Ukraine und NATO: AfD-MdB Rothfuß erklärt Hackerbehauptung zum „Nachweis“

Facebook-Beitrag von Rainer Rothfuß mit der Behauptung, russische Hacker hätten eine NATO-Beteiligung an der Zielauswahl nachgewiesen
Rainer Rothfuß nennt die unbestätigte Meldung einen „Nachweis“ und verbindet sie mit dem zehnjährigen Jubiläum der Druschba-Friedensfahrt. (Foto: Screenshot Facebook)

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Rainer Rothfuß macht aus einer Behauptung russischer Hacker einen „Nachweis“ gegen die NATO. Nur: Die öffentlich auffindbare Quellenkette liefert keinen Beweis. Sie liefert nicht einmal einen überprüfbaren Hackerangriff.

Es gibt Meldungen, bei denen man erst einmal auf die Bremse tritt. Wer wurde gehackt? Wann? Wie? Welche Daten wurden erbeutet? Wer hat sie geprüft?

Der AfD-Bundestagsabgeordnete Rainer Rothfuß macht das Gegenteil. Auf Facebook schreibt das MdB der AfD: „HEUTE erreicht mich die Nachricht, dass russische Hacker den Nachweis erbracht haben, dass die NATO die Ukraine bei der Ziel-Definition in Russland unterstützt.

Nachweis. Nicht Hinweis. Nicht Verdacht. Nicht unbestätigte Meldung. Nachweis.

Das Problem ist nur: Diesen Nachweis zeigt er nicht.

Ein „Nachweis“ ohne Nachweis

Die Meldung, auf die sich Rothfuß offenbar bezieht, erschien am 7. August auf dem indischen Nachrichtenportal Firstpost. Schon dort liegen Überschrift und tatsächlicher Belegstatus weit auseinander.

Die Überschrift behauptet, die NATO habe der Ukraine Koordinaten für Angriffe auf Energieanlagen in den Regionen Leningrad und Kaliningrad gegeben. Die Unterzeile wird deutlich vorsichtiger: „Russian hackers claimed“ – russische Hacker hätten das behauptet.

Artikelüberschrift von Firstpost über die unbestätigte Behauptung russischer Hacker zu angeblich von der NATO übermittelten Zieldaten
Die Überschrift behauptet eine NATO-Beteiligung; die Unterzeile spricht nur von einer Behauptung russischer Hacker. (Foto: Screenshot Firstpost)

Firstpost beruft sich auf die russische Nachrichtenagentur TASS, verlinkt deren angeblichen Bericht aber nicht. Der Artikel nennt keine Hackergruppe. Er zeigt keine Dateien, keine E-Mails, keine Metadaten und keine technischen Befunde. Wir erfahren nicht einmal, welches Konto, welches Gerät oder welcher Server gehackt worden sein soll.

Das ist für eine Geschichte über einen angeblich bedeutenden Hackerangriff erstaunlich wenig Hackerangriff.

Die Erzählung geht so: Ein Mann namens Bart De Wachter, angeblich mit einem „Hybrid Analyze Vigilant Network“ und der NATO-Aufklärung verbunden, soll dem ukrainischen Geheimdienst SBU Koordinaten von Öl- und Gasterminals sowie Informationen über einen Gazprom-Tanker übermittelt haben. Doch der Bericht belegt weder die Identität des Mannes noch seine behauptete NATO-Funktion. Auch für das genannte Netzwerk und die angebliche Korrespondenz fand sich keine unabhängig zugängliche Primärquelle.

Vielleicht tauchen solche Belege noch auf. Bislang liegen sie öffentlich nicht vor. Man kann die Behauptung deshalb weder sicher bestätigen noch sicher widerlegen. Man kann aber sehr wohl feststellen, dass Rothfuß aus einer unbestätigten Geschichte einen bewiesenen Vorgang macht.

Selbst echte Nachrichten wären noch kein NATO-Beweis

Nehmen wir für einen Moment an, die behauptete Korrespondenz existiere und sei echt. Selbst dann wäre Rothfuß’ Schluss nicht belegt.

Die Koordinaten großer Energieanlagen sind nicht automatisch Geheimwissen. Entscheidend wäre, ob nicht öffentliche Zieldaten übermittelt wurden, wer den Auftrag dazu gab und ob die betreffende Person tatsächlich im Namen der NATO handelte. Ein Kontakt, eine Nachricht oder eine Beratung wäre noch keine institutionelle Zielauswahl durch das Bündnis.

