
Nach dem mutmaßlich russischen Anschlagsversuch am Flughafen Leipzig/Halle kündigt die Bundesregierung den Vertrag über das Russische Haus in Berlin. Sevim Dağdelen ruft zur Rettung der „Kulturbrücke“ auf und raunt von einer möglichen Neuauflage der NATO-„Strategie der Spannung“. Auch AfD und Linke kritisieren die Reaktion. Ein Überblick über eine Debatte, in der sehr viel von Frieden die Rede ist – und auffallend wenig über den Anlass.
Eine mit Sprengstoff bestückte Drohne wird am Flughafen Leipzig/Halle entdeckt, im Umfeld ukrainischer Frachtflugzeuge. Nach Auswertung polizeilicher Ermittlungen und nachrichtendienstlicher Erkenntnisse macht die Bundesregierung Russland für den versuchten Anschlag verantwortlich. Die Konfiguration der Drohne, der Sprengstoff und die Zündtechnik entsprächen bekannten Mustern russischer Sabotageoperationen, erklärte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt. Die Täter seien noch nicht gefasst; die zugrunde liegenden Geheimdiensterkenntnisse sind naturgemäß nicht vollständig öffentlich.
Das ist die nüchterne Einschränkung, die in einem Rechtsstaat dazugehört: Die Bundesregierung hat den Angriff Russland offiziell zugeschrieben. Das ist eine politische und geheimdienstlich gestützte Attribution, kein rechtskräftiges Strafurteil gegen festgenommene Täter.
Die Antwort Berlins ist trotzdem nicht besonders rätselhaft. Das russische Generalkonsulat in Bonn soll schließen, der Botschafter wurde einbestellt, weitere Sanktionen sollen folgen – und der Vertrag über das Russische Haus in Berlin wird gekündigt. Außenminister Johann Wadephul (CDU) ordnet den Vorfall in eine Serie russischer Versuche der Destabilisierung, Desinformation, Bedrohung und Sabotage ein.
Der russische Außenminister hat, als Gegenreaktion, die Schließung des Goethe-Inistituts in Russland angekündigt. Betroffen sind der Hauptsitz in Moskau und zwei Kultureinrichtungen in Sankt Petersburg und Jekaterinburg.
Kein harmloser Kulturverein
Schon die Bezeichnung „Russisches Haus“ klingt nach Teestube, Sprachkurs und einem gelegentlichen Pasternak-Abend, an dem man „Doktor Schiwago“ schaut und die Außenpolitik vor der Tür bleibt. Genau dieses Bild stellen seine Verteidiger nun in den Vordergrund. Es ist nicht völlig falsch. Im Haus gibt es Filme, Sprachklubs, Ausstellungen und Kinderprogramme. Es ist nur unvollständig.
Nach Artikel 4 des deutsch-russischen Regierungsabkommens von 2011 wird die Tätigkeit des Russischen Hauses durch Rossotrudnitschestwo sichergestellt – eine dem russischen Außenministerium unterstellte Bundesbehörde. Sie wurde 2008 durch einen Erlass des damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew geschaffen. Der langjährige politische Weggefährte Wladimir Putins hat sich seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine als einer der aggressivsten Scharfmacher des Regimes profiliert.
Bereits 2022 schrieb Stefan Laurin über Medwedews Vorstellung, der Zusammenbruch der Ukraine könne den Weg für ein „offenes Eurasien von Lissabon bis Wladiwostok“ freimachen: Es wäre das größte Lager der Welt – „eine monströse Vision“. Vier Jahre später gibt es an dieser Bewertung nichts zu korrigieren. Politische Einflussnahme über Einrichtungen wie das Russische Haus ist – um einen alten Begriff kommunistischer Staatssicherheitsdienste gegen seine Urheber zu wenden – politisch-ideologische Diversion und eines der Werkzeuge, mit denen der Kreml den Westen zu schwächen versucht.
