Die Linke Berlin: Elif Eralp entdeckt die Müllabfuhr

Elif Eralp bei einer Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses
Elif Eralp bei einer Sitzung des Berliner Abgeordnetenhauses. Foto: Sandro Halank / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 (Hintergrund seitlich KI-gestützt erweitert; Format angepasst)

Elif Eralp will Berlin verändern. Zum Auftakt verspricht die Spitzenkandidatin der Linken unter anderem einen kostenlosen Sperrmülltag.

Die Berliner Stadtreinigung dürfte erleichtert sein: Was sie längst anbietet, hat jetzt auch eine Bürgermeisterkandidatin entdeckt. Beim politischen Hintergrund ihrer Gesprächspartnerinnen wäre dieser Entdeckerdrang ebenfalls angebracht. Am besten vor dem gemeinsamen Wahlkampfvideo.

Die Revolution kommt zum Kieztag

Seit dem Konzert von Dahabflex beobachte ich die Linkspartei in Berlin mit wachsender Begeisterung. Ein unerschöpflicher Quell politischer Realsatire – und alle Beteiligten halten es für Regierungsfähigkeit:

Am 14. September 2026 wurde Eralps Fünf-Punkte-Plan bekannt. Nach dem Bericht des ARD-Hauptstadtstudios, dem das Papier vorliegt, gehören dazu ein Mietendeckel für landeseigene Wohnungen, eine Taskforce gegen Mietwucher, ein kostenloser Sperrmülltag, Gespräche in den Stadtteilen und ein jährlicher Neujahrsempfang für Wohnungslose.

Beim Sperrmüll lohnt sich vor dem politischen Aufbruch ein Blick auf den Abfuhrkalender. Die BSR und die Bezirke bieten bereits kostenlose Kieztage an. Alte Möbel und Elektrogeräte können dort wohnortnah abgegeben werden. Am 15. Mai 2025 feierte die BSR das zweijährige Bestehen des Angebots.

Bis dahin bleibt der Fortschritt überschaubar: Die alte Streckbank und der ausgediente Beichtstuhl werden künftig mit einer größeren politischen Erzählung entsorgt.

Die Taskforce ist schon im Dienst

Auch bei der angekündigten Taskforce gegen Mietwucher muss niemand bei null anfangen. Das Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf berichtete am 19. August 2026 über seine Arbeitsgruppe „Gutes Wohnen“. Sie arbeitet seit Mai 2026, verfügt über sechs Fachkräfte und juristische Unterstützung. Damals liefen 34 Verfahren.

Eine solche Arbeit auf ganz Berlin auszuweiten und besser auszustatten, könnte sinnvoll sein. Dafür müsste Eralp erklären, welches Personal, welche Zuständigkeiten und welche zusätzlichen Möglichkeiten sie vorsieht. Ein neues Schild an der Bürotür erledigt noch keine einzige Mietprüfung.

Der Mietendeckel für landeseigene Wohnungen wäre dagegen eine politische Änderung. Ihn sollte man an seiner Ausgestaltung und seinen Folgen messen. Schon der Senat begründete Mieterhöhungen am 25. September 2023 mit dem Geldbedarf für Instandhaltung und Sanierung. Fehlt dafür ohne Gegenfinanzierung das Geld, dürfen die Mieter eben den Verfall zum sozial gerechten Preis genießen. Dass sich in diesem Plan Bekanntes findet, macht nicht automatisch jeden Punkt überflüssig.

Für einen Abend eine gute Adresse

Bürgergespräche gehören ebenfalls zum angekündigten Aufbruch. Einer Bürgermeisterin beim Zuhören zuzusehen, ist erfreulich. Als Sofortprogramm wirkt es ein wenig, als würde ein Busfahrer vor seinem Dienstantritt versprechen, gelegentlich am Lenkrad zu drehen.

Bleibt der Neujahrsempfang für Wohnungslose. Menschen einzuladen, die sonst übergangen werden, ist anständig. Eine Einladung ersetzt allerdings keine Wohnung. Für einen Abend wäre immerhin die Adresse im Roten Rathaus gesichert.

Wer fünf Vorhaben zum Beleg eines politischen Neubeginns macht, sollte schon erklären, was sich dadurch konkret verbessert. Beim Sperrmüll fehlt diese Auskunft bislang. Vielleicht bekommt die BSR zur nächsten Pressekonferenz wenigstens eine Einladung. Als Zeitzeugin der Revolution, die sie seit 2023 erledigt.

Noch eine Entdeckung

Auch abseits der Müllabfuhr gibt es für Eralp etwas zu entdecken: den politischen Hintergrund ihrer Partnerinnen vor der Kamera. Am 14. September 2026 veröffentlichte sie gemeinsam mit Daniela Sepehri ein Wahlkampfvideo.

Daniela Sepehri wirbt im Begleittext dafür, Eralp zur Regierenden Bürgermeisterin zu machen. Die Kennzeichnung lautet: „Wahlwerbung von Herzen und unbezahlt“.

Der Tonfall des Videos ist eher gewöhnungsbedürftig.

Die demonstrative Lautstärke erinnert an Cansın Köktürks jüngsten Auftritt im Bundestag. Für eine Bewerbung um das Rote Rathaus wäre etwas mehr Coolness durchaus vorstellbar.

