Steckt in Michelangelos Adam in Wahrheit Odysseus?

Die Erschaffung Adams von Michelangelo Buonarroti Foto: gnuckx Lizenz: CC BY 2.0

Michelangelos „Erschaffung Adams“ gehört zu den berühmtesten Bildern der Kunstgeschichte. Doch was, wenn der Mann, der Gott die Hand entgegenstreckt, gar nicht Adam ist? Der italienische Physiker und Lehrer Enzo Bonacci vertritt eine ungewöhnliche These: Michelangelo könnte sich von Homers Odyssee und der Landschaft am Monte Circeo inspirieren lassen haben. Ein Gespräch über Physik, Kunst und die Gefahr, überall Muster zu erkennen. Von unserem Gastautor Francesco Giuliano.

Herr Bonacci, Sie stellen eine ziemlich gewagte These auf: Adam ist gar nicht Adam?

Enzo Bonacci: Zumindest lohnt es sich, diese Möglichkeit zu prüfen. Meine Hypothese lautet: Michelangelo könnte in der „Erschaffung Adams“ nicht nur die biblische Genesis verarbeitet haben, sondern Homers Odyssee. Die Figur links wäre dann Odysseus am Monte Circeo – verjüngt, ruhig und gestärkt durch den Zauber der Kirke.

Und Gott?

Das ist der vielleicht provokanteste Teil meiner Interpretation. Die Figur rechts könnte ebenfalls Odysseus darstellen – allerdings den älteren, vom Meer und seinen Kämpfen gezeichneten Mann. Michelangelo hätte dann zwei Zustände desselben Menschen gegenübergestellt: Jugend und Alter, Ruhe und Aufbruch, beinahe göttliches Glück und die Mühsal des Lebens.

Wie kommt ein Physiker auf eine solche Idee?

Die Geschichte beginnt 1990. Ich besuchte damals die Sixtinische Kapelle. Einige Monate später lag ich mit Freunden am Strand und sah hinter einer jungen Frau den Monte Circeo. Plötzlich erinnerte mich diese Silhouette an den Hintergrund hinter Adam. Ich habe den Gedanken jahrzehntelang nicht weiterverfolgt.

Enzo Bonacci Foto: Privat

Und dann kam er zurück?

Ja. Durch mehrere Wettbewerbe, bei denen es darum ging, Kunst und Naturwissenschaft miteinander zu verbinden. Ich fragte mich: Kann man eine kunsthistorische Vermutung mit Methoden untersuchen, die ein Physiker verwendet?

Was haben Sie gemacht?

Ich habe zunächst geprüft, ob eine Verbindung Michelangelos mit der Odysseus-Tradition im kulturellen Umfeld des 16. Jahrhunderts überhaupt plausibel wäre. Danach habe ich die Bilder digital verglichen. Die Silhouette des nordwestlichen Circeo und die Landschaft hinter Adam erreichten in meiner Analyse eine Übereinstimmung von 86 Prozent.

86 Prozent klingt beeindruckend. Ist das ein Beweis?

Nein. Und das ist mir wichtig. Eine hohe visuelle Übereinstimmung beweist nicht, dass Michelangelo tatsächlich den Circeo darstellen wollte. Sie macht die Hypothese interessant genug, um weiter darüber zu diskutieren.

Es gab schon andere spektakuläre Deutungen des Freskos.

Richtig. 1990 wurde die Form um Gott als Darstellung eines menschlichen Gehirns interpretiert. Später sahen Forscher darin anatomische Strukturen rund um eine Gebärmutter. Diese Ansätze konzentrieren sich vor allem auf die rechte Bildhälfte. Ich beginne links – bei Adam und seiner Landschaft.

Könnten Sie schlicht etwas sehen, das gar nicht da ist?

Natürlich. Das ist die entscheidende Gegenfrage. In der Wissenschaft muss eine Hypothese widerlegbar sein. Ich habe bei meiner Präsentation ausdrücklich auf Apophänie und Pareidolie hingewiesen: Menschen sind außerordentlich gut darin, Muster und Bedeutungen zu erkennen – manchmal eben auch dort, wo keine beabsichtigt waren.