Der Rat der Europäischen Union setzte die Behörde bereits im Juli 2022 auf die Sanktionsliste. In der amtlichen Begründung bezeichnet die EU sie als zentrale staatliche Agentur zur Projektion russischer „Soft Power“ und hybrider Einflussnahme, die Kreml-Narrative verbreite und den russischen Staat materiell unterstütze.
Das ist keine Vermutung dieses Textes und auch kein Geheimdienstgerücht, sondern die öffentlich nachlesbare rechtliche Bewertung, auf deren Grundlage die EU die Agentur sanktioniert hat. Kultur und staatliche Einflussarbeit schließen einander ohnehin nicht aus. Im Gegenteil: Kulturpolitik ist gerade dann wirksam, wenn sie nicht wie ein Lagebericht des FSB aussieht.
Hinzu kommt ein bislang nicht abschließend geklärter Spionageverdacht. Nach Recherchen von WDR und anderen Medien bewertete das französische Innenministerium das Haus als Tarnstruktur russischer Nachrichtendienste. Das ist eine Bewertung französischer Behörden, kein gerichtsfest bewiesener Befund über jede Veranstaltung, jeden Beschäftigten oder jeden Besucher des Hauses. Wer daraus eine erwiesene Spionagezentrale macht, behauptet mehr, als bislang belegt ist. Wer das Haus dagegen zu einem unpolitischen Hort der Völkerverständigung verniedlicht, behauptet weniger, als amtlich dokumentiert ist.
Sevim Dağdelen entdeckt die Friedensparty
Am deutlichsten zeigt Sevim Dağdelen, Mitglied des BSW-Bundesvorstands, wie aus einer staatlichen Gegenmaßnahme eine Kriegsvorbereitung und aus einer russischen Bundesagentur eine schutzbedürftige Kulturbrücke wird. Für Freitag, den 4. September 2062, ruft sie zu einer Kundgebung vor dem Russischen Haus auf. In dem Facebook-Beitrag fordert sie, „gemeinsam ein Zeichen gegen die Eskalation und Vorbereitung eines Krieges“ zu setzen. „Wir wollen keinen Krieg mit Russland! Kultureller Austausch ist wichtig, das Russische Haus muss bleiben“, schreibt sie. Am folgenden Abend soll ein „Deutsch-Russisches Friedensfest“ mit Musik und Speisen stattfinden.

Das ist keine private Marotte einer einzelnen Funktionärin. Der Berliner BSW-Verband führt die Kundgebung als eigenen Termin; als Redner sind neben Dağdelen unter anderem der Berliner BSW-Vorsitzende Alexander King und der Landesvorsitzende Sven Pritsch angekündigt. King bezeichnet die Debatte im BSW-Parteimagazin als „moralische Mobilmachung“. Die Bestrebungen, das Haus zu schließen, seien „Aufrüstung und Kriegsvorbereitung“. So schnell wird aus der Kündigung eines Staatsvertrags ein Schritt in den Krieg – jedenfalls rhetorisch.
BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht liefert den passenden Maßstab dazu. „Selbst wenn Russland dahinter stehen sollte“, sei eine Drohne, „die keinerlei Schaden angerichtet hat“, kein Grund für eine „brandgefährliche Eskalation“, schreibt sie auf X (Ruhrbarone: Bei Wagenknecht wird aus Sprengstoff Spielzeug – und aus Verdächtigen die Ukraine).
Im selben Beitrag zieht Wagenknecht die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines als Vergleich heran und behauptet schließlich, Merz führe Deutschland immer näher an einen Krieg mit Russland. Dass der Sprengsatz nicht detonierte, erscheint in dieser Darstellung beinahe als mildernder Umstand für den mutmaßlichen Auftraggeber. Als Argument gegen staatliche Reaktionen auf einen fehlgeschlagenen Anschlag hat diese Logik ihren eigenen Reiz: Er hat ja niemanden getroffen.

Die Dramaturgie ist bemerkenswert. Russland führt seit mehr als vier Jahren einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Bundesregierung schreibt russischen staatlichen Stellen nun einen versuchten Anschlag mit einer Sprengstoffdrohne auf deutschem Boden zu.