Genau diese Unterschiede verschwinden bei Rothfuß. Die Quellenkette lautet: Nicht benannte russische Hacker behaupten etwas. TASS berichtet angeblich darüber. Firstpost übernimmt es mit mehrfacher Absicherung durch das Wort „allegedly“ – mutmaßlich. Rothfuß verkündet einen „Nachweis“.

So wird aus Hörensagen Gewissheit. Und aus der angeblichen Handlung eines Einzelnen wird eine Operation der NATO.

Die Hackergeschichte passt einfach zu gut

Rothfuß verbreitet die Behauptung nicht zufällig am Rand irgendeiner Nachricht. Er baut sie in eine Geschichte ein, die er seit Jahren erzählt.

Anlass seines Facebook-Beitrags ist der zehnte Jahrestag der Druschba-Friedensfahrt. Rothfuß behauptet, schon damals sei ein großer Krieg zwischen NATO und Russland „erkennbar geplant“ gewesen. Er dankt unter anderem Ken Jebsen und nennt einen alten Beitrag von Frontal 21 „Feindbildpropaganda“.

Die Hackergeschichte soll im Nachhinein bestätigen, was für Rothfuß ohnehin feststeht: Nicht der russische Angriffskrieg ist der Ausgangspunkt seiner Erzählung. Im Zentrum steht der Westen als angeblicher Planer und Lenker des großen Krieges.

Rothfuß ist kein beliebiger Facebook-Nutzer. Der Deutsche Bundestag führt ihn als AfD-Abgeordneten und „Geopolitik-Analysten“. Von jemandem mit diesem Anspruch darf man erwarten, dass er eine Behauptung von einem Beweis unterscheiden kann.

Druschba: politisch neutral, aber sehr organisiert

Auch die Druschba-Fahrt ist mehr als ein nostalgischer Reisehinweis. Ihre aktuellen Mitfahrbedingungen erklären die Reisen zwar für politisch neutral. Gleichzeitig sollen die Teilnehmer in Russland die Druschba-Shirts ständig tragen, Flyer und kleine Gastgeschenke verteilen.

Die Termine in den Städten werden laut eigener Darstellung lange im Voraus von russischen Ansprechpartnern organisiert. Diese stellen auch das Programm zusammen. Die Teilnehmer sollen sich überraschen lassen von dem, was man ihnen vor Ort zeigen will.

Ausschnitt der Druschba-Global-Mitfahrbedingungen zu Kleidung, Flyern und von russischen Ansprechpartnern organisierten Terminen
Die aktuellen Mitfahrbedingungen schreiben das ständige Tragen von Druschba-Shirts, das Verteilen von Flyern und ein von russischen Ansprechpartnern organisiertes Programm vor. (Foto: Screenshot Druschba-Global)

Das dokumentiert eine politisch inszenierte Reise mit enger organisatorischer Einbindung russischer Partner. Es beweist für sich genommen weder eine Steuerung durch den Kreml noch eine Finanzierung aus Russland. Auch hier gilt: Nähe ist ein belegbarer Befund. Kontrolle wäre eine weitergehende Behauptung, für die es weitere Belege bräuchte.

Rothfuß antwortet nicht

Wir haben Dr. Rainer Rothfuß am 7. August 2026 per E-Mail mit den offenen Fragen konfrontiert: Auf welche Hackergruppe, welches gehackte System, welche Originaldaten und welchen nachprüfbaren NATO-Auftrag stützt er seine Behauptung eines „Nachweises“?

MdB Rainer Rothfuß erhielt Gelegenheit, bis Montag, 10. August 2026, 13:00 Uhr Stellung zu nehmen. Bis zum Ablauf der Frist ging keine Antwort ein.

Die eigentliche Nachricht

Belegt ist nicht, dass russische Hacker einen NATO-gesteuerten Zielauswahlprozess aufgedeckt haben. Belegt ist bislang nicht einmal ein konkreter Hackerangriff.

Belegt ist auch nicht, dass die NATO der Ukraine die genannten Ziele vorgab.

Belegt ist etwas anderes: Ein AfD-Bundestagsabgeordneter nimmt eine unbestätigte russische Behauptung, erklärt sie zum „Nachweis“ und baut sie in seine Erzählung vom geplanten Krieg des Westens ein.

Wenn Rothfuß die Hackergruppe, das gehackte System, die Originaldaten und den angeblichen NATO-Auftrag benennen kann, kann man darüber reden. Bis dahin bleibt sein „Nachweis“ das, was er von Anfang an war: eine unbestätigte Behauptung.

Autorenseite: Peter Ansmann
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