
„Unser Journalistisches Selbstverständnis verpflichtet uns, die Standards für den Qualitätsjournalismus, die in Deutschland in verschiedenen Gesetzen und berufsständischen Kodizes sowie in unseren hausinternen arbeits- und honorarvertraglichen Bedingungen festgelegt sind, in unserer täglichen Arbeit zu achten.“ So steht es in der Broschüre „Journalistisches Selbstverständnis“ des Deutschlandfunks, in dem es von vertrauenserweckenden Worten nur so wimmelt: „Unabhängigkeit und Richtigkeit von Recherche, Berichterstattung und Kommentierung“, „Sorgfaltspflicht“, „Glaubwürdigkeit“, „Sicherung höchster journalistischer Qualitätsstandards“, „Faktenchecks und Plausibilitätskontrollen“. Und schließlich: „Wir arbeiten mit verschiedenen Sicherheits- und Kontrollmechanismen in redaktionellen Strukturen und Verfahren, um Plagiate, Irreführungen oder gar Fälschungen in unseren journalistischen Formaten zu verhindern.“ Hehre Wort und große Versprechungen. Wie sieht die Realität aus?
„Jedes Jahr vergiften sich weltweit schätzungsweise mehr als 400 Millionen Landwirte und Landarbeiter unbeabsichtigt mit Pestiziden“, meldet der Deutschlandfunk am 3.9.2026. „Zu diesem Schluss kommen Forschende im Fachmagazin Frontiers in Public Health, nachdem sie unter anderem Daten von der Weltgesundheitsorganisation ausgewertet haben.“
Unterschlagen hat der DLF in seiner alarmistischen Meldung, dass die „Forschenden“ nicht etwa einer Universität oder staatlichen Forschungseinrichtung angehören, sondern der Anti-Pestizid-Organisation PAN. Das springt schon ins Auge, wenn man das Link im DLF-Beitrag klickt: In der Autorenzeile steht als affiliation: PAN Germany, PAN Asia Pacific, PAN North America. Es wäre seriöser Journalismus gewesen, die Meldung wie folgt zu formulieren: „Zu diesem Schluss kommen Autorinnen und Autoren des Pestizid Aktions-Netzwerks PAN im…“.

Intransparent ist aber nicht nur, dass der Sender die Funktion aller vier Autorinnen und Autoren als „Experten“ der Aktivisten-Organisation verschweigt. Unterschlagen wird auch, dass dieselben PAN-Autoren 2020 eine sehr ähnliche Schätzung vorgelegt hatten, die nach methodischer Kritik von den Herausgebern der Zeitschrift zurückgezogen wurde. Selbst wer diese Vorgeschichte nicht erinnert, kann sie nicht übersehen: Sie wird in der neuen Veröffentlichung ausdrücklich erwähnt. Die Hörer des DLF erfahren sie nicht.
Den Hörern wird ebenfalls verschwiegen, dass die neue Arbeit eine Neuauflage und Verteidigung dieser Linie ist und sich auf die gleiche Datenbasis stützt, die schon die erste Publikation entwertete. Daten aus Registern, die im wesentlichen (zu ca. 85 Prozent!) auf Selbstbeobachtungen beruhen oder Hochrechnungen von besonders belasteten Regionen auf ganze Staaten oder Weltregionen gewinnen nicht an Solidität, wenn man Daten aus weiteren Jahrgängen hinzufügt. Seriöser Journalismus würde prüfen, ob die Autoren bei der Neuauflage ihrer Publikation auf die Kritik an ihrer ersten Fassung eingegangen sind oder er würde die Problematik zumindest erwähnen. Diese Einordnung findet aber nicht statt – ein weiteres Versäumnis und ebenfalls ein Verstoß gegen elementare journalistische Standards.
Stattdessen verleiht der DLF der Studie zusätzlich Seriosität, indem er schreibt, die „Forschenden“ hätten „unter anderem Daten von [sic!] der Weltgesundheitsorganisation ausgewertet“. Das klingt solide; tatsächlich aber haben diese Daten eine entscheidende Schwäche. Erstens sammelt die Datenbank der WHO Todesfälle, nicht Vergiftungsfälle. Zweitens kann die WHO-Datenbank wegen unklarer Definitionen und unterschiedlicher Standards der Länder, die melden (nicht alle tun das), nicht sauber zwischen unbeabsichtigten Todesfällen und absichtlichen Vergiftungen (Selbstmorde und Morde) unterscheiden. Hinzu kommt, dass bei der WHO auch Rattengift als „Pestizid“ gilt – ganz zu schweigen von gefälschten oder gänzlich selbst zusammengepanschten Pestiziden, die auf afrikanischen oder südasiatischen Märkten als vermeintliche „Pestizide“ verkauft werden. Es geht also nicht einmal unbedingt um Pflanzenschutzmittel, die in der Mortalitätsdatenbank auftauchen. Dass PAN dies alles in seiner Pressemitteilung verschweigt, um Pflanzenschutzmittel europäischer und US-amerikanischer Konzerne zu diskreditieren, ordnet der DLF ebenfalls nicht ein.
Last not least: Anders als seriöser Journalismus es tut, hat der Sender auch keine unabhängigen Experten befragt, also solche, die an der Veröffentlichung nicht beteiligt waren und die keiner Anti-Pestizid-NGO angehören. Das ist der Mindeststandard selbst bei Veröffentlichungen, die aus seriösen Zeitschriften stammen. Die jetzige Veröffentlichung stammt aus einem Open Access-Journal mit zweifelhaftem Ruf, denn es besitzt ein kollaboratives Review-System, das auf Schnelligkeit abstellt und bei dem die Reviewer nicht mit dem Herausgeber, sondern den Autoren selbst kommunizieren. Die PAN-Veröffentlichung wurde von zwei Akademikern aus dem Irak (Al Mustansiriya Universität in Baghdad) und Indien (Midnapore City College) begutachtet. Der DLF lässt auch hier jede Skepsis vermissen.
Stattdessen macht der Sender sich zum Schluss des Beitrags vollends zum Sprachrohr von PAN und übernimmt deren politische Forderung, wiederum ohne die Quelle zu nennen: „Die Forschenden fordern, dass jetzt sofort gehandelt werden muss. So sollte etwa eine UNO-Empfehlung zum schrittweisen Ausstieg von besonders gefährlichen Pestiziden umgesetzt werden. Landwirte müssten Zugang zu sicheren Alternativen haben.“
Was der Deutschlandfunk hier abgeliefert hat, hat mit Journalismus nichts mehr zu tun. Der Bericht ist in höchstem Maße unseriös und manipulativ. Es ist Desinformation, die um so schwerer wiegt, als der Sender als öffentlich-rechtlicher Sender zu ausgewogener Information verpflichtet ist. Stattdessen macht die Nachrichtenredaktion sich zum Sprachrohr von Aktivisten. Seinen selbstgestellten Qualitätsstandards entspricht der Sender mit solcher Berichterstattung in keiner Weise.
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