Dağdelens politische Pointe lautet nicht: Sollte sich das bestätigen, wäre es ein ungeheuerlicher Angriff.
Ihre Pointe lautet: Wer darauf reagiert, bereitet den Krieg vor.
Damit nicht genug. In einem Beitrag auf X vom 2. September 2026 spricht Dağdelen von einer Zuschreibung „ohne Belege“, verweist auf frühere Fehlalarme und auf Nord Stream. Danach erinnert sie an die NATO-„Strategie der Spannung“ aus der Zeit des Kalten Krieges, bei der rechtsextreme Anschläge Linken zugeschoben worden seien. Es müsse alles getan werden, schreibt Dağdelen, damit es keine „Neuauflage“ dieser Strategie gebe.
Offenbar spielt sie damit auf den Gladio-Komplex an. Ein häufig genanntes Beispiel ist der Bombenanschlag auf der Mailänder Piazza Fontana von 1969: Die Ermittlungen richteten sich zunächst gegen Anarchisten, später wurden Neofaschisten aus dem Umfeld von Ordine Nuovo beschuldigt. Eine Steuerung dieses konkreten Anschlags durch die NATO oder Gladio („Stay behind“) ist allerdings nicht gerichtlich bewiesen worden.
Dağdelen behauptet damit nicht ausdrücklich, der Leipziger Anschlagsversuch sei eine westliche Geheimdienstoperation. Sie stellt aber genau diesen historischen Deutungsrahmen in den Raum – ohne einen Beleg dafür zu liefern, dass er mit Leipzig etwas zu tun hat. Das ist die elegante Form des politischen Raunens: Man sagt nicht, dass es so war. Man erinnert nur sehr ausführlich daran, dass es einmal so ähnlich gewesen sein soll, und überlässt dem Publikum die gewünschte Schlussfolgerung.
Wer von der Bundesregierung Transparenz verlangt, hat damit einen legitimen Punkt. Geheimdienstliche Erkenntnisse können politische Maßnahmen rechtfertigen, ohne dass die Öffentlichkeit jede Quelle kennt; demokratische Kontrolle ersetzen sie aber nicht. Nur gilt dieser Maßstab auch für die eigenen Andeutungen. Ausgerechnet mit einer unbelegten NATO-Analogie gegen angeblich unbelegte Vorwürfe anzutreten, ist kein Triumph kritischen Denkens. Es ist die Produktion von Nebel unter dem Banner der Aufklärung.
Die AfD zieht Nord Stream aus der Tasche
Auch die AfD-Bundestagsfraktion kritisiert die Maßnahmen. Ihr außenpolitischer Sprecher Markus Frohnmaier erklärt, die Bundesregierung erwarte Vertrauen in eine Zuschreibung, die sie weder der Öffentlichkeit noch dem Parlament nachvollziehbar dargelegt habe. Zugleich zieht er den Vergleich zu Nord Stream und wirft Berlin „Außenpolitik mit zweierlei Maß“ vor. Die Maßnahmen seien Eskalation, keine konsistente Sicherheitspolitik. So steht es in der Mitteilung der AfD-Fraktion vom 2. September 2026.
Der Transparenzeinwand ist auch hier nicht illegitim. Der Rest ist die inzwischen eingeübte politische Taschenlampe: Sobald Russland wegen eines konkreten Vorgangs im Licht steht, wird sofort nach Nord Stream geleuchtet. Das ungelöste oder anders gelagerte Verbrechen soll die Reaktion auf den aktuellen Fall entwerten. Auf die Frage, wie Deutschland auf einen nach Erkenntnissen seiner Sicherheitsbehörden russisch gesteuerten Anschlagsversuch reagieren sollte, gibt der Vergleich allerdings keine Antwort. Er wechselt nur das Thema mit großer Entschlossenheit.
Das stärkste Argument der Linken – und seine Grenze
Die Kritik der Linkspartei ist weniger verschwörungsselig und deshalb ernsthafter. Maren Kaminski, Sprecherin für auswärtige Kulturpolitik, warnte im Deutschlandfunk vor einer möglichen russischen Schließung des Goethe-Instituts. Die jetzt, Stunden nach der Warnung, von russischer Seite angekündigt wurde. Damit gehe ein wichtiger Kanal verloren; für den weiteren Kulturaustausch sei die Kündigung nicht der richtige Weg.