Interessanter als die Lautstärke ist allerdings, mit wem Eralp hier Wahlkampf macht. Sepehris politische Positionen sind öffentlich nachzulesen. In einem Watson-Interview vom 19. Juni 2025 erklärte sie: „Israel bekommt Waffen, obwohl dort ein Genozid passiert.“ Am 11. August 2025 warf sie auf Facebook der israelischen Armee vor, Journalisten gezielt ermordet zu haben. Deutschen Journalisten unterstellte sie, israelischer Propaganda Beifall zu klatschen und ihren Kollegen in den Rücken zu fallen.

Bei einem der Getöteten, im von ihr auf Facebook veröffentlichten Beitrag, handelt es sich um Anas al-Sharif. Bei ihm geht es um einen konkreten Vorwurf: In ihrer Erklärung zum Angriff vom 10. August 2025 bezeichnete die israelische Armee ihn als Leiter einer Hamas-Zelle, der Raketenangriffe vorangetrieben habe. Sie berief sich auf Personal-, Ausbildungs- und Gehaltsunterlagen. Al Jazeera bestreitet den Vorwurf. Die gezielte Tötung al-Sharifs hat Israel selbst bestätigt.

Beim ebenfalls getöteten Mohammed Qreiqeh nennt das israelische Meir-Amit-Institut frühere Tätigkeiten für die Hamas-Medien Al-Aqsa TV und Radio Al-Ra’i. Der Bericht verweist dafür auf biografische Angaben von Al Jazeera und ordnet Qreiqeh der Hamas zu.

Sepehris pauschales „ohne Beweise“ unterschlägt diese Auseinandersetzung um die israelischen Unterlagen.

Freiheit und fragwürdige Gesellschaft

Am 27. September 2025 veröffentlichte Sepehri ein Video ihrer Rede beim Berliner Demonstrationszug „Zusammen für Gaza“ zur Kundgebung „All Eyes on Gaza“. Nach ihren eigenen Angaben sprach sie auf dem Lautsprecherwagen der Berliner Linken. Im Begleittext heißt es: „Für die Palästinenser*innen, die versuchen, einen Genozid zu überleben.“ Dort fordert sie auch: „Free the Hostages. Free them all.

Die anschließende Kundgebung wurde laut Veranstalterseite von Amnesty International Deutschland, medico international, der Palästinensischen Gemeinde Deutschland und eye4palestine organisiert. Beim Demonstrationszug sprach auch Linken-Chefin Ines Schwerdtner. Die Amadeu Antonio Stiftung dokumentierte zudem die Teilnahme von DKP, MLPD und Handala Leipzig sowie Holocaustvergleiche und Terrorverherrlichung bei dieser Demonstration.

Zum politischen Umfeld gehörte auch Ibrahim Ibrahim, Vorsitzender der „Demokratischen Komitees Palästinas“. Nach Beobachtungen von democ sprach er von einem Wagen des Internationalistischen Bündnisses, der Teil desselben Aufzugs war. Später, am 5. April 2026, dokumentierte democ ihn als Redner bei einer Berliner Solidaritätsdemonstration mit der Islamischen Republik Iran. Dort wurden auch Propagandalieder gespielt, die die iranische Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ als Verrat diffamierten.

Sepehris Engagement gegen das iranische Regime ist glaubhaft. Im bereits erwähnten Watson-Interview forderte sie gezielte Sanktionen gegen dessen Eliten und einen Bruch mit dem Regime. Umso erklärungsbedürftiger und nicht wirklich nachzuvollziehen ist diese politische Gesellschaft: Sie demonstrierte in einem Zug, in dem auch ein Aktivist als Redner auftrat, der später bei einer Solidaritätskundgebung mit eben diesem Regime sprach. Das macht sie nicht zu dessen Unterstützerin. Es wirft aber die Frage auf, wie genau sie bei ihren Mitdemonstranten hinschaut.

Der gemeinsame Auftritt macht Sepehris Aussagen nicht automatisch zu Eralps Position. Er macht die Wahl der Wahlkampfpartnerin aber zu einer politischen Frage:

Wer das Rote Rathaus führen will, sollte den Hintergrund seiner Gesprächspartnerinnen vor dem Dreh entdecken. Dafür braucht es keine neue Taskforce. Lesen würde reichen.

Die eigenen Genossen helfen beim Stolpern

Ob Eralp überhaupt zum Regieren kommt, ist allerdings ungewiss. Teile der eigenen Partei und ihres Umfelds bekämpfen derweil ihre Distanzierung von Dahabflex und ihre Regierungspläne. Mehr dazu: Die Linke Berlin: Israelhass frisst den Wahlkampf.

Karikatur zu Elif Eralp, Stefan Evers und dem Wahlkampfstreit der Berliner Linken – zum Artikel Israelhass frisst den Wahlkampf
Genoss:innen rollen Elif Eralp den roten Teppich ein. (KI-generierte Karikatur: Ruhrbarone / OpenAI; Eralp-Vorlage: Ferran Cornellà / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; Evers-Vorlage: Tobias Koch / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0; Karikatur: CC BY-SA 4.0.)

Autorenseite: Peter Ansmann
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