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Anne Teresa Keersmaeker und Solal Mariotte begeisterten bei der Ruhrtriennale mit ihrem Programm „Brel“.
Die Suche nach dem „unerreichbaren Stern“, den Jacques Brel als Don Quijote besingt, steht als Sinnbild für die Kunst, die rebellische, träumerische, ja närrische Kunst, wie er sie uns schenkte, und mag Anne Teresa Keersmaeker, die große Tänzerin, umtreiben wie einst ihn, den großen Sänger, Textdichter und Komponisten, der in den 1960er Jahren die Konzerthäuser der Welt füllte. Wie sehr die belgische Ausnahmechoreographin brennt für ihre Kunst, demonstriert sie aufs Neue in dem Stück „Brel“, das jetzt seine Deutschlandpremiere in der Gießhalle des Landschaftsparks Nord in Duisburg erlebte.
Der Titel „Brel“ zielt über den Familiennamen hinaus auf das Ureigene, Unverwechselbare dieses Künstlers, dessen Themen im Laufe des Abends aufklangen, sorgsam chronologisch geordnet, seinen Stationen – Brüssel, Paris und die polynesische Insel Hiva Oa – folgend. In diese musikalische, mit Videofilmen aus dem Brel-Archiv ergänzte Lebensreise flicht Keersmaeker gewohnt minimalistisch ihre gestisch-tänzerischen Erzählungen um die Tanzkunst als Arbeit, um das Alter, um den Tod.

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Sie tritt in einem schlabbrigen grauen Anzug auf die leere Bühne und spricht direkt an der Rampe ins Mikrofon. Das Chanson „Le diable“ erklingt, und gleichzeitig blinkt grell im Hintergrund in Riesenlettern daraus das „Ça va“: Es reicht! Der Teufel muss uns nicht holen, denn die Menschen machen sich ihre Hölle selbst. Nur ein Beispiel für Brels gesellschaftskritischen Liedtexte. Ein kurzes Schrittspiel zwischen Lichtkegel und Bühnendunkel erinnert an Brels leidenschaftliche Auftritte vor großem Publikum. Später auf der erleuchteten Bühne scheint die Tänzerin ironisch zu kommentieren, was Brel singt: ein Schulterzucken, eine Grimasse, ein Fingerspiel genügen. Und in großen Kreisen schreitet sie den Bühnenraum ab. Des Künstlers Hassliebe zu seinem Heimatland, das von Geheimnisschleiern durchzogene Belgien mit seinem grauen Meer, schneidet eine Videoprojektion an, die Dokumentarmaterial von einer Flutkatastrophe zeigt. Menschen in Lebensnot. Menschen in ihrer Gleichgültigkeit prangert Brel im Chanson „Sur la place“ an. Das Gros seiner Lieder aber hat Brel der Liebe in vielerlei Farben gewidmet. Ja, was ist, wenn man nur die Liebe hat? Sie beflügelte sicher auch die vertikale Tanzvirtuosin Keersmaeker und den horizontal vom Breakdance geprägten Jungstar Mariotte zu ihrem Duo-Projekt „Brel“.
Die Bühne gehört dem Stimmkörper Jacques Brels und dem Tanzkörper der Keersmaeker bis sie zur Seite geht und Solal Mariotte in Erscheinung tritt. Überschwänglich in seinen Arm- und Beinbewegungen, energiegeladen, wie von einem inneren Rhythmus getrieben, tanzt er so intensiv wie ein ´Boxer boxt, dabei anmutig und von einer seltenen fließenden Leichtigkeit.
Die Pas de deux der beiden Tänzer im Auseinanderdriften ihrer Körper und deren kreisende Fingerspitzen-Annäherung sind so atemberaubend schön wie jener Klang, der am Ende sich in ihr Spiel mischt, und den man als hoffnungsvollen Kommentar zu Tradition und Nachfolge lesen möchte. Auf dass wir uns alle einreihen in „La valse à mille temps“ und uns drehen, drehen, drehen . . .
Irmgard Bernrieder
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