Diese Sorge hat eine reale vertragliche Grundlage. Artikel 1 des Abkommens von 2011 erfasst ausdrücklich das Russische Haus in Berlin sowie die Goethe-Institute in Moskau, Sankt Petersburg und Nowosibirsk. Russlands Außenminister Sergej Lawrow kündigte nun allerdings die Schließung deutscher Kultureinrichtungen in Moskau, Sankt Petersburg und Jekaterinburg an, wie die WELT berichtet. Weshalb dabei Jekaterinburg an die Stelle des im Abkommen genannten Standorts Nowosibirsk tritt und welche Einrichtungen die Ankündigung genau erfasst, war zum Zeitpunkt der Entstehung dieses Beitrags nicht festzustellen.
Die Kündigung des Abkommens führt allerdings nicht zu einer sofortigen Räumung des Russischen Hauses. Nach Artikel 12 läuft die gegenwärtige fünfjährige Vertragsperiode noch bis Juni 2027; Fragen zu Grundstücken und Gebäuden werden laut Artikel 1 zudem durch ein gesondertes Abkommen geregelt.
Von einer Räumung über Nacht kann daher keine Rede sein.
Ebenso wenig sind Goethe-Institut und Rossotrudnitschestwo institutionell dasselbe.
Zwei Demonstrationen und eine fehlende Hauptfigur
Am Freitag stehen sich vor dem Russischen Haus zwei Kundgebungen gegenüber. Die eine läuft unter „Brücken statt Mauern“ und will das Haus sowie die Goethe-Institute erhalten. Die andere heißt „Kein Kreml in Berlin!“. Beide Versammlungen sind in der öffentlichen Liste der Berliner Polizei angekündigt; die Bezeichnungen geben die Themen der jeweiligen Veranstalter wieder.
Man kann über die Verhältnismäßigkeit der Kündigung streiten. Man kann mehr Transparenz über die Erkenntnisse zum Leipziger Anschlagsversuch verlangen. Man kann den möglichen Verlust des Goethe-Instituts in Russland für einen schweren kulturpolitischen Schaden halten. All das ist vernünftig.
Unvernünftig wird es dort, wo in der Erzählung ausgerechnet Russland verschwindet: das Russland, das die Ukraine überfallen hat; das Russland, dessen Bundesagentur das Haus betreibt; das Russland, dem die Bundesregierung den versuchten Anschlag in Leipzig zuschreibt.
Bei Dağdelen bleibt davon vor allem eine Bundesregierung übrig, die angeblich den Krieg vorbereitet, sowie eine NATO-Geschichte aus den achtziger Jahren.
Bei der AfD landet man zuverlässig bei Nord Stream. Bei der Linken bleibt wenigstens ein konkretes kulturpolitisches Risiko.
Brücken sind wertvoll. Nur sollte man gelegentlich nachsehen, wer darüber fährt – und ob er einen Sprengsatz im Gepäck hat.
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Lohnt es sich überhaupt noch, sich mit dem BSW mehr als nötig zu befassen?
Es entzaubert sich mehr und mehr selbst; liegt in Berlin bei 3 bis 4 Prozent und wenn es bei der Berlinwahl nicht in den Landtag kommt, werden sich die Wähler bald eine andere Partei suchen.
Das BSW wird immer unwichtiger; auch wegen der gebrochenen Wahlversprechen in Brandenburg und Thüringen.
🙂 Diese Frage habe ich mir vorgestern Abend selbst gestellt, als ich den Beitrag ‚Sevim Dağdelen holt Gleiwitz aus der Mottenkiste‘ vorbereitet habe. Bis zur Wahl in Sachsen-Anhalt thematisiere ich das Bündnis noch, wenn es wieder verschwörungstheoretischen Unsinn oder russische Propaganda veröffentlicht. Gut möglich, dass sich das Thema BSW danach erledigt hat.