinden deshalb allerdings auch nicht hinter der Berufsbezeichnung Journalist.
Auch Nora Ragab bringt eine klare politische Position mit. Die Migrationsforscherin beteiligte sich im Februar 2024 an einer Strafanzeige gegen deutsche Regierungsmitglieder, darunter Olaf Scholz und Annalena Baerbock, wegen des Vorwurfs der Beihilfe zum Völkermord. In einem eigenen Essay vom selben Monat deutete sie Deutschlands Umgang mit palästinensischen Protesten als historische Unterdrückung und Verdrängung kollektiver Identität. Das erklärt ihre aktivistische Perspektive auf Deutschlands Israelpolitik. Die Strafanzeige belegt keinen Schuldspruch.

Besonders hübsch ist die Finanzierungserklärung der Veranstalter: Früher habe Die Linke das Camp bezahlt. Dann habe man wegen unvereinbarer Positionen zu Palästina den Bruch beschlossen: „we made the decision to break from Die Linke“. Jetzt werden andere Geldquellen gesucht.
The Left Berlin erklärt den Bruch mit der Partei; deren Berliner Palästina-LAG bewirbt trotzdem das Programm.
Politisch geschieden, bei Instagram noch in einer Beziehung.
Die politische Verantwortung der Berliner LAG lässt sich schon jetzt an ihrem Account ablesen:
Sie bewirbt Bruns’ nächsten Auftritt.
Vor der Wahl demontiert sich die Linke in Berlin damit weiter selbst.
Ihre Kritiker verlangen Abgrenzung, ihre Palästina-LAG wirft noch ein paar Scheite ins Feuer.
Die Berliner Linke: Chronik einer Selbstzerlegung
Die bisherigen Stationen unserer Berichterstattung, geordnet nach dem Erscheinungsdatum der Beiträge:
- Islamismus als Leerstelle – 27. Juli 2026
Die Linke Neukölln sprach nach dem CSD-Angriff über rechte und konservative Kräfte sowie antimuslimische Hetze. Islamismus benannte sie in dem dokumentierten Statement nicht. Der Beitrag kritisiert diese Leerstelle als Widerspruch zum Solidaritätsanspruch des Kreisverbands. - Dahabflex auf der Wahlkampfbühne – 31. August 2026
Die Linke Neukölln hatte den Rapper für ihr Wahlkampffest am 29. August angekündigt. Laut Tagesspiegel fielen dort „Yalla Yalla Intifada“ und „Death to the IDF“. Eralp verlangte anschließend Aufklärung und Konsequenzen. - Neukölln schließt die Reihen – 1. September 2026
Der Bezirksverband veröffentlichte nach Eralps Kritik ein Video mit der Botschaft, Neukölln stehe zusammen. Sprecherin Jorinde Schulz erklärte uneingeschränkte Unterstützung für den Songtitel „Stop the Genocide“. Die Palästina-LAG feierte das Fest als „vollen Erfolg“ und beklagte ein „mediales Zerrbild“. - Die Vorgeschichte im Nakba-Beitrag – 2. September 2026
Schon im Mai veröffentlichten der Kreisverband und zwei Kandidaten einen gemeinsamen Nakba-Beitrag. Vedi Emde erklärte eine demokratische Einstaatenlösung für legitim und stellte die Bedrohung von Israels Existenz infrage. - Hannah Bruns und Tel Aviv – 4. September 2026
Eine dokumentierte Rede von Hannah Bruns vom August 2025 rückte erneut in die Debatte. Sie erklärte die palästinensische Befreiung erst dann für vollendet, wenn Tel Aviv in palästinensischer Hand liege. Berichtet wurde außerdem über einen Entwurf für einen Ausschlussantrag; ein bereits eröffnetes Verfahren war damit nicht belegt. - Eralps Festnahmeversprechen und die Rechtskunde – 5. September 2026
Der Beitrag prüft Elif Eralps Begründung für eine mögliche Festnahme Netanjahus in Berlin. Er kritisiert die Vermischung zweier Gerichte sowie von Haftbefehl, Anklage und Schuldspruch. - Die Partei streitet öffentlich – 5. September 2026
Die LAG Shalom warf der Landesführung politische Mitverantwortung für die Entwicklung vor. Dahabflex beklagte im Interview die Distanzierungen von seinem Auftritt. Die Linksjugend Neukölln erklärte, Eralp spreche nicht für sie, und bekräftigte ihre Intifada-Parole. - Solidarität mit verbotenen Palästina-Verein – 6. September 2026
Die Berliner Palästina-LAG beteiligte sich an einer Erklärung gegen das Verbot des Frankfurter Vereins Palästina e.V. Hessens Innenministerium warf dem Verein unter anderem die Verherrlichung des Hamas-Terrors vor. Die Verfasser bestritten die Vorwürfe und beriefen sich auf eine Selbstauflösung, während das Ministerium von fortgesetzter Tätigkeit ausging. - Intifada-Parolen und digitale Rückendeckung – 6. September 2026
Jugendgruppen und die Palästina-LAG verbreiteten antizionistische Aufrufe. LAG und Berliner Landesjugend verteidigten Dahabflex’ IDF-Parole als nicht wörtlich gemeinte politische Polemik. Ein dokumentiertes Like zeigt zudem, wie das LAG-Konto einen fremden Ruf nach einer „Intifada nach Berlin“ unterstützte. - Die rote Linie auf Rollen – 7. September 2026
Die Berliner Palästina-LAG und die Linksjugend Südberlin veröffentlichten im August einen gemeinsamen Demoaufruf mit dem Vereinigten Palästinensischen Nationalkomitee. Unter dessen Dach arbeiten nach Angaben des Berliner Senats Anhänger von Hamas und PFLP zusammen. Belegt ist die Zusammenarbeit bei diesem Aufruf; eine Zustimmung des Landesvorstands dazu weist der Beitrag nicht nach.
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