Das klingt fast, als würden Sie Ihre eigene Theorie gleich wieder zerlegen.

Das gehört dazu. Eine interessante Idee wird nicht dadurch besser, dass man ihre Schwächen verschweigt. Vielleicht ist meine Interpretation falsch. Aber selbst dann kann der Versuch interessant sein, weil er zeigt, was passiert, wenn Physik, Kunstgeschichte und Literatur miteinander ins Gespräch kommen.

Warum gerade Odysseus?

Weil er eine der großen Figuren der europäischen Kultur ist. Er steht für Neugier, Erkenntnis, Versuchung und die Sehnsucht nach Heimat. Bei Kirke könnte er bleiben und ein beinahe paradiesisches Leben führen. Trotzdem bricht er irgendwann wieder auf. Genau diese Spannung erkenne ich in Michelangelos Bild: Bleiben oder gehen? Sicherheit oder Erkenntnis?

Dann wäre die berühmte Berührung der Finger plötzlich etwas ganz anderes.

Genau. Nicht nur der Augenblick, in dem Gott dem Menschen Leben gibt, sondern vielleicht auch ein Bild über den Menschen selbst: über Alter und Jugend, Entscheidung und Schicksal.

Und wenn eines Tages eindeutig bewiesen würde, dass Michelangelo tatsächlich nur Adam malen wollte?

Dann hätte ich damit kein Problem. Wissenschaft lebt nicht davon, recht behalten zu müssen. Sie lebt davon, Fragen zu stellen, Hypothesen zu prüfen und sie notfalls zu verwerfen.

Was sollen Betrachter künftig sehen, wenn sie in der Sixtinischen Kapelle nach oben schauen?

Am besten zunächst Michelangelo. Und dann vielleicht ein wenig länger hinschauen als vorher. Wenn jemand danach denkt: „Moment – was sehe ich hier eigentlich wirklich?“, hat meine Arbeit schon etwas erreicht.

Hintergrund: Der berühmteste Fingerzeig der Kunstgeschichte

Michelangelos „Erschaffung Adams“ entstand um 1511 und gehört zu den zentralen Fresken an der Decke der Sixtinischen Kapelle im Vatikan. Die Szene bezieht sich traditionell auf die biblische Schöpfungsgeschichte: Links liegt Adam auf der Erde, rechts nähert sich Gott, umgeben von Engeln. Die ausgestreckten Zeigefinger der beiden Figuren berühren sich beinahe – jener winzige Zwischenraum wurde zu einem der bekanntesten Motive der Kunstgeschichte. Seit Jahrzehnten beschäftigt das Fresko nicht nur Kunsthistoriker. Forscher haben in der Form des Tuches, das Gott und seine Begleiter umgibt, unter anderem die Konturen eines menschlichen Gehirns oder anatomische Strukturen erkannt. Der italienische Physiker Enzo Bonacci schlägt nun eine andere Lesart vor: Die Landschaft hinter Adam erinnere auffällig an den Monte Circeo südlich von Rom. Adam könnte demnach zugleich als Odysseus verstanden werden – jener Held Homers, der bei der Zauberin Kirke am Circeo Zuflucht findet. Bonacci betont selbst: Es ist eine Hypothese, kein kunsthistorischer Beweis.

Francesco Giuliano ist italienischer Autor und Publizist, der sich mit Naturwissenschaften, Literatur, Philosophie und Kultur beschäftigt. Er hat zahlreiche Bücher veröffentlicht, darunter Atomos. Elogio di un’idea rivoluzionaria, und schreibt unter anderem für „Scienze & Ricerche“ sowie news-24.it. Sein Leitgedanke ist die Einheit der menschlichen Kultur: Natur- und Geisteswissenschaften gehören für ihn untrennbar zusammen.

In der App öffnen Autorenseite: Gastautor
Diesen Artikel beobachten
Werbung

Dir gefällt vielleicht auch:

Abonnieren
Benachrichtigen bei
guest
0 Comments
Älteste
Neueste
0
Deine Meinung würde uns sehr interessieren. Bitte kommentiere.x